Antonio Calegari
Antonio Calegari (* ca. 2. Oktober 1699 in Brescia; ? 15. Juli 1777 in Brescia) war ein italienischer Bildhauer.Leben und Werk
Antonio war vermutlich der älteste Sohn der drei Kinder Santo Calegaris (gen. "il Vecchio", Brescia 1668-1719 (?) ebd.). Sein Vater betrieb in Brescia eine Bildhauerwerkstatt. Carboni berichtet, dass Santo das Metier bei einem Schüler Alessandro Algardis erlernt habe, charakterisiert ihn als ernsten und besonders vielseitigen Künstler, der in allen Materialien arbeite, außerdem ein hervorragender Zeichner und Kupferstecher sei, und lobt dessen einprägsamen Stil, der "... nur schwer nachzuahmen ..." sei. Seine beiden Söhne - Antonio und dessen jüngerer Bruder Alessandro (Brescia Anf. 18.Jh.-ca. 1770(?)), die wahrscheinlich, wie bei Familienbetrieben nicht ungewöhnlich, früh in die väterliche Werkstatt eintraten - dürften also von Santo in den verschiedenen Techniken und Materialien ausgebildet worden sein. Es ist zu vermuten, leider jedoch nicht zu beweisen, dass Antonio während seiner Lehrzeit die großen Kunstzentren Venedig, Mailand und vielleicht auch Rom studienhalber besuchte. Dass er eine reguläre Ausbildung außerhalb der Heimatstadt durchlaufen haben könnte - wie von vielen Historikern angenommen wird - ist jedoch unwahrscheinlich. Bisher haben sich keine überzeugenden Anhaltspunkte für diese Hypothese gefunden. Geradezu dagegen spricht, dass Carboni nichts von einer auswärtigen Lehre oder längeren Abwesenheit Antonios aus Brescia mitteilt, was er - wie in den anderen, von ihm abgefassten Lebensläufen - sicherlich getan hätte.
Am 3. August 1719 war Santo il Vecchio in Brescia so schwer erkrankt, dass er nach einem Notar rufen ließ, um sein Testament aufzusetzen. Es ist der "Letzte Wille" eines nicht eben reichen Mannes. Die Ehefrau Caterina, die Söhne und die Tochter Geltrude wurden als Alleinerben der nicht genauer aufgelisteten Habe bestimmt. Kurz darauf ist der erst wenig über fünfzig Jahre alte Calegari vermutlich verstorben.
Wenn Carboni in der Vita Antonios schreibt, dass der Sohn vom Vater "... in jungen Jahren verlassen wurde ...", - "...rimasto dal Padre in ettà? piuttosto giovanile ..." - so bezieht er dies sicherlich nicht auf die Ausbildung des zwanzigjährigen Bildhauers, sondern wahrscheinlich auf die schwere Aufgabe Antonios, als ältester Sohn nun die Werkstatt selbstständig zu führen und die Familie zu ernähren.
Die Geschäfte gingen nach 1720 leidlich. Vor allem die alten Brescianer Kommittenten des Vaters - die Patres von SS. Faustino e Giovita, von S. Agata und die Familie Martinengo - versorgten den Familienbetrieb mit Aufträgen.
Im November 1721 wurde der erste Sohn Antonios, Santo (gen.: "il Giovane", gest. 1780) in S. Agata in Brescia getauft, der mit seinen jüngeren Brüdern Luca (Brescia 1731-ca. 1804), Giuseppe (erw. 1804) und den Cousins - den Söhnen Alessandro Calegaris - die Bildhauertradition der Familie in der dritten Generation fortführen wird. Man darf annehmen, dass Antonio seine Frau Angela mindestens ein Jahr vor der Geburt seines Sohnes geehelicht hatte, mit der festen Absicht, sich in Brescia zu etablieren, auch wenn ihm zu dieser Zeit nur wenige Bildwerke zur Ausführung übertragen wurden.
Die Gegebenheiten, die Calegari des öfteren gezwungen haben dürften, wie der Vater als Steinmetz, als Restaurator, bestenfalls als Kopist zu arbeiten, änderten sich 1727, als das vakante Bischofsamt der Stadt neu besetzt wurde. Mit Kardinal Angelo Maria Querini (1680 - 1755) bekam Brescia 1727 einen Bischof - 1727 berufen von Papst Benedikt XIII. - der die Stadt und Diözese kulturell zu einem Höhepunkt führte, der nur den Zeiten der Renaissance - genauer der 2. Hälfte des 15. Jahrhunderts - vergleichbar ist.
