Blue Funnel Line
Die Blue Funnel Line (BFL) war eine britische Reederei mit Sitz in Liverpool und betrieb hauptsächlich Liniendienste nach Ostasien, aber auch nach Australien, Neuseeland, Kanada und den USA. Die Reederei gehörte zeitweise zu den einflussreichsten Schifffahrtsgesellschaften der Welt.Geschichte
1865 gründete Alfred Holt die Firma Alfred Holt & Co. um einen Liniendienste mit Schraubendampfern zur Beförderung von Fracht und Passagieren nach Ostasien einzurichten. Schon kurze Zeit später wurden diese Aktivitäten in der Reederei Ocean Steamship Company Ltd. zusammengefasst. Die Schornsteine der Schiffe waren blau mit einer schwarzen Kappe, daher auch die Bezeichnung Blue Funnel Line und im deutschen Sprachgebrauch bürgerte sich die Bezeichnung Holt-Linie ein. Da Alfred Holt ein großer Bewunderer von Homers Ilias und Odyssee war, wurden alle Schiffe der Reederei nach Figuren aus diesen Epen benannt.
Unter Alfred Holts Tatkraft entwickelte sich die Reederei glänzend. Es war noch die Zeit der großen Klipper, als Holts Dampfer die Meere zu befahren begannen. Doch Holt erkannte richtig, dass die Zeit für die Segelschiffe abgelaufen war und die Zukunft dem Dampfschiff gehörte, und selbst da entschied sich Holt zukunftsorientiert richtig für den Schraubenantrieb. Die Route nach Ostasien verlief zu Beginn von Liverpool über Kapstadt, Penang, Singapur, Hong Kong und Shanghai nach Yokohama. Mit Eröffnung des Suez-Kanals, 1869, entfiel die Umrundung von Südafrika und die Schiffe fuhren durch das Mittelmeer über dem Suez-Kanal nach Ostasien.
Die ersten Schiffe der Reederei waren die drei Schwestern Agamemnon (I), Ajax (I) und Achilles (I), sie waren mit 2280 BRT vermessen und für 40 Passagiere und sehr viel Fracht ausgelegt. Gebaut wurden sie von der Werft Scotts & Co. in Greenock, die in der Folgezeit, neben Hawthorn, Leslie & Co. aus Newcastle, die meisten Schiffe für die Linie bauen sollte. Bis zum Jahr 1914 wurden kontinuierlich ganze Serien von Schiffen ohne Unterbrechung, hauptsächlich für den Frachttransport, in Dienst gestellt. Die Tonnage der Schiffe stieg dabei langsam von 2200 BRT bis auf über 10000 BRT an. Die Blue Funnel Line wurde so zu einer der größten Reedereien der Welt.
1891 kaufte Holt die Nederlandsche Stoomvaart Maatschappij "Oceaan" (NSMO), mit Sitz in Amsterdam, auf und führte sie fortan als direkte Blue Funnel-Tochterreederei weiter. 1896 gründete Holt die East India Ocean Steamship Company mit Sitz in Singapur, die aber bereits 1899 an den Norddeutschen_Lloyd verkauft wurde. 1902 erwarb Holt die in Glasgow beheimatete China Mutual Steam Navigation Company, und führte sie wie die NSMO als direkte Blue Funnel-Tochter weiter. 1910 stellte die Reederei ihre ersten Passagierschiffe in Dienst, die Schwestern Aeneas (I), Ascanius (I) und Anchises (III) die mit je 10049 BRT vermessen waren, gefolgt von den beiden 14000-Tonnern Nestor (III) und Ulysses (IV).
Unterdessen war das Liniennetz weiter ausgebaut worden. 1896 richtete die Reederei einen Dienst von Singapur über Batavia nach Fremantle (Australien) ein. 1901 folgte der Dienst von Europa nach Australien, diese Route verlief von Glasgow-Liverpool-Kapstadt-Fremantle-Adelaide nach Melbourne und Sydney. 1902 kam noch der Transpazifik-Dienst hinzu von Ostasien zur Westküste von Nordamerika (Vancouver, San Francisco usw.). 1915 wurde der neueröffnete Panama-Kanal in das Liniennetz eingefügt und eine Direktverbindung von New_York nach Ostasien eingerichtet. Am Vorabend des Ersten_Weltkrieges bestand die Flotte der Blue Funnel Line aus 69 Schiffen mit 470.000 BRT, dazu wurden 1914 noch die Reedereien Indra Line und Knight Line aufgekauft. Der bald einbrechende Krieg bedeutete für die Reederei fürchterliche Verluste, hauptsächlich durch die deutschen U-Boote, die ohne Vorwarnung die wehrlosen Frachter im ozeanischen Zufuhrkrieg versenkten. Mit diesen Schiffen fanden hunderte Menschen den Tod.
