Beim Propheten
Beim Propheten ist eine Novelle von Thomas Mann aus dem Jahre 1904.Inhalt
Der selbst ernannte Prophet heißt Daniel. Seine Proklamationen werden am Karfreitag Abend in seiner Wohnung, die sich im obersten Stockwerk einer Mietskaserne in der Vorstadt befindet, verlesen. Zu den etwa zwölf Geladenen gehören ein polnischer Maler mit seiner Freundin, ein bleicher Lyriker, ein junger Philosoph, der wie ein Känguru aussieht, ein Grafiker, eine Hinkende, eine verstoßene Adlige, eine Autorin, ein schief gewachsener Musiker, eine reiche Dame, die zu spät kommt und der Novellist, der sich diesem illustren Kreis nicht zugehörig fühlt, dies aber durch große Bescheidenheit vertuscht. Daniel selber ist abwesend und nur durch ein Bild im Raum präsent. Seine Schwester Maria Josefa, die ihren Bruder anbetet, empfängt die Ankömmlinge in einer mit zahlreichen Kerzen überhell erleuchteten Wohnung. Die Proklamationen werden von einem Jünger Daniels vorgetragen. Dieser junge Eiferer kommt extra aus der Schweiz angereist.
Brutal und zugleich schwach wirken die Proklamationen. Im Text werden sie einem ?Christus Imperator Maximus? in den Mund gelegt, der sich an eine vom ihm rekrutierte Armee wendet. Seine Aufrufe enden mit den Worten: ?Soldaten! Ich überliefere euch zur Plünderung - die Welt.?
Später vor der Haustür verabschiedet sich der Novellist von der reichen Dame. Der Novellist kennt ihre Tochter. Er bittet, ihr Grüße auszurichten, was ihm freundlich zugesagt wird.
Vorlage
*In der Karfreitagswoche 1904 folgte Th. Mann einer Einladung Ludwig Derleths zur Lesung seiner ?Proklamationen?. Derleth (1870-1948), der dem George-Kreis angehörte, lebte in dem Bewusstsein einer prophetischen Sendung. Das Erlebnis dieser Lesung schildert Th. Mann 1904 in der ?Skizze? ?Beim Propheten?.
Anmerkungen
*In ?Doktor Faustus? ist Ludwig Derleth nochmals porträtiert als Daniel zur Höhe [Kapitel XXXIV(Fortsetzung)]. Zu den ?Proklamationen? teilt der fiktive Biograph Serenus Zeitblom mit: ?[?] seine Dichterträume galten einer in blutigen Feldzügen dem reinen Geiste unterworfenen, von ihm in Schrecken und hohen Züchten gehaltenen Welt, wie er es in seinem, ich glaube, einzigem Werk, den schon vor dem Kriege auf Büttenpapier erschienen ?Proklamationen? beschrieben hatte, einem lyrisch-rhetorischen Ausbruch schwelgerischen Terrorismus, dem man erhebliche Wortgewalt zugestehen mußte.?
*?Der steilste ästhetische Unfug, der mit vorgekommen.? So das Urteil Serenus Zeitbloms. Nach Thomas Mann hat diese Art von Ästhetizismus mitgeholfen hat, dem Faschismus den Weg zu ebnen.
*Der distanzierte, wohlerzogene Novellist ist ein Selbstporträt des jungen Thomas Mann, die reiche Dame Thomas Manns spätere Schwiegermutter.
*Der Jünger soll nach VAGET Rudolf Blümel nachempfunden sein.
Literatur
*Derleth, Ludwig: Die Proklamationen. Leipzig: Insel 1904, 83 S., unbeschnitten. Filzeinband Lex. 8° mit Titel und Autor auf Deckel und Rücken in Gold. Einmalige limitierte Auflage von 500 Exemplaren.
*Hans R. VAGET in: Helmut Koopmann (Hrsg.), Thomas-Mann-Handbuch. Stuttgart 2001. S.572. ISBN 3520828030
*Hermann KURZKE: Thomas Mann. Das Leben als Kunstwerk. Frankfurt a. M. 2001. S.170. ISBN 3596148723
*Peter SPRENGEL: Geschichte der deutschsprachigen Literatur 1900 - 1918. S.347. München 2004. ISBN 3406521789
Quelle
*Thomas Mann: Sämtliche Erzählungen, Band 1. © 1966 by Katia_Mann, S.355-363. ISBN 3103481152

