Geblümter Stil
Der geblümte Stil (von mhd. blüemen ?mit Blumen schmücken?, beeinflusst von lat. flosculus ?Blümchen?, im übertragenen Sinne ?Floskel?) ist eine frühe manieristische Stilart der mittelhochdeutschen Dichtung des Spätmittelalters im 13. und 14. Jahrhundert. Er ist dem ornatus difficilis der antiken lateinischen_Rhetorik und dem nur wenig früheren Trobar clus der Trobadors vergleichbar, darf aber keinesfalls nur als deren Weiterentwicklung verstanden werden.Die wichtigsten Vertreter sind Albrecht von Scharfenberg, Johann und Konrad von Würzburg, Frauenlob, Rudolf von Ems, Egen von Bamberg, Hugo von Montfort, die Minnedichter Hadamar von Laber, Peter Suchenwirt und Hermann von Sachsenheim, zuletzt Muskatblüt und Heinrich von Mügeln, deren Personalstil ? dann bereits zu Floskeln erstarrt ? auf den Meistersang überging.
Entstanden war der geblümte Stil aus den ?dunklen? Ausdrucksformen Wolframs_von_Eschenbach und der Mariendichtung, die hier durch häufige, gekünstelte und systematische Verwendung das Hauptmerkmal des Blümens ausmachen: auf der Wortebene gesuchte Sprachbilder und Assoziationen, oft als Genitivattribut konstruiert und mit Lautmalerei verbunden, seltsame Wortspiele, rätselhafte oder überhöhte Metaphern und Vergleiche, Polysemie und Bildbrüche, Fremdworte und Neologismen, auf der Satzebene ein sehr freier, oft schwer nachvollziehbarer Umgang mit Wortstellung und Satzbau nach dem Vorbild des Lateinischen, schließlich allgemein eine Überfülle an rhetorischen_Figuren. Die Annahme, der geblümte Stil trete eher bei geringer, epigonaler dichterischer SchöpferkraftGero von Wilpert: Sachwörterbuch der Literatur. 6. Aufl. Stuttgart 1979. S. 294 auf, ist nicht allgemein gültig; die Dichter betonten damit einerseits ihre sprachliche Virtuosität, andererseits ihre Bildung, indem sie die stilistischen Mittel mit naturwissenschaftlichen, kosmologischen und vor allem theologischen Themen wie Jungfrauengeburt, Dreifaltigkeit oder Schöpfung verbanden.Max Wehrli: Geschichte der deutschen Literatur im Mittelalter. Von den Anfängen bis zum Ende des 16. Jahrhunderts. 3. Aufl. Stuttgart 1997. S. 440 f. Zugleich erschwerten Chiffren, die erst entziffert werden mussten, das Verständnis der Dichtung.Max Wehrli: Geschichte der deutschen Literatur im Mittelalter. Von den Anfängen bis zum Ende des 16. Jahrhunderts. 3. Aufl. Stuttgart 1997. S. 448 f.
Texte des geblümten Stils sind in beinahe allen mittelalterlichen Literaturgattungen zu finden. Ihr zeitliches Zusammentreffen mit dem Aufblühen der ?Deutschen Mystik? (Meister Eckhart, Johannes Tauler, Heinrich Seuse) ist nicht zufällig; hier wie da sind die Sprachexperimente nominalistisch geprägt.Max Wehrli: Geschichte der deutschen Literatur im Mittelalter. Von den Anfängen bis zum Ende des 16. Jahrhunderts. 3. Aufl. Stuttgart 1997. S. 454 Dennoch ist der geblümte Stil nicht als einheitlicher Zeit-, sondern ähnlich den Schwulststilen der Barockliteratur als eine Sammlung vergleichbarer manieristischer Individualstile zu betrachten.
Quellen
Literatur
*Kurt Nyholm: Studien zum sogenannten geblümten Stil. (Acta Academiae Aboensis. A 39,4) Turku 1971
*Frieder Schülein: Zur Theorie und Praxis des Blümens. Untersuchungen zur Sprachästhetik in der deutschen Literatur des 13.?15. Jahrhunderts. (Dissertation München 1972). Bern 1976. ISBN 3-261-01838-0
*Gert Hübner: Lobblumen. Studien zur Genese und Funktion der ?geblümten Rede?. Tübingen 2000. ISBN 3-7720-2032-1

