Christoph Schlingensief
Christoph Schlingensief (24. Oktober 1960 in Oberhausen) ist ein deutscher Film- und Theater-Regisseur, Hörspielautor, Aktionskünstler und Talkmaster.
Er ist Sohn eines Apothekers und einer Kinderkrankenschwester. Geprägt wurde er unter anderem von seinem Einsatz in der Katholischen Jugend, u.a. als Ministrant. Schon früh veranstaltete er im Keller seiner Eltern "Kulturabende". Damals noch junge Künstler wie Helge Schneider oder Theo Jörgensmann traten dort auf. Für seine Aktion "Mein Filz, mein Fett, mein Hase" auf der documenta X 1997 in Kassel, auf der er für seine Parole "Tötet Helmut Kohl" von der Polizei verhaftet wurde, erhielt er später das Bundesverdienstkreuz, damals verliehen durch den Bundespräsidenten Roman Herzog.
Film
Schlingensief begann bereits mit zwölf Jahren mit Schmalfilmen zu experimentieren, versuchte sich in seiner Studienzeit als Musiker (Vier Kaiserlein, u.a mit Tobias Gruben) und erlangte mit seiner Deutschlandtriologie, den Filmen 100 Jahre Adolf Hitler - Die letzte Stunde im Führerbunker, Das deutsche Kettensägenmassaker und Terror 2000 erstmals größere Bekanntheit als Regisseur.
Aktionen
Seine Theater-Performance im Bundestagswahlkampf 1998, der Gründung der Partei Chance 2000, kann als Versuch gesehen werden, die Grenze zwischen Kunst und Politik verwischen zu wollen. Der mediale Höhepunkt war die Einladung an alle vier Millionen deutschen Arbeitslosen, gleichzeitig im Wolfgangsee zu baden, ihn zum Überlaufen zu bringen und dadurch das Urlaubsdomizil von Helmut Kohl zu fluten. Dies war für den damaligen Bürgermeister von Salzburg Josef Dechant Grund genug, die Aktion zu verhindern. Die Süddeutsche Zeitung schrieb am 25. Juni 1998: ?Der Bürgermeister und Kulturreferent der Stadt Salzburg, Josef Dechant, hat das Kulturfestival Szene Salzburg aufgefordert, ein geplantes Chance 2000 Projekt Schlingensiefs abzusagen. Andernfalls würden Subventionen in Höhe von 500.000 Mark einbehalten.? Das Kulturfestival gab ihm nach. Der Berliner Zeitung vom 25. Juni 1998 zufolge wäre aber der Wasserspiegel nur um 2 cm angestiegen, viel zu wenig um das Haus von Helmut Kohl unter Wasser zu setzen. Statt vier Millionen kamen immerhin etwa Hundert. Die Partei nannte Schlingensief die Partei der Arbeitslosen und von der Gesellschaft Ausgegrenzten. Ihr Wahlslogan hieß ?Scheitern als Chance!?.
Theater
Schlingensief verwirklichte als Theaterregisseur zahlreiche Produktionen an der Berliner Volksbühne. Ihre Resonanz verdanken sie vor allem der Künstlerpersönlichkeit "Typ Schlingensief", zumindest der landläufigen Meinung, das Ferment der öffentlichen Wirksamkeit Schlingensiefs sei einzig und allein das simple Mittel der Provokation.
Berüchtigt durch seine bisherigen Arbeiten wurde er zu Produktionen an andere große Schauspielhäuser im deutschsprachigen Raum eingeladen, da das Publikum inzwischen Geschmack an seinen Skandalen gefunden hatte. 1997 nannte ihn der Kritiker C. Bernd Sucher in der Süddeutschen Zeitung noch euphorisch ?einen der letzten Moralisten unter den deutschen Theatermachern?, der nicht um der Provokation willen provoziere, sondern ?trotzig wie ein Kind und starrsinnig wie ein Weiser auf die herrschenden Verhältnisse? reagiere. Dies bestreiten inzwischen einige Kritiker, die dem Aktionskünstler Provokation um der Provokation willen bescheinigen. Der ?Schlingensief´sche Verwertungskosmos?, so René Hamann in der taz vom 17. Januar 2007, ?diese sich selbst verdauende Referenzhölle? macht Kritiker zu Frontberichterstattern. Hamanns Fazit: ?Aber um Erkenntnis, Sichtung, Licht geht es bei Schlingensief schon lange nicht mehr.?
Professur
Seit Oktober 2005 ist Christoph Schlingensief Gastprofessor an der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig am Fachgebiet ?Kunst in Aktion?.
