Andreas Banaski
Andreas Banaski (28. Oktober 1957) ist ein Experimentalfilmer und Erfinder des deutschen Popjournalismus.Film und Musik
Anfang 1979 zog Andreas Banaski aus der Kleinstadt Büchen bei Ratzeburg nach Hamburg an den Hans-Albers-Platz 9, wo er bis heute wohnt, arbeitete als Foto-Verkäufer bei Kaufhof (ohne davon Ahnung zu haben, wie er einmal bekannte) und drehte unter dem Pseudonym Kid P. zusammen mit seinem Freund Donald Fuck einige Super-8-Filme. Wie viele andere aus der Arbeiterklasse stammende Erneuerer nutzte er damals das Label Punk, unter dem vieles möglich war. Schon diese Super-8-Filme mit grotesken Bild- und Toncollagen aus der deutschen Zeitgeschichte von 1933 bis 1979 waren geprägt durch den humorvoll-provokanten Umgang mit den Themen, die die deutsche Öffentlichkeit bewegten: vom Dritten_Reich über Krimi-Straßenfeger bis hin zu Fußball-Länderspielen. Zusammen mit Donald Fuck und Johnny Ego bildete Banaski außerdem die Konzept-Band Sid & Su. Ihre drei ?Anti-Singles? bestanden aus einem zerbrochenen Stück Platte, einem abgerissenen Stück Kassettenband und diversen Beigaben. Sowohl in seinen Filmen als auch in seinen Texten prägte Banaski einen neuen, collagenhaften Stil ? eine Art Sampling avant la lettre.
frühe Texte
Von Januar bis Juni 1979 brachte Banaski das Fanzine ?Preiserhöhung? heraus. Oberflächlich betrachtet war ?Preiserhöhung? wie Banaskis erstes, ein Jahr vorher erschienenes Fanzine ?Stunning Cunt?, noch ein Punk-Fanzine ? man konnte hier aber schon die Saat des später von ihm und Diederichsen gemeinsam erfundenen Diskurs-Pop erkennen ? etwa in den Artikeln über Blondie. Auch wichtige Stilelemente von Banaskis späterem Wirken finden sich bereits in ?Preiserhöhung?: Darunter die Gegenüberstellung und Reihung von Zitaten sowie die Verwendung der Sprache von Bild-Zeitung und Bravo als Mittel zur Dekontextualisierung in Bereichen, die vorher von prätentiöser Larmoyanz geprägt waren. Beeinflusst wurde Banaskis Entwicklung als Autor vermutlich durch den polemisch zugespitzten Schreibstil des damals für den NME schreibenden Engländers Tony_Parsons und von Julie_Burchill.
Sounds
Banaskis wiederholt abgedruckte Leserbriefe an die Sounds (erstmals im Juni-Heft 1980) gehörten schnell zum Lesenswertesten in der Zeitschrift. Nach einer im Oktober-Heft 1980 von Kid P. zusammen mit Alfred Hilsberg verfassten Seite mit Singles-Kritiken holte Diederichsen Banaski als festen freien Autor in die Sounds-Redaktion, wo er im März-Heft 1981 erstmals Singles (unter Voranstellung eines Joseph Goebbels-Zitats) rezensieren durfte. Vom ersten Geld kaufte Banaski sich zudem einen der damals noch wenig verbreiteten Videorecorder und vergrößerte seinen damals schon reichen Filmzitatschatz durch v. a. aus dem Nachtprogramm der dritten Fernsehsender aufgenommene Hollywood-Klassiker nochmals erheblich.
Auch im Nachtleben hinterließ Kid P. bleibenden Eindruck. Vor allem durch seine Narkolepsie, die ihn auch in sehr lauten Diskotheken im Stehen einschlafen ließ, und durch den stets mitgeführten eleganten Regenschirm im Stil von John Steed aus der klassischen ?Avengers?-Fernsehserie.
