Charles Hallgarten
Charles Lazarus Hallgarten, (18. November 1838 in Mainz; ? 19. April 1908 in Frankfurt am Main), war ein deutsch-US-amerikanischer Bankier, Philanthrop und Sozialreformer.Hallgarten lebte von 1851 bis 1875 in New_York und war Gründer oder Mitbegründer zahlreicher z. T. heute noch in Frankfurt existierender Institutionen. Zu Lebzeiten war er eine weit über Frankfurt hinaus bekannte Persönlichkeit, während er heute fast vergessen ist.
Leben
Mainz ? Herkunft und Kindheit
Charles Hallgarten stammte aus einer seit Jahrhunderten in Mainz ansässigen jüdischen Familie. Seine Eltern waren die aus Mannheim stammende Eleonore Hallgarten geb. Darmstädter und der Geschäftsmann Lazarus Hallgarten. Charles, als ?Karl? ins Geburtenbuch eingetragen, hatte zwei ältere und zwei jüngere Geschwister.
Lazarus Hallgarten ging 1845 oder 46 nach New York und gründete das Bankhaus Hallgarten & Co. in der Wall Street-Gegend. Seine Familie blieb noch bis 1851 in Deutschland und lebte in dieser Zeit im Haus eines Onkels in Mannheim.
New York ? Jugend, Ausbildung, Beruf und Heirat
Ab 1851 lebte die Familie gemeinsam in New York. Charles wurde (und blieb) amerikanischer Staatsbürger, besuchte Schule und College, beschäftigte sich mit Sprachen und Literatur, der Natur und dem Reiten. Während des amerikanischen Bürgerkrieges (1861?1865) vertrat er als entschiedener Gegner der Sklaverei die Position der Nordstaaten.
1864 heiratete er seine Kusine Elise Mainzer, 1865 wurde der erste Sohn Fritz geboren, 1869 die Tochter Henriette und 1870 der Sohn Robert.
Charles wurde 1868 Teilhaber des väterlichen Bankhauses. Er zeigte ein großes Interesse an sozialen Fragen und an der Organisation privater Wohltätigkeit. 1875 verließ er mit seiner Familie New York und die USA, nachdem er sich mit Tuberkulose angesteckt hatte, wahrscheinlich durch seine Besuche in Elendsvierteln. Er blieb stiller Teilhaber des Bankhauses.
Frankfurt ? Wohltätigkeit als Beruf
Nach mehrjährigem Aufenthalt in südlicheren Gegenden Europas zur Wiederherstellung seiner Gesundheit ließ sich die Familie 1877 in Frankfurt am Main nieder, wohin es schon geschäftliche und private Verbindungen gab.
Seine dortigen Aktivitäten im sozialen Bereich begannen mit der Mitgliedschaft in einer wohltätigen Vereinigung der Israelitischen Gemeinde seit 1882. Nach und nach trat er anderen Organisationen bei, wurde in Vorstände gewählt, gründete weitere Vereine, organisierte Gelder, steuerte selbst erhebliche Mittel bei. Insgesamt war er Mitglied von über 40 Institutionen und Vereinen. Koordinierung und Organisation von Sozialhilfeeinrichtungen zur Überwindung der Zersplitterung von Aktivitäten der privaten Fürsorge nach dem Vorbild New Yorker Wohlfahrtsorganisation waren sein besonderes Anliegen. Auch als Förderer von Kunst, Wissenschaft und Bildung war er aktiv.
Am 19. April 1908 starb Charles Hallgarten an einem Schlaganfall. Er wurde unter großer Anteilnahme der Bevölkerung auf dem jüdischen Friedhof in Frankfurt am Main beerdigt.
Wirken
Charles Hallgarten trug viel zur Entwicklung weg vom reinen Almosengeben hin zur modernen Sozialfürsorge bei, z.B. auf dem Gebiet der Kinder- und Jugendhilfe (Gründung von Kinderhorten, Kinderkrippen, Säuglingsmilchküchen, Erholungsheimen, des Vereins Kinderschutz). Einige der von Charles Hallgarten gegründeten Institutionen sind auch heute noch von enormer Bedeutung. Dazu zählt der Kalmenhof in Idstein, gegründet als Heim für ?idiotische? Kinder (Eröffnung 1888). Heute ist das Sozialpädagogische Zentrum Kalmenhof eine Einrichtung des Landeswohlfahrtsverbandes Hessen, in dem von etwa 300 MitarbeiterInnen 370 geistig behinderte, lernbehinderte und verhaltensauffällige Kinder und Erwachsene stationär und weitere 130 ambulant betreut werden.
