Brandung (Martin Walser)
Brandung (1985) ist ein Roman von Martin Walser (ISBN 3518378740).Handlung
Das Buch Brandung ist der Fortsetzungsroman zu Martin Walser´s "Ein fliehendes Pferd" und wie auch in diesem Buch ist Helmut Halm die Hauptfigur.
Helmut Halm ist ein 55-jähriger Englisch- und Deutschlehrer an einem Stuttgarter Gymnasium. Er lebt mit seiner Frau Sabine , mit der er seit über 25 Jahren verheiratet ist, zusammen, sie haben 2 Töchter (Lena und Juliane). Er ist ein ruhiger, sehr belesener Zeitgenosse, der sich sehr von Menschen distanziert. Helmut Halm wird im Buch als ewiger Ja-sager beschrieben, auch wirkt er spießig( immer pünktlich, immer in Krawatte). Helmut Halm versucht sich selbst im Bücherschreiben, so hat er ein Buch über Nietzsche (deutscher Philosoph und klassischer Philologe, lebte von 1844 bis 1900) geschrieben, doch dieses Buch wurde von einem Verlag abgelehnt, er fasst dies als Kritik an sich selbst auf, fühlt sich nicht "intelligent genug" und auch hier wird seine Unsicherheit deutlich. Stets denkt er über sein Verhalten nach, hat ständig Angst, sich lächerlich zu machen, er ist gefangen in seinem Alltagstrott. Dieser bietet dem unsicheren Lehrer einerseits eine gewisse Sicherheit, so ist z.B. seine Ehe und Beziehung zu Sabine routiniert, andererseits möchte er ausbrechen, etwas neues wagen.
Sabine und er sind, wie schon erwähnt, seit über 25 Jahren verheiratet. In zahlreichen Textstellen wird ihre Beziehung thematisiert. Jeder der Partner kennt den anderen in- und auswendig, sie wissen, wie der andere nun reagieren wird oder reagieren würde.
"Da verzog sie nur das Gesicht. Das hieß: was glaubst du eigentlich, ich bin ein Vierteljahrhundert mit dir verheiratet, die Verbergungsmöglichkeiten nähern sich der Nullgrenze."
Sie sind einerseits ein eingespieltes Team, andererseits auch zu sehr routiniert, manchmal wirkt es so, als würden sie nur ihr "Pflichtprogramm" abspulen. So fühlt sich Helmut beim Sex mit Sabine "wie ein Hamster im Laufrad".
Probleme werden bei den beiden selten ausdiskutiert, Unstimmigkeiten oder Verärgerung kommen nicht mal an die Oberfläche. Beide haben sich komplett aufeinander abgestimmt.
"Beide hatten gelernt, so zu atmen, dass der andere glaube, er schlafe!"
Helmut ist dies auch bewusst, dennoch gibt ihm Sabine, auf die er sich immer verlassen kann, von der er eben weiß, dass sie stets da ist Sicherheit.
"Wenn Sabine nicht dabei war, konnte er nichts erleben, ohne es, während er es erlebte, schon für Sabine, der er es erzählen würde, zu formulieren."Im Herbst erhält er durch einen Anruf von seinem ehemaligen Studienkollegen Rainer Mersjohann das Angebot einer Gastprofessur an einer Universität in Kalifornien. Er soll für einen anderen Professor einspringen, der kurzfristig abgesagt hat. Zuerst ist er abgeneigt, doch je länger er sich die Sache überlegt, desto deutlicher wird ihm, dass er weder den stellvertretenen Schulleiter, der ihn sich als Opfer seiner Attacken ausgesucht hat zu haben scheint, noch die ewig beleidigte Schulsekretärin länger ertragen kann und sagt schließlich zu. Kurz vor dem Abflug kommt seine Tochter Lena zu Besuch. Lena´s Ehe mit ihrem Ehemann Traugott ist gescheitert, sie erzählt, dass er sie wohl mit seiner Kollegin betrogen hat. Traugott ist Halm schon immer ein Dorn im Auge gewesen, da Lena sich wegen ihm z.B. die Brüste verkleinern hat lassen. Das verbirgt er auch vor seiner Tochter nicht. Durch einen Autounfall, den Traugott verursacht hat (Lena ist durch die Autoscheibe geflogen) trägt Lena nun schlimme Narben im Gesicht. Er schlägt Lena vor, sie nach Kalifornien zu begleiten.
