Berlin-Moabit
Moabit ist ein Ortsteil im Bezirk Mitte von Berlin. Bis zur Verwaltungsreform im Jahr 2001 war Moabit ein Ortsteil des ehemaligen Bezirks Tiergarten.
Über Berlin hinaus ist Moabit durch die Untersuchungshaftanstalt (jetziger offizieller Name Justizvollzugsanstalt Moabit) und das Kriminalgericht bekannt, weswegen Moabit oft als Synonym für das Gefängnis verwendet wird: ?Er sitzt in Moabit? bedeutet ?Er ist Insasse der Untersuchungshaftanstalt Moabit?.
Geographie
Der Stadtteil wird von den Wasserstraßen Spree, Berlin-Spandauer Schifffahrtskanal, Westhafenkanal und Charlottenburger Verbindungskanal umschlossen.
Die Insel Moabit wird durch 25 Straßen-, Bahn- und Fußgängerbrücken mit der umgebenden Stadtlandschaft verbunden. Dies sind: (Reihenfolge im Norden beginnend und dann im Uhrzeigersinn weiter) Föhrer Brücke, Torfstraßensteg, Brücke der Ringbahn, Brücke der Fernbahn, Fennbrücke, Nordhafenbrücke, Kieler Brücke, Sandkrugbrücke, Bahnbrücke am Hauptbahnhof, Hugo-Preuß-Brücke, Gustav-Heinemann-Brücke, Moltkebrücke, Kanzlersteg, Lutherbrücke, Bahnbrücke am S-Bahnhof Bellevue, Gerickesteg, Moabiter Brücke, Lessingbrücke, Hansabrücke, Wullenwebersteg, Gotzkowskybrücke, Kaiserin-Augusta-Brücke, Sickingenbrücke, Bahnbrücke über Verbindungskanal und Ludwig-Hoffmann-Brücke. Die trennende Wirkung der Wasserläufe wird im Norden und Osten durch ausgedehnte Bahnanlagen und den Westhafen, der größter Berliner Hafen und zugleich zweitgrößter deutscher Binnenhafen ist, noch verstärkt.
Größte Grünfläche ist der nach einem früheren Bezirksbürgermeister benannte Fritz-Schloß-Park, der als Trümmerberg auf einem ehemaligen Exerzierplatz entstand. Kleinere Grünflächen sind der Kleine_Tiergarten und der Ottopark, beide befinden sich genau zwischen Turmstraße und der Straße Alt-Moabit.
Moabit unterteilt sich in verschiedene Kieze, einer der bekanntesten und auch interessantesten ist der sternförmige Stephankiez. Durch den Bau des neuen Berliner Hauptbahnhofs hat er an Bedeutung gewonnen, da er fußläufig von dort erreichbar ist. Der Stephankiez befindet sich rund um den Stephanplatz und grenzt im Norden an Wedding.
Weitere Kieze sind der Beusselkiez, der Huttenkiez (bzw. Hutteninsel, da durch das Industriegebiet abgetrennt), das Westfälische Viertel (zwischen Stromstraße, Alt-Moabit, Gotzkowskystraße und Spree) und der Lehrter-Straßen-Kiez.
Name
Die Herkunft des Namens Moabit ist umstritten.
Sehr wahrscheinlich lässt sich die Bezeichnung auf die ersten Bewohner dieses Gebietes, die Hugenotten, zurückführen. Die französischen Glaubensflüchtlinge nannten ihren neuen Wohnsitz in Anlehnung an das Alte Testament terre de Moab, denn sie fanden hier ebenso Zuflucht, wie die Israeliten nach dem Auszug aus Ägypten im Land der Moabiter, bevor ihnen der Einzug ins Land Kanaan gestattet wurde (siehe Baudisch, Literatur).
Interessant hierbei ist auch, dass im 16. Jahrhundert in Frankreich die Bezeichnung moabite (über morabuth zur heutigen Form marabout) einen frommen Eremiten beschrieb.
Möglich ? wenn auch weniger wahrscheinlich ? ist eine Herkunft von terre maudite (verfluchtes Land), dem slawischen Wort moch (Moor) bzw. einer verkürzten Aussprache des Wortes Moorjebiet oder die die Ableitung aus der verkürzten Aussprache des Französischen mon habitat (mein Wohnort).
