Carl Wentzel
Carl Wentzel (9. Dezember 1876 in Brachwitz; † 20. Dezember 1944 in Berlin-Plötzensee) war ein deutscher Agrarunternehmer und Opfer des 20. Juli 1944.Leben
Familie
Die Familie Wentzel war Ende des 18. Jahrhunderts aus dem Raum Magdeburg in die Hallesche Gegend eingewandert. Sein Großvater Carl E. Wentzel gründete und erbaute im Jahre 1848 die Zuckerfabrik Langenbogen. Ab 1858 erwarb er Landbesitz in Stedten, Amsdorf, Eisdorf und Teutschenthal. Weiterhin kaufte er drei Braunkohlengruben, darunter die Grube Henriette bei Eisdorf mit einer Jahresförderung von etwa 150.000 Tonnen Braunkohle. Der Vater erweiterte noch den landwirtschaftlichen Besitz des Großvaters.
Nach einem Studium der Landwirtschaft übernahm Carl Wentzel das väterliche Rittergut Teutschenthal bei Halle (Saale), das er bis zum Beginn des Zweiten Weltkrieges zu einem Wirtschaftsgroßbetrieb mit etwa 9.000 Hektar ausbaute. So kaufte er 3.000 Morgen bei Eisdorf, Schraplau, Stredten und Höhnstedt.
Dies beinhaltete auch das Erbe seiner Ehefrau Ella Wentzel geb. Zimmermann, das Agrarunternehmen "Johann Gottfried Boltze" aus Salzmünde, welches u.a. ein Stapelplatz des Getreidehandels des Mansfelder Kreises war und auch reiche Tonlager der umliegenden Gegend erschloss. Seit 1847 wurde das Unternehmen vorwiegend landwirtschaftlich genutzt.
Wirken
Insbesondere im Wohnungsbau für seine Angestellten engagierte sich Wentzel. Nach dem Ersten_Weltkrieg war er Vertreter Deutschlands auf internationalen Zuckerkonferenzen. Er erreichte diese Stellung durch seine herausragende Bedeutung zur Förderung der Zuckerrüben-Kultur und der Saatzuchtwirtschaft. Er entwicklete dabei ein horizontal und vertikal gegliedertes Wirtschaftssystem mit zahlreichen Veredelungszweigen.
Seine Produktion an Zucker erreichte jährlich 10 000 Tonnen. In der Viehhaltung hatte er Ende der zwanziger Jahre etwa 48 Bullen, 1 150 Kühe, 190 Färsen, 170 Kälber, 9 500 Schafe, Böcke und Lämmer sowie 1 550 Schweine. Seit 1921 betrieb er eine Saatzuchtanstalt zur Züchtung von Weizen.
Folgen des NS-Regimes
Nach der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten war er 1933 an der Erstellung des Vierjahresplanes zur Verbesserung der landwirtschaftlichen Produktion beteiligt. Dort lernte er den Generaldirektor der Oberhausener Gutehoffnungshütte Paul Reusch kennen, der 1935 einen Gesprächskreis ins Leben rief. Wentzel beteiligte sich daran und stellte sein Gut mehrfach als Tagungsort zur Verfügung, um über Probleme der Großindustrie zu debattieren. In diesem Zusammenhang weilte im November 1943 auch Carl Friedrich Goerdeler in Teutschenthal, um wirtschaftspolitische Hintergründe der Verschwörung gegen Adolf Hitler vorzustellen.
Das Angebot zur direkten Beteiligung an der Verschwörung vom 20. Juli 1944 lehnte Wentzel ab, wurde aber zehn Tage danach unter Mitwirkung des SS-Gruppenführers und Generalmajors der Polizei Ludolf von Alvensleben aus dem benachbarten Schochwitz, der in Besitz der Güter von Wentzel kommen wollte, durch die Gestapo inhaftiert. Der Volksgerichtshof unter dem Vorsitz von Roland Freisler verurteilte Carl Wentzel am 13. November 1944 zum Tode. Seine Frau und sein Sohn wurden ins KZ Ravensbrück deportiert.
