Somalische Bantu
Die Bantu in Somalia (auch Jarir, Jareer Weyne, Wagosha oder Mushunguli genannt) sind eine ethnische Minderheit gegenüber der überwiegenden Mehrheit der Somali. Sie sind Nachkommen von Angehörigen diverser Bantu-Volksgruppen im heutigen Tansania, Malawi und Mosambik, die im 19. Jahrhundert von arabischen Sklavenhändlern über den Sklavenmarkt von Sansibar nach Somalia verkauft wurden.
Von diesen zu unterscheiden sind Angehörige der Swahili-Gesellschaft, welche an der ostafrikanischen Küste von Südsomalia bis zum Norden Mosambiks ansässig ist und selbst in den Sklavenhandel eingebunden war und deren Sprache die Bantusprache Swahili ist. Zu dieser Gruppe gehören die Bajuni in Kismaayo sowie die Bewohner der Stadt Baraawe.
Die somalischen Bantu leben hauptsächlich im Süden des Landes, die Swahili an der Küste und die übrigen Bantu an den Flüssen Jubba und Shabeelle. Über ihre Bevölkerungszahl gibt es unterschiedliche Angaben. Eine Schätzung gibt 600.000 bei einer Gesamtbevölkerung von 7.5 Millionen in Somalia an. Andere Schätzungen gehen von 900.000[http://news.bbc.co.uk/2/hi/africa/3020110.stm BBC News: Tanzania accepts Somali Bantus] oder einem Bevölkerungsanteil von bis zu 15 %[https://www.cia.gov/cia/publications/factbook/geos/so.html#People CIA World Factbook] aus oder von 85.000 in Somalia und 2400 in Kenia[http://orvillejenkins.com/profiles/gosha.html Orville Jenkins: Profile: The Gosha].
Bezeichnungen
Die somalischen Bantu bezeichnen sich selbst schlicht als Bantu. Diejenigen, die ihre Abstammung auf das Volk der Zigua oder Zigula zurückführen, nennen sich auch Wazigua. Weitere (Fremd-)Bezeichnungen sind Jarir/Jareer/Jareer Weyne (von einem Somali-Wort für ?harthaarig? oder ?kraushaarig?, im Gegensatz zu Jilec ? ?weichhaarig? ? für Nicht-Bantu), Mushunguli (wahrscheinlich von der Einzahlbezeichnung der Zigula, Muzigula), Wagosha oder Reer Gosha (?Leute aus dem Wald?, da entflohene Bantu-Sklaven sich im damals bewaldeten Jubba-Tal ansiedelten; wörtlich bezeichnet gosha einen Wald an einem Fluss, in dem es Tsetsefliegen gibt). Adoon und Habash sind weitere abwertende Begriffe, die mit ?Sklave? übersetzt werden. Manche Somali nennen die Bantu auch nach dem italienischen Wort für ?heute? Ooji, was von der Unterstellung herrührt, die Bantu könnten nicht über das Heute hinaus denken.
Geschichte
, 1866]]
1800?1890 wurden schätzungsweise 25.000 bis 50.000 schwarzafrikanische Sklaven über Sansibar an die somalische Küste verkauft. Sie stammten hauptsächlich von den Ethnien der Yao, Makua, Chewa (Nyanja), Zigula (Zigua), Ngidono und Zaramo.
Mündlichen Überlieferungen der Bantu zufolge kamen die Sklavenhändler zunächst in einer Zeit großer Hungersnot und versuchten die Menschen zu locken, indem sie ihnen Datteln anboten und versprachen, sie in ein Land zu bringen, wo es reichlich Nahrung und Arbeit gebe. Später gingen sie bald zum gewaltsamen Menschenraub über.
Die meisten Bantu-Sklaven wurden an die Benadirküste (Mogadischu) und von dort weiter in das Landesinnere verkauft. Sowohl nomadische als auch sesshaft-bäuerliche Somali betrieben Sklavenhaltung, wobei deren wirtschaftliche Bedeutung bei den Letzteren größer war. Ab den 1840ern ließen sich aus dem landwirtschaftlich genutzten Tal des Shabeelle entflohene Sklaven im damals noch kaum besiedelten, bewaldeten Jubba-Tal nieder, wo sie Dörfer gründeten und Ackerbau betrieben. In den frühen 1900ern sollen etwa 35.000 ehemalige Bantu-Sklaven entlang des Jubba gelebt haben.
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde unter den italienischen Kolonialherren in Italienisch-Somaliland die Sklaverei abgeschafft, einige Gruppen von Bantu verblieben bis in die 1930er in Sklaverei. Unter der Kolonialherrschaft wurden vor allem Bantu zur Zwangsarbeit auf Plantagen in italienischem Besitz herangezogen, da nur wenige Somalier zur freiwilligen Lohnarbeit bereit waren. Diese Praxis endete mit der britischen Besetzung Italienisch-Somalilands 1941. Die beiden darauffolgenden Jahrzehnte (1941?1950 britische Militärverwaltung, 1950?1960 Treuhandgebiet Italienisch-Somaliland) bis zur Unabhängigkeit Somalias verliefen für die Bantu weitgehend friedlich, sie konnten ungestört von der Regierung oder ihren Somali-Nachbarn ihre Landwirtschaft betreiben. Von Teilen der somalischen Gesellschaft wurden sie weiterhin verachtet und benachteiligt.
