Fundamentalismus
Der Begriff Fundamentalismus im weiten Sinn bezeichnet eine religiöse oder weltanschauliche Strömung, deren Ziel eine radikale, da kompromisslose Rückbesinnung auf die Wurzeln der jeweiligen Religion oder Ideologie ist. Im engeren ursprünglichen Sinn bezeichnet das Wort eine im US-amerikanischen Protestantismus entstandene konservativistische Bewegung, deren Wurzeln die Eschatologie (Endzeitlehre) ist.
Entwicklung und Begriffsverwendungen
In seiner ursprünglichen Bedeutung geht der Begriff Fundamentalismus auf die Protestbewegung gegen "modernistische" Tendenzen innerhalb des US-amerikanischen Protestantismus zurück. Der Begriff entstand durch die Schriftreihe "The Fundamentals" bzw. "The Fundamentals of Truth" (Glaubensgrundsätze), die 1915 bis 1919 in den Vereinigten_Staaten erschien. Die Anhänger nannte man Fundamentalisten. Inhaltlich richtete man sich gegen die moderne Theologie, insbesondere gegen die Anwendung der historisch-kritischen_Methode und die Evolutionslehre. Federführend für diese Gedanken waren Leiter aus der amerikanischen Erweckungsbewegung des 19. Jahrhunderts. Höhepunkt war der "Scopes-Prozess" 1925 in Dayton (Tennessee), bei dem es um die Evolutionslehre im Widerspruch zur Schöpfungslehre ging.
Ihre vier "Fundamente" der Bewegung waren:
*1) die buchstäbliche Unfehlbarkeit der Heiligen Schrift und die unbeirrbare Gewissheit, dass diese keinen Irrtum enthalten könne
*2) die Nichtigkeit moderner Theologie und Wissenschaft, soweit sie dem Bibelglauben widersprechen
*3) die Überzeugung, dass niemand, der vom fundamentalistischen Standpunkt abweicht, ein wahrer Christ sein könne
*4) die Überzeugung, dass die moderne Trennung von Kirche und Staat immer dann zugunsten einer religiösen Bestimmung des Politischen aufgehoben werden muss, wenn politische Regelungen mit fundamentalen religiösen Überzeugungen kollidieren.
Durch den Absolutheitsanspruch und die emotionale Spannung der sich bedroht fühlenden Fundamentalisten wurde Fanatismus ausgelöst, der sich ebenfalls bewusst und ausdrücklich durch Intoleranz auszeichnet und durch Ablehnung der Gesamtwirklichkeit, die als Korruption der Glaubenswerte verstanden wird.vgl. 100 Wörter des Jahrhunderts, Frankfurt 1999, Brockhaus Mannheim 2004 Toleranz ist, nach Meinung der Fundamentalisten, das Akzeptieren von Entwicklungen, die ihren Glauben und Leben gefährden, indem er sich von dem tragenden Fundament entfernt.
Die transreligiöse Verwendung verdankt der Begriff der islamischen Revolution im Iran 1979. Unter dem Einfluss des Ayatollah_Khomeini (s.u.), der auf Grund seiner wörtlichen Auslegung des Korans Körperstrafen wie Auspeitschen, Handabhacken und Steinigungen wieder einführte, griffen Publizisten auf diesen Begriff zurück, weil sich der protestantische Fundamentalismus ebenfalls auf eine absolute, wörtliche Auslegung ihrer heiligen Schrift bezog. Im Bezug auf den Islam erschwert "Fundamentalismus" nach Meinung von Kritikern dieses Begriffs eine Differenzierung verschiedener Strömungen und Ursachen.Quellenangabe fehlt! Eventuell, weil jede Strömung einen anderen Kanon an fundamentalen Texten heranzieht, etwa mit oder ohne Scharia. Siehe Islamischer Fundamentalismus.
