Biologismus
Mit dem Begriff Biologismus werden alle philosophischen und weltanschaulichen Konzeptionen bezeichnet, die die Wirklichkeit, insbesondere menschliche Verhaltensweisen oder gesellschaftliche Zusammenhänge, vordringlich unter Zuhilfenahme biologischer Gesetzmäßigkeiten zu erklären versuchen oder eine entsprechende Ausgestaltung gesellschaftlicher Verhältnisse anstreben.Der Begriff ist mit einer stark negativen Konnotation behaftet. Er wird insbesondere verwendet, um bestimmte Modelle des ausgehenden 19. und des 20. Jahrhunderts zu kennzeichnen.
Geistesgeschichtlich betrachtet richtet sich der Biologismus im wesentlichen gegen Mechanismus und Vitalismus. In ihrer Exklusivität werfen Biologismen große erkenntnis- und wissenschaftstheoretische Probleme auf.
Da der Mensch Teil der belebten Natur ist, sind Erklärungen menschlicher Wesenszüge auch Forschungsgegenstand der Biologie, deren Erkenntnisse folglich auch als Beitrag zum interdisziplinären Forschungsfeld der Humanwissenschaften verstanden werden können.
Der Biologismus-Begriff steckt diesem umfassenden Erklärungsanspruch allerdings enge, wissenschaftsphilosophisch begründete Grenzen und betont die schwerwiegenden weltanschaulichen, politischen und gesellschaftlichen Folgen, die aus einer unzureichend reflektierten, einseitig biologischen Betrachtungsweise solcher Phänomene erwachsen können.
Dem konkreten politischen Gefahrenpotential ? beispielsweise können unter Verweis auf ein vermeintlich allgemeingültiges Naturgesetz soziale_Unterschiede unveränderlich festgeschrieben werden ? wird dabei die problematische Erkenntnissituation des naturwissenschaftlichen Beobachters gegenübergestellt: So gehen auch dessen fachwissenschaftliche Forschungen letztlich von einer ? notwendigerweise unvollständigen, partiellen ? Beobachtung eines bestimmten gesellschaftlichen Zustandes in einem spezifischen (zeitlichen) Kontext aus. Dennoch sollen auf dieser Grundlage allgemeine, abstrakte Gesetzmäßigkeiten hergeleitet werden. Darüber hinaus sind auch die dazu eingesetzten Methoden und Fragestellungen, die das Ergebnis maßgeblich beeinflussen können, zeit- und kulturabhängig, obgleich für das Forschungsergebnis überzeitliche Gültigkeit beansprucht wird. Ein solches Vorgehen sei jedoch aus diesen und weiteren Gründen erkenntnistheorethisch problematisch und letztlich inakzeptabel. Die Situation kann zudem dadurch verschärft werden, dass Forscherpersönlichkeiten bewusst oder unbewusst durch konkrete materielle und politische Interessen geleitet werden.
Der Begriff dient somit vorrangig der Abgrenzung gegenüber Gedankengut, dessen biologisch dominierte Ausrichtung bemängelt werden soll. Eine Verwendung ohne (mehr oder weniger explizite) negative Konnotationen tritt selten auf.
Gesellschaftliche Wirkungsweise
Viele politische Strömungen (u.a. der Faschismus) haben biologistische Erklärungsmodelle für ihre Zwecke instrumentalisiert, indem sie Biologismen zur Rechtfertigung sozialer Ungleichheit, Ausbeutung und Unterdrückung verwendeten. Diskriminierungen gehen häufig einher mit einer biologistischen Argumentationsweise, der drei Funktionen zukommen:
* Unterscheidung: der Unterschied zwischen der diskriminierenden und der diskriminierten Gruppe wird durch vermeintlich biologisch gegebene, also angeborene Merkmale festgeschrieben.
* Unveränderbarkeit: dieser Unterschied wird als unveränderbar behauptet, die Möglichkeit einer diesbezüglichen Veränderung durch sozialen Wandel wird verneint.