Werkübersicht
Filme (Auswahl)
* "African Twintowers" (2005)
* "hamlet X" (mit Herbert Fritsch, Alexander Beyer, Meret Becker, Milan Peschel) (2003)
* "Freakstars 3000" (2003)
* "Die 120 Tage von Bottrop" (1997)
* "United Trash" (1995/96)
* "Terror 2000 - Intensivstation Deutschland" (1991/92)
* "Das Deutsche Kettensägenmassaker" (mit Rainald Schnell) (1990)
* "100 Jahre Adolf Hitler - Die letzte Stunde im Führerbunker" (1989)
* "Mutters Maske Blutsturz"(1987/88, mit Helge Schneider)
* "Egomania - Insel ohne Hoffnung" (mit Tilda Swinton) (1986)
* "Menu Total" (mit Helge Schneider, Anna Fechter) (1985/86)
* "Tunguska - Die Kisten sind da" (mit Alfred Edel und Irene Fischer) (1984)
Fernsehen
* "Die Piloten - 10 Jahre Talk 2000", voraussichtlich ARTE (2007)
* "Durch die Nacht mit...", ZDF/ARTE (2002/2004)
* "Freak Stars 3000", VIVA (2002)
* "U 3000", MTV (2000)
* "Talk 2000", VOX (1997)
Theater (Auswahl)
* "Der Fliegende Holländer", Teatro Amazonas Manaus, Brasil (2007)
* "Kaprow City", Volksbühne Berlin (2006)
* "Area 7 Matthäusexpedition", Burgtheater Wien (2006)
* "African Twintowers - der Ring 9/11", Namibia (2005)
* "Fickcollection, A. Hipler", bundesweite Theatertournee (2005)
* "Kunst und Gemüse", Einladung zum Berliner Theatertreffen, Volksbühne Berlin (2004)
* "Parsifal", Richard-Wagner-Festspiele in Bayreuth (2004)
* "Attabambi-Pornoland" nach Elfriede Jelinek, Schauspielhaus Zürich (2004)
* "Bambiland" nach Elfriede Jelinek, Burgtheater Wien (2003)
* "ATTA ATTA - Die Kunst ist ausgebrochen", Volksbühne Berlin (2003)
* "Quiz 3000 - Du bist die Katastrophe, Volksbühne Berlin (2002)
* "Rosebud", Volksbühne Berlin (2001)
* "Hamlet" (nach William Shakespeare), Schauspielhaus Zürich (2001)
* "Erster imaginärer Opernführer" zusammen mit Alexander Kluge, Volksbühne Berlin (2001)
* "Berliner Republik", Volksbühne Berlin (2001)
* "Artisten in der Zirkuskuppel - Ratlos", Volksbühne Berlin im Prater (1998)
* "Schlacht um Europa I - XLII", Volksbühne Berlin (1997)
* "Rocky Dutschke '68", Volksbühne Berlin (1996)
* "Hurra, Jesus! Ein Hochkampf!", Steirischer Herbst Graz (1995)
* "Kühnen ?94 - Bring mir den Kopf von Adolf Hitler", Volksbühne Berlin (1994)
* "100 Jahre CDU - Spiel ohne Grenzen", Volksbühne Berlin (1993)
Aktionen
* "Ragnarök", Installation im Museum der Bildenden Künste Leipzig (2006)
* "Chickenballs - Der Hodenpark", Museum der Moderne, Salzburg (2006)
* "Der Animatograph" Island Edition, Reykjavik Arts Festival (2005)
* "Wagner-Rallye", Ruhrfestspiele Recklinghausen (2004)
* "Church of Fear", Biennale Venedig (2003)
* "Aktion 18 - Tötet Politik!" (2002)
* "Bitte liebt Österreich", Wiener Festwochen (2000)
* "Deutschlandsuche `99 (1999-2000)
* "7 Tage Entsorgung für Graz" (1998)
* "CHANCE 2000" - Wahlkampfzirkus, Wahlkampf, Baden im Wolfgangsee, Wahlkampftournee (1998)
* "Passion Impossible - 7 Tage Notruf für Deutschland", Deutsches Schauspielhaus Hamburg (1997)
* "Mein Filz, mein Fett, mein Hase - 48 Stunden Überleben für Deutschland", documenta X Kassel (1997)
Bücher und CDs (Auswahl)
* "AC: Church of Fear". Christoph Schlingensief. Katalog zur Ausstellung im Museum Ludwig Köln, Interviews von Hans Ulrich Obrist und Alice Koegel, Text von Jörg van der Horst, 2005, Verlag der Buchhandlung König
* "Ausbruch der Kunst. Politik und Verbrechen". Band II. Carl Hegemann (Hg.). Mit Josef Bierbichler, Bazon Brock, Boris Groys, Thomas Hausschild, Carl Hegemann, Peter Nadas, Christoph Schlingensief, Peter Sloterdijk, Frank-Patrick Steckel und Peter Weibel, 2004, Alexander Verlag
* "Schlingensiefs Freakstars 3000". Christoph Schlingensief. Audio-CD, 2002, DHV DER HÖRVERLAG
* "Rosebud". Audio-CD, ausgezeichnet mit dem Hörspielpreis der Kriegsblinden, 2004, PATMOS
* "Rosebud". 2002, KIEPENHEUER & WITSCH
* "Nazis rein / Nazis raus". Torsten Lemmer / Christoph Schlingensief. 2002, SUHRKAMP
* "Zum Kapital - Als Christoph Schlingensief das Unsichtbare gesucht hat." Johannes Stüttgen / Christoph Schlingensief. 2000, FIU-Verlag
* "Engagement und Skandal", Gespräch zwischen Josef Bierbichler, Christoph Schlingensief, Harald Martenstein und Alexander Wewerka, Mit einem Essay von Diedrich Diederichsen, 1998, ALEXANDER VERLAG
Weblinks
• Offizielle Webpräsenz
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