Im populären Sprachgebrauch werden unter dem Begriff Fundamentalismus zuweilen unterschiedslos konservative religiöse Gruppen, gewalttätige Mitglieder einiger Volksgruppen mit mehr oder weniger religiöser Motivation, oder Terroristen zusammengefasst, was diesen Begriff heute problematisch macht. Während es unbestreitbar unter diesen Gruppentypen Überschneidungen gibt, lassen sie sich nicht prinzipiell gleichsetzen; auch büßt der Begriff an Bedeutung ein, wenn nicht auf die jeweiligen Fundamente Bezug genommen wird. Fundamentalisten charakterisiert man im allgemeinen dadurch, dass sie sich auf bestimmte konkrete Grundlagen (oder das, was sie darunter verstehen) ihrer Religion (oder gelegentlich auch im weiteren Sinne verwendet: ihrer Partei, Ideologie) beziehen und darüber keine Diskussion zulassen, mit dem Begriff sollen Intoleranz, Radikalismus, Traditionalismus und auch daraus entstehende Gewaltbereitschaft suggeriert werden, wobei dies durchaus auch dem selbst geäußerten Selbstverständnis der Gruppe entsprechen kann.
Selbstverständnis und Ausrichtungen
Fundamentalismus, der als eine grundsätzliche Gegenbewegung gegen die Moderne gesehen werden kann, sieht die grundlegenden Prinzipien einer Religion durch Relativismus, sexuelle Selbstbestimmung, Pluralismus, Historismus, Toleranz und das Fehlen von Autorität gefährdet. Er propagiert die Rückkehr zu traditionellen Werten und striktes Festhalten an religiösen Dogmen. Ein Mittel dazu sieht er im politischen Engagement. Typisch für ihn ist, dass er die in westlichen Ländern übliche Trennung von Kirche und Staat aufgibt, um seine Ziele auch mit politischen Mitteln durchsetzen zu können.
Die fundamentalistische Weltanschauung ist in der Regel durch ein dualistisches Konzept des Niedergangs, nach dem die Anhänger des Wahren und Guten im Kampf gegen die Schlechten, das "Böse", anders Denkenden und anders Gläubigen begriffen sind, geprägt. Dazu vertreten sie eine Lehre, der zufolge Sünde weniger das persönliche Fehlverhalten, sondern eine gesellschaftliche Kraft darstellt. Dieser politisch verstandenen Sünde kann in der Konsequenz nur mit der Errichtung einer Theokratie entgegengewirkt werden.
Strittig ist insbesondere die Abgrenzung zu Anhängern konservativer oder orthodoxer Richtungen von Religionen oder Ideologien. Diese stehen ebenfalls gegenwärtigen Entwicklungen kritisch oder ablehnend gegenüber, nehmen dabei aber eine eher moderate Haltung ein. Konservative und Orthodoxe wollen auch eher die real existierenden Traditionen ihrer unmittelbaren Vorfahren fortsetzen, während Fundamentalisten zu einem angenommenen "Urzustand" vergangener Zeiten zurücklenken zu können meinen.
Charakteristisch für den Fundamentalismus ist ferner die oft unkritische Rezeption heiliger Texte bzw. die Ablehnung kritischer, wissenschaftlicher Auseinandersetzung mit religiösen Texten (siehe Verbalinspiration).
Typisch ist auch die "Annahme einer in baldiger Zukunft bevorstehenden Weltwende", etwa durch die - buchstäblich vorgestellte - Wiederkunft Christi (christlich), die Ankunft des 12. Imam (schiitisch), die apokalyptische_Endschlacht zwischen Gut und Böse oder den Beginn des Jüngsten_Gerichts.
Religionssoziologisch bilden die Fundamentalisten oft kleinere Gruppen innerhalb großer Religionen, die sich von der Mehrheit absetzt, weil diese die grundlegenden Prinzipien der Religion verraten habe. Versteht man Fundamentalismus als eine Bewegung zurück zu den Quellen der Religion, so waren die Reformatoren in vergröberter Sicht ebenfalls eine Art Fundamentalisten.
Islamwissenschaftler wie zum Beispiel Oliver Roy unterschieden im Islamismus unter anderem einen militanten Islamismus (oder islamistischen_Terrorismus) und einen Neofundamentalismus.
Solche Gruppen können theologisch Fundamentalisten sein, aber sie kommen ebenso unter neuen_religiösen_Bewegungen vor. (Siehe auch: Totalitarismus)
Terroristische Gruppen üben Gewalt undifferenziert gegen Unbeteiligte aus, um ihre, gewöhnlich politischen, Ziele zu erreichen. Die Motivation kann ganz oder teilweise aus einer religiösen oder ideologischen Überzeugung stammen; diese ist aber nicht notwendigerweise fundamentalistisch.
