Bonner Münster
Das Münster ?St. Martin? ist die katholische Hauptkirche in Bonn und ein Wahrzeichen der Stadt. Es wurde als Stiftskirche ?St. Cassius und Florentius? gegründet. Nach der Säkularisierung des Stiftes am Beginn des 19. Jahrhunderts übernahm es das Patrozinium der benachbarten Pfarrkirche ?St. Martin?, die 1812 abgebrochen wurde. Seit 1956 trägt das Münster den Titel ?Basilica minor?.
Vorgeschichte
Altäre für aufanische_Matronen und für andere Götter, die im Bereich des Münsters gefunden wurden, deuten darauf hin, dass der Ort, an dem die Kirche errichtet wurde, schon in römischer Zeit eine Kultstätte bestand. Gräber, Grabmäler und eine römische cella memoriae, eine Toten-Gedenkstätte, weisen auf die Existenz einer ?kleinen Nekropole? [http://hss.ulb.uni-bonn.de/diss_online/phil_fak/2004/muessemeier_ulrike/index.htm Ulrike Muessemeier: Die merowingerzeitlichen Funde aus der Stadt Bonn und ihrem Umland, Dissertation. Bonn 2004.] hin, die seit dem 2. Jahrhundert hier bestand. Die cella memoriae war ein Fachwerkbau und hatte im Innenraum steinerne Bänke und zwei Tische. Hier wurde der Toten bei einer kultischen Mahlzeit gedacht.Um die Mitte des 6. Jahrhunderts wurde am Platz der schon im 4. Jahrhundert wieder abgebrochenen Toten-Gedenkstätte ein Saal erbaut, ein 13,70 m langes und 8,80 m breites Gebäude. Bereits während der Bauzeit oder kurz danach wurde in dem neuen Rechtecksaal die erste Bestattung in einem Plattengrab vorgenommen. Kurze Zeit entstand der erste Estrich. Die Lage des ältesten Grabes wurde darin durch ein Kreuz aus Buntmarmorplättchen kenntlich gemacht. Die hier Bestatteten reichen Bonner Merowinger rechneten sich also dem christlichen Glauben zu. Die ersten Gräber in dem Gebäude zeichnen sich ?durch ihre aufwändige Gestaltung, die reichen und zum Teil importierten Beigaben und natürlich ihre Lage aus?.Christoph Keller: Legende auf dem Prüfstand, in: Archäologie in Deutschland, 5/2006, S. 35 Weitere Bestattungen in dem Gebäude und im Außenbereich fanden in der Folgezeit statt.Spätestens am Ende des 7. Jahrhunderts hatten Kleriker sich in der Nähe der Architektur angesiedelt und vermutlich ?lebten hier Abt Giso und ein Diakon, die in der ältesten Schriftquelle zu den Bauten am Ort des Münsters aus der Zeit um 691/92 genannt werden.? Christoph Keller: Legende auf dem Prüfstand, in: Archäologie in Deutschland, 5/2006, S. 35. Das Aussehen des Saalbaus durch An- und Umbauten wurde immer wieder verändert. Mehrere Grabräume und andere Bauteile wurden angefügt.
Vielleicht galt dieses Gebäude in den folgenden Jahrhunderten als Grabkirche der beiden christlichen Märtyrer Cassius und Florentius oder ein bisher noch nicht ausgegrabenes zum Beispiel unter dem Hauptbau des heutigen Bonner Münsters. Mit der Gründung eines Stiftes in karolingischer Zeit entstand die Stiftskirche ?St. Cassius und Florentius?. 787 übernahm Hildebold, der erste Erzbischof von Köln, die Leitung des Stiftes.
