Carola Neher
Carola Neher (2. November 1900 in München; ? 26. Juni 1942 in Sol-Ilezk, Sowjetunion) war eine zur Zeit der ausgehenden Weimarer Republik bedeutende deutsche Schauspielerin.Leben
Nach ihrer Schulausbildung arbeitete sie zunächst als Bankangestellte. Ohne gründliche Ausbildung spielte sie ab Sommer 1920 am Baden-Badener Kurtheater, in Darmstadt und Nürnberg. Schließlich wird sie an die renommierten Münchener Kammerspiele engagiert, erhält dort aber nur Stückverträge für kleine Rollen. 1924 geht sie ans ?Lobe-Theater? nach Breslau , an dem auch Therese Giehse und Peter Lorre spielten. Dorthin folgt ihr aus München der Dichter Klabund (Alfred Henschke), den sie 1925 heiratet. Der lungenkranke Klabund, zehn Jahre älter als sie, ist bereits ein bekannter Lyriker. Die Uraufführung seines Stücks ?Der Kreidekreis? in Breslau wird für Carola Neher zu ihrem ersten großen Erfolg.
1926 geht sie nach Berlin, wo sie mit Bert Brecht zusammenarbeitet. 1928, Neher probt (als Polly) gerade Brechts ?Dreigroschenoper?, stirbt Klabund in Davos an Tuberkulose. Die legendäre Premiere findet ohne sie statt.
In den nächsten Jahren schreibt Brecht für sie die Rollen der Heilsarmistin Lilian Holiday in ?Happy End? und ?Die Heilige Johanna der Schlachthöfe?, 1931 spielt sie in der Verfilmung der "Dreigroschenoper" dann doch noch die Polly. Weitere Erfolge feiert sie als Marianne in Horvaths ?Geschichten aus dem Wienerwald? und in der Revue ?Ich tanze um die Welt mit dir?.
Nach einer Liaison mit dem Dirigenten Hermann Scherchen heiratet sie 1932 den aus Rumänien stammenden Ingenieur Anatol Becker. 1933 unterzeichnete die der KPD nahestehende Neher mit anderen Künstlern einen Aufruf gegen Hitler. Im Frühjahr 1933 muss sie Deutschland verlassen. Mit Anatol Becker geht sie zunächst nach Prag, 1934 emigrierten beide dann in die Sowjetunion. In Moskau engagierten sie sich im Kabarett "Kolonne Links", am 26. Dezember 1934 wird dort ihr Sohn Georg geboren.
1936 geraten beide in die Große Säuberung und werden verhaftet. Becker wird 1937 als "Trotzkist" hingerichtet, Neher zu zehn Jahren Arbeitslager verurteilt. Nach fünf Jahren Haft stirbt sie im Lager Sol-Ilezk an Typhus.
Insbesondere Bertolt Brecht als einflussreicher, bekannter, deutscher Schriftsteller hätte versuchen können, ihre Freilassung zu bewirken. Dies tat er nicht, wie einige Zeitgenossen registrierten. Der Trotzkist Walter Held (Pseudonym von Heinz Epe) klagte Brecht wegen seines Schweigens an:
?Das traurigste und beschämendste Kapitel an dieser blutigen Tragödie [der Ermordung Carola Nehers und anderer Emigranten] ist die Haltung der offiziellen deutschen Emigration gegenüber dem Schicksal ihrer nach der Sowjetunion ausgewanderten Mitglieder. Die deutsche ?Volksfront?: die Herren Heinrich und Thomas Mann, Bertolt Brecht, Lion Feuchtwanger, Arnold Zweig, die Weltbühne, die ?Pariser Tageszeitung?, die ?Volkszeitung?, (...) sie alle, alle hüllen sich in Schweigen. Sie, Herr Brecht, haben Karola Neher gekannt. Sie wissen, daß sie weder eine Terroristin noch eine Spionin, sondern ein tapferer Mensch und eine große Künstlerin war. Weshalb schweigen Sie? Weil Stalin Ihre Publikation ?Das Wort?, die verlogenste und verkommenste Zeitschrift, die jemals von deutschen Intellektuellen herausgegeben worden ist, bezahlt? Woher nehmen Sie noch den Mut, gegen Hitlers Mord an Liese Hermann, an Edgar André und an Hans Litten zu protestieren? Glauben Sie wirklich, daß Sie mit Lüge, Knechtseligkeit und Niedrigkeit die Kerkerpforten des Dritten Reiches sprengen können??Artikel ?Stalins deutsche Opfer und die Volksfront?, in der Untergrund-Zeitschrift "Unser Wort", Nr. 4/5, Oktober 1938, S. 7f.; zitiert nach Michael Rohrwasser, Der Stalinismus und die Renegaten, Die Literatur der Exkommunisten, Stuttgart 1991, S. 163; Klammern im Zitat übernommen von Rohrwasser.
Anmerkungen
Ehrungen
Im Berliner Ortsteil Hellersdorf erinnert eine Carola-Neher-Straße an die Schauspielerin. Ihr Sohn Georg, der seine Mutter nach der Verhaftung nicht mehr gesehen hatte, lebt seit 1975 wieder in Deutschland.
Im Jahr 1995 wurde in Weimar auf einem russischen Soldatenfriedhof unterhalb des Schlosses Belvedere das Stück "Bleiche Mutter, Zarte Schwester" von Jorge Semprún, in dem er das Leben der Carola Neher verarbeitete, uraufgeführt. Die Rolle der Carola Neher / Iphigenie wurde von Hanna Schygulla dargestellt, die Regie führte Klaus Michael Grüber.
Rollen
Theater (Premierenrollen)
*Der Kreidekreis (1925, Klabund): Rolle der Hai-Tang
• Heilige Johanna der Schlachthöfe] (1930, Bertolt Brecht): Titelrolle
• aus dem Wienerwald] (1931, Ödön von Horváth): Rolle der Marianne
*Happy End (Bertolt Brecht): Rolle der Lilian Holiday
Film
• Dreigroschenoper] (1931, Bertolt Brecht): Rolle der Polly
Literatur
*Guido von Kaulla: Und verbrenn in seinem Herzen: Die Schauspielerin Carola Neher und Klabund. Herder, Freiburg/Br. 1984
*Matthias Wegner: Klabund und Carola Neher. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1996
*Tita Gaehme: Dem Traum folgen. Dittrich, Köln 1996
Weblinks
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• Portrait von Dietrich Nummert (Berlinische Monatsschrift)
• Lebensbild Neher vom Theater Baden Baden
• Portrait der KPÖ
• FemBiographie Carola Neher

