Buridans Esel
Das Gleichnis von Buridans Esel zeigt die Unmöglichkeit einer logischen Entscheidung zwischen zwei gleichwertigen Lösungen (Dilemma).Ein Esel steht zwischen zwei gleichgroßen und gleich weit entfernten Heuhaufen. Er verhungert schließlich, weil er sich nicht entscheiden kann, welchen er zuerst fressen solle.
Das Gleichnis wird irrtümlich Johannes Buridan zugeschrieben. Das Argument selbst stammt aus Aristoteles' De caelo (Über den Himmel). Bei Aristoteles ist es ein Hund, der sich zwischen zwei Mahlzeiten entscheiden muss. Buridan erweiterte das Dilemma, indem er den Hunden die Möglichkeit gab, sich nicht sofort zu entscheiden. Das Gleichnis vom Esel wurde von seinen Gegnern geprägt.
Lösungen für das Problem gibt es zum Beispiel, indem man die Bewertung verändert, sodass die beiden Heuhaufen nicht mehr gleichwertig sind. So kann man durch Würfeln (Monte-Carlo-Methode) eine Entscheidung treffen.
Das Gleichnis von Buridans Esel ist in der Literatur oft als Motiv verwendet worden. Oft handelt es sich um eine Dreiecks-Liebesbeziehung, bei der eine Entscheidung zwischen zwei Partnern schwer fällt. In Science-Fiction-Romanen oder Erzählungen wird das Gleichnis verwendet, um Roboter zu neutralisieren, die nicht mehr ihrem Auftrag entsprechend handeln. Sie werden zu einer Entscheidung zwischen zwei gleichwertigen Möglichkeiten gezwungen, die ihre Ressourcen verbrauchen, sodass sie schließlich nach außen nicht mehr (negativ) agieren können.
Der Roman "Buridans Esel" von Günter de Bruyn
Der Roman erzählt die Geschichte eines gescheiterten Ausbruchversuchs aus dem Alltag. Karl Erp, Leiter einer Bibliothek in Ost-Berlin, verliebt sich in die Praktikantin Broder. Zunächst sind seine Annäherungsversuche keineswegs ehegefährdend, da seine Frau Elisabeth, mit der er 15 Jahre verheiratet ist und zwei Kinder hat, seine Untreue bisher ertragen hat. Aber nachdem Katharina Broder die ersten Annäherungsversuche ihres Chefs gelangweilt zurückgewiesen hat, wird die Sache für ihn ernster. Problematisch an der sich langsam entwickelnden Liebesbeziehung ist jedoch der Umstand, dass Erp ihr den Vorzug vor einem männlichen Praktikanten (Kratzsch) gegeben hat, der die Beziehung öffentlich macht. Fräulein Broder, die sich zunächst von Erp nicht angezogen fühlt, weil er sich typisch männlich verhält, hat schon einige Affären mit älteren Männern erlebt, die sie nie erfüllt hatten. Sie wird vom Erzähler als Sympathieträger figuriert. Sie ist wissensdurstig, ehrlich, bereit für die Liebe, empfindsam und strebsam. Erp hingegen wird als schwächlich, opportunistisch und feige geschildert, weil er den Entschluss, mit seinem alten, bequemen Leben zu brechen und Elisabeth zu verlassen, nicht durchhalten kann, zumal die Verhältnisse im Haus der Broder für ihn unerträglich sind. Die Möglichkeit, mit Katharina zusammen auf dem Land als Bibliothekar zu arbeiten, lehnt er letztlich ab. Immer wieder wird vom Erzähler vorgeführt, wie Erp für die eigene Feigheit nach Ausflüchten sucht, andere beschuldigt und sich letztlich immer im Recht fühlt. So wirft er bei einem Besuch in seinem Haus, in dem er aber niemanden vorfindet, beim Anblick einer Zigarre Elisabeth undankbares Verhalten vor, denn schließlich schone er sie mit der hinausgezögerten Scheidung. Karl Erp scheint in seiner Jugend durchaus ehrgeizig und idealistisch gewesen zu sein. Er hat in West-Berlin agitiert, sich in seinem Beruf engagiert, mit Elisabeth anscheinend eine glückliche Anfangszeit verlebt. Aber mit den Jahren und dem Wohlstand ist er bequem und weich geworden. So stellt er sich am Ende als Mann in den Vierzigern dar, der noch einmal die Chance wahrnehmen möchte, aus seinem Alltag auszubrechen und ein neues Leben zu beginnen. Zunächst ist er auch bereit, dafür Widerstände zu überwinden. So versteckt er die Beziehung vor den Verantwortlichen nicht (Hassler) und erklärt auf einer Parteiversammlung, nicht bereit zu sein, die Einstellung Broders zurückzunehmen. Vielmehr bietet er an, seine Stelle aufzugeben. Allerdings geschieht dies nicht aus Verzichtswillen heraus, sondern aus dem Motiv, für Katharina ein Opfer zu bringen, um es ihr dann vorwerfen zu können. Er möchte, dass sie in seiner Schuld steht. Dementsprechend reagiert er äußerst gekränkt, als sie zuerst über die reparierten Rohre im Haus spricht, nachdem er von der Versammlung heimkehrt. Der Erzähler übernimmt es, Katharinas Verhalten zu erklären und zeigt dadurch, was Karl fehlt: Empathie.
Zermürbt von den alltäglichen Widrigkeiten sowie von der Entbehrung seines gewohnten Lebensstandards, verlässt er sie wieder. Katharina erhält trotz ihres Versuchs, eindeutige Verhältnisse zu schaffen, indem sie sich für eine Stelle in Angermünde entscheidet, von Karl kein eindeutiges Bekenntnis über seine Motive, die Beziehung zu beenden. Karl kehrt nach Hause zurück, wo er allerdings auf eine veränderte Elisabeth trifft. Diese hat sich während seiner Abwesenheit um eine Arbeitsstelle bemüht, die sie nicht wieder aufgeben will, obwohl die finanzielle Notwendigkeit durch Karls Rückkehr entfallen ist. Elisabeth ist die einzige Person, die in diesem Roman eine Entwicklung durchlebt. Karl und Katharina erleben eine Beziehung, die beide so ähnlich, wenn auch womöglich auch nicht so intensiv, bereits mehrfach zuvor erlebt haben. Elisabeth ? durch die Notwendigkeit dazu veranlasst ? verändert ihre Situation radikal, als sie die Erwerbsarbeit wieder aufnimmt.
Neben dieser Fabel gibt es zwei Hintergrundthemen, die den Roman in den Reflexionen der Figuren oder den Berichten des Erzählers durchziehen: Der Gender-Aspekt und die Vergangenheit. Bei dem Gender-Aspekt kann man zwischen der Ebene der Figuren und der des Erzählers unterscheiden. Auf der ersten Ebene wird z. B. von Haßler die Problematik körperlicher Attraktivität bei Einstellungsgesprächen thematisiert (21ff.). Abgesehen davon finden sich in der Figurenrede von Karl patriarchalische Gedanken über die Rolle der Ehefrau (Bewunderung des Mannes, Hingabe, Opferbereitschaft), bei Katharina jedoch, als sie das Ehepaar Mantek kennenlernt, ein auf Gleichheit und Ausgewogenheit beruhendes Geschlechterbild (?Gemeinschaft ohne Abhängigkeit?, ?Nebeneinander zweier Souveräne ohne Machtkämpfe?, ?schönes Gleichgewicht der Kräfte? usw., S. 160). Allerdings ist Herr Mantek auch nicht unbescholten, da im Roman auf eine frühere Affäre zwischen ihm und Frau Westermann (S. 116) hingewiesen wird. Frau Westermann ist für Mantek aus West- nach Ost-Berlin gezogen (wie auch Katharina nach Angermünde geht). Die Sympathie des Erzählers gilt eindeutig den praktischen, mit vielfachen Sorgen belasteten Frauen. Die Empathiefähigkeit des Erzählers, der auf einen männlichen Autor zurückgeht, ist für die Sechziger Jahre erstaunlich. Günter de Bruyn zeigt in seinem Roman ein beeindruckendes Bewusstsein für die gesellschaftliche Lage der Frauen. Er ist dabei entschiedener und parteiischer als z. B. Christa Wolf in ?Der geteilte Himmel?. In ?Neue Herrlichkeit? finden sich dazu Parallelen.
Der Erzähler greift immer wieder auf die Vergangenheit zurück, um den Figuren eine historische Dimension zu verleihen. Ähnlich wie bei Wolf hat dabei die Nazi-Zeit und die Rolle der Figuren in ihr Bedeutung. Paschke hat einst dafür gesorgt, dass die jüdischen Besitzer des Hauses deportiert werden, um sich ihre Wohnung anzueignen. Nach dem Ende des Krieges engagiert er sich in mehreren sozialistischen Organisationen, um einer eventuellen Entdeckung seines Verrats etwas entgegen setzen zu können. Dieses Engagement lässt erst mit dem Wegzug Katharinas, einer potentiellen Mitwisserin, nach. Paschke ist ein Wendehals, der seinen Platz in der neuen Ordnung gefunden hat. Auch Haßler scheint nach dem Krieg eine Kehrtwende vollzogen zu haben (Erstes Leben vs. zweites Leben, religiöse Metaphysik in der Sprache). Die historische Tiefe geht aber noch viel weiter zurück. So wird der Lebensverlauf von Katharinas Vater erzählt (vom Kaiserreich bis zur DDR) und die Geschichte des Hauses mit den Vorfahren seiner jüdischen Besitzer (Aaron Wallstein, 1743 nach Berlin migriert). Das Grab von Mendelssohn, das Denkmal von Chamisso, das Wohnhaus von Humboldt usw. sind Relikte der Vergangenheit, die den Raum der Erzählung historisch vertiefen. Katharinas Vater als wissensdurstiger Hobby-Historiker bietet dem Erzähler die Möglichkeit, diese Details in den Roman zu integrieren. Verwiesen sei hierbei auf de Bruyns historisches Interesse an Preußen sowie auf den Roman ?Märkische Forschungen? oder ?Die Finkensteins?.
Der Roman gehört zur kritischen DDR-Literatur, da er zeigt, dass auch in der neuen Gesellschaft die Schatten der als überwunden geglaubten nach wie vor existieren. Soziale Gegensätze (Haus an der Spree vs. verkommener Altbau in Prenzlauer Berg, Bedeutung des Geldes), ungerechte Geschlechterbeziehungen und Opportunismus sind weiterhin ? tragender ? Bestandteil der Ordnung.
Die Erzählhaltung des Erzählers erinnert stark an die romantische Ironie. In regelmäßigen Abständen wird der Leser daran erinnert, dass er ein Buch in den Händen hält, dass die Geschichte arrangiert ist, dass der Erzähler bestimmte Darstellungsformen wählt und andere nicht. Des Weiteren kommentiert der Erzähler mit einer sehr selbstbewussten, beinahe besserwisserischen Art die Handlungen und Gedanken seiner Figuren. Er gibt nur einmal diese allwissende Haltung auf, nämlich bei der Ratlosigkeit hinsichtlich Elisabeths Motiven (?Wer kennt sich in Elisabeth aus!?). Hier wird auf die Allmacht und das Allwissen des Erzählers verzichtet. Es gibt also auch in einer derart ?durchleuchteten? Geschichte (vgl. Kunderas ?Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins?) dunkle Punkte, die dem Erzähler nicht zugänglich sind. Gleichwohl ist auch dieser dunkle, unzugängliche Punkt Teil des ironischen Spiels.
Der Titel geht auf eine von Rieplos erzählte Fabel des Dichters Buridan zurück, in der ein Esel zwischen zwei Heuhaufen, die gleichermaßen verlockend sind, verhungert, weil er sich nicht entscheiden kann. Rieplos bezeichnet explizit Erps Verhalten, als der sich nicht entscheiden kann, an welchen Tisch er sich zum Essen setzen soll, als Buridans Esel. Zusätzliche Aspekte im Kindler:
* Erp als Kleinbürger, ?saturierter Wohlstandskommunist, dem zu Haus und Auto noch die Geliebte fehlt?
* Broder realisiert Karls alte Vision von der Kulturrevolution auf dem Land, sie bietet ihm damit die Chance, ein bisher ungelebtes Leben zu leben, die er allerdings ausschlägt
* Roman misst das Gegebene nicht mehr an den Kämpfen der Vergangenheit, sondern an den Chancen des Einzelnen zur Selbstverwirklichung
* Hinweis auf ?Nachdenken über Christa T.? (Wolf 1968), ?Ankunft im Alltag? (Reimann 1961), ?Die neuen Leiden des jungen W.? (Plenzdorf 1971)
* Reflektion dieser Texte mit den Wirkmöglichkeiten von Literatur in der Gesellschaft, der Politik des ?literarischen Erbes?