Um- und Ausbauarbeiten im 8. Jahrhundert
Im 8. Jahrhundert scheint der Platz in dem ursprünglichen fränkischen Grabbau nicht mehr ausgereicht zu haben, so dass es nach Abbruch einiger Anbauten um zwei Raumteile erweitert wurde. Am Ende des 8. Jh. folgten weitere Um- und Ausbauarbeiten. Vor dem Gebäude wurde ein Mörtelestrich ausgebracht, vielleicht Teil des 787/88 genannten Atriums ist. Mit diesen Arbeiten endete die Baugeschichte des Gebäudes.
Architektur
Die alte Stiftskirche wurde um 1050 abgerissen und wich dem Neubau im romanischen_Stil. Dieser Neubau war eine der ersten Kirchengroßanlagen im Rheinland, eine dreischiffige Kreuzbasilika. Die Querarme, die von einer fast quadratischen Vierung ausgingen, überragten nur wenig die Seitenschiffe. Die Basilika hatte eine doppelte Choranlage: einen Langchor über einer dreischiffigen Krypta im Osten und einen Westchor ebenfalls mit Krypta. Vom Bauwerk des 11. Jh. sind außer der Gruft noch Teile der Ostkrypta und des Hochchores sowie das Westwerk erhalten.Propst Gerhard von Are (1124?1169) ließ die Kirche um das Chorquadrat mit den
beiden Flankentürmen und um die reichgegliederte Ostapsis erweitern. Dieser Erweiterungsbau konnte 1153 eingeweiht werden. Der Bautätigkeit dieses Propstes
ist auch der Kreuzgang an der Südseite der Kirche zu verdanken.
Gegen Ende des 12. Jahrhunderts wurde das Chorhaus mit Kreuzrippengewölben versehen und um 1200 wurden die Querschiffe mit fünfseitigen Apsidenschlüssen, die Vierung und ein achteckiger, von einem gefälteten Zeltdach gekrönter Vierungsturm erbaut. 92 Meter ist dieser Turm heute hoch. Er trägt einen Spitzhelm aus dem 16. Jahrhundert. Zu Beginn des 13. Jahrhunderts wurde das Langhaus in gotischem_Stil neu aufgeführt, wobei die Seitenschiffe verbreitert und die Westapsis neu gestaltet wurden. Die genaue Datierung der Neuaufführung des Langhauses ist unter Kunsthistorikern umstritten und variiert zwischen den Jahren 1220 bis 1240; auf letztgenanntes Jahr deutet die einzige plausible Quelle aus der Chronik des Klosters Floreffe hin, die eine Zerstörung des alten Langhauses durch Brand im Jahr 1239 festschreibt.
1583?1589 und 1689 wurde das Münster erheblich zerstört. 1883?1889, 1934 und nach Bombenschäden im Zweiten_Weltkrieg wurde es restauriert.
Der Innenraum
Enthält das Kirchengebäude romanische und gotische Stilelemente, so überwiegen bei der Ausstattung barocke Stilelemente. Sehenswert im Innern sind zwei Altäre aus Marmor (17. und 18. Jahrhundert), die Bronzestatue der Heiligen Helena, das Sakramenthäuschen, der Kreuzgang und die Krypta. Der in der Krypta zu besichtigende Schrein ist neueren Datums, die historischen kostbaren, vergoldeten Schreine wurden 1587 durch Martin Schenk von Nideggen und seine Söldner geraubt und vermutlich eingeschmolzen. Die Soldateska raubte nahezu den gesamten Kirchenschatz und zerstörten die Fenster und Teile der Inneneinrichtung des Münsters.