Sein Engagement für die Förderung lernbehinderter Kinder durch die Beteiligung an der Gründung der ersten Frankfurter ?Hilfsschule? wurde gewürdigt, indem die nach Hallgartens Tod 1913 als 3. ?Hilfsschule? der Stadt Frankfurt gegründete Hallgartenschule nach ihm benannt wurde.
1890 erfolgte die Gründung der ?Aktienbaugesellschaft für kleine Wohnungen? (heute ABG-Holding). Wie in anderen Großstädten war auch in Frankfurt durch den enormen Anstieg der Einwohnerzahlen (Verdoppelung der Frankfurter Bevölkerung innerhalb von zehn Jahren) die Wohnungsnot der ärmeren Bevölkerung groß (Überbelegung, schlechte hygienische Verhältnisse). Grundstücke wurden erworben, Siedlungen gebaut. Die ABG entwickelte sich zum größten und aktivsten gemeinnützigen Bauverein; viele hundert Wohnungen zu erschwinglichen Preisen einschließlich Infrastruktur (Vereinshaus, Volksküche, Kinderhorte, Spielplätze etc.) entstanden.
Weiterhin waren seine Aktivitäten auf dem Gebiet der Frauenförderung bedeutsam: Auf Charles Hallgartens Betreiben und mit seiner finanziellen Unterstützung wurde in Frankfurt die erste Rechtsschutzstelle für Frauen eingerichtet und die erste Juristin in Deutschland angestellt. Er unterstützte die Frauenrechtlerin Bertha Pappenheim und war Mitbegründer eines Vereins, der ledigen Schwangeren half.
Persönlichkeit
Einer der Gründe dafür, dass Charles Hallgarten selbst in Frankfurt weitgehend vergessen ist, liegt sicher in seiner persönlichen Bescheidenheit. Gerühmt zu werden war ihm offenbar nicht wichtig. Er bekleidete keine öffentlichen Ämter, sondern wirkte fast ausschließlich als Privatmann.
Dass er trotzdem ein berühmter Mann war, zeigen v.a. die Berichte über seine Beerdigung, an der über 20.000 Menschen teilnahmen. 20 Reden wurden gehalten. Es sprach u.a. der Frankfurter Oberbürgermeister Franz Adickes. In den Reden wurden seine Güte, seine Tatkraft und seine liberale Gesinnung hervorgehoben. Dass Charles Hallgarten ein ungeheuer fleißiger Mensch gewesen sein muss, geht unmittelbar aus der Menge seiner Aktivitäten hervor. Er muss ein disziplinierter Arbeiter mit großem Organisationstalent gewesen sein. Zeugnisse über den privaten Charles Hallgarten existieren durch seinen Sohn Robert und Enkel Fritz.
In der Biographie ?Charles Hallgarten. Leben und Wirken eines Frankfurter Sozialreformers? wird von Ulrich Stascheit auf eine Verbindung zwischen den Familien Hallgarten und Mann sowie auf auffällige Parallelen zwischen der Figur des philanthropischen Multimillionärs Samuel Spoelmann in Thomas Manns ?Königliche Hoheit? und Charles Hallgarten hingewiesen.
Literatur
*Hans-Otto Schembs, Arno Lustiger (Hrsg.): "Charles Hallgarten. Leben und Wirken eines Frankfurter Sozialreformers und Philantropen", Societäts-Verlag, Frankfurt 2003, ISBN 3-7973-0850-7
Weblinks
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* Sabine Hock: [http://www.dieneueepoche.com/articles/2005/11/18/6525.html Hallgarten hieß die Hoffnung]. Der Frankfurter Philanthrop wies neue Wege in der Sozialfürsorge. Geboren am 18. November 1838. In: Die Neue Epoche online, 18.11.2005.

