Bindungstheorie
thumb|px150|Eine_Bindung_an_eine_Bezugspersonen_ist_ein_wichtiger_Teil_der_menschlichen_EntwicklungDie Bindungstheorie wurde von dem britischen Psychiater John Bowlby und der Kanadierin Mary Ainsworth entwickelten. Sie verbindet ethologisches (Ethologie), entwicklungspsychologisches (Entwicklungspsychologie), systemisches und psychoanalytisches Denken. Eines der großen Anliegen Bowlbys war es, mit der Bindungstheorie eine wissenschaftliche Basis für den psychoanalytischen Ansatz der Objektbeziehungstheorien zu schaffen und psychoanalytische Annahmen empirisch überprüfbar zu machen. Der britische Kinderpsychiater und Psychoanalytiker entfernte sich im Laufe seiner Forschungsarbeit von der Psychoanalyse, und die Bindungstheorie wurde zu einer eigenständigen Disziplin, die der Psychoanalyse viel verdankt. Die Theorie weist sowohl Verbindungen zur Systemtheorie wie auch zur kognitiven_Psychologie auf und hat einen ebenso großen Beitrag zur Familientherapie und kognitiven_Therapie geleistet.
Grundlagen und Begriffsbestimmung
Bowlby war der Ansicht, dass jeder Mensch mit mehreren Verhaltenssystemen ausgestattet ist, welche das Überleben der Spezies sichern und aus der Evolution hervorgegangen sind. Dazu gehört beim menschlichen Kind das sog. Bindungsverhalten.
In der Psychologie ist Bindung die Bezeichnung für eine enge emotionale Beziehung zwischen Menschen. Das Bindungsverhalten besteht aus verschiedenen beobachtbaren Verhaltensweisen wie Lächeln, Schreien, Festklammern, Zur-Mutter-Krabbeln, Suchen der Bezugsperson usw. Diese Verhaltensweisen werden unter dem Begriff Bindung als ein Verhaltenssystem beschrieben.
Bindung (englisch: attachment) bezeichnet ein genetisch vorgeprägtes Verhalten von Primatenkindern (insbesondere Menschen). Das Neugeborene entwickelt eine spezielle Beziehung zu seinen Eltern (insbesondere der Mutter) oder anderen dauerhaften Bezugspersonen (Bindungspersonen sind die erwachsenen oder älteren Personen mit welchen das Kind den intensivsten Kontakt in seinen ersten Lebensmonaten hatte). Dieses ?Bindungssystem? soll das Neugeborene dazu veranlassen, im Falle einer objektiv vorhandenen oder subjektiv erlebten Gefahr oder Bedrohung, Schutz und Beruhigung bei seinen Bezugspersonen zu suchen und einzufordern.
thumb|px200|Mit_Bindungsverhalten_versucht_das_Kind_trost_von_seiner_Bezugsperson_zu_bekommen
Konkretes Bindungsverhalten wird also nur in Alarmsituationen aktiviert, beispielsweise wenn eine Bezugsperson fortgeht oder zu weit entfernt ist. Auch kann man Bindungsverhaltensweisen beobachten, wenn eine Bezugsperson zurückkehrt oder Bittsignale um Schutz und Sicherheit abweist, eine Situation nicht vertraut ist oder das Kind sich aus irgend einem Grund (Schmerz, Krankheit) unwohl fühlt.
Nähe zur Bindungsperson oder körperlicher Kontakt über eine kurze Zeit beenden i. d. R. das Bindungsverhalten. Andere Verhaltensweisen können nun beobachtet werden wie das Erkundungs- oder Exploratives Verhalten.
Exploratives Verhalten ist dem Bindungsverhalten komplementär zugeordnet. Fühlt das Kind sich bindungssicher, wagt es sich von der Bezugsperson weg, und erkundet Gegenstände und Personen in der Umgebung. Allerdings rückversichert es sich häufig durch Blicke zu der sicheren Ausgangsbasis, der Bezugsperson. Es spielt einen wichtigen Beitrag zur Entwicklung der Autonomie des Kindes.
Es werden heute vier Bindungsstile unterschieden:
*Die sichere Bindung (B-Bindung)
*Die unsicher-ambivalente Bindung (C-Bindung)
*Die unsicher-vermeidende Bindung (A-Bindung)
*Die desorganisierte Bindung (D-Bindung)
Wichtig erscheint, dass Bindung nicht eine Eigenschaft des Kindes (oder der Bindungsperson) allein darstellt: Die Bindungsschemata oder Bindungsrepräsentanzen (auch inner working model) sind vielmehr ein Merkmal der Eltern-Kind-Beziehung, also eine zwischenmenschliche Qualität, die von beiden Interaktionspartnern getragen wird. Welches Bindungsverhalten das Kind entwickelt, ist nicht überwiegend ein Spiegelbild seines Temperaments oder Charakters. Der Begriff Interaktion (synonym: Wechselwirkung) ist eine Bezeichnung dieses zwischenmenschlichen, gegenseitigen Wechselverhaltens. In der Sozialpsychologie bezeichnet der Begriff heute jede Art der Wechselwirkung oder wechselseitiger Bedingtheit im sozialen Verhalten. Er wurde zuerst von John Bowlby in seinem Aufsatz ?Über das Wesen der Mutter-Kind-Bindung? im Zusammenhang mit dem sozialen Verhalten verwendet. Die Bindungstheorie konzentriert sich darauf, dieses spezielle Interaktionsverhalten empirisch zu verstehen und versucht einen Zusammenhang zwischen der Interaktion zwischen Kind und Bezugsperson und der Entwicklung individueller Merkmale des Kindes zu finden. Auch werden die individuellen Merkmale der Bezugsperson untersucht, die einen Beitrag zu der Etablierung bestimmter, zu unterscheidender, Bindungsstile beim Kind leisten könnten.