* Rechtfertigung: ein tatsächlich gegebenes oder behauptetes Faktum der Natur wird zur Rechtfertigung bestimmter gesellschaftlicher Verhältnisse benutzt.
Biologismus wird in diesem Zusammenhang als besondere Spielart der Ontologisierung und des Essentialismus gedeutet. Der Versuch, im Rahmen des Biologismus aus den Verhältnissen in der Natur (?Sein?) Werte für die menschliche Gesellschaft abzuleiten (?Sollen?), wird in der modernen Ethik überwiegend als naturalistischer Fehlschluss (?naturalistic fallacy?) eingestuft.
Erscheinungsformen
Als Erscheinungsformen des Biologismus lassen sich unter anderem anführen:
* der Malthusianismus mit seiner speziellen Deutung der Bevölkerungsentwicklung;
* der Sozialdarwinismus, der das darwinsche Prinzip der natürlichen Auslese im ?Kampf ums Dasein? zum Bewegungs- und Entwicklungsgesetz auch des menschlichen Gesellschaftslebens erklärt, wobei die Bereitschaft zum Führen von Kriegen häufig als immanenter Wesenszug des Menschen gedeutet wird; hierunter fallen auch geopolitische_Ansätze, die die Beziehungen zwischen den Staaten und Völkern sozialdarwinistisch als ?Kampf um Lebensraum? (Karl Haushofer) interpretieren;
Biologismen finden sich häufig auch in sozialen Erklärungsmodellen. Beispiele finden sich
* in der Geschlechterpolitik, wo Verweise auf tatsächliche oder vermeintliche biologische Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern sexistisch ausgelegt und instrumentalisiert werden können.
* im Rassismus, wobei zwischen ?höher-? und ?niederwertigen? Menschenrassen unterschieden wird. Der Vorgang, im dem Menschen aufgrund eines Merkmals (z.B. ihrer Hautfarbe) zu einer homogenen Gruppe zusammengefasst werden, wird auch mit Rassifizierung als eine Unterform des Biologismus bezeichnet. Dies geschieht u.a. mit den Folgen des Elitedenkens bis hin zur sozialdarwinistisch und rassistisch orientierten Eugenik, Euthanasie und des Genozids,
* bei vielen Autoren der klassischen_vergleichenden_Verhaltensforschung, so zum Beispiel bei Konrad Lorenz und Irenäus Eibl-Eibesfeldt, die menschliches Verhalten immer wieder mit Hilfe von bloßen Analogien aus dem Tierreich zu erklären versucht haben, ohne jede Rücksicht auf die stammesgeschichtliche Distanz der als Beispiel herangezogenen Arten zum Menschen.
* bei einigen Vertretern der Kriminologie, wobei kriminelles Verhalten als Folge einer vererbbaren Anlage betrachtet bzw. einer ausschließlich biologischen Ursache zuordnet wird.
* zur Erklärung des angeblich angeborenen, menschlichen Egoismus, sofern dieser durch eine unmittelbare Analogie aus dem Tierreich als unverändertlicher tierischer Antrieb hergeleitet wird, ohne gesellschaftliche Faktoren, insbesondere soziale Ungleichheit und Machtstruktur, sowie spezifische Charakteristika der beobachteten Gesellschaft und die eigene Beobachterposition ihr gegenüber zu berücksichtigen.
Weblinks
• Giselher Schmidt: Biologismus, Rassismus und Antisemitismus ? der ideologische Kern der NPD PDF
Literatur
* Jost Herbig und Rainer Hohlfeld (Hrsg.): Die zweite Schöpfung, Geist und Ungeist in der Biologie des 20. Jahrhunderts. München / Wien 1990, ISBN 3-446-15293-8
* Detlev Franz: Biologismus von oben. Das Menschenbild in Biologiebüchern Münster 2004 Unrast-Verlag ISBN 3-927388-38-6
* Immanuel Wallerstein, Imanuel Geiss, Gero Fischer , Maria Wölflingseder (Herausgeber): Biologismus - Rassismus - Nationalismus. Rechte Ideologien im Vormarsch 1995 Promedia-Verlag ISBN 390047897X

