Balkankriege
Als Balkankriege werden zwei Kriege der Völker der Balkanhalbinsel im Vorfeld des Ersten_Weltkriegs bezeichnet. Gelegentlich werden auch der Balkankonflikt, Jugoslawienkrieg oder Kosovokrieg als Balkankrieg bezeichnet (siehe unten bei ?Dritter_Balkankrieg?_Ende_des_20._Jahrhunderts).
Hintergrund
Am Ende des Russisch-Türkischen_Krieges_von_1877/78 wurde mit der Berliner
Kongressakte vom 13. Juli 1878 das ehemals osmanische Bulgarien geteilt; so
wurde der Norden zu einem autonomen Fürstentum umgewandelt und der
südliche Teil blieb als autonome Provinz Ostrumelien beim Osmanischen Reich.
1885 kam es in Ostrumelien zu einem Aufstand und in der Folge wurde
Ostrumelien gegen russischen Protest Bulgarien angegliedert. Dies führte zum
Abzug der russischen Berater aus der bulgarischen Armee. König Milan von
Serbien nutzte diese Situation um seine territorialen Ansprüche durchzusetzen
und erklärte am 14. November 1885 Bulgarien den Krieg. Bulgarien gewann zwar
diesen Krieg um die Eroberung Makedoniens, musste sich aber auf Druck der
Doppelmonarchie Österreich-Ungarn mit nur unbedeutendem Gebietsgewinn im Westen zufrieden geben. In der Folge musste Fürst Alexander I. von Bulgarien
abdanken und Ferdinand I., der 1908 die nationale Unabhängigkeit Bulgariens
durchsetzte betrat den Thron.
Österreich-Ungarn spielte bei den Unruhen auf dem Balkan eine bedeutende Rolle.
1908 kam es beinahe zu einem Krieg, als Österreich gegen den erbitterten Widerstand Serbiens Bosnien und Herzegowina annektierte (Bosnische Annexionskrise).
"Die Zündschnur am Pulverfass Europa"
Durch die nationalen Bestrebungen der Balkanstaaten war die südosteuropäische
Region dauerhaft zu einem Krisenherd geworden. Die Völker lebten zum Teil verstreut über die Staatsgrenzen hinweg, strebten aber danach, ihr Volk in einem
einzigen Staat zu vereinen. Das hatte eine Reihe von Konflikten über die
bestehenden Staatsgrenzen zur Folge. Der Nationalismus der Balkanländer wirkte
sich auch auf die Doppelmonarchie destabilisierend aus. So wollte zum Beispiel
Serbien alle Serben in einem Großserbischen Reich vereinen. Dazu sollten auch
die in Österreich-Ungarn (Donaumonarchie) lebenden Serben gehören.
Russland wiederum verstand sich als Beschützer aller Slawen (Panslawismus), zu denen auch die
Serben gehören, dies führte häufig zu Spannungen zwischen den beiden Großmächten. Außerdem erhoben alle Balkanländer Ansprüche auf die restlichen
Gebiete des Osmanischen Reiches, zu dem sie einmal gehört hatten. Der Balkan
wurde zur "Zündschnur am Pulverfass Europa".
Erster Balkankrieg 1912
1912 war das Osmanische_Reich durch die Revolution der Jungtürken 1907/1908 sowie den Italienisch-Türkischen_Krieg 1912 geschwächt. In dieser Situation ergriffen die Balkanbundstaaten Bulgarien, Serbien, Griechenland und Montenegro die Gelegenheit, um die restlichen verbliebenen osmanischen Provinzen auf dem Balkan zu erobern. Am 8. Oktober 1912 erklärte Montenegro der Türkei den Krieg, die Bündnispartner folgten wenige Tage später.