Religiöse Ausprägungen
Christlicher Fundamentalismus
* Mormonischer Fundamentalismus (Siehe Fundamentalistische Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage)
Islamischer Fundamentalismus
Jüdischer Fundamentalismus
Hinduistischer Fundamentalismus
Buddhistischer Fundamentalismus
Politische Ausprägung
Die Verwendung des Begriffes auf die Politik ist recht jung (1990er Jahre), und seine Verwendung noch problematischer als in Bezug auf Religion. Die Politik von McCarthy, oder von Diktatoren entspricht in vielerlei Hinsicht der Definition von Fundamentalismus, fußt aber nicht auf einem bereits überlieferten Fundament, außer der jeweiligen Heiligen Schrift.
In der Politik wird Fundamentalismus allerdings als Problem diskutiert: Im späten 20. Jahrhundert erlangten einige fundamentalistische Bewegungen vor allem wegen ihrer Verbindung mit Gewalt und Terrorismus weltweite Aufmerksamkeit. Der sich gewaltsam äußernde Fundamentalismus wird deshalb von einigen als eines der größten weltpolitischen Probleme des 21. Jahrhunderts gesehen (siehe auch Huntingtons Theorie vom Kampf der Kulturen). Gewalttätige politische fundamentalistische Gruppen sind beispielsweise die deutsche RAF, der griechische 17._November, Al-Qaida, die libanesische Hisbollah (Hizb Allah "Partei Allahs"), der peruanische Sendero Luminoso ("Leuchtender Pfad") und die US-amerikanischen Ku Klux Klan und Jewish Defense League. Auch der Begriff Marktfundamentalismus ist bei Kritikern des Neoliberalismus gebräuchlich.
Umgang
Eine Verteufelung des Fundamentalismus führt zu verstärkter Radikalisierung und Selbstisolation fundamentalistischer Gruppen und fördert ihr Gefühl von Provokation - auch wenn es für aufgeklärte Kulturen, die sich für religiös-soziale Toleranz und einen vernunftbegründeten, kompromissbereiten Dialog einsetzen, wesentlich ist, sich klar von terroristischen Gruppen und Systemen abzugrenzen.
Andererseits ist es aber auch nötig, die Kulturen des Islam, des Christentums und des Judentums zu respektieren, ihnen das Recht auf eine eigene Identität zuzugestehen, gerade dort, wo sie sich gegen Säkularismus, Relativismus, und Verfall moralischer Werte abgrenzen wollen. Wer differenziert und mit den pragmatischen, gemäßigt konservativen Gruppen einen konstruktiven, auf Zusammenarbeit zielenden Dialog auf "gleicher Augenhöhe" führt, gräbt dem Fundamentalismus das Wasser ab.
Weiterhin muss nicht alles schlecht sein, was als im gängigen Sprachgebrauch schnell einmal als fundamentalistisch gebrandmarkt wird. Manche Entwicklungen innerhalb der anerkannten Gesellschaft, die der Fundamentalismus anprangert, können mit Recht hinterfragt werden, und nicht alle Werte, die Fundamentalisten vertreten, sind allein deshalb schon negativ, wenn auch die Methoden einiger Fundamentalisten einen Dialog erschweren. Das Kritisieren muss allerdings im Dialog mit Fundamentalisten stattfinden, um sie in die Diskussion einzubeziehen; eine Diskussion in der Öffentlichkeit ohne die Provokateure stärkt ihre Überzeugung von der Richtigkeit ihres radikal-intoleranten Handelns.
In einigen Fällen spricht der Fundamentalismus Probleme an, die tatsächlich existieren, zumindest für einen gewissen Personenkreis - und dort hat der Fundamentalismus dann ein Rekrutierungspotential. Es sollten also auch manche der Probleme, die Fundamentalisten aufgreifen, nicht einfach negiert, sondern als Probleme ernst genommen und, wo nötig, aktiv reformiert werden. So können ihre Unzufriedenheit, entstanden aus Fehlern der Gesellschaft und ihrer Politik, und ggf. daraus folgende Gewaltbereitschaft beseitigt werden.
Im Grundsatz problematisch ist in der Mediengeschichte die Transponierung des Fundamentalismus-Begriffes durch säkulare Zeitungen von der im Grunde genommen pazifistisch orientierten christlich-fundamentalistischen Bewegung auf militante Kreise im Islamismus, Pseudo-Islamismus oder Terrorismus.