Bild:KRYPTA Bonner Muenster.jpg/'>(Ost)Krypta des Bonner Münsters
Bild:Bnmst1.jpg|Das Innere des Münsters ? Gemälde von 1662
Bild:Bonner Muenster 2.jpg|Klais-Orgel im Bonner Bonner Münster
Bild:Bonner Muenster 1.jpg|Innenraum des Bonner Münsters
Pröpste des Stiftes Sankt Cassius und Florentius
Der Stiftspropst ist der Vorsteher einer Gemeinschaft von Kapitel zunehmend und wählte später seinen Leiter selbst durch freie Wahl. Dies führte jedoch mehr und mehr zu Spannungen, da auch die Kurie versuchte, starken Einfluss zu nehmen und durch den direkten Eingriff der Päpste wurden die Posten häufig durch Kuriale, vielfach Kardinäle, besetzt. Der Kampf um den Einfluss verschiedener Interessengruppen führte zu schnellem Wechsel der Propststellen oder sogar zu Doppelbesetzungen. Eine der wichtigsten Propsteien bildete das St. Cassiusstift an der Bonner Münsterkirche. Der Propst war der zweitmächtigste Mann nach dem Erzbischof und seine Einkünfte überstiegen die des Kölner Dompropstes um das Doppelte und die seines Mainzer Kollegen um das Vierfache. Nicht zuletzt deshalb gab es unter den Stiften einen fortdauernden Kampf um die Vorherrschaft.
* um 842?849/853 Thegan
1124?1169 Gerhard von Are
1211?1225 Heinrich I. von Müllenark
1313?1328 Heinrich II. von Virneburg
1371?1378 Robert von Genf (Clemens_VII.)
1397?1414 Dietrich II. von Moers
1546?1559 Johannes Gropper
1629?1661 Franz Wilhelm von Wartenberg
Krönungsstätte
Das Bonner Münster wurde in seiner Geschichte zweimalige Krönungsstätte.
Heinrich II. von Virneburg krönte am 25. November 1314 Friedrich_III._von_Österreich (genannt der Schöne) zum deutschen König, nachdem zuvor dessen Vetter Ludwig_von_Bayern zum König gewählt und in Aachen gekrönt worden war. Als Gegenkönig konnte Friedrich III. sich bis 1822 halten, dann wurde er in der Schlacht bei Mühldorf vernichtend geschlagen.
Die zweite Königskrönung fand am 26. November 1346 statt. Diesmal krönte Erzbischof Walram von Jülich auf Wunsch und Drängen des Papstes den Markgraf Karl von Mähren zum Gegenkönig. Karl_IV., wie er sich von nun an nannte - 1355 in Rom zum Kaiser gekrönt und Begründer der ersten deutschen Universität - gilt als der bedeutendste Herrscher des Spätmittelalters.
Grabstätte
Vier Erzbischöfe wurden im Bonner Münster beigesetzt:
Engelbert II. von Falkenburg ? 37. Erzbischof von Köln von 1261 bis 1274
Siegfried von Westerburg - 38. Erzbischof von Köln von 1275 bis 1297
Heinrich II. von Virneburg ? 40. Erzbischof von Köln von 1304 bis 1332
Ruprecht von der Pfalz - 47. Erzbischof von Köln von 1463 bis 1480
Bis heute sind jedoch nur das Hochgrab Ruprechts von der Pfalz im östlichen Seitenschiff und die Grabplatte Engelberts von Falkenburg an einer Wand im Westchor erhalten.
Heinrich II. von Virneburg wurde in der Barbarakapelle der Münsterkirche neben seiner Schwester, der Äbtissin Ponzetta von Dietkirchen, beigesetzt. Sein Grab ist nicht mehr erhalten. Auch das Grab Siegfrieds von Westerburg ist nicht mehr nachweisbar.
Geläut
Das heutige Geläut des Bonner Münsters setzt sich aus 8 historisch bedeutsamen Glocken zusammen. Es ist eines der seltenen erhaltenen Großgeläute des Barock von einem der besten Gießer dieser Zeit mit sehr schöner Glockenzier. Alle, bis auf die kleinste Glocke, sind von Martin Legros, einem wallonischen Glockengießer aus Malmedy, im Jahre 1756 bzw. die zweitkleinste Glocke 1757 gegossen worden. Die Glocken von 1756 wurden am 8. Dezember 1756 geweiht. Die kleinste Glocke ist die älteste; sie wurde von Johannes Bourlet aus Jülich im Jahre 1684 geschaffen.