Zusammen mit seiner Frau Sabine und Lena, die depressiv wirkt, fliegt er also nach Kalifornien.
Auf dem Flug nach Kalifornien Er ist euphorisch, fröhlich und aufgeregt, wirkt insgesamt wie ausgewechselt.
> Textstelle S. 26, 27
Kalifornien sieht er als eine Chance, endlich aus seinem alten, langweiligen Leben auszubrechen. In gewisser Weise fühlt er sich seinen Kollegen, Nachbarn und Bekanntschaften zu Hause überlegen. In Amerika angekommen treffen sie auf Rainer Mersjohann, der ihnen das Haus des Rinehard - Ehepaars zeigt, in dem sie während ihrer Zeit in Amerika wohnen. Halm ist erschrocken, wie sehr Rainer Mersjohann sich verändert hat.
Seine Erinnerung an ein vergeistigtes, junges Dichtergenie voller Anmut hat nichts mehr mit der Gegenwart zu tun. Aus dem einstmals sanften Riese ist ein dicker, alter Mann mit "bläulich hangende(n) Backen", "weghängender Lippe" und "rot geränderten Lidern" geworden. Helmut beschreibt diese Veränderung mit dem Satz:
"Vergiss Ariel, lern Falstaff kennen!"
Ariel (ein Engel, wird als "Licht Gottes" bezeichnet) stellt den früheren Rainer, den Halm so verehrte, dar.
Der Name Falstaff ( bei Shakespeare ein trinksüchtiger Soldat, der zur Selbstüberschätzung neigt) wird im Allgemeinen oft für einen dicken Angeber und Genießer verwendet.
Im Übrigen ist die Schilderung von Rainer Mersjohann in "Brandung" genauso geschmacklos wie die des Kritikers André Ehrl-König in "Tod eines Kritikers". Beide Erzähler leben ihren Hass in der hässlichen Beschreibung unwesentlicher Äußerlichkeiten.Die Halms leben sich in Amerika ein, lernen neue Leute wie Rainer`s Ehefrau Elissa, die Sekretärin der Universität Carol und ihr älterer Mann Kirk Elrod, welcher Schriftsteller ist und für dessen Bücher Halm sich sehr interessiert. Halm beginnt mit seiner Arbeit an der Universität, wo er unter anderem einen Konversationskurs leiten soll.
In diesem Kurs trifft er auch auf Fran Webb, eine junge, hübsche Studentin. Sie wird von Carol als "die schöne Dumme" bezeichnet, sie wird mit der Alliteration
Porsche, Papa-Praxis in Pacific Heights beschrieben, also das typische amerikanische Mädchen. Fran begleitet ihn nach dem Konversationskurs stets zurück zum Sekretariat, außerdem kommt sie in seine Sprechstunde, um mit ihm ihre Aufsätze zu besprechen. Halm verliebt sich in sie. Auf der einen Seite macht er sich Hoffnungen und sieht z.B. in den von Fran ausgewählten Texten versteckte Zeichen. Auf der anderen Seite wehrt er sich gegen seine Gefühle, er schämt sich dafür, dass er solche Gefühle für sie besitzt und versucht, nicht über sie nachzudenken. Durch diesen inneren Konflikt spaltet er sich in ICH-Halm und ER-Halm.
Seine ungewöhnlich enge Beziehung zu einer Studentin bleibt nicht unbemerkt, von Carol bekommt er jeden Tag spitze Bemerkungen zu hören. Er fühlt sich von ihr stets ins Unrecht gesetzt und beschuldigt für etwas, was er gar nicht getan hat. Trotzdem ist Carol ihm sympathisch. Sie warnt ihn auch vor Fran. Im Laufe des Buches freunden sich Fran und Carol jedoch an.