Bindungsverhalten entwickelt sich im ersten Lebensjahr. Bis zum dritten Lebensmonat, kann hierbei die Bindungsperson beinahe beliebig wechseln. Später entsteht eine feste Bindung zu einer oder mehreren Personen (bspw. Mutter, Vater, Geschwister oder Amme). Sobald das Kind die motorischen Fertigkeiten Lokomotion entwickelt hat, ist es ab dem 7 bis 8 Monat fähig, sich aktiv in die Nähe der Bezugsperson zu bewegen bezw. aktiv deren "symbiotischen Umkreis" zu verlassen, was Margarete Mahler mit dem "Ausschlüpfen" vergleicht. Es beginnt ein eigenes Individuum zu werden (Individuationsphase). Auch setzt in dieser Zeit die Objektpermanenz ein, welche es dem Kind ermöglicht, eine Vorstellung von einem Objekt zu haben, ohne das dieses direkt anwesend ist. Dabei benutzt es zunächst zur Bindung ein Übergangsobjekt wie z.B. ein Stofftier, dass in Zeiten der Trennung, z.B in der Schlafenszeit, angenehme Erfahrungen an die Bezugsperson wachruft. Ab etwa dem dritten Lebensjahr ist es dem Kind möglich, das Verhalten des anderen je nach Situation zu beeinflussen. R. Oerter, L. Montada (Hg.): Entwicklungspsychologie -Ein Lehrbuch- (4.Aufl. 1998) PVU, Weinheim S. 239 - 240
Das Bindungsverhalten/der Bindungstyp eines Neugeborenen entsteht durch die Anpassung an das Verhalten der zur Verfügung stehenden Bindungspersonen. Mit seiner Bindungsperson/ seinen Bindungspersonen entwickelt das Kind ein Bindungsverhalten oder eine Bindungsstrategie welche, nachdem sie sich gefestigt hat, weitgehend konstant erhalten bleibt. Die stärkste Prägung findet dabei innerhalb der ersten sechs Lebensmonate statt.
Allerdings ist eine gewisse Plastizität des Bindungsverhaltens zu beobachten in dem Sinne, dass dieses Verhalten sich im Verlauf der Kindheit und Jugend mitunter ändert. Später im Erwachsenenalter wird das bis dahin erworbene Bindungsverhalten normalerweise beibehalten und verfestigt sich im ständigen Gebrauch zu einem scheinbaren Wesensmerkmal.
Durch die Bindungstheorie kann die frühe Mutter-Kind-Beziehung untersucht werden, und es konnte nachgewiesen werden, dass sie eine Bedeutung für die spätere Entwicklung besitzt. Positive und negative Bindungserfahrungen unterliegen einer Verallgemeinerung. Sie werden im weiteren Lebensverlauf auf andere Menschen "übertragen" ("carry over" Effekt). Für die Psychopathologie konnten beispielsweise signifikante Zusammenhänge zwischen Bindungsqualität mit einem und Psychopathologie mit sechs Jahren gefunden werden M. Dornes (1993): "Der kompetente Säugling. Die präverbale Entwicklung des Menschen. Frankfurt a. M., Fischer.
Abgewandeltes Bindungsverhalten lässt sich im Vorschulalter und im Erwachsenenalter mit spezifischen psychologischen Tests nachweisen. Die Bindungstheorie besitzt eine hohe Aussagekraft für die Entwicklung von spezifischen Bindungsstilen. So kann beispielsweise mit hoher Wahrscheinlichkeit durch spezifische Testverfahren von Aussagen werdender Mütter auf die spätere Entwicklung von bestimmten Bindungsstilen der Kinder geschlossen werden.
Bindungsmuster
Mary Ainsworth und ihre Kollegen entwickelten Ende der 1960er Jahre mit der sogenannten ?Fremden Situation? ein Setting zur Erforschung kindlicher Bindungsmuster. Lediglich drei Ausprägungen von Bindungstypen, welche sich innerhalb der Interaktion mit der Bindungsperson entwickeln können, wurden festgestellt: sicher, unsicher- vermeidend und unsicher- ambivalent.
Erst später wurden Kinder zusätzlich als desorganisiert/ desorientiert gebunden, klassifiziert.
Entsprechend der Bindungskategorien beim Säugling und Kleinkind, fanden sich, durch die Untersuchungen von M. Main, bei den ?Bindungspersonen? vier korrelierende Bindungsmuster: autonom, beziehungsablehnend, beziehungsüberbewertend und von unverarbeitetem Objektverlust bestimmt. Diesen Bindungsmustern der Erwachsenen entsprechen deutlich zuzuordnende Interaktionsmuster, die in der Beobachtung von psychopathologisch auffälligen Kindern mit ihren Müttern unterschieden wurden
Die "Fremde Situation"
Siehe hierzu den Hauptartikel: Die fremde Situation.
thumb|Spielendes_Kind:_Exploratives_Verhalten
Marry Ainsworth gelang es, Bowlbys Bindungsmodell in einer standardisierten Situation beobachtbar zu machen. Dafür erdachte sie eine qualitative Testsituation. In dieser Situation finden 12 bis 18 Monate alte Kinder die typischen Gegebenheiten vor, die nach Bowlbys Theorie sowohl Bindungs- als auch Exploratives Verhalten aktivieren, in einer annähernd natürlichen Situation vor. Dadurch können Unterschiede in dem Bindungs- und Explorationsverhalten beobachtet werden .
Der Vorgang wird videotechnisch aufgezeichnet und bewertet. Untersuchungsgegenstand ist in erster Linie die kindliche Reaktion in den Trennungs- und Wiedervereinigungsmomenten, um die individuellen Unterschiede in der Bewältigung von Trennungsstress festzustellen .
Die Beziehungsqualitäten/Bindungstypen des Kindes
1. Die sichere Bindung (B-Bindung): Sicher gebundene Kinder entwickeln aufgrund von elterlicher ?Feinfühligkeit?, welche durch vorwiegend positive Interaktionen und beständiges, nachvollziehbares Verhalten gekennzeichnet ist eine große Zuversichtlichkeit in Bezug auf die Verfügbarkeit der Bindungsperson. Diese Kinder weinen durchaus innerhalb der ?fremden Situation?. Sie zeigen diese Gefühle deutlich, akzeptieren den Trost der fremden Frau im Raum jedoch sogar zum Teil. Obwohl die Trennung bei diesen Kindern also mit negativen Gefühlen verbunden ist, vertrauen sie darauf, dass die Mutter sie im Bedarfsfall nicht im Stich lassen oder in irgendeiner Weise falsch reagieren wird. Die Mutter erfüllt in einer derartigen Bindung die Rolle eines "sicheren Hafens", der immer Schutz bieten wird, wenn man dessen bedarf. Diese Kinder sind traurig darüber, dass die Mutter nicht bei ihnen ist, gehen aber davon aus, dass sie wieder kommen wird. Kehrt die Mutter in den Raum zurück, freuen sich die Kinder demnach und suchen Nähe und Kontakt, wenden sich aber kurz danach wieder der Exploration des Raumes zu. In den USA sind ca. 60 % der Kinder sicher gebunden http://userpage.fu-berlin.de/~balloff/altesemester/BegutachtungSS2004/Referate/interview_mit_kindern_erwachsenen.doc .