Zwei Mal liefen die Bonner Münsterglocken Gefahr, zerstört zu werden. In den Weltkriegen sollten sie eingeschmolzen werden. Dazu wurden sie auf den Glockenfriedhof nach Hamburg gebracht. Beide Male kehrten die Glocken zurück. Des Weiteren riss beim Hochziehen der zweitgrößten Glocke ein Seil, doch den 20 Meter tiefen Sturz überstand sie. Jedoch ist an der Schärfe (untere Kante der Glocke) ein Stück Glockenbronze herausgebrochen.
Heute sind alle Glocken in der Glockenstube des 84 m hohen Vierungsturmes untergebracht. Die vier kleinsten Glocken, die sich aufgrund ihrer geringen Größe deutlich von den vier großen Glocken abheben, waren früher auf die beiden Osttürme an der Apsis verteilt.
Alle Glocken hängen im Holzglockenstuhl an Holzjochen. Aufgrund statischer Probleme wurde das Geläut mit Gegenpendelanlagen versehen, die die Kraft der schwingenden Glocken erheblich vermindern. Das ?Gesamtgeläute? (Plenum) ist nur vor höchsten kirchlichen Feiertagen zu hören.
Eine weitere Besonderheit ist, wie im Rheinland häufiger anzutreffen, das ungebremste Ausläuten der Glocken; jede Glocke schwingt ihrem Gewicht entsprechend ohne jegliche Gegenbewegung des Antriebsmotors aus. Die große Kurfürstenglocke benötigt rund 5 Minuten vom Abschalten bis zu den letzten Schlägen. Beim Zusammenläuten mehrerer Glocken klingt der Wechsel zwischen gleichmäßigen und einseitigen Schlägen besonders schön.
Die einzelnen Glocken werden im Folgenden tabellarisch dokumentiert:
Basilica minor
Pfingstsonntag 1956 erhob der Apostolischer_Nuntius, Erzbischof Aloysius Muench, das Münster zur ?Päpstlichen Basilica minor?. Das Münster sei wegen seiner historischen Vergangenheit, Schönheit und Monumentalität das ?wertvollste Denkmal? in der Stadt, schrieb Papst Pius XII. zur Begründung der Auszeichnung.
Restaurierungsarbeiten
Am 2. Februar 2006 wurde im Zuge von Restaurierungsarbeiten eine neue Bekrönung auf dem Bonner Münster installiert. Sie ersetzt einen schmucklosen fünfzackigen Blitzableiter. Außer einem Kreuz ist die Bekrönung mit einer vergoldeten Krone mit einem Durchmesser von 1,5 m geschmückt. Die Arbeiten am Münster sollen Frühjahr 2007 abgeschlossen sein.
Literatur
* Dietrich Höroldt: Das Stift St. Cassius zu Bonn: Von den Anfängen der Kirche bis zum Jahre 1580. In: Bonner Geschichtsblätter; Bd. XI. Stadtarchiv und Stadthistorische Bibliothek Bonn, 1957.
* Manfred Koch: Das Münster, ehemals Stiftskirche St. Cassius und Florentius. Schnell und Steiner Verlag, Regensburg 1990
* Andreas Denk, Ingeborg Flagge: Architekturführer Bonn. Dietrich Reimer Verlag, Berlin 1997, ISBN 3-496-01150-5, S. 2/3
* Jürgen Kaiser und Andreas Lechtape: Das Bonner Münster. Geschichte - Architektur - Kunst - Kult. Regensburg 2002
* Josef Niesen, Bonner Personenlexikon, Bouvier Verlag, Bonn 2007
Weblinks
• Bonner Münster
• ?Kirche des Monats?, November 2004
• Die merowingerzeitlichen Funde aus der Stadt Bonn und ihrem Umland
• General-Anzeiger-Online: Bonner Münster