Mit seiner Amtsübernahme wurden die seit langem ruhenden Bauarbeiten am Neuen Dom von Brescia wieder aufgenommen und vom Kardinal mit großem finanziellen Einsatz energisch vorangetrieben.
Die für und in der Stadt arbeitenden fremden Meister wirkten wie eine ?kulturelle Entwicklungshilfe? auf die ortsansässigen Künstler, die den großstädtischen Stil schnell zu adaptieren wussten - der Erfolgreichste auf dem Gebiet der Skulptur war mit Abstand Antonio Calegari.
Auf seinen Durchbruch als Künstler musste Calegari bis in die Mitte der dreißiger Jahre des Jahrhunderts warten. Erst dann bot sich ihm die Chance, sowohl die einheimischen Gönner, als auch den wohl einflussreichsten Protektor, Kardinal Querini, von seinen Fähigkeiten zu überzeugen.
Das "Dommonument", für den Bischof von den Stadtverordneten gestiftet, bezeichnet den Wendepunkt in der Karriere des Bildhauers. Obwohl das Ehrenmal im Rahmen des Oeuvres nur von relativer künstlerischer Bedeutung ist und obendrein das Herzstück der Anlage, nämlich die Büste Querinis, bei einem auswärtigen Meister bestellt wurde, begann man in Brescia auf einmal, die stets stiefmütterlich behandelte Skulptur für sich zu entdecken.
Wahrscheinlich gab der Kardinal auch dazu den Anstoß. Durch das ihm zugeeignete Monument auf Antonio aufmerksam geworden, übertrug er dem Bildhauer den Auftrag für die zwei kolossalen Chorstatuen der "Heiligen Gaudentius und Philastrius". Vom obersten Kirchenherren der Diözese als erster einheimischer Künstler anerkannt, erhielt Calegari fortan mehr Kommissionen, als er allein im Stande war auszuführen.
Spätestens 1741 war der Bruder - Alessandro - deshalb von seiner Wanderschaft zurückgekehrt und in die Werkstatt eingetreten, die ihm, Antonio und der Schwester Geltrude vom Vater vererbt worden war. Er brachte vermutlich Giorgio und Antonio Ferretti mit in die Bottega, in der bereits Santo Calegari il Giovane seinem Vater bei der Arbeit geholfen haben dürfte.
Über die Organisation des Familienbetriebes weiß man leider nichts, doch spricht vieles dafür, dass zwischen den Brüdern oft die Aufgaben verteilt waren. Alessandro, der sich in Deutschland als Stukkateur auf die Ausführung von Ornamenten spezialisiert hatte, übernahm auch in Brescia und Umgebung bis hinauf nach Trient vor allem die Aufträge, die in vergänglichem Material auszuführen waren, und wurde dabei von Antonio Ferretti unterstützt. Seine Dekorationen, wie im Duomo Nuovo von Brescia ausnahmsweise in Marmor realisiert, sind nirgendwo verzeichnet, da es sich um Handwerk handelt. Viele seiner Stuckstatuen dürften bis heute unerkannt geblieben oder verloren sein, und das, was sich an Marmorbildwerken erhalten hat, qualifizierte ihn zu einem Bildhauer, der weit unter dem Niveau des Bruders in die Kunstgeschichte eingegangen ist.
Nur zwei Werke sind überliefert, die Antonio selbst in Stuck gearbeitet haben soll, und zwar ein heute verlorenes Relief für die Fassade der Biblioteca Queriniana in Brescia und die zwei Löwen mit dem Gaifami-Wappen im Stadtpalast der Familie. Er war ab 1735 so reichlich mit Aufträgen für Marmorbildwerke versorgt, dass er nicht mehr dazu kam, kleinere Kommissionen - wie die vier Engelfiguren für den Altare dello Spirito Santo in der Pfarrkirche von Alzano - auszuführen. Die Gips- oder Stuckstatuen, die man hin und wieder versucht hat Antonio zuzuschreiben, sind allesamt später entstanden, was aus der Abhängigkeit zu den Marmorskulpturen zu schließen ist.
Genauso zu bezweifeln ist die Annahme, Antonio sei Bronzebildhauer gewesen, was seit Fenaroli des öfteren behauptet wird. Er hat zwar in einigen Fällen die Modelle für den Guss entworfen; mit der Ausführung wurde jedoch stets ein Bronzegießer beauftragt - entweder Carlo Ferragnoli oder Domenico Filiberti.
