Buchholzens in Italien
Buchholzens in Italien ist ein Reiseroman von Julius Stinde, der 1883 in Berlin im Verlag Freund & Jeckel erschienen ist.
Inhalt
Karl Buchholz hat Rheuma und sucht in Begleitung von Frau Wilhelmine und Schwager Fritz mit beginnendem Frühling das warme Italien auf, um Heilung zu finden. Von Verona aus geht die Reise nach Pisa, Mailand, Genua und Livorno, wo die vom Bädeker empfohlenen Kunstobjekte auf spezifisch berlinische Weise betrachtet und eingeschätzt werden. Dabei gibt es vielfachen Verdruss für Frau Wilhelmine, der von hohen Eintrittsgeldern, eingebildeten Engländern und dem dauernden Skatspiel der Männer erzeugt wird. Reisebekanntschaften bereichern das Geschehen: Herr Öhmichen (gemusterter Hosenfabrikant), Herr Spannbein (Maler und gebildeter Kunstschwätzer), die Kliebischs, ein Paar auf Hochzeitsreise, das vor lauter Hotelaufenthalten die Sehenswürdigkeiten des Landes kaum würdigen kann. Auch eine Liebesgeschichte mit dramatischer Entführung würzt die Besichtigungstouren. Höhepunkte der Reise sind die Aufenthalte in Rom und Neapel. In Rom werden die Buchholzens beim Versuch, berlinische Eleganz vorzuführen, im Park der Villa Pamphili vom Regen durchweicht. In Neapel, wird das tumultuöse Straßenleben gewürdigt, und bei der Vesuvbesteigung treffen Buchholzens sogar auf zwei Bekannte aus Berlin: den Dr. Stinde und den Maler Fritz Paulsen. Die Rückreise geht über Florenz und Venedig, und nach Überwindung der Alpen erreichen die Reisenden ihr geliebtes Berlin: ?Unter den Linden standen die Bäume im herrlichsten Grün. Was weiß auch der Süden von unserem Frühling??
Hintergründe zur Entstehung und Veröffentlichung
Das Material zu seinem Buch hat Stinde auf einer Italienreise im Frühjahr des Jahres 1881 gesammelt. Sein Vater war im Februar dieses Jahres gestorben und Stindes Gesundheit war schlecht, er suchte Ruhe und Erholung und ging auf Reisen. Er selbst berichtet darüber in einem autobiographischen Aufsatz:
Stinde hatte schon seit 1878 im Deutschen Montagsblatt Schilderungen aus dem Berliner Kleinbügermilieu unter dem Pseudonym ?Wilhelmine Buchholz? erscheinen lassen. Einige davon befassen sich auch mit italienischen Themen und sind später in den Buchzusammenhang eingearbeitet worden:
*Im ?Hiddigeigei? auf Capri. In: Deutsches Montagsblatt Nr. 18 vom 2. Mai 1881.
*In der zoologischen Station zu Neapel. In: Deutsches Montagsblatt Nr. 30 vom 25. Juli 1881.
*Eine Vesuvtour. In: Deutsches Montagsblatt Nr. 40 vom 3. Oktober 1881.
*Am Golf von Salerno. In: Deutsches Montagsblatt Nr. 3 vom 16. Januar 1882.
Das ?Italien?-Buch muss in höchster Eile produziert worden sein, denn es enthält in der ersten Auflage noch eine Vielzahl von Druckfehlern und kleinen typographischen Ungenauigkeiten (falsch gesetzte oder fehlende Kommata, regelwidrige Anführungszeichen usw.). Erst für die zweite und höhere Auflagen sind diese Dinge korrigiert worden.
Zeitgenössische Kritik
Die Zahl der verkauften Exemplare stieg rasch und Neuauflage nach Neuauflage wurde erforderlich. Stinde war ein früher Meister der Literaturvermarktung. Er hat sich selbst um das äußere Erscheinungsbild des Buches gekümmert, und dafür gesorgt, dass Rezensionen in allen wichtigen Zeitungen und Zeitschriften erschienen. Einige Kritiken erschienen aber auch ohne sein Zutun, und eine davon, in der den Buchholzens ihr Alkoholkonsum vorgerechnet wurde, hat er zum Anlass für einen Gegenartikel genommen, der eine Perle Stindeschen Humors geworden ist.
Stinde erwidert darauf: in einem Artikel im Deutschen Montagsblatt vom 24. Dezember 1883 mit dem Titel: ?Wie ich Berlin an die Franzosen verrieth?:
Am Ende schreibt er, er habe der Wahrheit zuliebe noch einen weiteren Cognak in das Buch hineingeschrieben, den er zu notieren vergessen hatte.
Einer ernsthaften Prüfung hält diese Behauptung nicht stand. Der Abgleich einer Liste aller Cognakschlucke aus den höheren Auflagen von ?Buchholzens in Italien? mit dem Befund in der Erstauflage bringt die ernüchternde Tatsache ans Licht, dass alle in den höheren Auflagen verzeichneten Schnäpse schon in der Erstauflage vorhanden sind, nicht ein einziger ist später hinzugekommen. Das besagt, dass der Autor, der im Buche ohnehin in einem Zwischenbereich von fiktiver Realitätsschilderung und realistischer Fiktion agiert, ein wenig geflunkert hat. Die starke Reaktion Stindes legt die Vermutung nahe, dass Zollings Kritik eine empfindliche Stelle getroffen hat. Neben der Rauschdroge Cognac verzehren die Buchholzens auf ihrer Reise auch andere Einstiegsdrogen wie Rotwein und Weißwein ? von den geschmuggelten Zigarren ganz zu schweigen.