In Sounds etabliert verabschiedete sich Banaski schnell endgültig vom Punkrock. Ab Herbst 1981 wurde ihm zunehmend mehr Platz für Singles- und LP-Rezensionen eingeräumt, und im Januar-Heft 1982 erschien sein erster großer Artikel ?Neues und Böses über Düsseldorf?, eine schonungslose Abrechnung mit NDW-Bands wie Nichts oder dem KFC sowie bestimmten Protagonisten aus der westdeutschen Neue-Welle-Szene. Kid P. begann nun auch Bücher und Filme zu besprechen und würdigte im Verlauf des legendären ?Popsommer?-Jahres 1982 Motown-Klassiker (Ende 1981 waren erstmals viele 1960er Original-Alben wiederveröffentlicht worden), den Pop der 1960er und seine 1981/82er Reinkarnationen in Form von Gruppen wie Soft Cell, ABC, Human League, den Veröffentlichungen des Compact-Labels von Tot Taylor oder den Dexy's Midnight Runners. Dem stumpfen Macho-Habitus des 70er-Rock stellte Banaski eine Verehrung des Mädchenhaften entgegen, außerdem nutzte er all das, was die linksalternativen Hippies der 1970er mit einem Tabu belegt hatten: BILD, Bravo, hitparadentauglichen Pop, Konsum, Fußball-Fantum und die Kulturgeschichte des deutschen Kleinbürgertums von Hitler bis hin zur klassisch-konservativen Ästhetik von Alfred-Hitchcock- und Edgar-Wallace-Filmen.
Im Gegensatz zum diffus linken postmodernen Mystizismus Diederichsens setzte Banaski auf Klarheit des politischen Denkens. Zudem ließ sich seine offen zur Schau getragene Liebe zur Sowjetunion ebenso gut als Provokationsinstrument nutzen wie die bereits oben angeführten Stilmittel. Mit der als Differenziertheit verkleideten Lauheit und Unentschlossenheit der 1970er räumte Kid P. gnadenlos auf ? seine Rezensionen waren entweder klare Liebeserklärungen und Kaufempfehlungen oder spöttische Verrisse. Vor allem die früher auch in Sounds gehätschelten neuen deutschen Bands behandelte er gnadenlos gerecht, weswegen seine Städteserie mit ernüchternden Reportagen über die Punk- und New-Wave-Szene in Hamburg, Düsseldorf und Berlin zum literarisch Größten zählt, was Deutschland im 20. Jahrhundert hervorbrachte. Der Berlin-Artikel, den er mit einem Kennedy-Zitat (?Ich bin ein Berliner?) und einer lexikalischen Erklärung dazu (?Berliner sind dicke Pfannkuchen, aus denen rote Marmelade quillt, wenn du draufdrückst?) garnierte, gipfelte in dem Vorschlag, die BRD-Enklave Westberlin mitsamt ?Punks, Fixern, Türken, Sex Shops, Ideal, Hausbesetzern, Hunden, Dreck, Rentnern, Künstlern und ähnlichen Berlinern? an die DDR zu verschenken. Auf der anderen Seite seines apodiktischen Weltentwurfs standen unter anderem ABC, deren Gabe ?verschwenderische, große Gefühle die das Herz durchbohren? zu produzieren zur Verbesserung der Menschheit führte ? das war in etwa die Theorie von Georg Lukács, nur wesentlich klarer formuliert.
Kid P. machte auch sein eigenes Lieben und Leiden zum Thema seines Schreibens, weshalb die letzten eineinhalb Jahre von Sounds weit jenseits aller Rockjournaille standen, sondern in ihrer Gesamtheit einen der wichtigsten deutschen Entwicklungsromane bilden. Vor allem im letzten Heft vom Januar 1983 (bevor Sounds eingestellt wurde) dreht sich in schönster Hollywood-Dramatik alles ? jede Plattenkritik und jeder Konzertbericht ? um seine unerfüllte Liebe zur Redaktionsassistentin Tina Hohl.
