Blutgericht von Verden
Als Blutgericht von Verden bezeichnet man die Hinrichtung von 4.500 Sachsen bei Verden an der Aller auf Befehl Karls_des_Großen im Jahre 782 während der Sachsenkriege. Von dem vielen Blut der Enthaupteten (zivile Friedensboten und Schutzbefohlene, die die Sachsen Karl als Geiseln gestellt hatten) soll die Aller rot geflossen sein (siehe Einhards Vita Karoli Magni und die fränkischen Reichsannalen mit Zusätzen aus den sogenannten Einhards-Annalen).
Anfang des 20. Jahrhunderts erschienen viele Forschungen, die Karls Rolle in ein kritisches Licht rückten (z. B. Wilhelm Teudts »Germanische Heiligtümer«). Als aber Adolf Hitler nach anfänglicher Konsolidierung seiner Herrschaft schon Mitte der 1930er Jahre all denen eine klare Absage erteilte, die in den Sachsenkriegen den Freiheitskampf der alten Niedersachsen gegen ein fremdes Imperium sahen und anfänglich auch die Nationalsozialisten unterstützt hatten, und stattdessen vielmehr seine eigene politische Propaganda in imperialistischer Absicht scharf auf die deutsche Kaisertradition des Mittelalters ausrichtete, verteidigte Karl Bauer als Autor von »Die Quellen für das sogenannte Blutbad von Verden« (Münster 1937) Karl den Großen: In diesem Werk werde jedoch - wie viele Historiker heute anmerken - zugunsten Karls und seiner ?kaiserlichen? Taten Geschichtsklitterung betrieben, indem nahegelegt wird, in den zeitgenössischen Quellen sei nur ein Abschreibfehler auszumachen ? statt ?decollati? = enthauptet habe es von den Opfern ursprungs bloß "delocati" = umgesiedelt geheißen, und ein Massaker habe es niemals gegeben.
Unbeschadet dieser aus graphologischer/paläographischer und epistemologischer Sicht kaum möglichen Erklärungen halten inzwischen zahlreiche Mediävisten aus sachlichen Gründen an einer alternativen Leseart des "Blutgerichts von Verden" fest: So nimmt Dieter Hägermann nur eine Gruppe von wenigen Dutzend an, welche von Karl dem Großen hingerichtet worden seien.Dieter Hägermann, Karl der Große. Herrscher des Abendlandes, Berlin 2000, S.214 ff. Der emeritierte münstersche Staatsarchivdirektor Wilhelm Kohl vermutet 400-500 Enthauptete.Wilhelm Kohl, Bemerkungen zur Entstehung der Pfarrorganisation im alten Sachsen, vornehmlich im Bistum Münster, in: Johannes Mötsch (Hg.), Ein Eifler für Rheinland-Pfalz, Bd. 2, 2003, S.920, Anm. 16. Auch Horst Fuhrmann hat empfohlen, mit der "Mär vom Sachsenschlächter" aufzuräumen.FAZ 25.08.2003. Demgegenüber wehrt sich Ernst Schubert gegen "abmildernde Spekulationen" des Geschehens.Ernst Schuber, Verden, Blutbad v., in: LMA 8 (1997), Sp.1500 f.
Die heutige Geschichtsforschung ist sich also keineswegs einig darin, dass die Niedersachsen in jenen Tagen praktisch ihrer gesamten Stammesführerschaft gewaltsam beraubt worden seien (zudem ehrlos gemordet als Geiseln, was damals als besonders unverzeihlich angesehen wurde), und erst damit endgültig schwach genug wurden für die nachfolgende Beherrschung durch landfremde fränkische Grafen, die Karl im Sachsenland in neugebauten Zwingburgen einsetzte. Die derzeitige Auffassung der Historiker geht also mehrheitlich von einer "aus Rache bzw. momentaner Verbitterung diktierten Strafaktion Karls des Großen" aus, "die aber kaum 4.500 Sachsen betraf."Arnold Angenendt, Toleranz und Gewalt. Das Christentum zwischen Bibel und Schwert, Münster 2007, S.387.
Anmerkungen
Siehe auch:
Sachsenhain

