Cisiojanus
thumb|?Januar?_im_Cisiojanus_des_Speculum_humanae_salvationis_(Deutsche_Handschrift,_ca._1430;_Kopenhagen,_Monatsbilder.Der Cisiojanus ist ein Merkgedicht, das bei der Datierung der unbeweglichen Heiligen- und Feiertage der römisch-katholischen Kirche hilft. Er verbreitete sich seit dem Ende des Hochmittelalters und stand bis in die Frühe Neuzeit im Gebrauch. Es gibt zahlreiche Fassungen des Cisiojanus, oft sind diese in einem lautmalerischen Pseudolatein geschrieben.
Im 11. Jahrhundert kam im abendländischen Europa die Datierung nach den römisch-katholischen Heiligen- und Feiertagen auf. Diese spiegelte die im Zuge der damaligen_Kirchenreformen wachsende Autorität des Papstes und dessen universellen Herrschaftsanspruch (Investiturstreit, Morgenländisches Schisma) wieder. Die neuen Kalenderdaten setzten sich gegen die bisher gebräuchlichen antik-römischen_Bezeichnungen durch, und der Tag wurde nun danach benannt, wie er zum nächstgelegenen Feier- oder Heiligentag stand, also beispielsweise ipso die omnium_sanctorum (?an Allerheiligen?) oder feria_quarta post diem omnium sanctorum (?am nächsten Mittwoch nach Allerheiligen?) oder pridie omnium sanctorum (?am Tag vor Allerheiligen?) oder octava omnium sanctorum (?eine Woche nach Allerheiligen?).
Zur Einprägung der zahlreichen nicht vom Osterdatum abhängigen, unbeweglichen Feier- und Heiligentage findet sich seit dem 13. Jahrhundert im ganzen deutschen Sprachraum der Cisiojanus, benannt nach dem Incipit der ersten Zeile. Seine Vorläufer waren im Versmass gehaltene Martyrologien und sein Ursprung liegt möglicherweise im Raum Köln/Aachen im 12. Jahrhundert, von wo er sich zuerst nach Nord- und Osteuropa und später auch westlich ausbreitete. In den am meisten verbreiteten Fassungen zählt das Gedicht 24 Zeilen (zwei für jeden Monat), ist im klassischen römischen Versmass des Hexameters verfasst und ahmt lateinische Lautfolgen nach.
Damit er seinen Silben, wie das Jahr Tage hat. Die Silben geben entweder als Eselsbrücken einen Hinweis auf die lateinische Bezeichnung eines Feier- bzw. Heiligentags (meist dessen erste Silbe), oder sie sind Füllsel. Dann setzen sie den vorangegangenen Hinweis auf den Festtag fort (also als dessen zweite, dritte usw. Silbe) oder markieren den Monat. Zudem können sich die Silben zu bedeutungslosen, aber versrhythmisch passenden Füllwörtern fügen. So lösen sich die zwei Verszeilen zum Januar (?cisio janus epi sibi vendicat oc feli mar an / prisca fab ag vincen ti pau po nobile lumen?) folgendermaßen auf:
Datierungen mit Hilfe des Cisiojanus schlagen sich in chronikalischen Notizen fest wie beispielsweise feria tertia ante diem s. Martini et erat in hac sillaba bre videlicet omne Novembre (?am Dienstag vor Martini, und das war in der Silbe ?bre?, gemeint ist selbstverständlich ?omne Novembre??). Bedingt durch die Vielzahl der Heiligen und deren regional wechselnde Bedeutung sowie durch die ebenso unterschiedlichen Feiertagsgebräuche entstanden zahlreiche Bearbeitungen des Cisiojanus von längerer oder kürzerer Form. Es gab ihn auch in den Volkssprachen, deutsche Fassungen sind seit dem 14. Jahrhundert belegt. Durch die Übertragung in andere Sprachtypologien traten anstelle des Hexameters andere Versmasse und Reime, und nicht mehr einzelne Silben, sondern ganze Worte bzw. Verse entsprachen den Feier- und Heiligentagen. Sehr viele Versionen sind fehlerhaft aufgrund von Missverständnissen bei der Abschrift oder durch den Einschub lokal wichtiger Heiligentage, die den Versrhythmus durcheinander bringen. Die zahlreichen Varianten führten auch zu wechselnden Bezeichnungen für dieses kalendarische Hilfsmittel: Cisianus, Cisioianus, Cisivianus.
