Call cutta
Call cutta ist ein Theaterprojekt der Künstlergruppe Rimini Protokoll aus dem Jahr 2005, angekündigt als "The world's first Mobile Phone Theatre" (das weltweit erste Mobiltelefon-Theater). Grundprinzip der Aufführung ist, dass der Zuschauer - oder "Theatergänger" (Rimini Protokoll) - mit dem Darsteller telefoniert und dabei vom Darsteller entlang einer vorgeplanten Strecke durch die Stadt gesteuert wird. Jeder Zuschauer geht allein, die Aufführungen finden nachmittags bis Einbruch der Dunkelheit statt und alle Viertelstunde startet der nächste.Die Darsteller sitzen in einem Callcenter in Kolkata (früher anglisierend Calcutta) und steuern die so vereinzelten Aufführungen anhand eines Textbuches, das ihnen als digitales Dokument vorliegt. Das Stück verleiht dem Gang durch die Stadt und dem Telefonat, das dabei geführt wird, unterschiedliche Bedeutungsebenen. Es behandelt u.a. die Arbeitsbedingungen der meist sehr jungen indischen Callcenter-Angestellten, die darin trainiert werden, alles, was ihre kulturelle Identität angeht zu verschleiern und dem Kunden, sei er in Europa oder in den USA stets den Eindruck zu vermitteln, er spreche mit jemandem, der in seinem Kulturkreis beheimatet ist. Diesem Callcenter-Theater gegenüber stehen die teils tiefgreifenden Gespräche zwischen Darsteller und Theatergänger ? über Liebe, Lügen, Lebensziele etc. ? und teils solche, die wieder auf das Alltägliche der beiden Gesprächspartner lenken, Gemeinsamkeiten und Unterschiede ausloten. Stark im Vordergrund steht der spielerische Umgang mit der ungewöhnlichen Theatersituation, bei der die Frage, wer Darsteller ist und wer Rezipient nicht immer klar beantwortet werden kann. Auch steht das telefonische Theater des Callcenters mit all seinen stimmlichen und strategischen Tricks der "Stadt als Bühne" gegenüber, die durch die Geschichten und Klangzuspielungen via Telefon fiktionalisiert, ihre eindeutige Lesbarkeit verliert.
Die erste Stufe des Projekts im Viertel Hatibagan in Kolkata führte fiktiv entlang einiger Kindheitsorte des Callcenter-Agenten am Telefon und erzählte die Geschichte seines Einstiegs in die Callcenter-Jobmaschine und damit des Beginns der eingeübten Identitätsverschleierung zum Zweck der Kundennähe und beflügelt vom indischen Boom in der Informationsindustrie. Hier lagen die sprichwörtlichen "Welten" zwischen dem alten und von Modernisierung nicht tangierten Kolkata des Marktviertels Hatibagan und dem Callcenter, das in der seit den 70er Jahren auf trockengelegten See-Flächen entstehenden Trabantenstadt Salt Lake City (Bidhan Nagar) gelegen ist, wo die Firmen der neuen Technologien und ihre leitenden Angestellten ihren Sitz haben.
Der zweite, Berliner Gang, bei dem zwischen Callcenter und Zuschauerkundschaft mehr als 12 Flug- und 5,5 Zeitzonenstunden lagen, erzählte auch die Geschichte von Subhash Chandra Bose (1897-1945) ? einem politischen Gegenspieler Mahatma_Gandhis, der in den 40er Jahren in Berlin mit Hitler und NS-Außenminister Ribbentrop über ein Engagement des Dritten Reiches bei der Befreiung Indiens von der Hegemonie Englands verhandelt hatte und von Berlin aus aufrührerische Reden an das indische Volk richtete, die (wie die Call-Center-Anrufe heute) so klingen sollten, als wäre er nicht weit weg, sondern in der Nähe.
Call Cutta ist von dem indischen Filmemacher Anjan Dutta in einer gleichnamigen Dokumentation verfilmt worden.
Aufführungen
Kolkata: Startpunkt STAR THEATRE, Hatibagan ? 26. Februar -30. April 2006 (5 Tage wöchentlich)
* Berlin: Startpunkt HAU ZWEI, Hebbel am Ufer, Kreuzberg ? 2. April-26. Juni 2006 (4-5 Tage die Woche)
* Aufführungen einer nächsten Stufe des Projekts unter dem Titel Call Cutta in a box sind für 2008 angekündigt
Weblinks
• Call Cutta (in englischer Sprache)
• Rimini Protokoll
• Bei Anruf Kunst Dokumentation des Goethe Instituts zu "Call Cutta"
• "Und das Telefon sagt Du. Neue Arbeiten der freien Gruppen Rimini-Protokoll ("Call Cutta") und Gob Squad ("King Kong Club") im Berliner HAU Artikel aus "Freitag 15" (15.04.2005)