Geschichte
Beginn der Besiedelung
Das Gebiet des heutigen Moabit war ab dem 13. Jahrhundert als Große Stadtheide unter Berliner Verwaltung und diente als Viehweide. Im 15. Jahrhundert wurden die Ländereien westlich Berlins Eigentum der brandenburgischen Kurfürsten, die die wildreichen Wälder südlich der Spree zu ihrem Jagdgebiet, dem Tiergarten, machen. Dem Wachstum der Residenzstadt unter dem Großen Kurfürst Friedrich_Wilhelm fallen Teile des Tiergartens zum Opfer, was durch die Erweiterung um den Kleinen_Tiergarten nördlich der Spree kompensiert wird. Das gesamte Jagdrevier wird bis 1859 mit einem Wildgatter versehen.
Die Besiedelung des heutigen Moabit beginnt 1685 mit dem Bau des Staakensetzerhaus an der Westgrenze des Wildparks. 1698 überlässt Kurfürst Friedrich III. den auf dem Areal des heutigen Humboldthafens liegenden Weinberg dem Hugenotten Menardié, der hier ein Gasthaus betreibt. Im Jahr 1717 siedelt König Friedrich_Wilhelm I. zwischen der heutigen Straße Alt-Moabit und der Spree Hugenotten an. Die Glaubensflüchtlinge sollen hier Maulbeerbäume für die Seidenraupenzucht anpflanzen, was jedoch an der unzulänglichen Qualität der Böden scheitert. So werden die Grundstücke schon zehn Jahre später für andere, meist gärtnerische Zwecke verwendet und es entstehen hier die ersten Sommersitze Berliner Bürger.
In den ersten Jahrzehnten des 18. Jahrhunderts beginnt auch die militärische Nutzung großer Teile des Gebiets von Moabit. Die königlichen Pulverfabriken westlich des Moabiter Weinbergs machen 1717 den Anfang und bis 1734 dehnen sich die militärischen Anlagen bis dicht an die Hugenotten-Kolonie aus. Die Bezeichnung Pulverwiesen für die Spreewiesen südlich der Militäranlagen hält sich bis zum Ende des 19. Jahrhunderts.
Im westlichen Teil des heutigen Moabit, der damals noch zu Charlottenburg gehörte, eröffnet 1735 ein Franzose eine Schenke. Der wegen seiner geringen Größe petit Martin oder berlinisch Martinicken genannte Wirt gibt dem damals unbebauten Feld den Namen Martinickenfelde. Es ist das Gebiet des späteren Fabrikenviertels von Moabit.
Zwei Westfalen erhalten um 1769 Ländereien von Friedrich II. im Gebiet des heutigen Westfälischen Viertels von Moabit. Ihnen wird auferlegt, die Brandenburger darin zu unterrichten, lebende Hecken nach westfälischer Art zur Einfriedung ihrer Höfe anzulegen. Die Westfalen errichten auf ihren Anwesen Gaststätten, die sich steigender Beliebtheit bei der Stadtbevölkerung des ausgehenden 18. Jahrhunderts erfreuen. Moabit ist damit zu dieser Zeit ein Naherholungsgebiet mit ländlichem Charakter.
Industrialisierung
Moabit wurde besonders im ausgehenden 19. Jahrhundert immer stärker bevölkert. 1861 kam es zur Eingemeindung nach Berlin, die besiedelte Fläche nahm zu und viele Großindustrien wurden durch den Neubau von Mietskasernen nach Wedding verdrängt. Die Großindustriellen rechneten sich aus, dass mit Miete mehr Geld zu verdienen sei als mit der Produktion von Gütern. Außerdem sind Mietwohnungen weniger von der wirtschaftlichen Lage abhängig, und bringen immer einen regelmäßigen Ertrag. So wurde aus dem ehemaligen Produktionsgebiet ein reines Arbeiter-Wohnviertel. Lediglich im Westen Moabits sind noch Industrieanlagen wie z. B. das berühmte AEG-Turbinenfabrik erhalten.
Zur geistlichen Betreuung der überwiegend aus Schlesien stammenden katholischen Arbeiter der Moabiter Industriegebiete wurde im Jahr 1867 mit Unterstützung des Fabrikanten August Julius Albert Borsig das erste nachreformatorische Kloster Berlins gegründet, das Dominikanerkloster_St. Paulus mit gleichnamiger Pfarrkirche. In den Jahren 1892?1893 wurde das heutige Kirchengebäude im Stil der Neogotik nach Plänen von Engelbert_Seibertz an der Ecke Oldenburger- /Waldenserstraße errichtet.
Arbeiterbewegung
Große Teile von Moabit sind traditionelle Arbeiterwohnviertel; Teile davon hatten politisch aktive Bewohner, so beispielsweise der Rote Beusselkiez oder der benachbarte Rostocker Kiez, und galten nach der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten im Jahre 1933 als kommunistische Widerstandszellen.
