Bildungsreform
Von einer Bildungsreform spricht man im deutschen Sprachraum dann, wenn mehrere Sektoren des Bildungswesens nach einem übergreifenden Konzept umgestaltet werden.Einzelne Neuerungen wie die flächendeckende Einführung von Horten, die Vorverlegung des Fremdsprachenunterrichts in die Grundschulen, die Verkürzung der Gymnasialschulzeit, die Umstellung auf Zentralabitur oder den Umbau von Studiengängen im Rahmen des Bologna-Prozesses addieren sich zu keiner Bildungsreform, solange sie nicht aus einem einheitlichen Ansatz heraus begründet werden.
Deshalb gibt es im Bildungswesen eine nahezu permanente Reformdebatte, aber vielleicht nur einmal in einem Menschenalter eine Phase, in der eine breite Mehrheit der Fachleute, der öffentlichen Meinung und der entscheidungsbefugten Politiker einen Konsens über die einzuschlagende Richtung erreichen und eine als solche wahrnehmbare Bildungsreform durchsetzen.
Der Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit
Das Mittelalter war geprägt von Scholastischer_Philosophie und dem Wissensmonopol der Geistlichkeit. Höhere Schulen waren die Lateinschulen.
Mit dem Aufkommen der Reformation änderte sich dies, Philipp Melanchton setzte sich für eine umfassende humanistische Bildung breiter Bevölkerungsschichten ein.
Andere wichtige Reformer, etwa Johann Amos Comenius, forderten eine umfassende Allgemeinbildung für alle - einschließlich Armer, Bauern und Mädchen.
Im 18. Jahrhundert, 1717, führte Friedrich der Große in Preussen die Allgemeine Schulpflicht ein.
Humboldt'sche Bildungsreform um 1810
Leider fehlt hier noch ein Abschnitt. Bis dies hier vervollständigt wird, muss erstmal auf die Geschichte der Pädagogik verwiesen werden.
Siehe auch: Preußische Reformen
Bis zur Humboldtschen Bildungsreform war das Bildungswesen in die Elementarschule für breite Bevölkerungsschichten, an denen die Lehrkräfte oft keinerlei Ausbildung für den Lehrberuf besaßen, nicht selten Witwen und alte Soldaten, und die Höheren Schulen, an denen universitär gebildete Lehrkräfte oder Geistliche unterrichteten aufgeteilt. Erste Ansätze zu einer mittleren Realien-Schule existierten ebenfalls.
Eine geregelte Ausbildung der Schülerinnen und Schüler hingegen gab es nicht. Der Zugang zu Universitäten und zur Offizierslaufbahn war über finanzielle Möglichkeiten und das Adelsprivileg geregelt.
Der Preussische Erziehungsminister - genaugenommen Staatssekretär, da er dem Minister des Inneren nachgeordnet war - Wilhelm von Humboldt änderte dies in den Jahren um 1809.
Humboldts Idee war eine allgemeine Humanistische_Grundbildung aller Menschen. Dazu reformierte er einerseits die Elementarschule zur Volksschule, an der nunmehr nur ausgebildete Lehrkräfte unterrichteten, zum anderen die Gymnasien.
Der Zugang zu Universitäten war nunmehr nur noch über das Abitur möglich, das Adelsprivileg fiel weg.
Die Universitäten selber erhielten durch Humboldt mehr Unabhängigkeit.
Kern der Bildungsreform war das Humanistische Gymnasium. Im Kern des Curriculums standen die Sprachen der klassischen Antike Latein und Altgriechisch sowie das Grundwissen über Geschichte und Philosophie des klassischen Altertums einschließlich der Mathematik. Weiterhin waren auch christliche Wertvorstellungen tief im Gymnasium des protestantischen Preussens verankert. Naturwissenschaften hingegen spielten eher eine periphere Rolle, gleich der Bedeutung von Kunst, Musik und Sport, wobei die künstlerisch-ästhetische Erziehung, ebenso wie sportliche Betätigung, durchaus die gesamtheitliche Bildung abrunden sollten.
Die grundlegende Bildung des Menschen sollte eine rein idealistische Erziehung sein, unabhängig von Fragen der Verwertbarkeit dieses Wissens.
Humboldt strebt eine humanistische Bildung für Kinder aller Klassen an, erreichte mit der Reform der Höheren Schulen und der Universitäten, die er staatlich in ihrer Existenz garantierte, jedoch weisungsunabhängig machte, nur die Oberschicht. Die Gründung der Volksschule verbesserte immerhin die Bildung auch der unteren Klassen.
Nach Humboldt bildete sich das Dreigliedrige_Schulwesen heraus: Volksschule, Realschule, Höhere Schule.
Die Volksschule vermittelte die grundlegenden Kenntnisse wie Lesen, Schreiben, Rechnen, Naturkunde und christliche Wertvorstellungen und dauerte acht Jahre.
Die Realienschule vermittelte Realien, d.h. naturwissenschaftliche Grundkenntnisse und ggf. eine oder zwei lebende Sprachen. Sie diente der Ausbildung einer Mittelschicht der Angestellten und kleineren Beamten und dauerte mindestens neun Jahre. Das Einjährige (zehntes Schuljahr) wurde Voraussetzung für die Zulassung zur Offizierslaufbahn, das Adelsprivileg wurde aufgehoben.
Oberrealschulen bereiteten auf das Studium an Bergakademien und Ingenieurschulen vor.
Das klassische Gymnasium hingegen war einer schmalen Elite vorbehalten - gegen Humboldts ursprüngliche Intention - und bereitete auf das Universitätsstudium vor.
Neben dem Humanistischen Gymnasium bildete sich später noch das Realgymnasium, das auf Altgriechisch verzichtete und stattdessen Naturwissenschaften oder eine lebende Sprache bot.
Reformpädagogik um 1900/1930
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Bildungsreform um 1968
Aufgrund des Sputnik-Schocks wurden in den USA seit Ende der 1950er bzw. Beginn der 1960er Jahre Versuche einer Bildungsexpansion unternommen.
Da in der Bundesrepublik gerade einmal 8% eines Altersjahrganges studierten, der Großteil der Bevölkerung jedoch gerade einmal Volksschulbildung besaß, gab es Diskussionen über eine Expansion im Bildungswesen. Insbesondere das Buch "Die deutsche Bildungskatastrophe" von Georg Picht aus dem Jahr 1964 erreichte publizistische und politische Diskussion dieses Themas.
Es folgten u.a. das Hamburger Abkommen zur Reform der Unteren Schulform und Vereinheitlichung der Schulsysteme der Länder, der Hochschulbau als Gemeinschaftsaufgabe von Bund und Ländern und damit Hochschulneugründungen wie der Ruhr-Universität Bochum.
Die Einführung einer allgemeinen Förderung durch das Bundesausbildungsförderungsgesetz für Schüler der Gymnasialen Oberstufe und Studenten sowie die Abschaffung von Studiengebühren ermöglichten breiteren Bevölkerungsschichten den Hochschulzugang.
Eine weitere Öffnung erfolgte durch die Verwissenschaftlichung des Schulunterrichtes und die Oberstufenreform. Das Kurssystem verbesserte die Studienvorbereitende Wirkung des Abiturs.
Der Öffnungsbeschluss für die Hochschulen erfolgte 1977.
Siehe auch: Georg Picht ("Die deutsche Bildungskatastrophe", 1964), Hartmut von Hentig, Neue Mathematik
Aktuelle Reformdebatte in Deutschland
Aktuell wird die Bildungsreformdebatte bestimmt durch die PISA-Studie und ähnliche Studien, deren Objektivität von Gegnern der aus ihnen abgeleiteten Reformvorschläge häufig angezweifelt wird. Ein besonderer Streitpunkt ist die Vergleichbarkeit der an den Studien teilnehmenden Länder.
Die Schlussfolgerungen, die daraus gezogen werden, werden zurzeit von den ökonomischen Bedingungen (Wirtschaftskrise) bestimmt. Für die Bildungsreform sind in der BRD die Bundesländer zuständig. So werden die notwendigen Reformansätze zurzeit dazu benutzt Haushaltslöcher zu stopfen (höhere Anzahl der Schüler pro Klasse, Erhöhung der Arbeitszeit der Lehrkräfte usw.)
Ein zweiter Reformansatz wird durch die Globalisierung eingeleitet. Wenn alle Dienstleistungen innerhalb der EU oder sogar weltweit unbeschränkt verkauft werden können, dann müssen sich auch die Schulen, Universitäten usw. dem Markt öffnen. Ob das dann aber der Bildung des Einzelnen förderlich ist, bleibt fraglich.
Andere Ansätze betonen die Stärkung der einzelnen Schule, die möglichst autonom sein sollte. Diese Ansätze können nicht als Fortsetzung der Reformpädagogik aufgefasst werden, weil diese Ansätze nicht 'vom Kinde ausgehen' sondern von Managementtheorien.
In jüngster Zeit wird der Gedanke einer kollektiven_Konstruktion von Wissen - wie dies im Rahmen der Wikipedia erfolgt - stärker in Schule und Universität fruchtbar gemacht. Der Paradigmenwechsel, der die ganze Gesellschaft erfasst, hält Einzug in das Bildungssystem, indem Lernergruppen ihr Wissen selbst konstruieren. Die Voraussetzung dazu ist, dass der Lehrer/Dozent die Gruppe als "neuronales Netz" konstituiert, wie dies bei der Methode Lernen durch Lehren der Fall ist.
Literatur
* Ludwig von Friedeburg: Bildungsreform in Deutschland. Geschichte und gesellschaftlicher Widerspruch. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1989
* Heinrich-Böll-Stiftung und Bildungskommission der Heinrich-Böll-Stiftung (Hrsg.): Selbstständig lernen. Bildung stärkt Zivilgesellschaft. Sechs Empfehlungen der Bildungskommission der Heinrich-Böll-Stiftung. Beltz Verlag, 1. Auflage, Weinheim 2004, ISBN 3-407-25354-0
• PDF (260KB) Dokument der GEW ? vor allem Seite 4
* Aus Politik und Zeitgeschichte: Themenheft Bildungsreformen, APuZ 12/2005, , [http://www.bpb.de/files/OLQO61.pdf pdf-Dokument, 664 kB]
Siehe auch
Geschichte der Pädagogik, Hochschulreform
Weblinks
• Manifest der Gustav Heinemann-Initiative, der Humanistische Union und des Komitees für Grundrechte und Demokratie
• Vierfach bestraft. Artikel in: Die Zeit 43/2004
• Zeugnis für die Schule. Teil 1 der Zeit-Serie In: Die Zeit 12/1999
• Bildungskonzept der GEW