Sein gesamter Besitz requirierte die SS einschließlich des Inventars. Das Urteil wurde am 20. Dezember durch Erhängen vollstreckt. Das Grab des Carl Wentzel befindet sich auf dem hallischen Stadtgottesacker.
Enteignung des Vermögens und Verbleib des Inventars
Infolge der Bodenreform nach 1945 wurde die Familie erneut enteignet. Zunächst wurde das Schloss an die Sach- und Lebensversicherung verpachtet. Das neu entstandene Land Sachsen-Anhalt erklärte den Pachtvertrag jedoch für ungültig und übernahm das Schloß Teutschenthal selbst. Der Wert des Schloss-Inventars war im Jahre 1941 durch eine Inventarliste, die 82 Gemälde, 23 Grafiken und 60 Möbel umfasste, auf 170 000 Reichsmark geschätzt worden. Nach dem Kriege konnten im Jahr 1946 im Schloss noch 20 Gemälde, vier Skulpturen, diverse Stiche und etwa 30 Möbelstücke in einer zweiten Inventarliste festgehalten werden. Der Wert dieser restlichen Stücke wurde auf 97 985 Mark geschätzt.
Das Land Sachsen-Anhalt übergab das Inventar des Schlosses weitgehend als Leihgabe an Museen, bzw. beließ es bei der Sach- und Lebensversicherung. Diese Versicherung ging im Jahre 1952 in die Deutsche Versicherunsganstalt (DVA) auf. Die DVA wurde nach dem Anschluß von der Allianz AG übernommen. Alle Objekte der ersten Inventarliste von 1941 findet man in der Internetdatenbank für verschollene und gesuchte Kunstwerke LostArt. Heute wohnen die Enkel wieder auf dem Familienbesitz Schloss Teutschenthal.
Funktionen in der Wirtschaft
* Vorsitzender der Vereinigung Mitteldeutscher Rohzuckerfabriken im Konzern Halle-Rositz-Holland
* Vorsitzender des Aufsichtsrats der Rositzer Zucker-Affinerie
* Vorsitzender des Aufsichtsrats der Zucker-Affinerie Halle
* Vorsitzender des Aufsichtsrats der Zucker-Vertriebsgesellschaft Halle-Rositz-Holland AG
* Vorsitzender des Aufsichtsrats der Zuckerkreditbank AG
* Vorsitzender des Grubenvorstands der Gewerkschaft des Bruckhof-Nietelebener Bergbau-Vereins (Halle an der Saale)
* Mitglied des Aufsichtsrats der Braunkohlen- und Brikettwerke Roddergrube AG
* Mitglied des Aufsichtsrats der Darmstädter und Nationalbank Berlin
* Mitglied des Aufsichtsrats des Halleschen Bankvereins Kulisch, Kämpf & Co. Kommanditgesellschaft auf Aktien, Halle an der Saale
* Vorsitzender des Verwaltungsrats der Saatgutverkaufsgesellschaft m.b.H Berlin
* Vorsitzender des Verwaltunsgrats der Firma von Lochow-Petkus G.m.bH. Berlin
Referenzen
* Georg Wenzel, Deutscher Wirtschaftsführer, Hanseatische Verlagsgesellschaft Hamburg-Berlin-Leipzig 1929
* Swantje Karich, Recht suchen, Artikel der FAZ vom 19. Januar 2007
Literatur
* Hubert Olbrich: Carl Wentzel-Teutschenthal : (1876 - 1944) ; zum Schicksal e. grossen Lebenswerkes im Wandel d. spezif. dt. Geschichte. Berlin 1981. ISBN 3-7983-0244-8
Weblinks
• GDW-Biografie mit Foto
• Kurzbiografie
• MDR-Film
• Biographie
Siehe auch
Persönlichkeiten des 20. Juli 1944
Widerstand gegen den Nationalsozialismus