Nach dem Krieg begann sofort der Wiederaufbau der Flotte und bis zu Beginn der 1930er Jahre wurden 28 neue Schiffe in Dienst gestellt. Darunter befanden sich weitere Passagierschiffe, das von 1923 bis 1924 in Dienst gestellte Quartett - Sarpedon (IV), Patroclus (III), Hector (IV) und Antenor (III) - mit je 11446 BRT vermessen für den Ostasien-Dienst. Die Masse waren aber Frachtschiffe um die Kriegsverluste auszugleichen, darunter die ersten Schiffe mit Dieselantrieb.
1933 erwarb die Blue Funnel Line aus dem Fundus der 1931 in Konkurs gegangenen Royal_Mail-Gruppe die Reedereien Glen Line und Shire Line ganz und den Royal Mail-Anteil an der bedeutenden britischen Reederei Elder, Dempster & Co.. Mit diesen Aufkäufen hielt die Reederei einen der vorderen Plätze unter den Schifffahrtsunternehmen, hatte aber zur gleichen Zeit mit dem Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise von 1929 zu kämpfen.
Mitte der 1930er Jahre begann sich die Situation langsam zu bessern, doch der 1939 einbrechende Zweite_Weltkrieg unterbrach diese positive Entwicklung und bedeutete erneut furchtbare Schiffsverluste, neben unzähligen Frachtern ging auch ein Großteil der Passagierschiff-Tonnage verloren und mit ihr wiederum viele hunderte Menschenleben.
Erneut musste die Reederei ihre Flotte von grundauf neu aufbauen. Die horrenden Schiffsverluste wurden zu Beginn durch viele Standard-Frachter der Liberty, Victory und Empire Typen ausgeglichen. Im Laufe der 1950er und 1960er Jahre kamen dann nochmal gewaltige Serien von Frachtschiffen in Dienst. Zwischen 1949 und 1951 brachte die Reederei auch nochmal acht Schiffe für den Passagierdienst in Fahrt - Peleus (II), Pyrrhus (III), Patroclus (IV), Perseus (III), Helenus (II), Hector (V), Jason (IV) und Ixion (III) - alle hatten um die 10000 BRT und boten 35 Passagieren einen Platz, der Frachttransport spielte aber auch bei diesen Einheiten die größere Bedeutung.
Die Situation auf dem Weltmarkt veränderte sich im Laufe der 1960er Jahre. Neben dem Flugzeug, das dem Passagierschiff das Leben schwer machte, brachte der Container große Veränderungen mit sich, auch für die Blue Funnel Line. Da die bestehende Tonnage nur bedingt für den Transport von Containern geeignet war, mussten eigens Containerschiffe in Auftrag gegeben werden und dazu waren gewaltige finanzielle Aufwendungen von Nöten. Dies war selbst für so eine große Reederei, wie es die BFL eine war, zu viel des Guten, ein Partner musste gefunden werden. 1967 fusionierte die Ocean Steamship Company mit der Elder, Dempster Line zur Ocean Transport & Trading Co. (OT&T). Die Holt-Familie stieg 1966 nach über 100 Jahren aus dem Unternehmen aus, George Palmer Holt war ihr letzter Vertreter im Management des Unternehmens. Doch auch unter OT&T-Regie blieben die alten Farben der Reederei erhalten. Letztes Schiff, das unter der Holt-Ägide geplant und in Dienst ging, war die Centaur (III) aus dem Jahr 1964, ausgerüstet für den Frachttransport, aber auch für 190 Passagiere, die sogar einen großen Swimming-Pool zur Verfügung hatten.
Der folgende Teil der Geschichte der Blue Funnel Line ist indessen nicht mehr so großartig. In den 1970er Jahren wurden große Serien von Containerschiffen in Dienst gestellt, aber auch Schüttgutfrachter (Bulk Carrier) und Erdöltanker (Crude Oil Carrier) sowie mit der fünften Nestor ein Flüssiggastanker (LNG-Carrier), der für seine Zeit allerdings noch überdimensioniert war. Von beeindruckenden Erfolg war das alles aber nicht mehr. Die ganzen 1980er Jahre machte man noch mehr schlecht als recht weiter und 1989 wurde alle Schiffe verkauft, ebenso die Tochterreedereien Elder, Dempster und Glen Line. OT&T widmete sich von nun an anderen Geschäftsfeldern, in dem das Unternehmen noch heute aktiv ist.
Von der großen Blue Funnel Line und der Holt-Familie sind heute nicht vielmehr als die Namen geblieben und die Erinnerung an ein großes, weltbekanntes und sehr erfolgreiches britisches Schifffahrtsunternehmen, das zu den bedeutendsten der Welt zählte.