Der Cisiojanus war Unterrichtsgegenstand und wurde nach der Einführung des Buchdrucks in gemeinnützigen Schriften verbreitet. Von der Auffassung, dass die erste Druckschrift Johannes Gutenbergs sogar ein Cisiojanus aus dem Jahr 1443/44 gewesen sei, ist man abgerückt; die Publikation unter dem Titel Cisioianus wird nun in das Jahr 1457 gesetzt. Neben seriösen Lehrfassungen entstanden allerdings auch volkstümliche, derbe Versionen, die eher Kinderreimen, Nonsensgedichten und Trinkliedern glichen. Aus Frankreich, wo das Merkgedicht erst zum Ende des 15. Jahrhunderts durch gedruckte Stundenbücher allgemein bekannt wurde, weist die dort um 1500 meistverbreitete Version bereits auf rabelaische Texte hin. Die Verse zum Januar lauten: En ian vier que les Roys ve nus sont (?Im Januar zur Ankunft der Könige?) / Glau me dit fre min mor font (?Bereiten die verfluchten Weinberge schauderhafte Tode?) / An thoin boit le iour vin cent fois (?Anton trinkt am Tag zweitausend Mal?) / Pol us en sont tous ses dois (?Haarig/Glattpoliert sind alle seine Finger davon geworden?).Erik Drigsdahl & CHD Center for Håndskriftstudier i Danmark: Cisio Janus in Latin and French - Printed Hore from Paris 1488-1530. ([http://www.chd.dk/cals/cisiojan.html Weblink], 13-01-2007.) Der Cisiojanus eignete sich auch zur mechanischen Umsetzung. In der Danziger_Marienkirche befindet sich noch heute eine astronomische Uhr von Hans Düringer aus dem 15. Jahrhundert mit einer Cisiojanus-Anzeige.
Die Abkehr von der Datierung nach den Festtagen der Heiligen wurde durch die Reformation im 16. Jahrhundert eingeleitet (obwohl selbst Reformatoren im Gebrauch des Cisiojanus unterrichteten) und verbreitete sich über das reformierte Gebiet hinaus, in der Art, dass die heute gebräuchliche fortlaufende Zählung üblich wurde: vicesima tertia die Junii (?23. Juni?). Im 17. Jahrhundert war der Cisiojanus im deutschen Sprachgebiet schließlich weitgehend außer Gebrauch gekommen.
Literatur
• Grotefend|Grotefend, Hermann]: Taschenbuch der Zeitrechnung des deutschen Mittelalters und der Neuzeit. Hahn, Hannover 1991, ISBN 3-7752-5177-4. ([http://www.manuscripta-mediaevalia.de/gaeste/grotefend/g_c.htm Online-Version von H. Ruth.])
* Beck, Friedrich u. Henning, Eckart: Die archivalischen Quellen - Mit einer Einführung in die Historischen Hilfswissenschaften. Böhlau Verlag / UTB, Weimar und Wien 2004, ISBN 978-3-8252-8273-8, S. 249.
Weblinks
• Erik Drigsdahl & CHD Center for Håndskriftstudier i Danmark: Cisio Janus in Latin and French - Printed Hore from Paris 1488-1530.
• GKS 79 2º: Speculum humanae salvationis (Abbildungen eines Cisiojanus von ca. 1430), [http://www.chd.dk/cals/gks79cal.html Erik Drigsdahl: Kalendarium in a Speculum humanae salvationis - Cisiojanus from Hainaut 1430 - Copenhagen - The Royal Library - Ms. GkS 79 2°] (Transkription der Abbildungen)
• Cisiojanus mit Erläuterungen zu den einzelnen Silben, Universitätsbibliothek Graz, Handschriftenkatalog: Katalogisat 1000, Bl. 52v-59v.
• Serapeum, 1848: Ein Cisio-Janus in ein Handschrift der Stadtbibliothek zu Leipzig, [http://www.digizeitschriften.de/no_cache/home/jkdigitools/loader/?tx_jkDigiTools_pi1%5BIDDOC%5D=236448&tx_jkDigiTools_pi1%5Bpp%5D=153 Serapeum, 1853: Ein deutscher Cisiojanus aus dem XV. Jahrhundert.], [http://www.digizeitschriften.de/no_cache/home/jkdigitools/loader/?tx_jkDigiTools_pi1%5BIDDOC%5D=237037&tx_jkDigiTools_pi1%5Bpp%5D=305 Serapeum, 1862: Französischer Cisiojanus des XVI. Jahrhunderts.], [http://www.digizeitschriften.de/no_cache/home/jkdigitools/loader/?tx_jkDigiTools_pi1%5BIDDOC%5D=227188&tx_jkDigiTools_pi1%5Bpp%5D=327 Serapeum, 1867: Lateinischer Cisiojanus. Aus einer Königsberger Handschrift des XIV. Jahrhunderts.]
• Astronomische Uhr der Danziger Marienkirche mit Cisiojanus-Anzeige.

