Pfingstbewegung
Die Pfingstbewegung oder Pentecostalismus ist eine Strömung im Christentum, welche insbesondere das Wirken des Heiligen_Geistes betont. Sie ist im Hinblick auf das Wachstum die weltweit erfolgreichste Strömung des Christentums im 20. Jahrhundert.Dem Pentecostalismus verwandte Glaubensrichtungen existierten bereits im Europa und Amerika des 18. Jahrhunderts, etwa in Form der verschiedenen Erweckungsbewegungen oder der Inspirationsgemeinden. Das heutige Pfingstchristentum entstand Anfang des 20. Jahrhunderts, die charismatische Bewegung Anfang der Sechzigerjahre des letzten Jahrhunderts.
Tochterbewegungen der Pfingstbewegung sind die Charismatische Bewegung, die Wort-des-Glaubens-Bewegung, und die Neocharismatische Bewegung.
Verbreitung
Die Pfingstbewegung ist eine der christlichen Richtungen, die heute am stärksten wachsen. Weltweit umfasst sie je nach Zählweise 200 bis 600 Millionen Menschen.
In einer Umfrage in zehn Ländern vom Oktober 2006[http://pewforum.org/surveys/pentecostal/Pew Research Center: Spirit and Power: A 10-Country Survey of Pentecostals, 5. Oktober 2006] kam das Pew Research Center in Washington zu den folgenden Ergebnissen:
* In Guatemala (60%) und Kenia (56%) und Brasilien (49%) rechnen sich die Hälfte oder mehr der Gesamtbevölkerung zur Pfingstbewegung.
* In den Philippinen, Südafrika, Chile und Nigeria rechnen sich über 25% der Gesamtbevölkerung zur Pfingstbewegung, in den USA 23%.
* In Guatemala, Brasilien, Chile, Kenia und den Philippinen rechnen sich mindestens zwei Drittel der Protestanten zur Pfingstbewegung.
In Deutschland hat die Pfingstbewegung etwa 300.000 Mitglieder, die sich auf die verschiedenen Pfingstkirchen, charismatischen Erneuerungsbewegungen und etwa 300 freie Gemeinden verteilen.
Lehre
Die Pfingstbewegung gehört zum Christentum und hat keine einheitliche Lehre, es gibt aber Wesenszüge, die sie von anderen christlichen Gruppen unterscheidet.
Die Pfingstbewegung sieht eine Kirche nur dann in der Nähe der neutestamentlichen Gemeinde, wenn sie dem Wirken des Heiligen Geistes, insbesondere den Geistesgaben wie Zungenrede, Prophetie und Heilungen, Raum gibt. Die neutestamentlichen Berichte über Geisteswirkungen sind auch heute Vorbild für das Gemeindeleben. Die Mehrzahl der Pfingstkirchen folgt der traditionellen Trinitätslehre; Pfingstkirchen der Oneness-Theologe sind dagegen nicht_trinitarisch.
Die Taufe findet als Glaubenstaufe statt. Eine Taufe_unmündiger_Kinder wird in der Regel abgelehnt. Das Abendmahl wird als Gedächtnismahl verstanden. Manche Gemeinden praktizieren neben Taufe und Abendmahl auch die Fußwaschung.
Der Heilsweg umfasst mehrere entscheidende Erlebnisse, die Bekehrung und die Geistestaufe, die oft von Zungenreden begleitet wird. Nach Auffassung mancher Pfingstkreise ist die Heiligung für den Empfang der Geistesgaben Voraussetzung.
Im Verhältnis zur Naturwissenschaft werden grundsätzlich biblische Texte als mindestens gleichberechtigte Quelle herangezogen. Wissenschaftliche Erkenntnis wird nur dann anerkannt, wenn sie sich mit dem vereinbaren lässt, was als biblisches Zeugnis angesehen wird. In vielen Gruppen wird daher die Evolutionstheorie abgelehnt und ein kreationistischer Standpunkt eingenommen.