2. Die unsicher-ambivalente (ängstlich-widerstrebende; resistente, ambivalente) Bindung (C-Bindung): Kinder die hier beschrieben werden, zeigen sich ängstlich und abhängig von ihrer Bindungsperson. Geht die Mutter, reagieren die Kinder extrem belastet. Die fremde Frau wird ebenso gefürchtet wie der Raum selbst. Schon bevor die Mutter hinausgeht, zeigen diese Kinder Stress, da sie die fremde Situation fürchten, was ihr Bindungssystem schon von Beginn an aktiviert.
Die Kinder reagieren so auf das korrelierende Mutterverhalten: Die Mutter reagiert für das Kind nicht zuverlässig, nachvollziehbar und vorhersagbar. Der ständige Wechsel von einmal feinfühligem, dann wieder abweisendem Verhalten führt dazu, dass das Bindungssystem des Kindes ständig aktiviert sein muss. Es kann schwer einschätzen, wie die Mutter in einer bestimmten Situation handeln oder reagieren wird. Das Kind ist somit permanent damit beschäftigt, herauszufinden, in welcher Stimmung sich die Mutter gerade befindet, was sie will und was sie braucht, damit es sich entsprechend anpassen kann. Dies führt zu einer Einschränkung des Neugier- und Erkundungsverhaltens des Kindes, welches sich nicht auf die Exploration des Raumes konzentrieren kann. Diese Kinder können keine positive Erwartungshaltung aufbauen, weil die Bindungsperson häufig nicht verfügbar ist (eben auch nicht dann, wenn sie de facto in der Nähe ist). Dementsprechend erwarten sie keinen positiven Ausgang der Situation und reagieren extrem gestresst und ängstlich innerhalb der ?fremden Situation? (30% der Kinder in den USA ).
3.Die unsicher-vermeidende Bindung (A-Bindung): Die hier beschriebenen Kinder reagieren scheinbar unbeeindruckt, wenn ihre Mutter hinausgeht, spielen, erkunden den Raum und sind auf den ersten Blick weder ängstlich noch ärgerlich über das Fortgehen der Bindungsperson. Durch zusätzliche Untersuchung der physiologischen Reaktionen der Kinder während der Situation, wurde jedoch festgestellt, dass ihr Cortisolspiegel bei Fortgehen der Mutter höher ansteigt, als der sicher gebundenen Kinder, welche ihrem Kummer Ausdruck verleihen. Kommt die Mutter zurück, wird sie ignoriert. Die Kinder suchen die Nähe der fremden Person und meiden die ihrer Mutter. Unsicher-vermeidenden Kindern fehlt die Zuversicht bezüglich der Verfügbarkeit ihrer Bindungsperson. Sie entwickeln die Erwartungshaltung, dass ihre Wünsche grundsätzlich auf Ablehnung stoßen und ihnen kein Anspruch auf Liebe und Unterstützung zusteht. Dieses Bindungsmuster ist bei Kindern zu beobachten, die häufig Zurückweisung erfahren haben. Diese Kinder finden einen Ausweg aus der belastenden bedrohlichen Situation des immer wieder Zurückgewiesen-Seins nur durch Beziehungsvermeidung. Sie wenden ihre Aufmerksamkeit von der Bindungsperson ab, was sie in die Lage versetzt, das Risiko von Zurückweisung zu minimieren (10% der Kinder in den USA ).
4.Die desorganisiert/desorientiert erscheinende (D-Bindung):
Auch: Bindungambivalent-vermeidende (A/C-Bindung) bzw. unstabil-vermeidende Bindung . Der desorganisierte Bindungstyp wurde erst wesentlich später festgestellt. M. Main, die auch Erwachsene mit dem AAI (Adult Attachement Interview) untersuchte, führte diese Klassifikation ein. Es gab immer auch Kinder, deren Verhalten sich nicht eindeutig in eine der drei Hauptreaktionsschemata einordnen ließen. Martin Dornes verdeutlicht dies in seinem 1997 erschienenen Buch Die frühe Kindheit. folgendermaßen: ?Manche näherten sich der Mutter (wie Sichere), drehten dabei aber den Kopf zur Seite (wie Unsichere); andere zeigten extreme Vermeidung (wie A-Kinder), aber untypischerweise zugleich viel offenen, unberuhigbaren Kummer (wie ambivalente C-Kinder) oder benahmen sich in Episode 5 wie Sichere, in Episode 8 aber wie Vermeidende? M. Dornes (1997): Die frühe Kindheit. Entwicklungspsychologie der ersten Lebensjahre.Frankfurt a. M., Fischer.. Ainsworth und auch nachfolgende Kollegen stuften diese Kinder meist innerhalb der sicheren Kategorie, und einige wenige als vermeidend, ein. Nach Entwicklung der 4. Kategorie wurden die ?bisher forciert klassifizierten Fälle ... erneut gesichtet? (Dornes). Ein großer Anteil dieser Kinder wurde schließlich als desorganisiert/desorientierter Bindungstyp klassifiziert. Kinder deren Verhalten diesem Bindungsmuster zugeordnet wird, zeigen äußerst unerwartete, nicht ?klassifizierbare? Verhaltensweisen. Dazu gehören Stereotypien und unvollendete oder unvollständige Bewegungsmuster. Die Bindungstheorie geht davon aus, dass ein Kind auf jeden Fall eine Bindung zu seiner Bindungsperson aufbauen muss. Die Bindungsverhaltensweisen werden aktiviert, sobald es Schutz und Unterstützung bedarf. Allerdings konnte das Kind keine einheitliche Bindungsstrategie entwickeln um Schutz und Trost zu bekommen: Wenn die Bindungsperson ? also der Mensch der Schutz bieten soll ? zugleich der Auslöser für das Bindungsverhalten ist, also selbst die Bedrohung darstellt, dann gerät das Kind in eine sogenannte Double_Bind-Situation, aus der es für das Kind keinen Ausweg gibt. Die Bindungsperson ist in diesem Falle häufig eine, die auf das Kind selbst beängstigend wirkt, weil sie zu gewalttätigem Handeln neigt und/oder das Kind seelisch und verbal misshandelt.
