Carl Sonnenschein
Dr. Carl Sonnenschein (15. Juli 1876 in Düsseldorf; ? 20. Februar 1929 in Berlin) war ein durch sein Auftreten im Arbeitermilieu bekannter katholischer Priester; der "Zigeuner der Wohltätigkeit" (Kurt Tucholsky).
Leben
Kindheit
Sonnenschein wurde als Sohn eines Klempners geboren. Sein Großvater betreute neben der Klempnerei eine Pilgerherberge im Wallfahrtsort Hardenberg, sein Onkel hatte ein Krankenhaus in Borbeck gebaut und eine Kinderspeisung eingerichtet. Als Carl acht Jahre alt war, starb sein Vater. Die Mutter heiratete den Klavierstimmer und Musiklehrer Noll, der Carl bei seiner Ausbildung nach Kräften unterstützte. Schon an der Schule gründete Carl einen Hilfsverein.
Studium
Nach der Reifeprüfung studierte er in Bonn und am Collegium Germanicum in Rom, das von Jesuiten geführt wurde. Neben dem Studium erteilte er den armen Kindern der Umgebung Religionsunterricht und wurde bald als "Ragazzibändiger" bekannt. Er führte auch Besucher durch die Katakomben. 1897 erwarb er den Doktorgrad der Philosophie und 1900 den Doktorgrad der Theologie. Danach wurde er zum Priester geweiht. Er wurde später Ehrenmitglied der katholischen Studentenverbindungen K.St.V. Suevia (Köln) und K.St.V. Askania-Burgundia (Berlin) im KV.
Arbeit im Rheinland
1901 kehrte Sonnenschein nach Düsseldorf zurück. 1902 wurde er Kaplan in Aachen, 1903 in Köln-Nippes, wo er sich besonders in der Jugendarbeit engagierte. Er gründete eine Berufsberatung und Stellenvermittlung.
1904 wurde er nach Elberfeld versetzt. Sein Engagement galt hier der Mädchenbildung (er befürwortete das Frauenstudium) und der Seelsorge an den Heimarbeiterinnen. Zu seinen Aufgaben gehörte die Betreuung der italienischen Bergarbeiter, denen er eine eigene Zeitung ?Der Italiener in Deutschland? gründete. Er sorgte auch für die Anstellung des ersten Vertreters der Italiener bei der Landesregierung. Als die deutschen Arbeiter streikten, überzeugte Sonnenschein die Italiener, sich nicht als Streikbrecher missbrauchen zu lassen.
Bald war er berüchtigt für seine Neigung, potentielle Spender zu jeder Tages- und Nachtzeit aufzuspüren und für seine Vergeßlichkeit. 1906 wurde er wegen seiner unbequemen politischen Tätigkeit beurlaubt. Er widmete sich nun der literarischen Arbeit und fand schließlich eine Anstellung im katholischen Volksverein Münchengladbach (seit 1950 Mönchengladbach). Er unterstützte die christlichen Gewerkschaften, die für ihn ein Stück angewandtes Christentum waren. Wesentliche Anregungen verdankte er seiner Freundschaft mit Elisabeth Gnauck-Kühne.
1908 gründete er das ?Sekretariat Sozialer Studentenarbeit? in Münchengladbach. Dessen Zeitschrift waren die ?Sozialen Studentenblätter?. In seinem Haus richtete er eine Studentenburse ein und errichtete auch in anderen Städten sozialstudentische Zentralen, die er meist in Gewerkschaftsbüros und Gesellenhäusern unterbrachte. Dabei ließ er sich von den englischen Settlements inspirieren. Er richtete gemeinsame Fortbildungskurse für Studenten und andere Bevölkerungsschichten ein, die zum Vorläufer der katholischen Volkshochschulen wurden.
Während des Ersten Weltkrieges organisierte er Schriften- und Briefaktionen und setzte sich für die flämischen Kriegsgefangenen ein. Allerdings fiel er auch der Kriegspsychose anheim und verfasste nationalistische Schriften.