In weniger als zwei Monaten verlor die Türkei fast ihre gesamten europäischen Besitzungen an die Balkanstaaten. Während Griechenland weiterhin Krieg gegen die türkische_Armee führte, schlossen sich am 3. Dezember 1912 Serbien, Montenegro und Bulgarien einem Waffenstillstand mit den Osmanen an. Die Friedensbedingungen wurden von der Türkei jedoch als unzumutbar abgelehnt. Zudem kam es in der Türkei Anfang 1913 zu einem Staatsstreich, so dass die Kämpfe wieder auflebten. Am 19. April 1913 erreichten die Türken einen erneuten Waffenstillstand.
Unter Vermittlung der europäischen Großmächte wurde am 30. Mai 1913 in London der Londoner_Vertrag geschlossen, der den Krieg beendete. Die Türken verzichteten auf alle europäischen Gebiete westlich der Linie zwischen Midia am Schwarzen_Meer und Enos an der Ägäisküste, die Insel Kreta kam zu Griechenland.
Ein weiteres Resultat des Krieges war die Unabhängigkeit Albaniens (siehe auch Geschichte Albaniens). Sie war von Vertretern der albanischen Nationalbewegung am 28. November 1912 in Vlora ausgerufen worden. Die Sieger des Ersten Balkankriegs waren aber vorläufig nicht bereit, den neuen Staat anzuerkennen. Griechenland, Serbien und Montenegro erhoben Anspruch auf große Teile der albanisch besiedelten Gebiete.
Zweiter Balkankrieg 1913
Unstimmigkeiten bei der Verteilung der eroberten türkischen Gebiete, insbesondere von Makedonien, führten schließlich noch im selben Jahr zum Zweiten Balkankrieg. Am 29. Juni 1913 unternahm ein bulgarischer General nach einem geheimen Befehl einen Angriff auf Serbien. Die bulgarische Regierung bestritt den Vorfall. Am 8. Juli erklärten Serbien und Griechenland gemeinsam Bulgarien den Krieg. Kurz darauf folgten Montenegro und Rumänien sowie auch das Osmanische Reich, das hoffte, dadurch einen Teil seiner im Ersten Balkankrieg verlorenen Gebiete zurückgewinnen zu können.
Angesichts dieser Übermacht blieb Bulgarien nur die Kapitulation. Am 10. August wurde mit dem Frieden_von_Bukarest ein Friedensabkommen unterzeichnet. Bulgarien musste einen Großteil seiner Gewinne aus dem Ersten Balkankrieg wieder abgeben. Gut 7.500 km² (die Süddobrudscha) wurden Rumänien zugesprochen. Makedonien wurde fast vollständig unter Griechenland und Serbien aufgeteilt.
Die Folgen Anfang des 20. Jahrhunderts
Die Balkankriege waren Wegbereiter für den etwa ein Jahr später ausgelösten Ersten Weltkrieg. Aus den Friedensverhandlungen ging Serbien als politisch gestärkte Macht hervor. Dies führte zu Spannungen mit dem benachbarten Österreich-Ungarn, das 1908 Bosnien und Herzegowina formlos annektiert hatte. Serbische wie bosnisch-serbische Nationalisten strebten die Befreiung von Österreich-Ungarn an. Am 28. Juni 1914 wurde schließlich der österreichische Erzherzog und Thronfolger Franz_Ferdinand bei einem Attentat in Sarajevo ermordet. Der Attentäter, Gavrilo Princip, war Österreicher serbischer Herkunft. Das Attentat von Sarajevo gilt als der Auslöser des Ersten_Weltkriegs.
Literatur
* Katrin Boeckh, Von den Balkankriegen zum Ersten Weltkrieg. Kleinstaatenpolitik und ethnische Selbstbestimmung am Balkan, München 1996. Oldenbourg Verlag; ISBN 3-486-56173-1
* Die große Politik der europäischen Kabinette 1871-1914. Bd. 36,2., Die Liquidierung der Balkankriege 1913-1914. Teil 2 (S. 423-847). Berlin 1926. (Quellenedition)
?Dritter Balkankrieg? Ende des 20. Jahrhunderts
Siehe dazu Balkankonflikt, Jugoslawienkrieg und Kosovokrieg.
Siehe auch
Liste der Kriege
Liste von Schlachten
az:Balkan Muharib?si