Bevölkerungsentwicklung
Moabit war lange Zeit so gut wie unbewohnt, die Einwohnerzahl wuchs nur langsam. Nach der Eingemeindung nach Berlin 1861 kam es dann jedoch zu einem raschen Anstieg:
* 1716: Entstehung der Kolonie Moabit (?Alt-Moabit?)
* 1801: 120 Einwohner
* 1805: 201 Einwohner
* 1818: Entstehung von Neu-Moabit, Zusammenwachsen mit Alt-Moabit zu einer Industrievorortgemeinde
* 1835: 709 Einwohner
* 1861: etwa 6.534 Einwohner, Eingemeindung nach Berlin
* 1871: 14.818 Einwohner
* 1880: 29.693 Einwohner
* 1910: 190.000 Einwohnerhttp://www.luise-berlin.de/Strassen/Bez02a/A288.htm
* 2004: 74.631 Einwohner
* 2005: 68.908 Einwohnerhttp://www.berlin.de/ba-mitte/bezirk/daten/bevoelkerung.html
Der Anteil der Moabiter mit ausländischen Wurzeln betrug Ende 2005 28,9 %http://www.berlin.de/ba-mitte/bezirk/daten/bevoelkerung.html. Im Durchschnitt weisen in Berlin 13,7 %http://www.statistik-portal.de/Statistik-Portal/de_jb01_jahrtab2.asp der Einwohner einen Migrationshintergrund auf.
Verkehr
Moabit wird von S-Bahn tangiert und U-Bahn durchquert. Im Norden verläuft der S-Bahnring und hält an den Stationen Beusselstraße und Westhafen. Im Süden schneidet die Stadtbahn mit der Station Hauptbahnhof die Insel. Die U-Bahnlinie 9 durchquert Moabit mittig in Nord-Süd-Richtung mit den Bahnhöfen Westhafen, Birkenstraße und Turmstraße. Zusätzlich verläuft der nördliche Abschnitt des Berliner Regional- und Fernbahnnetzes parallel zur S-Bahn mit Abzweigung zum Hauptbahnhof.
Kunst und Kultur
Moabit ist ein regelrechter ?Kulturkiez?, hier befinden sich zahlreiche Möglichkeiten für Künstler ihre Werke auszustellen und einem breiten Publikum zugänglich zu machen. Insbesondere der in Moabit befindliche Stephankiez hat sich unter Kulturfreunden einen guten Namen gemacht. Seit 2006 finden einmal jährlich die Moabiter Kulturtage ?Inselglück? organisiert vom Kunstverein Tiergarten e.V. statt. Auch die ?Kulturfabrik? ist weit über Moabit hinaus bekannt: Hier finden zahlreiche kulturelle Veranstaltungen, Konzerte und Lesungen statt. Im Sommer laufen kostenlos im Freiluftkino der ?Kulturfabrik? aktuelle Filme und Klassiker.
Das ?Dodohaus? hat sich zur Aufgabe gemacht, die Kunst im Kiez zu fördern. Das ?Afrikahaus? ist ein Ort der Begegnungen mit wechselnden Ausstellungen und kulturellen Veranstaltungen.
Bauwerke
thumb|240px|Krankenhaus Moabit, das in der Turmstraße 21 jahrzehntelang weit über die Grenzen Moabits hinaus bekannt war, besteht inzwischen nicht mehr als Gesamtkrankenhaus. Es sind jetzt dort zahlreiche Arztpraxen (Röntgen, Gynäkologe, Lungenfacharzt, Allgemeinarzt, Internist, Psychiater) eingezogen, sowie eine Krankengymnastikschule und verschiedene Psychologen (u. a. für Folteropfer). Des Weiteren befinden sich hier Außenstellen verschiedener anderer Krankenhäuser, so existiert hier die Entzugsabteilung (Drogenentzug) des St. Hedwig_Krankenhauses.
Schulen
1. Moabiter Grundschule in der Paulstraße 28
James-Krüss-Grundschule an der Siemenstraße 20, 3. Grundschule in Moabit
Anne Frank-Grundschule in der Paulstraße 20b
Gotzkowsky-Grundschule in der Zinzendorfstraße 15
Hansa-Grundschule im Hansaviertel in der Lessingstraße 5
* Katholische St. Paulus-Grundschule Privatschule in der Waldenserstraße 27
Kurt-Tucholsky-Grundschule in der Rathenowerstraße 18
Bibliotheken
* Bruno-Lösche-Bibliothek in der Perleberger Straße 33
* Kurt-Tucholsky-Bibliothek in der Rostocker Straße 32b
Kirchen
* Evangelische Kirche St. Johannis an der Straße Alt-Moabit, erbaut 1835 von Karl Friedrich Schinkel, erweitert 1857 von Friedrich August Stüler sowie 1896 von Max Spitta. Die Kirche bildet den Point de vue am Ende der einstigen Hauptverbindungsstraße von Berlin (heute Kirchstraße).