Nach dem Krieg gründete er in Münchengladbach ein Akademisches Arbeitsamt für Katholiken.
Arbeit in Berlin
1935, Alter_Domfriedhof_der_St.-Hedwigsgemeinde,_Berlin,_Liesenstraße]]
Bei Kriegsende ging Sonnenschein 1918 in den Tagen der Novemberrevolution aus Mönchengladbach nach Berlin. Im Sozialen Archiv des Volksvereins eröffnete er sein Büro, mit dem er mehrmals umzog, bis er sich schließlich in der Georgenstraße 44 niederließ.
Berühmt war seine Kartei, in der nicht nur die Hilfsbedürftigen, sondern auch die potentiellen Helfer gründlichst erfasst wurden, ein Zettelkasten der Sozialarbeit. Seine besondere Fürsorge galt der Nachkriegsnot des akademischen Proletariats, ihn bewegte die Berufsentfremdung und das vergeudete Wissenspotential. Auch um die christliche Beisetzung von Selbstmördern kümmerte er sich.
Bis 1925 wurde seine Arbeit vom Volksverein finanziell unterstützt, danach war er auf sich selbst gestellt. Vor allem durch Vorträge und Broschüren verdiente er etwas. 1924 gründete er ein Kirchenblatt für Akademiker, dazu übernahm er das bestehende Katholische Kirchenblatt, dessen Auflage er in den folgenden Jahren steigern konnte.
1923 begann er mit dem Aufbau einer katholischen Volkshochschule, 1926 eröffnete er mit Spendengeldern eine katholische Lesehalle, die er mit Rezensionsexemplaren füllte. Angeregt von seinen Wanderungen rund um Berlin gründete er den ?Geschichtsverein katholische Mark? und gab den ?Märkischen Kalender? heraus. Durch seine Initiative entstanden die Josephs-Siedlung in Tegel und die Siedlung Marienfelde-Mariengarten. Und wie früher unterrichtete er italienische Kinder. Am 15. April 1928 kam der Theologe Johannes Pinsk als sein Nachfolger nach Berlin.
Der Diözesangeschichtsverein in Berlin geht auf eine gemeinsame Gründung von Carl Sonnenschein, dem Historiker Karlheinrich Schäfer und Josef Deitmer im Jahr 1928 zurück. Der Verein hat zum Ziel, das Interesse für die lokale Kirchengeschichte zu wecken und zur wissenschaftlichen Erforschung beizutragen.
Die letzten zehn Jahre seines Lebens litt er an Herzmuskelschwäche. Nach seinem Tod wurde er nicht nur von den Katholiken, sondern auch von der jüdischen Gemeinde, den Sozialdemokraten und vielen anderen betrauert.
Sonnenschein wurde auf dem Berliner St.-Hedwigs-Friedhof bestattet. Für seine Grabstätte schuf der mit ihm befreundete Bildhauer Hans Perathoner 1935 ein an den Schnitzstil der Spätgotik angelehntes, expressionistisches Bronzekruzifix.
Zitate
Nicht nörgeln! Nicht abseits stehen! Nicht beleidigt sein! Zufassen! Unser Land aus Wirrnis und Not herausführen! Die christliche Kultur des Landes schützen, pflanzen entfalten! Der Demut solcher Arbeit gehört der Segen Gottes. - Notizen, 29. August 1926
Werke
* Notizen (Weltstadtbetrachtungen), Berlin 1926 bis 1928
* Sonntagsevangelien (Erklärungen), Berlin 1928
Literatur
* Alfred Kumpf: Ein Leben für die Großstadt, Leipzig 1980
Ernst Thrasolt: Carl Sonnenschein. Der Mensch und sein Werk, 1930
Ernst Thrasolt: Dr. Carl Sonnenschein. Erinnerungen und Geschichtsversuche, 1929
Weblinks
*