Siehe auch
Selbstimmunisierung, Tradition, Manichäismus, Konservativismus
Totalitäre religiöse Gruppe, Nationalismus, Universalismus
Marktfundamentalismus
Literatur
* Stephan H. Pfürtner: Fundamentalismus - Die Flucht ins Radikale. Herder, Freiburg 1991, ISBN 345104031X
* Kevin Phillips: American Theocracy. The Peril and Politics of Radical Religion, Oil, and Borrowed Money in the 21st Century. Viking Books, März 2006. - ISBN 0-67003-486-X (Rezension: [http://www.nytimes.com/2006/03/19/books/review/19brink.html?_r=1&incamp=article_popular&oref=slogin]; auch als Audiobuch erhältlich)
*Martin Riesebrodt: Fundamentalismus als patriarchalische Protestbewegung: amerikanische Protestanten (1910-28) und iranische Schiiten (1961-79) im Vergleich. Tübingen 1990, ISBN 3-16-145669-6
*Hubert Schleichert: Wie man mit Fundamentalisten diskutiert, ohne den Verstand zu verlieren. München 1997, ISBN 3406419895
*Hubertus Mynarek: Denkverbot - Fundamentalismus in Christentum und Islam. 1992, ISBN 3-926901-45-4
*Thomas Meyer: Fundamentalismus: Aufstand gegen die Moderne. Reinbek bei Hamburg 1989, ISBN 3-499-12414-9
*Manfred Brocker: Protest - Anpassung - Etablierung. Die Christliche Rechte im politischen System der USA. Frankfurt a. M./New York: Campus 2004, ISBN 3-593-37600-8
*Martin E. Marty, R. Scott Appleby (Hg.): Fundamentalisms and the State. Remaking Polities, Militance, and Economies. (The Fundamentalism project; v. 3). University of Chicago Press, Chicago u.a. 1996, IX, ISBN 0-226-50884-6
*Martin E. Marty, R. Scott Appleby (Hg.): Fundamentalisms observed. (The Fundamentalism project; v. 1). University of Chicago Press, Chicago u.a. 1994, XVI, ISBN 0-226-50878-1
*Clemens Six, Martin Riesebrodt, Siegfried Haas (Hg.): Religiöser Fundamentalismus. Vom Kolonialismus zur Globalisierung. StudienVerlag, Innsbruck u.a. 2004, ISBN 3-7065-4071-1
*Raúl Páramo-Ortega: Fundamentalisten sind immer die Anderen. Freud im Zeitalter des Fundamentalismus. 2005. http://psydok.sulb.uni-saarland.de/volltexte/2005/560/
*Karen Armstrong: Im Kampf für Gott. Fundamentalismus in Christentum, Judentum und Islam. Siedler Verlag, München 2004.
*Der Fundamentalist, in: Mitternachtsruf, Mai 2006, S. 11-15 ([http://www.mnr.ch/files/zeitschrift/DE/MNR%202006-05.pdf PDF])
* Andreas Becke: Fundamentalismus in Indien? Säkularismus und Kommunalismus am Beispiel von Ayodhya, in: Zeitschrift für Missionswissenschaft und Religionswissenschaft, 78. Jahrgang, 1994, Heft 1, S. 3-24, ISSN 0044-3123
*Gottes Wort und Teufels Einfluß, in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 03.12.2006, S. 63
* Holthaus, Stephan, Fundamentalismus in Deutschland: Der Kampf um die Bibel im Protestantismus des 19. und 20. Jahrhunderts, 2. Aufl. Bonn: Verlag für Kultur und Wissenschaft, 2003. (ISBN 3-932829-85-9)
* Schnabel, Eckhard J. "Sind Evangelikale Fundamentalisten?" Wuppertal; Zürich: Brockhaus, 1996. (ISBN 3-417-29067-8)
Weblinks
Hinduismus: Auf dem Weg vom Universalismus zum Fundamentalismus? von Katharina Ceming
• Sind religiöse Gesellschaften "besser"?
• Fundamentalismus und religiöser Fanatismus in der Welt von heute - Bund für Geistesfreiheit und Humanistisches Bildungswerk Bayern
• Aktuelle Literatur zum religiösen Fundamentalismus
• Diskussion ? Kirche versus christlicher Fundamentalismus Argumentationen beider Ausrichtungen

