Göttinger Mescalero
Mit dem Pseudonym Göttinger Mescalero unterschrieb Klaus Hülbrock als damals anonymer Autor einer Göttinger Hochschulgruppe 1977 den berühmt-berüchtigten Sponti-Text ?Buback ? Ein Nachruf?, der die Ermordung des Generalbundesanwalt Siegfried Buback durch die Rote Armee Fraktion kommentierte. Erst 2001, 25 Jahre später, outete er sich als Verfasser.Einführung
Der Text wurde kurz vor dem Kulminationspunkt des westdeutschen Terrorismus, dem Deutschen_Herbst, geschrieben. Die Auseinandersetzung mit dem Terrorismus fand auch in den Medien statt. Es war ein Streit um Sympathisanten entstanden, die die Bundesrepublik ähnlich beurteilten wie die Terroristen, den Terror aber ablehnten. Kritik wurde laut, im Kampf gegen den Terrorismus käme der Rechtsstaat unter die Räder. In einem politischen Klima der Angst griffen Verdächtigungen um sich.
In seinem Pamphlet Buback ? ein Nachruf, welches am 25. April 1977 in den Göttinger Nachrichten (der damaligen Zeitung des AStA der Universität Göttingen) veröffentlicht wurde, stellte der Göttinger Mescalero ? trotz rationaler und politischer Kritik am Buback-Attentat - seine Sympathie für den Mord am damaligen Generalbundesanwalt Siegfried Buback dar. In den Medien wurde insbesondere die vom Verfasser geäußerte ?klammheimliche Freude? zitiert und kritisiert.
Der Schreiber nannte sich ?Stadtindianer? und unterzeichnete das Pamphlet mit Mescalero, dem Namen eines Apachenstamms. Er gab sich als Mitglied der Bewegung «Undogmatischer Frühling» zu erkennen, die damals mit der «Sozialistischen Bündnisliste» den Göttinger AStA stellte.
Der Göttinger Mescalero, wollte ?nach dem Abschuss von Buback? seine ?klammheimliche Freude nicht verhehlen?. Der am heftigsten kritisierten Satz lautete dementsprechend:
:?Meine unmittelbare Reaktion, meine 'Betroffenheit' nach dem Abschuss von Buback ist schnell geschildert: Ich konnte und wollte (und will) meine klammheimliche Freude nicht verhehlen.?
Und weiter:
:?Ich habe den Typ oft hetzen hören. Ich weiß, was er bei der Verfolgung, Kriminalisierung, Folterung von Linken für eine herausragende Rolle spielte.?
Der zweite Teil des Textes, der in Teilen eine Lossagung von der Gewalt enthielt, wurde damals zumeist nicht von den Medien veröffentlicht. So wandte sich der Autor gegen Gewalt ?unabhängig von der jeweiligen politischen Konjunktur?, also ohne Rücksichtnahme auf die öffentliche Meinung. Ferner kritisierte er die für einzelne zu große Verantwortung zu entscheiden, welche Zielpersonen geeignete Opfer sind und die fehlende Akzeptanz in der Bevölkerung (?Wir müssen davon runterkommen, die Unterdrücker des Volkes stellvertretend für das Volk zu hassen?). Schließlich forderte er, dass sich die Terroristen positiv durch das von ihnen bekämpfte System nicht nur im Ziel, sondern auch in den Mitteln abheben müssten («Unser Weg zum Sozialismus (wegen mir Anarchie) kann nicht mit Leichen gepflastert werden.»). Ansonsten wird Militanz als Kampfmittel aber bejaht (?Unser Zweck,...eine Gesellschaft nicht ohne Aggression und Militanz?; ?Unsere Gewalt,...nicht autoritär, sondern antiautoritär?; ?Eine Praxis zu entfalten von Gewalt/Militanz...das ist unsere praktische Tagesaufgabe?).
Reaktionen
Vier Tage nach dem Erscheinen erstattete der Ring Christlich-Demokratischer Studenten (RCDS) Strafantrag. Die Göttinger Justizbehörden leiteten ein Ermittlungsverfahren ein. Auch der Präsident des Niedersächsischen Landtages, Heinz_Müller (CDU), erstattete Strafanzeige.
Mit dem Göttinger AStA und anderen, die den Artikel nachdruckten, gab es insgesamt mehr als 140 Beschuldigte. Die Verfahren, zuletzt gegen 13 niedersächsische Hochschullehrer und 35 Kollegen aus dem übrigen Bundesgebiet, die eine Dokumentation Buback ein Nachruf veröffentlicht hatten, endeten zumeist mit Freispruch oder kleineren Geldstrafen. In Augsburg jedoch wurde ein 29-Jähriger für die Verteilung des ?Nachrufs? zu sechs Monaten Gefängnis ohne Bewährung verurteilt [http://www.welt.de/politik/article722607/Das_deutsche_Terrorjahr_1977.html Welt-Online: Das deutsche Terrorjahr 1977].
Das Pamphlet führte seinerzeit zu Maßnahmen, die von manchen als starke Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit bewertet wurden: Gegen die Veröffentlichung des Pamphletes wurde mit Nachdruck vorgegangen.