Eine andere Ursache für dieses Bindungsverhalten zeigt sich bei Kindern, deren Bindungspersonen unter den Folgen eigener Traumata leiden. Die traumatischen Erfahrungen zeigen sich den Kindern im verängstigten Verhalten ihrer Bindungspersonen. Die Angst, die sich im Gesicht einer Mutter spiegelt, welche unter Intrusionen (hartnäckiges Eindringen von traumagebundenen Bildern und Gefühlen in die Gedanken) leidet, ist für ein Kind erschreckend und aktiviert sein Bindungssystem. Die Quelle der Angst ist aber für das Kind nicht nachvollziehbar. Die Mutter kann in einer solchen Situation zumeist nicht adäquat auf die Versorgungsbedürfnisse ihres Kindes eingehen. Das Kind erlebt schließlich die Welt ständig als einen bedrohlichen Ort, dessen Schrecken sich in der Bezugsperson widerspiegelt. Desorganisiert gebundene Kinder erschrecken wenn ihre Eltern den Raum nach kurzer Trennung wieder betreten, und zeigen eine Mischung von Strategien, wie unsicher-vermeidend und unsicher widersetzendem Verhalten. Einige dieser Desorganisiert eingestuften Kinder schreien nach ihren Bindungsfiguren nach der Trennung, entfernen sich aber bei der Wiedervereinigung. Andere reagieren wie gelähmt mit einem benommenen Gesichtsausdruck für 30 Sekunden, und/oder drehen sich im Kreis und/oder lassen sich auf den Boden fallen, wenn sie sich an den jeweiligen Elternteil wenden. Wieder andere desorganisierte Kleinkinder erscheinen ängstlich in der "Fremden Situation" mit geängstigtem Gesichtsausdruck, hochgezogenen Schultern und/oder einem Einfreieren aller Bewegungen. G. J. Suess, H. Scheurer-Englisch u. W-K P. Pfeifer (Hg.) (2001): Bindungstheorie und Familiendynamik - Anwendung der Bindungstheorie in Beratung und Therapie. Gießen, Psychosozial Verlag Untersuchungen von Ainsworth und Crittenden legen eine ähnliche Klassifizierung nahe, die sie als ambivalent-vermeidend (A/C-Bindung) bzw. unstabil-vermeidend bezeichneten .
Auswirkungen von Bindungsstilen auf die weitere Entwicklung des Kindes
In nachfolgenden Untersuchungen zeigten sich signifikante Unterschiede zwischen Kindern, bei denen unterschiedliche Bindungsstile festgestellt wurden. Es konnten ebenso einige grundlegende Dinge herausgearbeitet werden.
Durch die Bindungstheorie konnten langfristige Effekte der frühen Mutter-Kind-Beziehung nachgewiesen werden. Aus der Qualität die beim Fremde-Situations-Test bei den 18 - 24 Mon. alten Kindern festgestellt wurde, können einige zutreffende Vorhersagen abgeleitet werden:
Sicher gebundene Kinder zeigen später adäquateres Sozialverhalten im Kindergaren und in der Schule, mehr Phantasie und positive Affekte beim freien Spiel, größere und längere Aufmerksamkeit, höheres Selbstwertgefühl und weniger depressive Symptome. In anderen Studien zeigten sie sich offener und aufgeschlossener für neue Sozialkontakte mit Erwachsenen und Gleichaltrigen, als vermeidende und oder ambivalent gebundene Kinder. Sicher gebundene Jungen zeigten mit sechs Jahren weniger Psychopathologie als die unsicher gebundenen. .
Korrelierende Bindungseinstellung der erwachsenen Bindungsperson und das Adult Attachment Interview
Dem Muster des Bindungsverhaltens liegen verschiedene Strategien des Kindes zugrunde, mit denen es versucht, seine emotionalen Bedürfnisreaktionen zu regulieren. Dieses Regulieren erreicht das Kind mit Unterstützung der Person, zu der es die Bindung eingegangen ist. Es ist demnach plausibel, dass der Bindungstyp, welchen das Kind ausbildet, das Verhalten des Erwachsenen widerspiegelt.
Es lässt sich ein deutlicher Zusammenhang zwischen dem ?Bindungstyp? des Kindes und der ?Bindungseinstellung? der Bezugsperson nachweisen. Es wurde weiterhin aufgezeigt, dass diese Bindungsrepräsentanzen eine generationenübergreifende Kontinuität aufweisen können. So gibt es Berichte von einer Befragung schwangerer Erstgebärender, die Vorhersagen von bis zu 80%iger Sicherheit zuließen, welches Bindungsmuster das ? damals noch ungeborene ? Kind später zur Bezugsperson aufbauen würde.
Das Adult Attachment Interview (AAI) wurde von Mary Main und ihren MitarbeiterInnen zur Erforschung von Bindungseinstellungen bzw. Bindungsqualitäten Jugendlicher und insbesondere Erwachsener entworfen.
Beim AAI handelt es sich um ein sogenanntes halbstrukturiertes beziehungsweise halbstandardisiertes Interview. Es liegt demnach ein fixierter Fragenkatalog vor, jedoch haben die InterviewerInnen die Möglichkeit, durch Nachfragen auf etwaige Besonderheiten oder Ungenauigkeiten einzugehen.
Die gestellten Fragen umreißen das Erleben der frühen Kindheit, zum Beispiel durch Fragen nach
*einer kurzen Darstellung der äußeren Lebensumstände
*der Beziehung zu den Eltern
*der Beziehung zur Mutter, wobei 5 ihrer Eigenschaften mit konkreten Erläuterungen genannt werden sollen
*der Beziehung zum Vater, wobei ebenfalls 5 seiner Eigenschaften erläutert werden sollen
*dem Vergleich der Beziehungen zu Mutter und Vater.
Gefragt wird weiterhin
*bei wem Zuwendung und Unterstützung gesucht wurde in Belastungssituationen, bei Traurigkeit und Krankheit
*welche Trennungserfahrungen vorliegen
*ob es Erfahrungen von Zurückweisungen gibt
*ob Erfahrungen von Bedrohung oder Misshandlung vorliegen
*wie die heutige Beziehung zu den Eltern aussieht und wie sie bewertet wird.