Auch Rainer Mersjohann fällt dies auf. Er drängt ihn dazu, die Beziehung (die ja eigentlich gar keine ist) zu beenden.
Helmut Halm spielt einige Abende Skat mit Rainer sowie den Brüdern Roy und Leslie Ackermann. Nach einem dieser Skatabende, bei denen ein sehr rauer Umgangston herrscht und auch kein Blatt vor den Mund genommen wird, kommt es zum Streit zwischen Rainer und Helmut.
Beim Skatspielen wird sich nämlich über Halm lustig gemacht, die Männer lachen über seine "Beziehung" zu der Studentin, Halm ist das offensichtlich peinlich und versucht, von sich abzulenken. Dies tut er auf Kosten von Rainer. (S.138)
Mersjohann fühlt sich von Helmut hintergegangen, er denkt, er wolle seinen Job und seine Freunde.
> Textstelle: S.141Der Streit eskaliert schließlich.
Sabine muss unvorhergesehener Weise nach Deutschlang zurückkehren, da ihr Vater schwer krank wird. Halm ist nun alleine in dem großen Haus, denn die erst depressive Lena hat sich mit Elissa, Rainers Frau, angefreundet und ist bei ihr eingezogen. Die Ehe der Mersjohann´s ist seit langem kaputt, Elissa geht ständig fremd und er ist ja Alkoholiker, der Sohn ist verschwunden, was alles im Verlauf des Buches herauskommt. Lena wird gerne geduldet, da sie so die Spannung rausnimmt.
Halm arbeitet deshalb an seinem Heine-Vortrag, den er für ein zusätzliches Honorar halten soll. Außerdem entdeckt er das Joggen, die gesunde Lebensweise für sich und kleidet sich neu ein, dies tut er aufgrund von Fran.
Als er auf dem Podium steht, um seinen Vortrag zu halten, muss er feststellen, dass Fran nicht im Publikum ist. Sie hat den Termin offenbar gar nicht zur Kenntnis genommen. Bedrückt von dieser Erkenntnis und angeschlagen von einem Vormittag in der Hitze bricht Halm in einem Anfall von Kreislaufschwäche zusammen. Er betrachtet diesen Zusammenbruch in einer Stelle des Buches als Demonstration seiner Unfähigkeit, ohne Sabine zu leben. Auch hier finden wir also wieder Hinweise auf die Ehe der Halm´s.Nach einem weiteren Skatabend kommt es zu einem Gespräch mit Rainer Mersjohann. Dieser ist betrunken und unterbreitet ihm zuerst den Vorschlag in Kalifornien zu bleiben. Er fordert die Trennung von Sabine, da er meint, Halm würde sie zerstören und nichts sein schlimme als eine von Unausgesprochenheiten zermürbte Ehe.
Danach erzählt Rainer ihm, dass Elissa fremd geht und spielt ihm Tonbände vor, auf denen er seine Frau regelrecht verhört. Er zwingt Elissa dazu, genau von ihren Seitensprüngen zu berichten, wann, wie oft, wo und wie. Es wird deutlich, wie desillusioniert Rainer ist, er stellt Ansprüche an eine Beziehung, die seine Frau nicht
erfüllen kann und an das Leben allgemein, die sich nicht erfüllen.
Rainer stellt sich mit Sabine gleich, er stellt beide als "die Betrogenen" dar und Elissa mit Helmut Halm auf eine Stufe, nämlich die "Verräter".
Für Halm kommt das nicht in Frage.
Auch hier haben wir wieder die Anspielung auf Uwe Johnson, der sich in seinen letzten Lebensjahren, genau wie Rainer Mersjohann, von seiner Frau verraten fühlt und auch Alkoholiker war. Außerdem ist bekannt, dass er damals mehrer Freundschaften mutwillig zerstörte. All dies weißt frappierende Ähnlichkeiten zu Mersjohann auf.
