Body Integrity Identity Disorder
Unter Body Integrity Identity Disorder versteht man eine vom eigentlichen Zustand abweichende Körper- oder Sinneswahrnehmung.Symptomatik
Durch eine Veränderung des Körperschemas erleben Menschen mit BIID Teile oder Funktionen des eigenen Körpers als überflüssig oder störend. Betroffene leben in der Vorstellung, dass ihr Körper der eines Menschen mit einer Behinderung ist, erkennen jedoch, dass dies nicht der Realität entspricht, in der sich der Zustand ihres Körpers tatsächlich befindet. Seelisch haben sie dabei die Lebensweise von Menschen mit einer Behinderung adaptiert.
Es entsteht dabei der oft als überwältigend empfundene Wunsch, eine oder mehrere Gliedmaße zu amputieren oder das Rückenmark zu durchtrennen oder eine andere Funktion (Hörfähigkeit, Sehfähigkeit) aufzuheben und damit den realen Körper wieder in Einklang mit der tatsächlichen Identität zu bringen. Das Gefühl der Schönheit und der Vollkommenheit des Körpers stellt sich damit erst durch die künstlich hebreigeführte Beeinträchtigung ein.
Bei dem überwiegenden Teil der Patienten bezieht sich der Zustand auf einen Arm oder ein Bein, weniger häufig auf mehrere Gliedmaßen gleichzeitig und in seltenen Fällen auf Änderungen von Körperfunktionen wie beispielsweise dem Wunsch nach einer Paraplegie (Querschnittlähmung), Gehörlosigkeit oder Erblindung.
Durch eine restriktive Medizinethik ist es den Patienten allerdings nur schwer möglich, ihren Wunsch durch einen von Ärzten durchgeführten operativen Eingriff zu realisieren. Dies führte bei Betroffenen zur Selbsthilfe mittels Messern, Unterkühlungen mit Nekrosefolgen, Schrotgewehren und ähnlichen Instrumentarien.
Personen, die an BIID leiden, bezeichnen sich selber als Wannabe (von engl. want to be: etwas sein wollen). Ein großer Teil versucht sich Erleichterung zu verschaffen, indem mittels des Gebrauchs von Prothesen, Orthesen, Rollstühlen oder Blindenstöcken ein Gefühl der erwünschten körperlichen Beeinträchtigung erzeugt wird. Dieses Vorspielen eines nicht vorhandenen Zustandes wird Pretending genannt. Fraglich ist, ob bei Personen bis zum 25. Lebensjahr durch das Pretenden die Identitätsentwicklung im Sinne von BIID verstärkt wird.
Erste Erwähnung von Patienten mit Wunsch nach Amputation finden sich bei Money, 1977. Hier wurde zur Beschreibung des Zustands der Begriff Apotemnophilie geprägt. Abgeleitet ist dieser Name aus dem griechischen ?????????? (abschneiden) und ????? (Liebe). Money erkannte allerdings nicht, dass der Wunsch der Patienten seine Ursache in ihrer Identität zu suchen war.
Da nicht nur Wunsch nach einer Amputation vorliegt, sondern vielmehr das Bedürfnis, seinen realen Körper dem gestörten Körperschema anzupassen, etablierte sich der Begriff "body integrity identity disorder". Die Störung hat bislang keinen Einzug in das Diagnostic_and_Statistical_Manual_of_Mental_Disorders gefunden, soll aber in der nächsten Ausgabe aufgenommen werden.
BIID ist hinsichtlich seiner Genese und Ausprägung mit GID (Transsexualität) vergleichbar. Betroffene offenbaren ihre Einstellungen und Gefühle häufig weder Angehörigen oder Therapeuten.
Ursachen
Die Ursachen von BIID sind derzeit unbekannt. Diskutiert werden sowohl neuroanatomische Veränderungen funktioneller Hirnregionen als auch entwicklungspsychologische Ansätze, nach denen sich schon im Kindesalter eine Störung des Körperschemas etabliert. Für die letztgenannte Deutung spricht die Tatsache, dass sich bei einem Großteil der Menschen mit BIID anamnestisch eine Manifestation der Erkrankung im frühen Jugendalter nachweisen lässt.
Therapie
Eine ursächliche Behandlung ist derzeit nicht bekannt. Es kann versucht werden, mit psychiatrischer und verhaltenstherapeutischer Unterstützung eine Stabilisierung des Zustandes zu erreichen. Die Gabe von selektiven_Serotoninwiederaufnahmeinhibitoren kann als begleitende, antidepressive Therapie durchgeführt werden. Derzeit wird angenommen, dass eine Heilung im Sinne des Verschwindens des Leidens nur durch die Amputation selber möglich sei.
Der schottische Arzt Dr. Robert Smith hat im Jahr 2000 zwei Beinamputationen bei Patienten mit BIID vorgenommen. Durch Indiskretionen und nach einem Bericht des Fernsehsenders BBC verbot die britische Ärztekammer nach Aufforderung durch das Schottische Nationalparlament weitere Amputationen. Als Grund wurde angegeben, dass die Öffentlichkeit solche Eingriffe missbilligen würde und ein Ansturm ausländischer BIID Betroffener wurde befürchtet.
Links
http://de.groups.yahoo.com/group/BIID-deutsch - Deutschsprachige BIID Group mit Anleitung und Hilfe zur Realisierung
[http://biid.org biid.org] - Allgemeine Informationen
[http://transabled.org transabled.org] - Die Beschreibung eines Betroffenen
Literatur
Furth, G., & Smith, R., Apotemnophilia: Information, questions, answers and recommendations about self-demand amputation. Bloomington, IN: 1stBooks Publishers, 2000
First, M. (Ed.), Diagnostic and statistical manual of mental disorders IV-TR Washington, DC: American Psychiatric Association, 2000

