Chikungunya-Fieber
Das Chikungunya-Fieber ist eine durch das Chikungunya-Virus (CHIKV) ausgelöste, mit Fieber und Gelenkbeschwerden einhergehende tropische Infektionskrankheit, die durch Stechmücken übertragen wird. Die Erkrankung ist insbesondere im östlichen und südlichen Afrika, auf dem indischen Subkontinent, in Südostasien und seit einigen Jahren auf den Inseln im Indischen Ozean verbreitet. Chikungunya heißt der gekrümmt Gehende und ist ursprünglich Makonde. Im Deutschen wird die Krankheit auch ?Gebeugter Mann? genannt. Die exakte Diagnose kann nur durch Blutuntersuchungen gestellt werden. Es besteht Labormeldepflicht gemäß Infektionsschutzgesetz (IfSG). Eine klinische ärztliche Meldepflicht besteht nur dann, wenn das klinische Bild eines hämorrhagischen_Fiebers erfüllt ist.Robert-Koch-Institut: Chikungunya-Fieber - eine Übersicht. In: Epidemiologisches Bulletin. 10. März 2006 / Nr. 10, S. 75-77, ([http://www.rki.de/cln_011/nn_876602/DE/Content/Infekt/EpidBull/Archiv/2006/10__06,templateId=raw,property=publicationFile.pdf/10_06 PDF; 117 kB]) Dies ist beim Chikungunya-Fieber, im Gegensatz zu einigen anderen tropischen Viruserkrankungen, nur selten der Fall. Bei den meisten Betroffenen verläuft die Erkrankung gutartig und selbstlimitierend, bleibende Schäden und Todesfälle sind selten. Eine spezifische Behandlungsmöglichkeit oder Impfung existiert derzeit nicht. Zur Vorbeugung kann die Vermehrung und Ausbreitung bestimmter Mückenarten bekämpft werden, Reisende in Risikogebiete können sich nur durch das Vermeiden von Mückenstichen schützen.
Erreger
Das krankheitsverursachende Chikungunya-Virus ist ein behülltes Einzel(+)-Strang-RNA-Virus [ss(+)RNA] und gehört zur Gattung Alphavirus aus der Familie der Togaviridae. Außerdem gehört das Virus zur Gruppe der Arboviren, wird also durch den Stich von Gliederfüßern übertragen. Die Entdeckung des Erregers wird auf das Jahr 1953 datiert. Das Virion hat einen Durchmesser von etwa 60 nm und gehört damit zu den kleineren Viren. Es ist empfindlich gegenüber Hitze (über 58 °C), Austrocknung, Seife und Desinfektionsmitteln.
Entsprechend der unterschiedlichen geographischen Verbreitung des Virus (siehe auch unter Vorkommen) wird das Virus heute in fünf verschiedene Varianten eingeteilt, die sich genetisch unterscheiden: eine westafrikanische, eine zentralafrikanische, eine ost- und südafrikanische, eine des Indischen Ozeans sowie eine asiatischePhilippe Parola et al.: Novel Chikungunya Virus Variant in Travelers Returning from Indian Ocean Islands.. In: Emerging Infectious Diseases. Bd. 12, Nr. 10, 2006, S. 1493-1499, ([http://www.cdc.gov/ncidod/eid/vol12no10/pdfs/06-0610.pdf PDF; 363 kB])..
Die möglichen Übertragungszyklen (Mensch-Mensch = urbaner Zyklus bzw. Tier-Mensch = sylvatischer Zyklus) ähneln wie auch das klinische Krankheitsbild teilweise dem Affen und Nagetiere festgestellt wordenRobert-Koch-Institut: Chikungunya-Fieber - eine Übersicht. In: Epidemiologisches Bulletin. 10. März 2006 / Nr. 10, S. 75-77, ([http://www.rki.de/cln_011/nn_876602/DE/Content/Infekt/EpidBull/Archiv/2006/10__06,templateId=raw,property=publicationFile.pdf/10_06 PDF; 117 kB]).