Kurz darauf wird Rainer tot aufgefunden, Halm fühlt sich schuldig, da er seine Hilferufe nicht beachtet hat. Lena zieht außerdem wieder bei ihrem Vater ein, da Elissa nun ihre Zeit für sich alleine braucht.
Die Zeit in Amerika neigt sich immer mehr dem Ende und Fran organisiert eine Abschiedsparty für Halm in ihrem eigenen Haus. Dort tanzen sie zum Ende der Party ausgelassen miteinander, stürzen und Fran bricht sich den Knöchel. Er selbst erleidet eine Platzwunde am Kopf. Er verabschiedet sich von allen, auch von dem Mädchen und kehrt mit Lena zusammen nach Deutschland zurück. Beiden fällt der Abschied aus Amerika und von allen schwer.
Er fühlt sich konfrontiert mit seinem Leben vor Amerika. Sabine´s Vater ist gestorben und auch der Hund der Halms stirbt, als er wieder zu Hause ist. Er denkt viel über seine Zeit in Amerika nach und versucht sich einzureden, Fran nicht geliebt zu haben.
Zum Ende hin erhält er einen Brief aus Amerika, bestehend aus einem Zeitungsartikel. Darin wird von Fran´s Unfall berichtet, die wohl mit ihrem Freund im Auto an der steilen Küstenstraße entlanggefahren war und dort verunglückt ist. Das Auto ist in die Brandung gestürzt, der Freund konnte sich retten, Fran´s Krücken jedoch verhakten sich und so ertrank sie.
Halm beichtet daraufhin seiner Frau Sabine die Sache mit Fran. Interessant zu wissen ist, dass er sich schon einmal vor Jahren in eine Schülerin namens Nicole Klingele, in eine Schülerin verliebt hat. Damals hatten beide eine Affäre, bei der jedoch nicht sonderlich viel gelaufen ist und im Nachhinein ist er erschrocken über seine damaligen Gefühle.
Das Buch endet mit demselben Satz, mit dem es begonnen hat:
"Halm stand vor dem Spiegel im Bad, hatte das Rasieren hinter sich, konnte aber nicht aufhören sein Gesicht mit einer unauflösbaren Mischung aus Missgunst und Genuss zu betrachten."Ein immer wiederkehrendes Motiv Martin Walsers ist das Scheitern am Leben. Walsers Helden tragen meist einsilbige Nachnamen ("Dorn", "Halm", "Zürn", "Lach"), und sie sind den Anforderungen, die ihre Mitmenschen oder sie selbst an sich stellen, nicht gewachsen. Der innere Konflikt, den sie deswegen mit sich austragen, findet sich in allen großen Walser-Romanen wieder. Dass die Kämpfe nur in der Seele seiner Helden brodeln, während die äußere Handlung meist Nebensache bleibt, macht Martin Walser zu einem typischen Vertreter der deutschen Nachkriegsliteratur (wie Heinrich Böll, Peter Handke oder Siegfried Lenz) und setzt ihn in Gegensatz zur angelsächsischen Literaturtradition, in der das Vorantreiben einer äußeren Handlung weit bedeutender ist.
Der Titel des Buches "Brandung" geht auf eine Szene im Buch zurück.
---> Textstelle: S.91/92
Es wirkt so, als wolle Walser dem Leser damit sagen, dass wer sich zu weit vorwagt, wird bestraft. Außerdem starb ja auch Fran in der Brandung.
Kritik des Buches:
Um dieses Buch zu lesen, braucht man viel Ruhe, es ist kein Buch, was man mal so eben in der S-Bahn lesen kann, es braucht Zeit, die Verbindungen und Beziehungen der einzelnen Charaktere untereinander zu verstehen.
Wie schon in der Novelle Ein fliehendes Pferd wird in diesem Roman dem Element Wasser die Aufgabe übertragen, für Klärung und "Richtigstellung" der äußeren Verhältnisse zu sorgen.