In den vierziger - und fünfziger Jahren hatte sich Antonios Ruf bereits über die Grenzen der Brescianer Diözese hinaus ausgebreitet. Er wurde nach Cremona, Bergamo und in die Provinz dieser Bistümer berufen. Wahrscheinlich unterhielt Calegari seitdem mehrere Werkstätten, - wie zum Beispiel in Cremona - in denen der Marmor für die endgültige Bearbeitung von seinen Mitarbeitern vorbereitet wurde. Werke von künstlerisch bescheidenerem Anspruch wurden dort, nach Modellvorlagen, selbstständig ausgeführt.
Außer Alessandro, den Ferretti und namentlich uns unbekannten, anderen Bildhauern, dürften mittlerweile auch die Söhne und Neffen Antonios in der Bottega beschäftigt gewesen sein oder zumindest ihre Lehrzeit angetreten haben. Über die Identität der familienfremden Mitarbeiter kann man nur Vermutungen anstellen. Von Antonios Figurenerfindungen stark beeinflusst wurden mit Sicherheit Giovanni Battista und Bernardino Carboni, Antonio Ferretti, Gaetano Merchi, Diomiro Cignaroli, Citerio, Bartolomeo Robustelli, Antonio Gelfi und Stefano Salterio. Man nimmt deshalb an, dass einige von ihnen in der Brescianer Werkstatt ausgebildet worden seien.
Der einzige namentlich bekannte Schüler ist Antonio Possenti (Bergamo 1738-1768 Rom). In dessen posthumer Vita kann man nachlesen, dass der damals erst etwa Vierzehnjährige, als er "... vom Ruhm des Brescianer Bildhauers hörte ...", seinen Lehrer Giovanni Antonio Sanz verließ, um unter Antonio zu arbeiten. Possenti sei für zwei Jahre in der Bottega geblieben - zwischen 1752 und 1754 circa - in denen er "... unter der Anleitung des großen Meisters ... einmalige Fortschritte ..." gemacht habe. Empfohlen von Kardinal A.M. Querini, habe er anschließend seine Ausbildung in Rom, bei Bartolomeo Cavaceppi abgeschlossen und sei später ein erfolgreicher Antikenrestaurator und -kopist geworden.
Im Fall des Bildhauers Possenti war Antonios Einfluss zwar nicht stilprägend (eher der Cavaceppis), doch spricht die Passage in der Lebensbeschreibung des Schülers dafür, dass Calegari ein guter Lehrmeister gewesen sein muss. Für die jüngere Generation war die in der Lombardei zweifelsohne bekannte und gut angesehene Werkstatt offenbar von großer Anziehungskraft; die Begabteren - wie Antonio Possenti - durften sich von der Ausbildung in Brescia Instruktion und Förderung der eigenen Karriere versprechen, den weniger Befähigten bot sie doch zumindest ein Auskommen, und wenn auch nur auf dem Niveau des die Modelle des Meisters ausführenden Steinmetzen.
Viele der heute unbekannten, ehemaligen Schüler haben noch lange nach dem Tod Antonios in dessen Tradition weitergearbeitet. Die mittlerweile unzähligen Falschzuschreibungen sind ein augenfälliger Beleg dafür, dass sein Stil, noch bis in das folgende Jahrhundert hinein, nachgewirkt hat.
Antonio ist - wie erwähnt - über 78 Jahre alt geworden und hat bis zu seinem Tod gearbeitet. Er starb wahrscheinlich als wohlhabender Mann und wurde in seiner Heimatstadt in der Pfarrkirche von SS. Nazaro e Celso begraben.
Calegari gehört zur Bildhauergeneration des Filippo della Valle (1698 - 1768), Pietro Bracci (1700]] - 1773), Angelo Piò (1690 - 1770) und Giovanni Maria Morlaiter (1699 - 1778). Er ist Zeitgenosse des die Epoche prägenden Malers Giovanni Battista Tiepolo (1696 - 1770).
Literatur
Bernd Noack: Über den Brescianer Bildhauer Antonio Calegari (1699-1777). Berlin 1991, Mikrofiche-Ausgabe.
Weblinks
[http://www.artscout.it/immagini/dissertation.pdf Online-Version der Dissertation als PDF]