Deswegen wurden verschiedene Fassungen publiziert: Die erste Fassung war der originale Beitrag in der Göttinger AStA-Zeitung, die zweite Fassung ist erweitert um eine Vorrede von einer Reihe deutscher Professoren, in der sie die Reaktion der Gesellschaft kritisieren. Ein Auszug aus dieser Erklärung: Dieser Nachruf hat heftige Reaktionen ausgelöst: seine Verbreitung wird von Justiz und Polizeiorganen sowie von Hochschulleitungen verfolgt; in den Massenmedien, auch in den bürgerlich-liberalen Zeitungen, wird dieser Nachruf als Ausgeburt ?kranker Gehirne? und als Musterbeispiel für ?blanken Faschismus? (Frankf. Rundschau) deklariert. Der vollständige Text wird nirgends veröffentlicht; im Gegenteil, die zentrale Intention des Artikels ? seine Absage an Gewaltanwendung ? wird unterschlagen.
Ähnliches taten auch Studenten: an verschiedenen Universitäten veröffentlichten die jeweiligen Studentenzeitungen Kopien des Pamphletes. Sie hatten sich daraufhin mitunter mit Geldstrafen oder Problemen mit der Leitung der Universität auseinanderzusetzen.
Nachgeschichte
Im Dezember 1979 schilderte der Göttinger Mescalero im Kursbuch 58Mescalero:Memoiren eines im Amt ergrauten Stadtindianers oder: Versuch, eine Karriere in Nichts aufzulösen in: Karl Markus Michel, Harald Wieser (Hrsg.):Kursbuch 58. Karrieren, Kursbuch/Rotbuch Verlag, Berlin 1979, S.21ff. anonym die Inszenierung seiner Person durch die Medien: ...im Deutschen_Herbst..[folgte dann]..ein Rumpelstilzchen-Vergnügen, das darin bestand, unerkannt zu bleiben und zugleich aus nächster Nähe all jene Prozeduren zu betrachten, die nacheinander aus mir ein armes theoriefeindliches Würstchen, einen Feigling, einen Terrorsympathisanten machten, der vielleicht schon morgen zum Schießeisen greifen könnte, um seiner mühsam zurückgehaltenen Mordlust endlich nachzugeben; oder das bedauernswerte Opfer einer vaterarmen Erziehung in einem bürgerlichen Elternhaus; oder Statthalter einer ganz anderen Absicht, die darauf aus ist, die Arbeiterbewegung zu knebeln und das Grundgesetz einzuschränken;... all das war ich nun mal nicht...war während jener Zeit braver Insasse einer Schlafsiedlung, der niemandem unangenehm auffiel, war biederer Hundeliebhaber und Waldgänger, verzweifelter Schuldner vieler Gläubiger, Sammler und Händler von Trödel und Nippes, Skatspieler, Fernseher, durch und durch mitten drin und nicht alternativ, eingesessen und gut genährt und Mitglied eines politischen Männerstammtisches, der seine windigen Zelte an einer starken Neigung zur Trunksucht aufgeschlagen hatte...und all das ist weder besonders lustig noch besonders subversiv, aber auch nicht zum Heulen...
2001 gab sich der Literaturwissenschaftler und Deutschlehrer Klaus Hülbrock gegenüber der taz als der Göttinger Mescalero zu erkennen und bat Michael Buback, den Sohn des damals ermordeten Generalbundesanwalts, um Entschuldigung für seine damaligen Äußerungen.
In der Süddeutschen Zeitung vom 24. Januar 2007, S. 2, schreibt Michael Buback, Chemie-Professor in Göttingen und Sohn des damaligen Generalbundesanwalts im Zusammenhang der Diskussion um die Begnadigung und vorzeitige Freilassung von Christian Klar und Brigitte Mohnhaupt über den Mescalero-Brief: "Ich habe es als Erleichterung empfunden, als sich der Verfasser mehr als zwei Jahrzehnte später in einem Brief an mich offenbarte. Dies habe ich ihm auch geschrieben, wobei mir das Abfassen des Briefes nicht leicht fiel und ich es mir gewünscht hätte, dass weniger klangvolle Anreden als 'Sehr geehrter Herr H.' nutzbar gewesen wären."
Quellen
Weblinks
• Offener Brief Hülbrocks an Michael Buback
• Artikel in der taz
• Artikel in der Rhein-Zeitung zu der Verfasser-Offenlegung (mit Diskussion der möglichen Verbindung zu den späteren Ministern Trittin und Joschka Fischer)
• Analyse von "Buback - Ein Nachruf" durch Dominik Wagner
* Quellentext: "Buback - Ein Nachruf" in Originalfassung (April 1977) [http://netzwerk-regenbogen.de/mescalero_doku.html], [http://www.graswurzel.net/news/mescalero.shtml] und [http://www.glasnost.de/hist/apo/buback.html] (Fotografie eines Originals) und in der Fassung in der verschiedene Professoren als Herausgeber auftreten (Juni 1977) [http://www.glasnost.de/hist/apo/77buback.html], [http://www.rafinfo.de/archiv/texte/mescalero.php], [http://www.extremismus.com/terror/rafdox-c.html] und [http://www.taz.de/pt/2001/01/23/a0104.nf/text] (gekürzt).

