Laizismus
Laizismus (auch: Laizität) sind die in verschiedenen Staaten gültigen religionsverfassungsrechtlichen_Modelle, denen das Prinzip der Trennung_von_Religion_und_Staat zu Grunde liegt.
Geschichte
Der Begriff ?Laizismus? (laïcité) ist eine 1871 geprägte Wortschöpfung des französischen Pädagogen und Friedensnobelpreisträgers Ferdinand Buisson, der sich für einen religionsfreien Schulunterricht einsetzte. Sie geht auf den griechischen Begriff ?????????, von ?Laie? im Sinn von ?Nicht-Geistlicher?, zurück.
1905 wurde in Frankreich das Gesetz zur Trennung von Religion und Staat, für das sich insbesondere der damalige Abgeordnete und spätere Ministerpräsident Aristide Briand eingesetzt hatte, verabschiedet. Die Auswirkungen der Dreyfus-Affäre führte nach heftigen Auseinandersetzungen in Frankreich zu einer parlamentarischen Mehrheit für die neue Gesetzgebung. Damit fand das von Buisson geschaffene Prinzip erstmalig konsequent Anwendung. Der Begriff laïcité wurde aber erstmalig erst in der Verfassung von 1946 verwendet. Demnach ist Frankreich eine laizistische Republik (république laïque). Mehrere andere Staaten nahmen sich das französische Modell zum Vorbild, insbesondere die Türkei unter Atatürk, wobei der Begriff jedoch unter islamischem Einfluss unterschiedlich interpretiert werden muss (dort als schlichter Staatsvorrang bei faktischer Rücksichtnahme auf die Sonderstellung der muslimischen Religion).
Die Auswirkungen des frz. politischen Kampfes von 1905 sind bis heute in der Interpretation des Begriffs im Alltagslebens spürbar. Dabei sind zwei Interpretationen zu unterscheiden: eine liberale, die mit Laizismus die institutionelle Trennung von Staat und Kirche versteht, und eine radikale (laïcard), die mit Laizismus das Verbot jeglicher religiöser Betätigung außerhalb eines engen, privaten Bereiches versteht. Während das liberale Verständnis des Laizismus heute auch bei den christlichen Kirchen akzeptiert wird, gibt es zahlreiche Vertreter der harten Interpretation in den Reihen der politischen Elite bis hin zum Parti communiste français, der Französischen Kommunistischen Partei. Der Katholizismus hat den ideologischen Laizismus bis heute nicht anerkannt, da das Papsttum an einem Vorrang seiner geistlichen Autorität gegenüber der Staats- und Gesellschaftsordnung festhält. Allerdings hat die katholische Kirche seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil bewusst auf politische Sonderrechte und Privilegien im Staat verzichtet und vertritt heute nicht mehr das Konzept einer Staatsreligion, die zuletzt auch in Italien 1984 abgeschafft wurde.
Der Protestantismus verhält sich, außerhalb von Regionen mit einer Staatskirchenverfassung (z.B. England, Dänemark, Norwegen), also seit 1918 auch in Deutschland, zum Laizismus theoretisch indifferent. Seine pragmatische Haltung erinnert jedoch bisweilen an eine weiterhin gültige Akzeptanz eines Staatsvorrangs vor der Religion im öffentlichen Leben.
Laizistische Staaten
Staaten, die nominell laizistisch sind
Bei folgenden Staaten ist der Begriff ?Laizismus? in der Verfassung verankert:
Frankreich (Artikel 1 der Verfassung von 1958)
Indien
Japan (Artikel 20 und 89 der Verfassung_von_1947, im Artikel 28 der alten Meiji-Verfassung von 1889 nur nominell, vgl. Staats-Shint?)
Mexiko (Artikel 3 der Verfassung von 1917)
Türkei (Artikel 2 der Verfassung von 1938)
Portugal (Artikel 41, Absatz 4 der Verfassung von 1976)
Türkische Republik Nordzypern (Artikel 1 der Verfassung)
Allerdings weisen diese Staaten markante Unterschiede in der Ausprägung und Umsetzung des Laizismus auf.
Frankreich und Portugal sind die einzigen ihrem verfassungsrechtlichen Anspruch nach laizistischen Staaten der Europäischen_Union, wobei in Portugal (und in Frankreich in den zwei elsässischen Départements und im lothringischen Département Moselle) die Umsetzung des Laizismus durch in Konkordaten vereinbarte Rechte der kath. Kirche unvollständig ist.
In der Türkei wird der Laizismus als ?Unterordnung der Religionsausübung unter den Staat? interpretiert, da die islamischen Imame vom Staat ausgebildet werden und dieser durch das Amt_für_Religiöse_Angelegenheiten enge inhaltliche Vorgaben für deren Arbeit macht.
