Charles-Eugène Boucher de Boucherville
Charles-Eugène Boucher de Boucherville (4. Mai 1822 in Montreal; ? 10. September 1915 ebenda) war der dritte und zehnte Premierminister der primär französischsprachigen kanadischen Provinz Québec (erste Amtszeit: vom 22. September 1874 bis zum 8. März 1878, zweite Amtszeit: vom 21. Dezember 1891 bis zum 13. Dezember 1892) seit der Formierung Kanadas als Bundesstaat im Jahr 1867. Er gehörte der Konservativen Partei an, die während seiner beiden Amtszeiten die Regierung stellten.
Biographie
Charles-Eugène Boucher de Boucherville wuchs als eines von drei Kindern eines Gutsherrn auf und besuchte das Petit Séminaire de Montréal, wo er 1840 seinen Abschluss machte. Er schrieb sich anschließend für Medizin an der McGill University in Montreal ein und absolvierte einen Teil des Studiums in Paris. Dort schloss Boucherville sein Studium ab und kehrte 1843 zurück. Nach dem Erhalt seiner Approbation eröffnete er eine Praxis in Varennes, wo er bis 1861 biieb. Er zog anschließend nach Boucherville, wo er sich, vorerst im kommunalen Bereich, gänzlich der Politik verschrieb.
Im Juli 1861 wurde Boucherville zum ersten Mal für den Wahlkreis Chambly ins Unterhaus der Provinz Kanada gewählt. 1863 wurde er wiedergewählt, er blieb Mitglied des Unterhauses bis zur Formierung des neuen kanadischen Bundesstaats 1867. Der erste Premierminister von Québec, Pierre-Joseph-Olivier Chauveau, berief Boucherville zum Sprecher des Québecer Senats (dem er bis zu seinem Tod im Jahr 1915 angehören sollte), was ihn automatisch zum Mitglied des Kabinetts machte.
Chauveaus Nachfolger Gédéon Ouimet ersetzte Boucherville als Sprecher im Februar 1873 mit John Jones Ross. Nach dem Rücktritt Ouimets aufgrund des Tanneries-Skandals wurde er, der eine allseits anerkannte politische Figur war, als der richtige Mann für einen Neuanfang angesehen. Im September 1874 wurde er schließlich als Premierminister, Secrétaire de la province (engl. provincial secretary, ein spezifisch kanadisches Amt), Registerführer und Bildungsminister vereidigt.
Bouchervilles erste Amtszeit beinhaltete zunächst die Aufarbeitung des Tanneries-Skandals, in dem die Schuldfrage der damaligen Regierung ausgeklammert, aber die Annullierung des Vorgangs, der den Skandal begründete, erreicht wurde. Des weiteren brachte er Wahlrechtsreformen auf den Weg, die der Wahlgerechtigkeit zu Gute kamen und korruptes Unwesen eindämmten. Im Gegenzug zog sich der Staat aus dem Schulwesen zurück und überließ dieses Feld in großem Maß den katholischen und protestantischen Kirchen, was das zweigeteilte Schulsystem für lange Zeit (bis 1998) zementierte.
Die Entscheidung der Regierung, den kostspieligen Schienennetzausbau durch die anliegenden Gemeinden mitfinanzieren zu lassen, rief den Widerstand des Lieutenant Governor Luc Letellier de Saint-Just hervor, der Boucherville nach seinem Gesetzesvorstoß im Januar 1878 schließlich absetzte. Das Verhältnis zwischen beiden war zuvor bereits angespannt gewesen. Bouchervilles Nachfolger wurde Henri-Gustave Joly de Lotbinière, der zum ersten liberalen Premierminister Québecs wurde, allerdings mangels parlamentarischer Mehrheit zuerst einmal eine von Letellier de Saint-Just gewährte Regierungsauflösung und Neuwahlen durchführen musste. Trotz der knappmöglichsten Wahlniederlage der Liberalen (1 Sitz weniger als die Konservativen, 2 unabhängige Konservative im Parlament) konnte Joly de Lotbinière die erste (liberale) Minderheitsregierung stellen. Aufgrund der Niederlage des konservativen Unterhausführers wurde Bouchervilles Autorität weiter untergraben, was seinen Rücktritt vom Parteivorsitz unumgänglich machte.
Boucherville wirkte im Senat weiter und konzentrierte sich dort auf lokale Themen, wo die Eisenbahn ein Streitpunkt blieb. Ironischerweise kam er durch einen Vorfall, der sich wieder um einen auf die Eisenbahn bezogenen Streit (bzw. diesmal einen Skandal) drehte, unverhofft zu einer zweiten Amtszeit. Der damalige, bereits neunte Premierminister Honoré Mercier wurde vom Lieutenant Governor Auguste-Réal Angers im Dezember 1891 entlassen und durch Boucherville ersetzt. Wieder gab es ein Mehrheitsproblem, diesmal freilich umgekehrt, da nun die Liberalen die Mehrheit der Abgeordneten im Unterhaus stellten. Die Neuwahlen gingen indes zu Gunsten der Konservativen aus. Eine in Bouchevilles zweiter Amtszeit lancierte Gesetzesänderung ermöglichte Frauen die Teilnahme an Kommunal- und Schulwahlen, obwohl diese nach wie vor nicht selbst als Kandidatinnen antreten durften. Sein Hauptaugenmerk galt jedoch ökonomischen Belangen, es kam zu einer Reihe von Steuerauferlegungen auf Berufsbereiche, die bisher nicht betroffen waren, wie z.B. Anwälte, Geschäftsinhaber und anderen.
Ende 1892 tauschten Auguste-Réal Angers (bis dahin Lieutenant Governor von Québec) und der frühere (fünfte) Premierminister, Joseph-Adolphe Chapleau (bis dahin Staatssekretär in Ottawa), ihre Ämter. Boucherville, dessen Verhältnis zu Chapleau angespannt war, wollte nicht mit diesem als neuen Lieutenant Governor zusammenarbeiten und erklärte seinen Rücktritt, riet jedoch Chapleau noch dazu Louis-Olivier Taillon zu seinem Nachfolger zu ernennen, was dann auch geschah. Er wirkte anschließend wieder weiter im Senat, wo er sich 1900 einem Versuch, diesen abzuschaffen (dies geschah erst 1968), entgegenstellte. Diesmal widmete er sich eher den Bundesangelegenheiten, sprach sich gegen eine Erhöhung der Kopfsteuer für chinesische Immigranten aus und unterstützte Bestrebungen, einen Hauptstadtdistrikt für Ottawa am Vorbild des US-amerikanischen District of Columbia zu schaffen. In seiner letzten bedeutenden politischen Aktion wandte er sich gegen die Gründung einer kanadischen Marine, zum einen aufgrund der Kosten, zum anderen wegen der Gefahr in Konflikte Großbritanniens hineingezogen zu werden, konnte diese letztendlich aber nicht verhindern.
1914 wurde Boucherville wegen seiner loyalen Dienste zum Ritter geschlagen. Er starb nach kurzer Krankheit 93jährig im September 1915.
Hauptquelle
Dictionary of Canadian Biography Online: [http://www.biographi.ca/FR/ShowBio.asp?BioId=41345 französische Fassung], [http://www.biographi.ca/EN/ShowBio.asp?BioId=41345 englische Fassung]