Geschichte und Verbreitung
Das Chikungunya-Fieber ist erstmals 1952 in Asiatischen_Tigermücke Aedes albopictus auf weite Teile des südlichen Afrikas und Südostasiens ausgebreitet. Seit etwa zehn Jahren sind auch Inseln im Pazifik und im Indischen_Ozean betroffen. Im letzten Gebiet des Auftretens auf den Inseln vor Ostafrika fehlt den dortigen Bewohnern und den Urlaubern aus Europa eine Immunität. Außerdem besteht in den letzten Jahren die Tendenz, dass sich die afrikanischen Varianten in Richtung Asien ausbreiten.
Ein gehäuftes Vorkommen des Chikungunya-Fiebers wird zur Zeit insbesondere aus folgenden Ländern bzw. Gebieten berichtet: Java von einer Epidemie betroffen, nachdem die Krankheit dort 20 Jahre lang nicht epidemisch aufgetreten war.
Ab Dezember 2005 grassierte auf der französischen Insel La Réunion eine schwere Chikungunya-Epidemie. Diese erreichte im Februar 2006 ihren Höhepunkt, um bis Ende 2006 langsam abzuklingen. Es wurden nach Angaben der Behörden 266.000 Personen und damit etwa ein Drittel der Bevölkerung infiziert, bei 254 Todesfällen im Jahr 2006 wurde das Chikungunya-Fieber als Ursache vermutet. Von den vermuteten Todesfällen waren überwiegend ältere Menschen (über 70 Jahre) betroffen.
Die Epidemie auf La Réunion wurde dadurch begünstigt, dass das Virus dort bislang unbekannt war und die Bevölkerung zuvor keine Immunität besaß. Die wirtschaftlichen Auswirkungen der Epidemie auf die vom Tourismus abhängige Insel könnten schwerwiegend sein.
Auch andere Inseln im Indischen Ozean waren betroffenIsabelle Schuffenecker et al.: Genome Microevolution of Chikungunya Viruses Causing the Indian Ocean Outbreak.. In: PLoS Medicine. Bd. 3, Nr. 7, 2006, S. 1058-1070, ([http://medicine.plosjournals.org/archive/1549-1676/3/7/pdf/10.1371_journal.pmed.0030263-S.pdf PDF; 332 kB]).. In Stechmücken der Gattungen Malariamücken (Anopheles), Aedes, Culex und Mansonia übertragen werden. Bislang sind als eindeutige Überträger (Vektoren) die Gelbfiebermücke Aedes aegypti und die ursprünglich aus Ostasien stammende Asiatische Tigermücke Aedes albopictus (neue Bezeichnung: Stegomyia albopicta) nachgewiesen Patrick Hochedez et al.: Chikungunya Infection in Travelers. In: Emerging Infectious Diseases. Bd. 12, Nr. 10, 2006, S. 1565-1567, ([http://www.cdc.gov/ncidod/eid/vol12no10/pdfs/06-0495.pdf PDF; 128 kB]).. Auch diese nur etwa fünf Millimeter große, schwarz-weiß gestreifte und sehr aggressive Mücke, die am Tage sticht und dies teilweise sogar durch die Kleidung hindurch, hat sich weltweit ausgebreitet und überträgt neben dem Chikungunya-Fieber auch noch das Inkubationszeit von in der Regel drei bis sieben (Maximalbereich zwei bis zwölfCDC Fact Sheet: Chikungunya Fever (engl.) [http://www.cdc.gov/ncidod/dvbid/Chikungunya/chickvfact.htm]) Tagen entwickeln die Betroffenen in der Regel rasch ansteigendes und hohes Fieber mit schweren Gelenkschmerzen mit hoher Berührungsempfindlichkeit, so dass sie sich kaum noch aufrecht halten können. Die Gelenkbeschwerden treten dabei meist in beiden Körperhälften aufRobert-Koch-Institut (Hrsg.): Steckbriefe seltener und importierter Infektionskrankheiten. Berlin 2006, ISBN 3-89606-095-3 ([http://www.rki.de/cln_006/nn_225576/DE/Content/InfAZ/Steckbriefe/Steckbriefe__120606,templateId=raw,property=publicationFile.pdf/Steckbriefe_120606 PDF; 4,3 MB]).. Das Fieber dauert in der Regel nur wenige (im Mittel drei) Tage an.