Wichtig sind den InterviewerInnen weiterhin Fragen nach dem Einfluss der Kindheitserfahrungen auf die heutige Persönlichkeit und inwiefern die Befragten heute Verständnis für das elterliche Verhalten zeigen. Gefragt wird außerdem nach zusätzlichen wichtigen Bindungspersonen in der (frühen) Kindheit und ob es Verluste von Eltern und/oder anderer Bindungspersonen innerhalb der Kindheit zu beklagen gab. Interessant ist zudem, ob und wie eine Veränderung in der Beziehung zu den Eltern im Vergleich zu früher aussieht.
Schließlich stellen die InterviewerInnen Fragen zum eigenen Kind. Hierbei wird zum Beispiel nach der Reaktion auf eine Trennung vom eigenen Kind gefragt und welche Sorgen sich Eltern um das Kind machen. Die Erwachsenen sollen im AAI drei Wünsche für die Zukunft ihres Kindes formulieren.
Abschließend sollen die Befragten ein Resümee zum Erleben ihrer eigenen Kindheit und zur Kindheit ihres eigenen Kindes liefern.
Vom Interview wird eine Abschrift (Transkript) gefertigt, welches nach einer bestimmten Methode ausgewertet wird. Eingeschätzt werden soll die generelle Einstellung gegenüber Bindungen. Das wesentliche Merkmal für die Kategorisierungen in die im Folgenden aufgeführten Bindungsrepräsentanzen ist die Kohärenz in den Äußerungen der Befragten.
Bindungsrepräsentanzen Erwachsener und die Auswirkungen auf die Bindungsqualität ihrer Kinder
1. Die autonome Bindungseinstellung (F; free-autonomous): Kinder, welche sicher gebunden sind, reagieren auf Erfahrungen von vorwiegend positiv und hinreichend koordinierten, nachvollziehbaren Interaktionen mit ihrer Bindungsperson. Diese Bindungspersonen werden als solche mit Selbstvertrauen, Frustrationstoleranz, Respekt und Empathiefähigkeit beschrieben. Sie sind sich der negativen wie positiven Affekte und Einstellungen gegenüber ihren eigenen Bindungspersonen bewusst und reflektieren diese in angemessener Weise und Distanz. Eine unbewusste Identifikation mit ihren Eltern zeigt sich kaum ? die eigene Eltern-Kind-Beziehung wird realistisch betrachtet und nicht idealisiert.
Diese Mütter hatten zumeist selbst Mütter mit einer autonomen Bindungseinstellung oder haben ihre sichere Bindung im Laufe ihrer Biographie durch die Möglichkeit zu alternativen Beziehungserfahrungen mit anderen, nicht primären Bindungspersonen, durch einen Partner oder zum Beispiel mit Hilfe einer psychotherapeutischen Unterstützung erhalten.
In der Regel reagieren diese Eltern vorhersehbar und angemessen auf ihre Kinder. Bindungsbedürfnisse werden nicht zurückgewiesen oder ignoriert. Ihre Kinder entwickeln sich zu einem Großteil sicher gebunden. Sie können sich vertrauensvoll an ihre Eltern wenden, wenn das Bindungssystem aktiviert wird. Im Gegenzug können sie diese sichere Basis als Ausgangspunkt für exploratives Verhalten nutzen.
Im AAI fallen diese Erwachsenen durch relativ genaue Erinnerungen auf und stellen ihre Kindheit und das Beziehungsgeschehen in ihrem Leben ausgewogen, sachlich und kohärent dar. Auch negative Erfahrungen werden zugelassen und können mit einer gesunden Distanz geschildert werden. Im Erzählten wird eine Integration von kognitiven und affektiven Aspekten deutlich.
2. Die distanziert-beziehungsabweisende Bindungseinstellung (D; dismissing): Erwachsene mit dieser Bindungsrepräsentanz können sich kaum an ihre eigene Kindheit erinnern, was bedeutet, dass sie viel verdrängt haben. Tendenziell idealisieren sie ihre Eltern und deren Erziehungsmethoden, wenngleich keine konkreten Situationen aufgezählt werden können, welche diese Idealisierung rechtfertigen. Berichtet wird hingegen von mangelnder elterlicher Unterstützung sowie von Zurückweisung (offen oder verdeckt) der kindlichen Bedürfnisse. Die Erwachsenen mit einer distanziert-beziehungsabweisenden Bindungseinstellung verleugnen die Bedeutung ihrer eigenen Erfahrungen mit den Eltern und deren Folgen für die Färbung ihres affektiven Kerns. Sie zeigen ein sehr großes Unabhängigkeitsbestreben und verlassen sich lieber auf die eigene Stärke. Sie formulieren, die fehlende Hilfe nicht vermisst zu haben und diesbezüglich auch keine Wut oder Trauer zu verspüren.
Kinder dieser Erwachsenen können eher mit affektiver Unterstützung und Einstellung auf ihre Bedürfnisse rechnen, wenn sie versuchen, eine Aufgabe zu bewältigen. Die Kinder werden früh unter Leistungsdruck gesetzt.
Den Ergebnissen von George, Kaplan und Main (1985) zufolge, welche diese Bindungsrepräsentanzen der Eltern durch das ?Adult Attachment Interview zur Erfassung von elterlichen Bindungsrepräsentanzen? systematisch erforschten, gefällt es diesen Müttern, wenn die Kinder Anhänglichkeit zeigen. Allerdings neigen sie dann dazu, das Kind zu ignorieren, wenn es Beruhigung und Unterstützung braucht.
Im AAI fallen diese Erwachsenen durch geringes Erinnerungsvermögen auf. Es kommt zu einer Idealisierung der Eltern, oder zu einer Abwertung von Bindungspersonen und Bindung im Allgemeinen. Die Aussagen sind inkohärent und getragen von überwiegend kognitiven Aspekten.
3. Die präokkupierte, verstrickte Bindungseinstellung (E; entangeld-enmeshed): Diese Einstellung haben häufig Menschen, welche von den Erinnerungen an die eigene Kindheit flutartig überschüttet und permanent belastet sind. Die Probleme und Schwierigkeiten innerhalb der Beziehung zur eigenen Bindungsperson konnten sie nicht verarbeiten; sie überbewerten sie und pendeln zwischen Gefühlen wie Wut und Idealisierung hin und her. Letztlich stehen sie noch immer in einer Abhängigkeitsbeziehung zu den eigenen Bindungspersonen und sehnen sich nach deren Zuwendung und Wiedergutmachung.