Während der Herrschaft von Siad Barre wurde Land der Bantu systematisch enteignet, um es für staatliche Zucker- und Reisfarmprojekte zu nutzen oder an Anhänger Barres zu verteilen[http://www.reliefweb.int/rw/rwb.nsf/AllDocsByUNID/7d1fc87ed568612dc1256c0c004a2463 UN-OCHA: A study on minorities in Somalia].
Heutige Situation
Wie die Somali verwenden auch die Bantu heute die somalische_Sprache (hauptsächlich deren Maay-Dialekt), nur eine kleine Minderheit hat bis heute ihre ursprüngliche Identität und Sprache[http://www.ethnologue.com/show_language.asp?code=xma Ethnologue-Report über Mushungulu, eine Sprache der somalischen Bantu (engl.)] behalten. Die meisten sind Muslime, wobei viele daneben noch animistische Gebräuche beibehalten haben. Die unter den Somali verbreitete Beschneidung_von_Frauen_und_Mädchen kommt auch bei ihnen vor[http://news.bbc.co.uk/2/hi/africa/2299845.stm BBC News: US rethinks genital mutilation threat]. Im Gegensatz zu den Somali, welche mehrheitlich nomadisch leben und Viehzucht betreiben, leben die Bantu vornehmlich vom Ackerbau, den sie als Kleinbauern auf Feldern von 1?10 Hektar Fläche betreiben. Manche leben auch von, meist schlecht bezahlter, abhängiger Arbeit. Sie haben eine dunklere Hautfarbe und ?weichere? Gesichtszüge als die leicht hellhäutigeren Somali.Im Bürgerkrieg in Somalia seit 1991 wurden die Bantu von verschiedenen Somali-Clans bedrängt und von ihrem Land vertrieben[http://www.internal-displacement.org/idmc/website/countries.nsf/(httpEnvelopes)/7440b281696b0d86802570b8005aab2c?OpenDocument&Click= Internal Displacement Monitoring Centre: Land dispossession is the main driving force behind conflict in Somalia (2004)]. Da sie über wenig Waffen verfügen, waren sie besonders stark gewalttätigen Übergriffen und Plünderungen durch Bewaffnete und Milizen ausgesetzt.
In ihrem Bericht für 2006 stufte die Menschenrechtsorganisation Minority Rights Group Somalia als weltweit gefährlichstes Land für Minderheiten, darunter die Bantu, ein.[http://www.somalilandtimes.net/sl/2006/270/71.shtml Somaliland Times: Somalia Tops Minority Report Danger List]
Flüchtlinge
Zehntausende Bantu flohen vor dem Bürgerkrieg und den durch ihn verursachten Hungersnöten (siehe Hungersnot in Somalia (1990er)) in Flüchtlingslager im benachbarten Kenia. Die meisten von ihnen möchten nicht mehr nach Somalia zurückkehren, weil sie befürchten, dort verfolgt und getötet zu werden. Auch in Kenia haben sie jedoch kaum längerfristige Perspektiven, manche berichteten von Schikanen von Seiten der Somali in den Lagern.
Etwa 12.000 Bantu-Flüchtlinge aus Somalia werden daher planmäßig mit Hilfe des UN-Hochkommissariats_für_Flüchtlinge_UNHCR in die USA umgesiedelt. Etwa 1.000 von ihnen wurden in Salt Lake City angesiedelt, weitere in Denver, Tucson und Columbia. Mancherorts gab es Bedenken wegen der geringen Bildung und der mangelnden Englischkenntnisse der somalischen Bantu, in den Kleinstädten Holyoke und Cayce verhinderten lokale Proteste geplante Ansiedlungen. Insgesamt wurden sie in ihrer neuen Heimat aber positiv aufgenommen.
Eine weitere Gruppe von etwa 3.000 Bantu floh mit Schiffen in die Region um den Hafen Tanga im Nordosten Tansanias. Viele von ihnen stammen von Ethnien ab, die noch heute dort ansässig sind. Ihnen wurde gestattet, sich in Chogo als Kleinbauern niederzulassen und die tansanische Staatsbürgerschaft zu beantragen. Das UNHCR stellte Infrastrukturen für sie zur Verfügung.
Siehe auch
• Sklavenhandel]
Weblinks
• UNHCR-Zeitschrift ?Flüchtlinge? über die somalischen Bantu (PDF)
• The Somali Bantu: Their History and Culture (englisch)
• BBC News: New life in US for Somali Bantus
• Bericht über eine in die USA umgesiedelte somalische Bantu-Familie (englisch)
• Portland State University: Somali Bantu Project (englisch)
Einzelnachweise:

