Chausseestraße
Die Chausseestraße in Berlin-Mitte/Wedding bildet die Verlängerung der Friedrichstraße vom Oranienburger Tor in nordwestlicher Richtung. Sie liegt vor dem Oranienburger Tor und ist die älteste Straße der Oranienburger Vorstadt. Die Straßenlänge beträgt circa 2 Kilometer in Nordwest-Südost-Richtung; die Straße geht in die Müllerstraße im Stadtteil Wedding über.
Benennung
Der Name der Straße stellt eigentlich eine Tautologie dar, ist doch eine Chaussee nichts anderes als eine ausgebaute Straße.
Der bis 1750 als Ruppiner Heerweg und bis 1800 als Ruppiner Straße und Oranienburger Landstraße benannte Verbindungsweg zwischen Berlin und Tegel wurde um 1800 als gepflasterte Kunststraße ausgebaut und in Anlehnung an die aus Frankreich stammende Bezeichnung in Chausseestraße umbenannt.
Diese haltbare Form war gegenüber den bis dahin üblichen Sandwegen etwas Neues, und als erste derartige Straße in der Mark erhielt sie ihren Namen.
Das von den Anwohnern im Jahre 1861 eingereichte Gesuch, wegen der Tautologie die Straße in ?Humboldtstraße? umzubenennen, wurde jedoch vom Magistrat abgelehnt.
Nutzung
Friedhöfe
Um 1730 wurde auf der Westseite unmittelbar außerhalb des Oranienburger Tores ein großes Gelände ausgewiesen und freigehalten, das nachfolgend vier Begräbnisplätze aufnahm. Teilweise wurden darauf ab Mitte des 19. Jahrhunderts Mietshäuser gebaut. Die Brandmauern weisen auf beabsichtigte vollständige Überbauung hin.
# der Friedhof der katholischen Hedwigskirche, inzwischen mit Mietshäusern Chausseestraße 129?131 bebaut (in letzterem wohnte bis 1976 Wolf Biermann), auf einem Flächenteil ggf. heute ?Haus der Deutschen_Bischofskonferenz?
# der Friedhof der Charité in der heutigen Hannoverschen Straße, um 1880 auf Teilen Neubau des Leichenschauhauses der Charité; inzwischen bis auf eine kleine Restfläche bebaut, darunter auch die Katholische Akademie.
# der bekannte ?Dorotheenstädtische_Friedhof? (1762 angelegt); inzwischen allerdings etwas verkleinert, u. a. um das Mietshaus Chausseestraße 125 (Brecht-Weigel-Gedenkstätte)
# der Friedhof_der_Französischen_(reformierten)_Gemeinde (1780 angelegt)
Militär und Sport
Auf der Westseite der südlichen Chausseestraße befindet sich ein Gelände, welches bereits Anfang des 19. Jahrhunderts als ?Exercierplatz der Artillerie? genutzt wurde.
= Kaserne
=Die Kaserne der Gardefüsiliere wurde ab 1865 in mehreren Bauabschnitten auf dem Exerzierplatz der Artillerie errichtet.
Füsiliere galten als Eliteformationen in der preußischen Infanterie. Garderegimenter waren sozial hochrangige Einheiten, deren Offiziere aus höchsten Adelskreisen stammten. Gardefüsiliere genossen also in der Wilhelminischen_Zeit neben den Gardekürassieren und dem ?1. Bataillon Garde? das maximale Prestige. Wegen ihrer Uniform (braune Paspelierung) wurden sie in Berlin ?Maikäfer? genannt.
Während der verhältnismäßig unblutig verlaufenen Revolution am 9. November_1918 gab es hier drei Todesopfer (von fünfzehn). Arbeiter- und Soldatenräte hatten die Mannschaften des Gardefüsilier-Regiments zum Niederlegen der Waffen aufgefordert. In der Kaserne schossen jedoch die Offiziere, und der 24-jährige Werkzeugmacher Erich Habersaath wurde als erstes Berliner Opfer der Novemberrevolution tödlich getroffen. Das Kasernentor, in dessen Nähe sich dies ereignete, lag an der Straßenecke Kesselstraße / Chausseestraße. 1951 wurde die bisher nach einem Kommandanten des Invalidenhauses ? General v.Kessel ? benannte Querstraße in Habersaathstraße umbenannt.
Nach dem Ersten_Weltkrieg erfolgte eine Nutzung als Polizeikaserne, der Exerzierplatz wurde zum Polizeisportplatz bzw. als Polizeistadion ausgebaut.
Im Zweiten_Weltkrieg wurde die Garde-Füsilier-Kaserne mit Ausnahme weniger Nebengebäude (bis heute erhalten) zerstört.
1950 wurde auf dem Exerzierplatz das mittlerweile wieder abgerissene ?Walter-Ulbricht-Stadion? angelegt, noch zu dessen Lebzeiten in ?Stadion der Weltjugend? umbenannt.
Die Brachfläche wurde nach der Wende von einem kommerziellen Sportartikelhersteller für Beachvolleyballplätze bzw. als Abschlagplatz für den Golfsport genutzt.
Seit dem 19. Oktober 2006 entsteht hier die neue Zentrale des Bundesnachrichtendienstes.
= Lazarett
=Gegen Ende des 19. Jahrhunderts wurde der Platz um das ?Königliche Garnisons Lazarett? erweitert. 1932 erfolgte eine Nutzung dieses Gebäudes als ?Staatskrankenhaus der Polizei?.
Nach dem Ende des Zweiten_Weltkrieges bis zur Wende folgte die Nutzung als ?Krankenhaus der Deutschen Volkspolizei? in unmittelbarer Nachbarschaft zum Grenzübergang Chausseestraße.
Heute ist es das ?Bundeswehrkrankenhaus Berlin?.
Maschinenbau
Entlang der Ostseite der Chausseestraße befand sich im 19. Jahrhunderts ein Schwerpunkt der Berliner Maschinenbauindustrie.
Die Gegend wurde wegen der vielen Schornsteine Feuerland genannt (siehe dort für eine Auflistung der einzelnen Betriebe).
Bei Ansiedlung der Fabriken lag dieses Industriegebiet außerhalb der Stadtgrenze; am Ende des Jahrhunderts hatte sich die Stadt weit darüber hinaus ausgedehnt.
Alle Fabriken der Innenstadt wurden nun auf größere Flächen bei den neuen Vororten umgesiedelt, beispielsweise ging die Firma_Borsig nach Borsigwalde.
Um die Jahrhundertwende (etwa 1900) wurde das ehemalige Industriegelände vorwiegend mit den typischen Mietskasernen überbaut.
Theater
Gegenüber der Kesselstraße (heute Habersaathstraße) wurde zwischen den Fabriken ?Meisels Sommertheater? gebaut, vorübergehend auch als ?Woltersdorff-Theater? firmierend. Es entwickelte sich zu einem der führenden Operettentheater Berlins. 1860 wurde es eröffnet und bereits im ersten Jahr wurden über hundert Vorstellungen des Orpheus in der Unterwelt gegeben, dazu häufig Suppé aufgeführt. Als das für Operetten bekannte Friedrich-Wilhelmstädtische_Theater zum ?Deutschen Theater? gemacht worden war, wurde es ?Neues Friedrich-Wilhelm-Städtisches Theater? genannt.
U-Bahn
Unter der Chausseestraße verläuft die bis 1930 als Nord-Süd-Bahn bezeichnete jetzige U-Bahnlinie 6 mit den jeweils in der Straßenmitte errichteten Ein- und Ausgängen der U-Bahnhöfe Reinickendorfer Straße, Schwartzkopffstraße, Zinnowitzer Straße und Oranienburger Tor, welche seit der Errichtung der Berliner Mauer und bis zur Wende allesamt ? bis auf den in West-Berlin gelegenen Bahnhof Reinickendorfer Straße ? als Geisterbahnhöfe existierten und nur für die Grenztruppen der DDR zugänglich waren.
Neue Nutzer
Ende der 1990er-Jahre galt die Berliner Chausseestrasse wegen der zahlreichen dort angesiedelten Internet- und eCommerce-Unternehmen als das ?Silicon Valley? Deutschlands. Noch heute haben viele Werbe- und Internet-Agenturen ihren Sitz in der Chausseestraße.
Bekannte Anwohner
Ernst Schering kaufte 1851 die ?Schmeißersche Apotheke? in der Chausseestraße 21, nun ?Grüne Apotheke?.
Karl Liebknecht betrieb hier zusammen mit seinem Bruder Theodor eine Anwaltskanzlei.
Albin Köbis wohnte zwischen den Fabriken in der Chausseestraße 16.
Bertolt Brecht lebte in der Chausseestraße 125 (heute Gedenkstätte) direkt neben dem Dorotheenstädtischen_Friedhof, auf dem er auch bestattet wurde.
Wolf Biermann lebte bis zu seiner Ausbürgerung 1976 in der Chausseestraße 131 und nahm hier die Langspielplatte gleichen Namens auf.
Weblinks
• chausseestrasse.net: Internet-Parodien aus dem ?Silicon Valley? Deutschlands

