Cantors zweites Diagonalargument
Cantors zweites Diagonalargument ist ein mathematischer Beweis dafür, dass die Menge der reellen_Zahlen überabzählbar ist. Der Mathematiker Georg Cantor fand ihn im Jahr 1877.Mit seinem ersten_Diagonalargument zeigte Cantor, dass die Menge der rationalen_Zahlen abzählbar ist, er gab eine umkehrbar eindeutige Abbildung (eine Bijektion) zwischen der Menge der natürlichen_Zahlen und der Menge der rationalen Zahlen an. Diese Abbildung erlaubt es anschaulich, alle rationalen Zahlen in eine unendlich lange Liste (eine Folge) untereinander zu schreiben.
Durch Widerspruch zeigte er, dass es für die reellen_Zahlen keine solche Liste gibt, d.h. keine Bijektion zu den natürlichen Zahlen.
Im Gegensatz zur allgemeinen Meinung ist dieser Beweis nicht Cantors erster Beweis der Überabzählbarkeit der reellen Zahlen. Cantors erster Überabzählbarkeitsbeweis wurde 1874, drei Jahre vor seinem Diagonalargument, veröffentlicht. Der erste Beweis arbeitet mit anderen Eigenschaften der reellen Zahlen und kommt ganz ohne ein Zahlensystem aus.
Beweis der Überabzählbarkeit der reellen Zahlen
Sei irgendeine Folge reeller Zahlen im halboffenen_Intervall . Wir werden zeigen, dass es mindestens eine reelle Zahl in diesem Intervall gibt, die nicht in der Folge vorkommt. Da diese Argumentation für jede beliebige Folge gilt, kann es keine Folge geben, die alle reellen Zahlen im Intervall enthält.
Die Zahlen in dieser als gegeben vorausgesetzten Folge sehen in ihrer Dezimalbruch-Entwicklung so aus:
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Hier sind die reelle Zahlen und die Dezimalstellen dieser reellen Zahlen. Die Diagonalelemente sind hervorgehoben, aus diesen konstruieren wir eine neue Zahl
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Jede Zahl der Folge definiert auf folgende Weise eine Dezimalstelle von .
:Wenn ist, setzen wir , sonst . Mit dieser Definition ist sichergestellt, dass eine andere Zahl ist als .
:Wenn ist, setzen wir , sonst . Mit dieser Definition ist sichergestellt, dass eine andere Zahl ist als .
Allgemein legen wir für jede natürliche Zahl fest:
:Wenn ist, setzen wir , sonst . Mit dieser Definition ist sichergestellt, dass eine andere Zahl ist als .
So gehen wir durch die ganze Folge und erhalten eine Zahl , die sich von allen Zahlen in der Folge unterscheidet, und die größer als 0 und kleiner als 1 ist. Diese Zahl nennt man die Diagonalzahl, die der Folge zugeordnet wird.
Die Folge enthält also nicht alle reellen Zahlen zwischen 0 und 1. Wählt man eine andere Folge, erhält man möglicherweise eine andere Diagonalzahl, aber wir haben bewiesen: Für jede Folge von Zahlen zwischen 0 und 1 gibt es eine Zahl zwischen 0 und 1, die nicht in dieser Folge enthalten ist. Deshalb enthält keine Folge alle reellen Zahlen zwischen 0 und 1. Das Intervall ist deshalb überabzählbar. Damit ist auch ganz überabzählbar.
Strenggenommen ist der Beweis noch dadurch zu komplettieren, dass man die Teilmengenbeziehung erwähnt; zusammen mit der Nichtexistenz einer Bijektion von nach erhält man, dass eine größere Mächtigkeit als hat, also überabzählbar ist.
Bei diesem Beweis ist es egal, welches der Intervalle , , oder man verwendet, da durch die Regel eine Diagonalzahl mit erzeugt wird, die in jedem dieser Intervalle enthalten ist.
Standpunkt der Konstruktivisten
Auf Kritik gestoßen ist Cantors Beweis der Überabzählbarkeit der reellen Zahlen durch das zweite Diagonalverfahren bei Leopold Kronecker, Hermann Weyl , L.E.J. Brouwer, Henri Poincaré und Ludwig Wittgenstein. - Konstruktivisten deuten das Cantorsche Diagonalverfahren anders als Cantor. Es wird selbst als Zahlenkonstruktionsverfahren verstanden. Die durch das Verfahren entdeckte Eigenschaft wird von konstruktiven Mathematikern als Offenheit (Paul Lorenzen) oder als Indefinitheit (Christian Thiel) der Mengen reeller Zahlen angesehen und nicht als die Überabzählbarkeit einer Menge.
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