Ethik
Die Ethik der Pfingstgemeinden gründet sich in ihrem Bibelverständnis und ist gemäßigt. Praktizierte Homosexualität (nicht aber die sexuelle Orientierung), außerehelicher Geschlechtsverkehr, Abtreibung und Alkohol werden überwiegend abgelehnt.
Im Verhältnis von Gesinnungs- und Verantwortungsethik liegt der Akzent allgemein auf der individuellen (Glaubens-)Praxis, die sich nicht vor der Gesellschaft, sondern vor Gott zu verantworten habe.
Im Unterschied zu rechtskonservativen evangelikalen Gruppierungen, die vor allem in den USA und Westeuropa anzutreffen sind und eine jenseitsorientierte Ethik predigen, finden sich in der Pfingstbewegung Afrikas und Lateinamerikas auch Konzepte, die nicht nur die Veränderung ungerechter politischer Strukturen als notwendig ansehen, sondern durchaus auch in materiellen Hinsichten sehr diesseitige Positionen vertreten. Wichtigstes Beispiel hierfür ist das in afrikanischen Pfingstgemeinden sehr präsente "gospel of prosperity" (auch "faith gospel"), das individuellen ökonomischen Erfolg in einen unmittelbaren kausalen Zusammenhang zur religiösen Lebensführung stellt.
Praxis
Gottesdienst
Gottesdienste in Pfingstgemeinden sind oft lebhaft, es wird viel und begeistert gesungen, in die Hände geklatscht, teilweise bewegt man sich zur Musik. Die Musik spielt eine große Rolle, moderne Instrumente wie Keyboard oder Schlagzeug werden der Orgel vorgezogen, auch die Lieder sind im allgemeinen modern und rhythmisch und kommen oft aus dem englischen Sprachraum. Eine Gottesdienstdauer von mindestens 1,5 Stunden ist die Regel.
Ein wichtiger Teil des Gottesdienstes wird als Lobpreis und Anbetung bezeichnet: Singen von Anbetungsliedern im Wechsel mit frei formulierten Gebeten. Auffällig für Außenstehende ist dabei die Gebetshaltung, bei der teilweise Arme und Hände erhoben werden. Glossolalie und prophetische_Rede kennzeichnen ebenfalls die Gottesdienste vieler Pfingstkirchen. Eine formale Liturgie wird abgelehnt. Sie könnte - so überzeugte Pfingstler - das Wirken des Heiligen Geistes blockieren.
Die gottesdienstlichen Predigten werden engagiert und meist in freier Rede vorgetragen. Hin und wieder wird aus den Predigten heraus die Hörergemeinde gebeten durch ein lautes Amen! oder Halleluja! ihre Zustimmung zu geben bzw. die gemachten Predigtaussagen zu unterstreichen. Am Schluss der Predigt wird nicht selten zu persönlichen Reaktionen aufgefordert. Menschen, die sich bekehren wollen oder Heilung wünschen, werden gebeten, nach vorne zu kommen. Hier wird dann - oft während des Gottesdienstes - persönliche Fürbitte, Segnung und Seelsorge angeboten. Auch Heilungssegen durch Handauflegen sind üblich.
Gemeindeleben
Hauskreise spielen in Pfingstgemeinden eine große Rolle, dabei wird in wöchentlichen Treffen in einer kleinen, verbindlichen Gruppe gemeinsam gesungen, gebetet und die Bibel studiert.
Missionarisch-diakonisches Engagement
Pfingstgemeinden sind gewöhnlich missionarisch orientiert, was auch den starken Zuwachs dieser Bewegung mitbegründet. Es existieren außerdem eine ganze Reihe diakonischer_Werke_und_Einrichtungen, die der Pfingstbewegung angehören bzw. dort ihre Wurzeln haben. Dazu gehören Kindergärten, Seniorenwohnheime, Kliniken, Einrichtungen der Behindertenfürsorge sowie therapeutisch betreute Wohngemeinschaften für psychisch Kranke und Drogenabhängige.