Spätwerk
Nach dem Ende von Sounds schrieb Kid P. zunächst Plattenrezensionen und Artikel als ?Christopher R(ichard) Wellington? für den Musikexpress und unter seinem bürgerlichen Namen bei Spex, Elaste, tip und tango, wobei sich sein Schwerpunkt langsam von kontemporärer Musik zum Film und zum ?Sport? (sprich: Fernsehen) verlagerte. Nachdem er 1988 in einen Van-Morrison-Artikel eine der treffendsten und ätzendsten Kritiken von Hip Hop eingebracht hatte, durfte er aus Gründen politischer Korrektheit nur noch selten für Spex schreiben und hatte wohl auch keine Lust mehr dazu. In der Zeit darauf verfasste er unter dem Pseudonym ?Gad Klein? Bildunterschriften und Filmkritiken für TV Spielfilm, die allerdings leicht am Stil und an der literarischen Qualität erkennbar waren und arbeitete als Schlussredakteur bei der ? von ihm in SPEX ursprünglich oft geschmähten ? Zeitschrift Tempo, deren Archiv er nach dem Ende 1996 weiterführte.
Nach langer Pause veröffentlichte Banaski 2005 für eine vom SZ-Magazin zusammengestellte CD über das Pop-Jahr 1975 ein gewohnt bösartiges Essay.
Einfluss
Banaski erfand zusammen mit Diederichsen praktisch alle Stilmittel des Pop-Journalismus und der Pop-Literatur. Allerdings verstanden ihre Epigonen von seinem Werk in etwa so viel wie die melanesischen Anhänger des Cargo-Kults, die nach dem Zweiten Weltkrieg amerikanische Flugzeuge detailgetreu aus Schilfrohr nachbauten, von der Ingenieurskunst. Ein besonders augenfälliges Beispiel für dieses Phänomen ist Ulf Poschardt.
Texte (Auswahl)
*?Die Neue Deutsche Welle. Ihr Entstehen und Versagen. Ihre Sternchen und ihr Erscheinen in den Medien?. In: Diederichsen, Diedrich (Hrsg.): Staccato. Musik und Leben. Kübler-Verlag 1982, S. 9?55. ISBN: 3921265290
*?Neues und Böses über Düsseldorf? (Sounds 1/1982, S. 14?15)
*?Silvester-Frust? (Sounds 2/1982, S. 8)
*?Die Wahrheit über Hamburg!? (Sounds 5/1982, S. 26?30)
*?Kid P. war in Berlin!? (Sounds 6/1982, S. 22?26)
*?Ball of Confusion? (Sounds 8/1982, S. 36?38)
*?Das kleine ABC des Lebens, Teil 1? (Sounds 9/1982, S. 36?39)
*?Cupid Cupid? Stupid! Stupid!? (Sounds 1/1983, S. 34?37)
*?In aller Demut. Van Morrison? (Spex 12/1988, S. 46?47)
Filme
*?Die Wahrheit über das Sex Pistolen Phantom? (1979)
*?Alte Kameraden? (1979) ?Kid P.'s Hommage an den erfolgreichsten Fußballtrainer der Welt. Donald Fuck zeigt die größten Stationen im Leben des Fußballtrainers und Menschen Helmut Schön?
*?Sieg des Glaubens? (1979/80)?Kid P. bringt Licht in eines der dunkelsten Kapitel der Nachkriegsgeschichte: er beweist, wie der russische Linienrichter die deutsche Nationalelf 1966 um den Sieg in der Fußball-WM brachte. Eine späte, aber nicht zu späte Verneigung vor dem wahren Weltmeister von 1966?
*?Triumph des Willens? (1980) ?Die Geschichte des aussichtslosen Kampfes von Kommissar Keller und Lieutenant Kojak, der in der Maske von Telly Savalas vor einem Supermarkt Werbung für das Waschmittel Mustang macht, gegen einen teuflischen Sex-Mörder?)
Musik/Kunst (mit Sid & Su)
*?Melodien zum Träumen?
*?Der Gute, der Schlechte und der Häßliche?
*?Rhythmus hinter Gittern?
Weblinks
• Telepolis: Die Romantik einer Revolution
*?Die Wahrheit über Hamburg?: http://mitglied.lycos.de/RaFuchs/ndw/sounds/sounds17.htm
*?Kid P. war in Berlin!?: http://mitglied.lycos.de/RaFuchs/ndw/sounds/sounds18.htm
Literatur über Andreas Banaski
* Diedrich Diederichsen: Die Russen kommen. In: Sounds 5/1980, S. 18.