Die lesenden Zeitgenossen haben sich über die hervorstechendsten Eigenschaften der Buchholzen im Italien-Buche, ihre herrschsüchtige Streitbarkeit, ihre dummschlaue Berlin-Fixiertheit und über das Banausentum, mit dem sie sich über Kunstdinge auslässt, höchlichst amüsiert. Die Berliner erkannten den Typus sofort und fühlten sich nicht verletzt. Im ganzen Reich lachte man über diese berlinische Art, mit dem Nebeneffekt, dass Berlin populär und seine Emporkömmlingsrolle als Reichshauptstadt akzeptabler wurde.
Die durch versöhnenden Humor gemilderte böse Satire richtet sich gegen banausisches Reisen. Offenbar hatte schon zu jener Zeit die Massenbewegung des Reisebürotourismus begonnen, der sich auf festgelegten Routen mit dem Baedeker in der Hand durchs Land bewegte.
Wilhelmine Buchholz ist aber immun gegen Baedekers Art der Kunstbetrachtung. Sie stellt ganz eigenständige Beobachtungen an, etwa angesichts des Mailänder Doms:
Literaturgeschichtliche Bedeutung
Gegen die schon zur damaligen Zeit unübersehbar angeschwollene Reiseliteratur, die sich mit Italien befasste, behauptet sich Frau Buchholz auf ihre Art. Zwar setzt auch sie sich mit der Tradition auseinander, etwa, wenn sie ihren Töchtern ein selbstgefertigtes Italiengedicht mit deutlichen Goetheanspielungen mitteilt. Vor allem aber ist es die Erzählstrategie des Autors Stinde, die einen völlig neuen Ton in das altbekannte Italien-Lied bringt. Drei Stimmen bilden den kontrapunktisch gearbeiteten spannungsreichen Text. Den cantus firmus bietet Wilhelmine Buchholz. Als Nebenstimmen sind aber ständig auch der Autor als kommentierender fiktiver Redakteur zu hören, an den Wilhelmine ihre Berichte liefert, und auch der Autor selbst als der alles produzierende Arrangeur wird vernehmlich. Letzteres zum Beispiel in den beiden Motti, die er dem Buche vorangestellt hat:(Nach der durchgehenden Zählung des Canzoniere, wie sie auch in der Dreyer/Gaborschen Übersetzung eingehalten wird, handelt es sich um die Zeilen 63f. der Canzone CXXVIII (?Italia mia ...?), die in der angeführten Übersetzung lauten: ?Nicht sprech ich aus Verachten / noch aus Ursach, andere zu hassen?.)
Ausgaben und Exemplare
Ein Exemplar der Erstausgabe von ??Buchholzens in Italien?? befindet sich in der Wildenbruch-Bibliothek bei der Zentral- und Landesbibliothek Berlin. Das Buch zeichnet sich durch zwei Besonderheiten aus: es enthält einen Widmungsbrief Stindes an Ernst von Wildenbruch und es enthält eine Titelillustration, die bei den späteren Ausgaben durch anderes Bildwerk ersetzt ist. In der Erstausgabe fehlt auch die Widmung an den "lieben Reisegefährten, Professor Fritz Paulsen". Der Textzuwachs von der 1. bis zur 21. Auflage beträgt 120 Zeilen oder fast drei Seiten. Es handelt sich zumeist um Präzisierungen des Ausdrucks und neu aufgenommene Berolinismen. Eine Ausgabe mit 6 farbigen Tafeln von Wilhelm Plünnecke erschien 1939 im Berliner Grote Verlag. Eine Neubearbeitung von Angelika Reichmuth mit Illustrationen von Jürgen B. Wolff erschien 1987 im Berliner Eulenspiegelverlag und später in diversen anderen Verlagen. Das Manuskript des Werkes befindet sich im Märkischen_Museum in Berlin.
Literatur
* Italo Michele Battafarano und Hildegard Eilert: Italiener als Spitzbuben in Eugenie Marlitts ?Die zwölf Apostel?, Friedrich Spielhagens ?Sturmflut? und Julius Stindes ?Buchholzens in Italien?. In: Literatur im interkulturellen Dialog. Festschrift zum 60. Geburtstag von Hans-Christoph Graf v. Nayhauss. Herausgegeben von Beate Laudenberg und Manfred Durzak. Bern: Lang 2000, S. 269-313.
* Gerhard Schmidt-Henkel: Fritz Reuters Roman ?De meckelnbörgschen Montecchi un Capuletti oder De Reis' nah Konstantinopel? (1868) ein Erzählmodell für Julius Stindes Roman ?Buchholzens in Italien? (1883)?. In: Beiträge der Fritz-Reuter-Gesellschaft 10 (2001) S. 61-82
Weblinks
• Webseite zu Buchholzens in Italien
• Text der 5. Auflage im Projekt Gutenberg
• Stinde: Wie ich Berlin an die Franzosen verrieth]