Diakonische Einrichtungen in Auswahl, die mit der Pfingstbewegung verbunden sind:
* Teen Challenge - u.a. Arbeit unter Drogenabhängigen
* Ignis-Klinik in Egenhausen / Schwarzwald
* Jugend- Missions- und Sozialwerk Altensteig
* Haus Nazareth - Norden-Norddeich
* Sozialwerk der Freien Christengemeinden Bremen
* Klinik Hohe Mark in Oberursel bei Frankfurt am Main
Politisches Engagement
Auch politisch treten die Pfingstler in Erscheinung, zum Beispiel als Interessenvertreter benachteiligter Bevölkerungsgruppen wie in den USA, Chile oder auch in Brasilien. Der Pastor und Menschenrechtler Frank Chikane ist ein Kirchenführer in Südafrika. Als Nachfolger des Friedensnobelpreisträgers Desmond Tutu im südafrikanischen Kirchenrat wurde er mehrere Male verhaftet und gefoltert. Heute ist er südafrikanischer Beamter. In Südafrika gehören achtzig Prozent der schwarzen Christen zu den neuen Kirchen der Pfingstbewegung.
Die Frauenordination ist in den deutschen Pfingstgemeinden erlaubt. [http://www.bfp.de/index.php?id=165 Bund freikirchlicher Pfingstgemeinden: ?Dienst der Frau? - Frauenordination eingeführt] Weltweit lässt sich darüber keine einheitliche Aussage machen, da Pfingstgemeinden mehrheitlich kongregationalistisch organisiert sind. Eine 2006-Umfrage des Pew Research Center ergab jedoch, dass Anhänger der Pfingstbewegung die Frauenordination ebenso stark oder stärker befürworten als der Durchschnitt der Christen. [http://pewforum.org/surveys/pentecostal/Pew Research Center: Spirit and Power: A 10-Country Survey of Pentecostals, 5. Oktober 2006]
Organisation
Pfingstgemeinden sind in der Regel kongregationalistisch organisiert, ihr Verständnis des Heiligen Geistes steht in einer grundsätzlichen Spannung zu festen Strukturen. Sie bezeichnen sich eher als Gemeinde denn als Kirche. Die einzelne Gemeinde wird gewöhnlich von Ältesten und Predigern geleitet. Weltweit gibt es heute Pfingstlergemeinden in rund 50 Ländern, organisiert in 27.000 Gemeinden. Sie gelten als die am schnellsten wachsende Glaubensgemeinschaft der Welt. Am stärksten dehnen sich die Pfingstler in Lateinamerika aus, daneben auch in Afrika und Asien. In den USA erhalten die Pfingstler starken Zulauf aus den Reihen der lateinamerikanischen Einwanderer, von denen viele parallel katholische und pfingstlerische Gottesdienste besuchen.
In Deutschland entstanden die ersten Pfingstgemeinden in den Jahren 1906 bis 1908. Ein großer Teil der geistlichen Leitungspersönlichkeiten der deutschen Gemeinschaftsbewegung distanzierte sich durch die Berliner Erklärung im Jahre 1909 von den Erkenntnissen und Erfahrungen über das Wirken des Heiligen Geistes in einem Teil ihrer Gemeinden. Durch diese Ausgrenzung rückten die betroffenen Brüder und Gemeinden näher zusammen und bildeten den Christlichen Gemeinschaftsverband Mülheim/Ruhr (heute: Mülheimer Verband Freikirchlich-Evangelischer Gemeinden).
Einen Dachverband von Pfingstgemeinden bildet das Forum Freikirchlicher Pfingstgemeinden (FFP). Der Mülheimer Verband gehört dem FFP nicht mehr an.
Geschichte
Charles Fox Parham gilt als Vater der weißen Pfingstbewegung; ihr Ursprung liegt in Topeka im Jahr 1901. Für eine schwarze Pfingstbewegung lässt sich das Jahr 1906 als Ausgangspunkt feststellen; wesentlich war hier William J. Seymour in Los Angeles. Ein wesentlicher Anschub für die Bewegung war die Tatsache, dass Seymoure am 14. April 1906 in einer lautstarken Predigt vor Gottes Zorn warnte, der die Erde zum Beben bringen werde - vier Tage vor dem Beben, das San Francisco zerstörte. Seymours Kirche in der Azuza Street erhielt in den folgenden Jahren massiven Zulauf.