Die Mütter von Menschen mit dieser Bindungsrepräsentanz waren in den häufigsten Fällen "schwach" und "inkompetent" und konnten dementsprechend in Bedrohungssituationen, in denen ihre Kinder das Bindungssystem aktivierten, weder Schutz noch Beruhigung bieten. Kann die Mutter (oder entsprechende Bindungsperson) die Angst ihres Kindes nicht beseitigen, kommt es zu vermehrtem Anklammern. Die Ablöseprozesse beim Kind werden auch deshalb als besonders erschwert gesehen, weil die "schwache" Mutter das Kind häufig parentifiziert und es daher schließlich das Gefühl hat, die Mutter versorgen zu müssen. Kindern solcher Eltern wird durch Verwöhnung und/oder durch das Hervorrufen von Schuldgefühlen verwehrt, sich explorativ zu verhalten und Wut, Aggressionen, Trotz und Unabhängigkeitsbestreben zu zeigen. Geraten sie in Konfliktsituationen mit der Bindungsperson, werden solche aufkommenden Gefühle weggeschaltet oder das Kind lenkt sich ab. Die Entwicklung einer eigenständigen Identität ist erschwert, weil das Kind sich nicht an der eigenen Gefühls- und Motivationslage orientieren kann, sondern permanent die Gefühlslage der Bindungsperson erfassen muss.
Diese Kinder gehören oft zum unsicher-ambivalent gebundenen Typ. Sie werden häufig wiederum die beziehungsüberbewertenden, aber unsicheren Bindungspersonen für ihre eigenen Kinder, welche dann mangelnder Aufmerksamkeit und wenig Einfühlungsvermögen begegnen. Auf die Initiativen des Babys gehen Eltern mit beziehungsüberbewertender Bindungseinstellung nicht angemessen ein und reagieren häufig erst dann einfühlsam, wenn das Kind große Furcht und Schrecken zeigt. Das Kind kann daraufhin mit einer Verstärkung eben dieses Verhaltens reagieren, um die Aufmerksamkeit der Bindungsperson zu bekommen. Es besteht die Gefahr einer masochistischen Unterwerfung.
Im AAI fallen Erwachsene dieser Kategorie durch unausgewogene Darstellung und Beurteilung der Beziehung zu den Eltern auf. Die Aussagen sind inkohärent und getragen von affektiven Aspekten wie Hilflosigkeit und Wut.
4. Die von unverarbeitetem Objektverlust beeinflusste Bindungseinstellung (U; unresolved): Bindungspersonen, die unter einem unverarbeiteten Trauerprozess leiden oder nichtverarbeitete Erfahrungen von Misshandlung oder sexuellem Missbrauch überlebten, haben sehr häufig Kinder des desorganisiert/desorientierten Bindungstyps. Als Erklärung dient die Annahme, dass Bindungspersonen, welche unter Traumatisierungen leiden, keinen Schutz bieten können, bei ihren Kindern jedoch verhältnismäßig oft das Bindungsverhalten aktivieren, da sie ausgeprägte Furcht vor einem Grauen zeigen, welches für das Kind nicht greifbar ist. Wenn die traumatisierte Bindungsperson das Kind unter Umständen misshandelt, missbraucht, permanent beschämt etc., wird sie nicht zu einer vor Gefahren schützenden Instanz für das Kind, sondern selbst zu einer Quelle der Angst und Gefahr.
Auch hier kommt es häufig zu einer Parentifizierung der Kinder durch ihre Eltern. Mütter mit Bindungsrepräsentanz dieses Typs überlassen ihren Kindern die Führung in der Beziehung in ungewöhnlichem Ausmaß. Generationsgrenzen werden überschritten und die Kinder fühlen sich in der Pflicht, ihre Eltern zu versorgen und ihr psychisches wie auch physisches Wohl zu sichern.
Im AAI reagieren die befragten Erwachsenen dieser Einordnung verwirrt und beschreiben ihre häufig traumatischen Erfahrungen und deren Auswirkungen in desorientierter, inkohärenter Weise. Sie pendeln zwischen positiven und negativen Sichtweisen hin und her und ihre Antworten sind irrational. Generell können sie sich nur schwer auf das Interview und dessen Themen einlassen.
Nicht klassifizierbarer Bindungstyp (CC)
Innerhalb der Untersuchungen zum AAI wird diskutiert, eine weitere Kategorie für nicht zuzuordnende Erwachsene zu schaffen. Diese sind gekennzeichnet durch:
* Person wechselt im AAI zwischen distanziertem und präokkupiertem Bindungstyp, ohne dass eine klare Strategie zu erkennen ist
* Meist Darstellung von schwerwiegenden traumatischen Erfahrungen
* Zutiefst negative Einstellung gegenüber Bindung
* Verfügt über unvereinbare Denk- und Verarbeitungsstrategien .
Zusammenhänge zwischen den Bindungsrepräsentanzen und kindlichen Bindungsstilen
Wie zu erwarten zeigten sich bei der Untersuchung sowohl der Eltern als auch der Kinder statistische Zusammenhänge, welche die Bedeutung der Bindungsrepräsentanzen bei den Elter für die Entwicklung von Bindungsstilen bei den Kindern haben.
* Autonom klassifizierte Mütter hatten häufiger sicher gebundene Kinder (F?B).
* Beziehungsabweisende (Distanzierte) eher vermeidend gebundene Kinder (D?A)
* Verstrickte Mütter eher ambivalente Kinder (E?C).
* Eltern, die unter einem unbewältigten Trauma leiden haben vermehrt desorganisierte gebundene Kinder (U?D) .
Hierbei liegt die Übereinstimmung der Ergebnisse besonders hoch bei der sicheren Gruppe (F?B). Autonome Eltern haben mit 75 - 82% sicher gebundene Kinder. Die anderen Gruppen liegen etwas darunter.
Modifikation des Konzepts Bowlbys in der neueren Forschung
Während John Bowlby auf der Grundlage seiner empirischen Befunde strikt die These vertrat, dass für den Aufbau einer stabilen Bindung die Beziehung des Kindes zu einer zentralen Bindungsperson (normalerweise die Mutter) konstitutiv sei, haben neuere Forschungen zu der Auffassung geführt, dass Kindern ein solcher Bindungsaufbau auch dann gelingt, wenn gleichzeitig Beziehungen zu mehreren Bindungspersonen bestehen.