Siehe auch: Religion in der Türkei
Situation in Frankreich
Im heutigen französischen Verständnis ist Laizismus zu einem politischen Ideal geworden, das die Grundsätze der Neutralität des Staates gegenüber Religionen, deren Gleichbehandlung, sowie die Glaubensfreiheit zum Ziel hat. Laizismus ist ein Verfassungsprinzip. Religion ist ausschließlich Privatangelegenheit, woraus folgt, dass Religion nicht nur keine staatliche, sondern auch keine öffentliche Funktion hat. In Anwendung dieses Grundsatzes wurde 1905 das gesamte Kirchenvermögen ohne Entschädigung verstaatlicht, wovon jene Teile, die ?dem Kult dienen? den einzelnen Glaubensgemeinschaften zur Nutzung überlassen werden können. Frankreich erkennt kirchliche Organisationen zwar in ihrer Existenz an, sie erhalten jedoch keine staatlichen Zuschüsse; allerdings existieren steuerliche Begünstigungen. Davon ausgenommen sind das Elsass und das Département_Moselle, die zum Zeitpunkt des Gesetzes von 1905 nicht zu Frankreich gehörten und deren Bewohner sich nach der Rückkehr 1919 gegen die Übernahme der französischen Regelung wehrten. Im Überseedépartement Französisch-Guyana wird das Personal der katholischen Kirche vom Staat bezahlt.
Der Laizismus wird in Frankreich strikt praktiziert. Der Staat sieht es als Aufgabe an, seine Bürger gegen religiöse Praktiken, die der öffentlichen Ordnung oder den Rechten des Einzelnen zuwiderlaufen, zu schützen. In französischen öffentlichen Schulen ist es verboten, Lehrer oder Schüler nach ihrer Religion zu fragen. Jedoch existiert daneben ein fest verankertes, breit gefächertes privates Schulsystem (insb. das enseignement catholique). Pfarrer können nicht zugleich für öffentliche Unternehmen arbeiten. Frankreich betrachtet die religiösen Auffassungen der Bürger als reine Privatsache; es gibt keine amtlichen Statistiken zur Konfessionszugehörigkeit der Bevölkerung. Dies hat unter anderem zur Folge, dass es in der aktuellen politischen Debatte in Frankreich zu Segregation oder Diskriminierung auf dem Arbeitsmarkt keine verlässlichen Zahlen gibt. Seit 2004 ist es auch untersagt, in Schulen auffällige religiöse Zeichen zu tragen, wie Schleier, Kippa, Kreuze, Turbane (bei Sikhs) oder Ordenstracht. Andererseits übertragen die staatlichen Sender France 2 (TV) sowie France Culture (Radio) sonntägliche Gottesdienste und Andachten.
Das politische Ideal des Laizismus hat außerdem mittelbare Folgen für die Geschlechterverhältnisse in Frankreich. Im Sinne des Laizismus tritt der Staat als Vertreter des Allgemeininteresses (volonté générale) auf und vertritt auf diese Weise eine vergleichsweise staatszentrierte Bildungs- und Familienpolitik. Wenngleich mit dieser familienpolitischen Richtung kein explizites Gleichstellungsinteresse verbunden ist, führt der laizistische Grundgedanke doch zu einer stark institutionalisierten staatlichen Kinderbetreuung, die Frauen eine stärkere Integration in die Erwerbsarbeit ermöglicht, als dies in anderen Ländern Europas der Fall ist.
Siehe auch
Säkularismus
Literatur
* Roger Mehl: Art. Laizismus. In: TRE 20 (1990), S. 404-409
* Jean-Michel Ducomte: La laïcité. Les Essentiels, Milan 2001
Weblinks
• « Chronologie des principaux actes parlementaires et autres ayant conduits au vote de la loi de séparation des Églises et de l'État et ce qui s'en est suivi »* Charles Philippe Dijon de Monteton: [http://www.anakyklosis.com/Texte/Laizismuskritik%20deutsch.pdf ?Die haltlos Gottlosen?] (Kritik des französischen Laizismus)
* Die Zeit 51/2002: [http://zeus.zeit.de/text/2002/51/A-Combes ?Marianne und Madonna?]
* Philippe Crevel, Norbert Wagner: [http://www.kas.de/publikationen/2004/3873_dokument.html ?Laizität ? Garant der politischen Stabilität Frankreichs oder Selbsttäuschung??]
* La Documentation française: [http://www.ladocumentationfrancaise.fr/dossiers/laicite/index.shtml « La laïcité »] (Laizismus aus offizieller französischer Sicht)
* Die Tagespost (Katholische Zeitung für Politik, Gesellschaft und Kultur) vom 11. Juli 2002: [http://www.die-tagespost.de/Archiv/titel_anzeige.asp?ID=780 Wie viel Laizismus verträgt der französische Staat?]