Gemeinsame Wurzel der Pfingsler waren die Heiligungs- und Erweckungsbewegung des 19. Jahrhunderts. Die in mancherlei Hinsicht der Pfingstbewegung nahe stehende Gemeinschaftsbewegung hat 1909 in ihrer Berliner Erklärung der Pfingstbewegung vorgeworfen, dämonischen Ursprungs zu sein ("Geist von unten"). In der Folge entwickelte sich die Bewegung zunächst in unabhängigen Gemeinden, später auch in allen (West-)Kirchen.
Die Pfingstler in den USA nutzten früher und intensiver die modernen Medien als alle anderen Religionen. So predigte die Pfingstlerin Aimee Semple McPherson 1918 über eine der ersten Radiostationen in den Vereinigten Staaten. Attraktiv wurde die Bewegung auch, weil in ihr weiße und schwarze Amerikaner, vor allem aus den ärmeren Bevölkerungsschichten weitgehend gleichberechtigt Mitglieder waren.
Ökumene
Viele Gemeinden der Pfingstbewegungen sind dem Ökumenischen_Rat_der_Kirchen gegenüber aufgeschlossen, außerhalb von Deutschland sind auch viele an der Evangelischen Allianz beteiligt.
Evangelikale Christen aus anderen Gemeinden, besonders wenn sie ein Bekehrungserlebnis aufweisen können, werden ungeachtet ihrer Konfession als christliche Geschwister betrachtet, andererseits stehen die Pfingstgemeinden sowohl einer liberalen (wie z.B. in den Landeskirchen) Ausprägung offen und einer traditionellen Ausprägung (wie z.B. in der orthodoxen_Kirche) des Christentums eher skeptisch gegenüber. Nichtchristliche Religionen werden als Irrweg angesehen, da Heil und Vergebung nur durch Jesus Christus vermittelt werden könnten.
Kontroversen
Im Spektrum der Pfingstbewegung gibt es fundamentalistische Gruppen, die oft von autoritären Leitern geführt werden.
Es gibt Prediger in der Pfingstbewegung, die ihren Anhängern Gesundheit und Reichtum versprechen - darunter auch amerikanische Fernsehprediger.
Sowohl unter konservativen als auch unter liberalen protestantischen Geistlichen gibt es solche, die der Pfingstbewegung sehr skeptisch gegenüberstehen. Bereits Martin Luther sprach von "Schwarmgeistern", und auch heute wird der Pfingstbewegung oft übertriebene Emotionalität vorgeworfen.
Siehe auch
Bund Freikirchlicher Pfingstgemeinden
Schweizerische Pfingstmission
Vineyard-Kirchen
Mülheimer Verband Freikirchlich-Evangelischer Gemeinden
Forum Freikirchlicher Pfingstgemeinden
Gemeinde der Christen Ecclesia
Inspirierte
Portal_Freikirchen
Literatur
* J. Steven O'Malley: Art. Pfingstkirchen/Charismatische Bewegung. In: Theologische Realenzyklopädie 26 (1996), S. 398-410
* Hans-Diether Reimer: Pfingstbewegung. In: Volker Drehsen et al. (Hrsg.): Wörterbuch des Christentums. Orbis Verlag, München 1995, ISBN 3-572-00691-0
* Jürgen Tibusek: Ein Glaube, viele Kirchen. Die christlichen Religionsgemeinschaften - Wer sie sind und was sie glauben. 2. Auflage. Brunnen Verlag, Gießen 1994, ISBN 3-7655-1593-0, S. 411ff
* Andreas Rössler: Positionen, Konfessionen, Denominationen. Eine kleine Kirchenkunde. Calwer Verlag, Stuttgart 1988, ISBN 3-7668-3009-0, S. 70ff
Quellen
Weblinks
* http://www.pfingstbewegung.de
* http://www.pfingstmission.ch
* http://www.freiechristengemeinde.at
* http://www.bfp.de
• Interdisziplinärer Arbeitskreis Pfingstbewegungfrp:Pentecoutismomn:???????????pdc:Pentecostalism