Dies betrifft in erster Linie eine Aufwertung der Bedeutung des Vaters, ist aber auch in solchen Konstellationen von Bedeutung, wo im Falle berufstätiger Mütter neben die leibliche noch eine Pflegemutter tritt, zu der Kinder oft intensive Beziehungen aufbauen. Hierbei wird jedoch beobachtet, dass das Kind eine deutliche Unterscheidung zwischen den verschiedenen Bindungspersonen vornimmt, indem es ihnen unterschiedliche Funktionen zuordnet (z.B. bleibt die leibliche Mutter häufig die zentrale Bindungsperson, an die das Kind sich vorrangig wendet, wenn es sich schlecht fühlt).
Interessanterweise scheinen selbst sehr kleine Kinder in der Lage zu sein, die Bindung zu einer Tagesmutter in einer Kindertagesstätte auf einen funktionalen Aspekt zu reduzieren, sofern sie zu ihren primären Bindungspersonen eine sichere Bindung aufgebaut haben. Als Indiz für diese Annahme dient die Beobachtung, dass sicher gebundene Kinder ihr Verhalten in der Kindertagesstätte nicht oder nur geringfügig ändern, wenn sie es mit einer anderen als der gewohnten Betreuungsperson zu tun haben. Gerade bei der Eingewöhnung der Kinder in die anfangs ungewohnte Situation in einer Kindertagesstätte zeigt sich aber zugleich die Richtigkeit von Bowlbys Konzept einer primären Bindungsperson: Die Eingewöhnung gelingt nachweislich besser, wenn das Kind in der Anfangsphase von der Mutter begleitet und somit schonend in die neue Situation eingeführt wird.
Bindungsdiagnostik und Methoden
Neben der "Fremdesituation" die M. Ainsworth zur Untersuchung der Bindungsstile eingeführt hat(siehe Absatz: Die_"Fremde_Situation"), wurden von weiteren Forschern Interviewverfahren und spezifische Testverfahren für Kinder entwickelt.
Dazu gehören vor allem das "Adult Attachement Interview" (AAI) (Erwachsenen ? Bindungs ? Interview) von M. Main im deutschen herausgegeben von G. Gloger-Tippelt In G. Gloger-Tippelt (Hrsg.) (2001), Bindung im Erwachsenenalter. Bern: Huber., ist ein halbstandartisiertes Interviewverfahren (siehe Absatz: Korrelierende_Bindungseinstellung_der_erwachsenen_Bindungsperson_und_das_Adult_Attachment_Interview).
Für ältere Kinder zwischen dem achten und dreizehnten Lebensjahr wurde das "Child Attachment Interview" (CAI) konzipiert. Da es besonders schwierig ist, für Kinder mittleren Alters ein reliables Messinstrument zu erarbeiten, werden beim CAI wiederum halbstandardisierte Interviews von mindestens zwei erfahrenen Untersuchern durchgeführt, die später als Videoaufzeichnung von mind. drei erfahrenen Untersuchern ausgewertet werden. Durch dieses aufwendige Verfahren konnte eine relativ hohe Test-retest-reliabilität erreicht werden.
Für Kinder im Vorschulalter und frühen Schulalter steht ein Test zur Verfügung, der mit Hilfe von vorgegebenen Geschichten, die im Spiel ergänzt werden, auf den Bindungsstil des Kindes zu schließen versucht. Der Test wurde von I. Bretherton, G. J. Sueess, B. Golby und D. Oppenheim entwickelt I. Bretherton, G. J. Sueess, B. Golby und D. Oppenheim (2001):"Attachement Story Completition Task" (ASCT) - Methode zur Erfassung der Bindungsqualität im Kindergartenalter durch Geschichtenergänzungen. In: G. J. Suess, H. Scheurer-Englisch u. W-K P. Pfeifer (Hg.): Bindungstheorie und Familiendynamik - Anwendung der Bindungstheorie in Beratung und Therapie. Gießen, Psychosozial Verlag.
Der Bindungsbegriff innerhalb der Kindeswohl-Kriterien
Der Begriff des Kindeswohls ist ein nicht völlig eindeutig bestimmter Rechtsbegriff aus dem Familienrecht, d.h. er ist nicht abschließend und vollständig definiert. Es gibt viele Kennzeichnungen und Definitionsmerkmale sowohl positiver (was zum Kindeswohl gehört) als auch negativer Art (was Kindeswohl eher ausschließt).
Sowohl die rechtlichen als auch die psychologischen Definitionen von Kindeswohl nehmen Bezug auf die Bindung des Kindes. Die rechtlichen Kennzeichnungen und Definitionsmerkmale des Kindeswohls sind nach Coester (1982/83) folgende:
*Die Kontinuität und Stabilität des Erziehungsverhältnisses.
*Die Bindungen des Kindes an seine Eltern und Geschwister ? hier wird nach der Bindungsqualität und -intensität gefragt.
*Die Haltung der Eltern und des Kindes zur Gestaltung der Beziehungen nach der elterlichen Trennung.
*Der Wille des Kindes als Ausdruck seiner Selbstbestimmung und Ausdruck seiner Verbundenheit zum Elternteil oder beiden Eltern.
Der psychologischen Definition zufolge ist das Kindeswohl insoweit gewährleistet, insofern das Kind in Beziehungen und einem Lebensraum aufwachsen kann, die eine körperliche, emotionale und kognitive Entwicklung ermöglichen, welche das Kind dazu befähigt, schließlich in Einklang mit den gegebenen Rechtsnormen und gesellschaftlichen Grundwerten für sein eigenes Wohlergehen zu sorgen.
Die sichere Bindung wird vor der unsicher-ambivalenten/unsicher-vermeidenden und der desorientiert/desorganisierten Bindung als für das Kindeswohl am günstigsten betrachtet und kann somit als Entscheidungskriterium für die Sorgerechtvergabe bzw. für oder gegen einen Sorgerechtsentzug gewertet werden. Eine Trennung des Kindes von seiner Bindungsperson bzw. seinen Bindungspersonen kann sowohl akute als auch langfristige psychische Folgen für das Kind haben. Eine gerichtliche Entscheidung, welche sich am Kindeswohl orientiert, soll dies berücksichtigen.
In der Praxis ist die Orientierung der
Rechtsprechung an der bindungstheoretischen Forschung jedoch durchaus nicht einfach. Festzustellen ist nämlich in diesem Fall, wer die primäre Bindungsperson ist, und es stellt sich die Frage, woran die Hierarchie der Bindungspersonen zu erkennen sei. Nach der Modifizierung der ursprünglichen Bowlby´schen Annahme von lediglich einer primären Bindungsperson ist davon auszugehen, dass sich ein Kind vielmehr an mehrere Personen ? im Sinne der Kriterien für Bindung ? binden kann. Die Frage, an wie viele erwachsene oder ältere Personen sich ein Kind binden kann, ist hingegen nicht beantwortet.