Andere häufige Symptome sind:
*Muskel- bzw. Gliederschmerzen (70-99 % der FälleDokumentation des Institut Pasteur, Paris 2006 (frz.) [http://www.pasteur.fr/actu/presse/documentation/chik.htm])
*LymphknotenschwellungenDokumentation des Institut Pasteur, Paris 2006 (frz.) [http://www.pasteur.fr/actu/presse/documentation/chik.htm]
*Hautausschlag (etwa 50 % der Fälle, meist makulo-papulös mit eingestreuten Inseln normaler Haut, nicht bis mäßig juckendDokumentation des Institut Pasteur, Paris 2006 (frz.) [http://www.pasteur.fr/actu/presse/documentation/chik.htm],Patrick Hochedez et al.: Chikungunya Infection in Travelers. In: Emerging Infectious Diseases. Bd. 12, Nr. 10, 2006, S. 1565-1567, ([http://www.cdc.gov/ncidod/eid/vol12no10/pdfs/06-0495.pdf PDF; 128 kB]).)
*punktförmige Hautblutungen (Petechien)
*leichtere Formen von Schleimhautblutungen, z. B. aus der Nase oder am Zahnfleisch (ca. 25 % der FälleDokumentation des Institut Pasteur, Paris 2006 (frz.) [http://www.pasteur.fr/actu/presse/documentation/chik.htm])
*Kopfschmerzen
*Erschöpfung (?Fatigue?)
*Augenentzündungen (meist als Injektion der Bindehäute erkennbar)
Normalerweise klingt die Erkrankung nach etwa zwei Wochen von selbst wieder ab und es bleiben keine Schäden zurück. Nach überstandener Krankheit kommt es zu lebenslanger Immunität.
Auch asymptomatische Verläufe, bei denen die Infizierten keinerlei Beschwerden bemerken, sind möglich.
Komplikationen
Die oben geschilderten Symptome können gelegentlich wiederkehren oder bis zu mehreren Monaten (in seltenen Fälle auch Jahren) anhalten. Insbesondere lang andauernde Gelenkbeschwerden wurden in etwa 5 bis 10 % der Fälle beschriebenRobert-Koch-Institut (Hrsg.): Steckbriefe seltener und importierter Infektionskrankheiten. Berlin 2006, ISBN 3-89606-095-3 ([http://www.rki.de/cln_006/nn_225576/DE/Content/InfAZ/Steckbriefe/Steckbriefe__120606,templateId=raw,property=publicationFile.pdf/Steckbriefe_120606 PDF; 4,3 MB]).. Weiterhin können durch die Erkrankung gelegentlich eine fulminante Leberentzündung (Hepatitis), starke neurologische Störungen, Hirnhautentzündungen oder sogar Gehirnschäden verursacht werden. Auf La Réunion kam es durch diese Erkrankung sogar zu mehreren Todesfällen (siehe unten). Im Gegensatz zu anderen Viren, die ähnliche Tropenkrankheiten verursachen können, ist aber bei Chikungunya die Verlaufsform eines hämorrhagischen_Fiebers sehr selten.