* Evangelische Heilandskirche an der Thusneldaallee zwischen Turmstraße und Alt-Moabit, erbaut 1892?1894 von Friedrich Schulze.
* Evangelische Reformationskirche an der Ecke Beussel-/Wiclefstraße, erbaut 1905?1907 nach Plänen des Dombaumeisters Georg Schwartzkopff durch Georg Dinklage und Ernst Paulus. Die denkmalgeschützte Kirche soll wegen eines 2004 entstandenen Brandschadens aufgegeben werden und ist vom Abriss bedroht.
* Evangelische Erlöserkirche an der Gotzkowskybrücke
* Katholische Kirche und Dominikanerkloster St. Paulus an der Oldenburger Straße (s. o.)
* Die 1905/1906 nach Entwürfen von Georg Dinklage und Ernst Paulus in roten Backsteinziegeln erbaute evangelische Heilige-Geist-Kirche an der Ecke Perleberger/Birkenstraße
Wirtschafts- und Verkehrsbauten
Hamburger Bahnhof, erbaut 1846?1847, seit dem Umbau durch Josef Paul Kleihues 1990?1996 ?Museum für Gegenwart?
* Untersuchungshaftanstalt Moabit und Kriminalgericht Moabit, 1877?1882, Erweiterung des Kriminalgerichts um den heute noch erhaltenen Neubau 1902?1906 nach Plänen von Karl Vohl im Stil des Wilhelminischen Barock
Moabiter Markthalle von Hermann Blankenstein, fertiggestellt 1891
Kraftwerk_Moabit, erbaut 1899?1901 als zweites Berliner Drehstromkraftwerk nach Plänen von Franz Schwechten
Westhafen, erbaut 1914?1927 in mehreren Etappen nach Plänen des Stadtbaurats Friedrich Krause mit von Richard_Wolffenstein gestalteten Hafengebäuden; größter Hafen Berlins
AEG-Turbinenfabrik, bedeutendes Beispiel der Industriearchitektur in Deutschland, erbaut 1909 von Peter Behrens
Berlin Hauptbahnhof, erbaut 1995?2006, entworfen von Meinhard von Gerkan
Bundesministerium des Innern
Schultheiss-Brauerei, Stromstraße, auch bekannt als ?Sudhaus?, erbaut 1871/1896 von Friedrich Koch.
* Abwasser-Pumpwerk Alt-Moabit, entworfen 1978 und erbaut 1985?1987 von Oswald Mathias Ungers.
Wohnbauten
* Reformmietshaus Sickingenstraße 7/8 von Alfred Messel
* Wohnhaus von Hans Kollhoff in der Huttenstraße aus den 1990er Jahren
* das Gründerzeitviertel des Stephankiez?
* die ?Abgeordneten-Schlange? bzw. ?Wohnschlange?, ein langgezogenes und in Bogenform erbautes Wohnhaus für Bundestagsabgeordnete und für Bedienstete des Bundes in Berlin auf dem Moabiter Werder
Denkmäler
* Mahnmal aus COR-TEN-Stahl vor dem Standort der ehemaligen Synagoge, Levetzowstraße 7?8
* Mahnmal zur Erinnerung an die Deportation jüdischer Bürger auf der Ostseite der Putlitzbrücke, die über den damaligen Güterbahnhof Putlitzstraße stattfand
* Denkmal mit bronzener Portraitbüste von Prof._Wilhelm_Schwartz auf dem Spielplatz Wilsnacker Straße (derzeit beschädigt)
Berühmte Moabiter
Brüder Sass (Panzerknacker)
Kurt Tucholsky (Schriftsteller)
Farin Urlaub (Rock-Musiker)
Literatur
* Olaf Saeger: Moabiter Details ? Schatten im Paradies. Berlin 1995, ISBN 3925191593
* Jürgen Karwelat: Insel Moabit. Eine Dreiviertel-Rundfahrt mit dem Schiff. ISBN 3925702067
Weblinks
• Eintrag zu Moabit im Berliner Bezirkslexikon der Edition Luisenstadt
• Moabit ? Zentrum von Industrie, Recht und Politik, Berlin-Mitte.de, 28. Januar 2005
• Moabit online
• Filmprojekt und Fotoeindrücke über Moabit
• Vereine, nützliche Anschriften in Moabit
• Geschichte Moabits