Handelt es sich gar um einen Sorgerechtsentzug, ist auf dem bindungstheoretischen Hintergrund zu fragen, wie sich das Herausnehmen des Kindes aus seiner Ursprungsfamilie auf seine psychische Entwicklung auswirkt. Bowlby geht davon aus, dass sich der Bindungstyp innerhalb der ersten Lebensjahre eines Kindes manifestiert und eine große Stabilität bis ins Erwachsenenalter aufweist. Demnach werden frühe Bindungen zu Mitgliedern der Ursprungsfamilie als stärker und einflussreicher erachtet.
Es kann keineswegs prinzipiell davon ausgegangen werden, dass unsicher oder desorganisiert gebundene Kinder sich leichter und bereitwilliger von ihren Bezugspersonen trennen. Die Intensität der Bindung ist wiederum kein Indiz für eine gute Qualität der Bindung.
Die gute Qualität einer Bindung (sichere Bindung) kann ggf. auch bedeuten, dass das stabil gebundene, mit positiven Grundannahmen bezüglich seiner sozialen Umwelt ausgestattete Kind mit einer Trennung von der Ursprungsfamilie besser zurecht kommt. Dies bedeutet andererseits, dass Trennungen von den Bindungspersonen für unsicher gebundene und desorganisiert gebundene Kinder schwerer zu verkraften sind. Es kann davon ausgegangen werden, dass neue Bindungen mit guter Qualität schwerer aufgebaut werden können.siehe auch: Bindungsfähigkeit, Bindungsstörung
Quellen
Literatur zur Bindung und Bindungstheorie
*Ahnert, L. (Hrsg. 2004): Frühe Bindung. Entstehung und Entwicklung. Ernst Reinhardt: München. ISBN 3-497-01723-X
*Ainsworth, M. /Blehar, M./Waters, E./Wall, S. (1978): Patterns of Attachment. A psychological Study from the Strange Situation. Erlbaum: Hillsdale, New Jersey. ISBN 0898594618
*Brisch, K.H./ Hellbrügge,_T. (Hrsg. 2003): Bindung und Trauma. Risiken und Schutzfaktoren für die Entwicklung von Kindern. Klett-Cotta: 2003. S. 105 ? 135. ISBN 3608940618
*Endres/Hauser (Hrsg. 2002): Bindungstheorie in der Psychotherapie. Ernst Reinhardt: München. ISBN 3-497-01543-1
*Fonagy, P. (2006): Bindungstheorie und Psychoanalyse. Klett-Cotta [http://www.klett-cotta.de/psychologie_buecherd.html?&tt_products=1128&backPID=101]
*Gloger-Tippelt, G./Hoffman V. (1997): Das Adult Attachment Interview: Konzeption, Methode und Erfahrungen im deutschen Sprachraum. In: Kindheit und Entwicklung ? Zeitschrift für Klinische Kinderpsychologie. 1997, Band 3. Hogrefe-Verlag
*Grossmann, K. E./ Grossmann, K. (2003): Bindung und menschliche Entwicklung. John Bowlby, Mary Ainsworth und die Grundlagen der Bindungstheorie. Klett-Cotta: Stuttgart. ISBN 3608943218 (ein umfangreicher, kommentierter Reader zentraler Texte von Bowlby und Ainsworth, zum Teil erstmals ins Deutsche übersetzt)
*Grossmann, K. E./ Grossmann, K.(2004): Bindung ? das Gefüge psychischer Sicherheit. Klett-Cotta: Stuttgart. ISBN 3608940979
*Hédervári-Heller, E. (2000): Klinische Relevanz der Bindungstheorie in der therapeutischen Arbeit mit Kleinkindern und deren Eltern. In: Praxis der Kinderpsychologie und Kinderpsychiatrie. Band 49, 580?595. ISSN 0032-7034
*Holmes, J. (2002): John Bowlby und die Bindungstheorie. Reinhardt: München. ISBN 3497015989
*Tyson/Tyson (1997): Lehrbuch der psychoanalytischen Entwicklungs-Psychologie: Kohlhammer ISBN 3-17-013881-2 (Kap.6: Entwicklung der Objektbeziehungen)
*Urban, M./ Hartmann, H.-P. (Hg.): Bindungstheorie in der Psychiatrie. Vandenhoek&Ruprecht: Göttingen 2005.
* Zimmermann, P./ Becker-Stoll, F./ Fremmer-Bombik, E. (1997): Erfassung der Bindungsrepräsentation mit dem Adult Attachment Interview: Ein Methodenvergleich. In: Kindheit und Entwicklung ? Zeitschrift für Klinische Kinderpsychologie. 1997, Band 3. Hogrefe-Verlag
Literatur zu Bindung und Familienrecht
*Kindler, H. / Schwabe-Höllein, M.(2002): Eltern-Kind-Bindung und geäußerter Kindeswille in hochstrittigen Trennungsfamilien; In: Kindschaftsrechtliche Praxis, 01/2002
*Spangler, G. (2003): Beiträge der Bindungsforschung zur Situation von Kindern aus Trennungs- und Scheidungsfamilien, In: Praxis der Rechtspsychologie, Sonderheft 1, S. 76-90
*Suess, G. J./ Scheuerer-Englisch, H./ Grossmann, K.E. (1999): Das geteilte Kind ? Anmerkungen zum gemeinsamen Sorgerecht aus Sicht der Bindungstheorie und -forschung; In: Familie, Partnerschaft, Recht, Heft 3
*Teuteberg, F. (1998): Die Bedeutung "emotionaler Bindung" für die gesunde Entwicklung der kindlichen Persönlichkeit. Studien zur Kindheits- und Jugendforschung, Bd. 18. Hamburg. ISBN 3-86064-813-6
*Hopf, Christel/:Frühe Bindungen und Sozialisation, eine Einführung, Grundlagentexte Pädagogik, Juventa Verlag ISBN 3-7799-1529-4
= Weblinks =
• Bindungstheorie für Eltern
• Referat 'Bindung und Zugehörigkeit'
• Bindungsdiagnostik
Fetter Text
Kursiver Text

