Radikaltheorie
Unter der Radikaltheorie versteht man eine von Justus von Liebig und Friedrich Wöhler um 1830 entwickelte Theorie zum Aufbau organischer_Verbindungen. Zusammen mit den, ebenfalls von Liebig entwickelten, neuen Methoden der Elementaranalyse war die Theorie wegbereitend für das Verständnis der organischen Chemie und ihrer Reaktionen im 19. Jahrhundert.Problematik
Bei der Untersuchung vieler Verbindungen, die zumeist aus Naturstoffen isoliert wurden, stellte sich heraus, dass diese sehr häufig aus nur drei oder vier Elementen, nämlich Kohlenstoff, Wasserstoff, Sauerstoff und seltener Stickstoff bestehen. Mit Hilfe der Elementaranalyse konnte die Summenformel der Stoffe bestimmt werden, allerdings waren bereits damals sehr viele Stoffe bekannt, die bei gleicher Zusammensetzung (Summenformel) völlig unterschiedliche Eigenschaften aufweisen. Die chemischen Eigenschaften hingen also auch von der Verknüpfung der Elemente untereinander an, die Struktur einer Verbindung konnte mit den früheren Methoden aber nicht bestimmt werden.
Darüber hinaus wurde zu dieser Zeit angenommen, dass bei einer chemischen Reaktion alle beteiligten Stoffe in ihre Bestandteile zerlegt und neu zusammengesetzt werden. Das widersprach aber der Tatsache, dass sich die Summenformel der Stoffe bei einer Reaktion oft nur geringfügig verändert und die Erkenntnisse aus der bereits weiterentwickelten anorganischen_Chemie daher nicht angewendet werden konnten.
Modell der Zusammensetzung aus Radikalen
Liebig und Wöhler entwickelten daher ein Modell, bei dem sie annahmen, dass ein Stoff aus mehreren kleineren Elementgruppen, den sogenannten Radikalen, besteht, die bei einer Reaktion unverändert übernommen werden. Der Begriff Radikal ist allerdings nur im Sinne einer Gruppe von Atomen zu verstehen, da zu Liebigs Zeiten die modernen Atommodelle noch nicht existierten.
Anschaulich lässt sich das Modell mit einem Fertighaus vergleichen. Wenn der Besitzer des Hauses anstelle eines Balkons einen Erker haben möchte, hat es keinen Sinn, das gesamte Haus einzureißen und, zusammen mit der Bausubstanz für einen Erker, neu aufzubauen. Stattdessen wird nur der alte Balkon abgeschlagen und der Erker neu angesetzt.
Versuche zur Bestätigung der Theorie
Um die Theorie zu bestätigen untersuchten Liebig und Wöhler die Zusammensetzung von Nomenklatur von Verbindungen nutzt diese Unterteilungen, wobei die auf dem Benzaldehyd beruhende C7H5O Einheit nach wie vor die Vorsilbe Benzoyl- erhält.
Literatur
Valentin, Johannes: Friedrich Wöhler: Große Naturforscher, Dr. Frickhinger, H. W. Band 7. Stuttgart: Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft M.B.H, 1949.
Weblinks
• Abschnitt in der Denkschrift von Emil Erlenmeyer über das Werk Liebigs
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