Diagnose
Ein charakteristisches klinisches Zeichen ist die starke Druckschmerzhaftigkeit eines oder beider HandgelenkePhilippe Parola et al.: Novel Chikungunya Virus Variant in Travelers Returning from Indian Ocean Islands.. In: Emerging Infectious Diseases. Bd. 12, Nr. 10, 2006, S. 1493-1499, ([http://www.cdc.gov/ncidod/eid/vol12no10/pdfs/06-0610.pdf PDF; 363 kB]).. In den routinemäßigen Laboruntersuchungen findet man unspezifische Veränderungen wie eine Verringerung der Lymphozytenzahl (Lymphopenie), der Thrombozytenzahl (Thrombozytopenie), der roten Blutkörperchen (Anämie) und Erhöhung verschiedener Enzyme im Serum (vor allem LDH, ASAT, ALAT und CK). Das C-reaktive_Protein_(CRP) ist meist nur leicht erhöht. IgM-Antikörper sind in den meisten Fällen bereits wenige Tage nach Krankheitsbeginn vorhanden, häufig auch IgG-Antikörper. Zu deren Nachweis stehen verschiedenene serologische Methoden wie ELISA, Immunfluoreszenz-, Neutralisations- und Hämagglutinationshemmtests zur VerfügungRobert-Koch-Institut: Chikungunya-Fieber - eine Übersicht. In: Epidemiologisches Bulletin. 10. März 2006 / Nr. 10, S. 75-77, ([http://www.rki.de/cln_011/nn_876602/DE/Content/Infekt/EpidBull/Archiv/2006/10__06,templateId=raw,property=publicationFile.pdf/10_06 PDF; 117 kB]). In den ersten Tagen der Erkrankung kann die Virus-RNA auch direkt im Blut durch RT-PCR oder Virusanzucht in der Zellkultur nachgewiesen werden. In Frankreich wird daher folgende diagnostische Vorgehensweise empfohlen: Wenn ein Patient sich fünf Tage nach Symptombeginn oder später in einer medizinischen Einrichtung vorstellt, sollte eine serologische Untersuchung durchgeführt werden, davor eine RT-PCRZusammenfassung des Institut de veille sanitaire, Saint-Maurice (Frankreich) 2006 (frz.) ([http://www.invs.sante.fr/surveillance/chikungunya/fiche_chikungunya.pdf PDF; 40 kB]).
Der Erregernachweis im Labor ist nach §7 Infektionsschutzgesetz meldepflichtig, da das Chikungunya-Virus ein möglicher (wenn auch seltener) Erreger eines viralen_hämorrhagischen_Fiebers_(VHF) ist. Der Verdacht des behandelnden Arztes ist hingegen im Rahmen des dualen Meldesystems nur dann meldepflichtig, wenn tatsächlich das klinische Bild eines hämorrhagischen Fiebers vorliegt.
Differenzialdiagnose
Insbesondere die Unterscheidung vom Dengue-Fieber kann Probleme bereiten, da sich die geographische Ausbreitung beider Erkrankungen stark überschneidet und beide Krankheiten sich anhand der Symptome nicht eindeutig unterscheiden lassenPatrick Hochedez et al.: Chikungunya Infection in Travelers. In: Emerging Infectious Diseases. Bd. 12, Nr. 10, 2006, S. 1565-1567, ([http://www.cdc.gov/ncidod/eid/vol12no10/pdfs/06-0495.pdf PDF; 128 kB]).. Ähnliche Beschwerden wie das Chikungunya-Fieber kann auch das seltenere und insbesondere regional auf Ostafrika begrenztere erforderlich machen. Die Gabe von Acetylsalicylsäure sollte unbedingt vermieden werden, da dieser Wirkstoff die Funktion der Blutplättchen irreversibel beeinträchtigt und im Rahmen der Erkrankung ein Mangel_an_Blutplättchen sowie (selten) ein hämorrhagischer Verlauf mit schweren Blutungen vorkommen kann.
Vorbeugung
Es existiert bislang kein Impfstoff zur Vorbeugung dieser Erkrankung.
Einzig wirksame vorbeugende Gegenmaßnahmen sind die Bekämpfung der Mücken, geschlossene Kleidung, Mückenspray und Moskitonetze. Die Mückenbekämpfung in tropischen Regionen ist schwierig, da diese Insekten besonders zur Regenzeit dort auftreten, wo eine chemische Bekämpfung kaum möglich ist, ohne die Fauna nachhaltig zu schädigen. Im häuslichen Bereich ist eine Vorbeugung möglich, indem stehende Wasseransammlungen vermieden werdenZusammenfassung des WHO Regional Office for South-East Asia (engl.) [http://www.searo.who.int/en/Section10/Section2246.htm]. Dies erschwert den Überträgermücken die Vermehrung.
Quellen
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