Westdeutsche Sprache
In der Bundesrepublik Deutschland und West-Berlin, teilweise auch der Schweiz und Österreich, hatte sich seit 1949 bis 1990 ein vom DDR-Sprachgebrauch abweichender Sprachgebrauch entwickelt mit teilweise anderen Wörtern, Redewendungen und anderen Wortbedeutungen als in der DDR. Sowohl in der offiziellen Sprache von Behörden und Massenmedien als auch in der Sprache der Bevölkerung gab es in der Bundesrepublik Deutschland Besonderheiten, die von der in der DDR verwendeten Sprache bei Behörden, Massenmedien und Menschen abwich.Bei einem Vergleich westdeutscher Lexika und Enzyklopädien mit ostdeutschen erkennt man zahlreiche erhebliche Unterschiede in der Verwendung und Definition von Begriffen. Aber auch im alltäglichen Sprachgebrauch gab es vielfältige Unterschiede.
Die entstandene Sprachgrenze ist nicht zu verwechseln mit einer Mundartgrenze. Sie betrifft nicht regionalen Sprachgebrauch und mundartliche Eigenheiten, sondern bestimmte Teile des Wortschatzes mundartübergreifend. Sie ist erkennbar durch
* eine scharfe geographische Trennlinie, während Mundartgrenzen oft (nicht immer) Übergangszonen bilden.
* keine Unterschiede in der Aussprache, sondern im Wortschatz und Wortgebrauch.
* Sehr selten handelt es sich bei den betroffenen Wörtern um althergebrachten Wortschatz, der auf einer der beiden Seiten außer Gebrauch geriet, während er im anderen Teil überlebt. Dagegen sind häufig Neubildungen betroffen.
Zu unterscheiden vom "westdeutschen Sprachgebrauch" sind Regionalismen und mundartliche Eigenheiten, die ihren Ursprung nicht in Erscheinungen des westdeutschen Gesellschaftssystems haben und teilweise viel älter sind. Diese sind meistens daran erkennbar, dass sie nicht in der gesamten ehemaligen BRD verstanden oder benutzt werden. Besonders deutlich wird dies an Mundarten, die die deutsch-deutsche Grenze überlappen - wie etwa Niederdeutsch, Ostfränkisch und Berlinisch - und bei denen Regionalismen beiderseits der ehemaligen Grenze gleich sind.
Die Ursachen für diese Auseinanderentwicklung der Sprache sind vielfältig. Einerseits verbreiteten sich im Westen Anglizismen durch den Einfluss der Besatzungsmächte und später die enge kulturelle Anbindung an die USA schneller und durchdringender als im Osten. (Obwohl es auch da Gegenbeispiele gibt. Beispielsweise war Juice für Fruchtsaft in der DDR üblich, im Westen wohl nie.) Das Russische im Osten hatte im Vergleich dazu geringen Einfluss, wohl auch weil da immer eine gewisse Distanz zwischen Besatzungstruppen und Bevölkerung herrschte.
Eine weitere Ursache dieser Entwicklung war die Propaganda des Kalten_Krieges auf beiden Seiten, sowie die insgesamt unterschiedlichen Lebensumstände die auf einer Seite Bezeichnungen für Dinge hervorbrachten, die auf der anderen Seite unbekannt waren oder eine andere Bedeutung hatten.
Beispiele:
Die folgenden Begriffe wurden in der DDR nicht verwendet, weil sie unbekannt waren oder es die bezeichneten Dinge (zumindest in der gleichen Definition) nicht gab:
Abschiebehaft, Abschiebung, Altersvorsorge, Arbeitslosengeld, Beugehaft, Freie Welt, Marktwirtschaft, Mehrwertsteuer, Mittelstand, Rechtsstaat, Selbständiger, Etwas muss sich rechnen, Sozialhilfe, Sozialstaat, Wirtschaftswunder, Wirtschaftsführer, Verbraucherschutz
Die folgenden Begriffe wurden nur in historischem Kontext verwendet:
Gymnasium, Grundschule, Hauptschule, Gesamtschule, 3-gliedriges Schulsystem, Zwangsräumung, Zwangsvollstreckung, Gerichtsvollzieher, Pfändung
Die folgenden Begriffe wurden in der Bundesrepublik zur Charakterisierung von Erscheinungen in der DDR verwendet, waren dort selbst jedoch meist (oder offiziell) nicht üblich:
Totalitarismus, Einheitssozialisten, Einheitsstaat, Zwangsvereinigung, Todesstreifen, Eiserner Vorhang, Todesschüsse, Vertreibung, "die sogenannte DDR", Ostzone, Zone, Sowjetzone, Ostberlin, Schießbefehl, SED-Staat, Sowjets, Moskowiter, Vopo, Nomenklatura, Arbeiterschließfächer
Abweichende Feier- und Ehrentage
Ostermontag, Christi Himmelfahrt, Valentinstag, Muttertag, Kindertag
Literatur
* Gespaltenes Deutsch. Grammatische Lyrik zur Gegenwart von Heinrich Waegner, Kalliope Verlag, Siegen 1984
* Wortsemantische Divergenz und Konvergenz im Sprachgebrauch. Vergleichende Untersuchungen zur DDR/BRD-Inhaltsspezifik vor und während des Umschwungs in der DDR von Michaela de Groot
• Csaba Földes: Deutsch als Sprache mit mehrfacher Regionalität: Die diatopische Variationsbreite. In: Muttersprache (Wiesbaden) 112 (2002) 3, S. 225-239.
* Bibliographie zum öffentlichen Sprachgebrauch in der BRD und der DDR von Manfred W Hellmann
siehe auch
*DDR-Sprachgebrauch

