Bahnhofsmission
Die Bahnhofsmission ist eine niedrigschwellige Hilfsorganisation mit kostenlosen Anlaufstellen auf knapp 100 Bahnhöfen in Deutschland.Weitere Bahnhofsozialdienste mit ähnlichen Aufgabenfeldern existieren in Frankreich, der Schweiz, in Österreich und weiteren Ländern Europas.
Hilfsangebote
Die Bahnhofsmissionen in Deutschland bieten ihre Hilfe grundsätzlich jedem Menschen anonym und kostenlos an und meist zu Tageszeiten, an denen andere soziale Hilfen nicht verfügbar sind. Das Hilfsangebot ist niederschwellig, für seine Nutzung sind weder bestimmte persönliche Voraussetzungen noch bestimmte Problemlagen erforderlich.
Das Hilfsangebot reicht meist von kleineren Hilfen (Pflaster, Fahrplanauskünfte, Hilfe beim Ausfüllen von Antragsformularen) über Reisehilfen (ältere Menschen, chronisch Kranke, Frauen mit Kinderwagen) bis hin zu verweisenden sozialen Hilfen (Vermittlung in Therapieeinrichtungen, Vermittlung an die zuständigen Ämter und Behörden).
Die von den einzelnen Bahnhofsmissionen angebotenen Hilfen variieren zum Teil sehr stark. Während einzelne Bahnhofsmissionen über einen oder zwei Sozialarbeiter verfügen und dementsprechende Hilfen anbieten können, stehen anderen Bahnhofsmissionen ausschließlich ehrenamtlich_Mitarbeitende zur Verfügung.
Über die bei weiten Bevölkerungsteilen bekannten Hilfen hinaus betreiben einige Bahnhofsmissionen besondere Projekte, beispielsweise für Straßenkinder oder Prostituierte.
Geschichte der Bahnhofsmission
Die erste Bahnhofsmission wurde 1894 in Berlin gegründet, ursprünglich um Frauen Schutz und Hilfe zu bieten, die im Zuge der Industrialisierung in die Städte zogen.
Den vom Land stammenden Frauen boten in den Städten vielfach Männer mit zweifelhaften Absichten Arbeit und Unterstützung bei der Unterbringung an, was nicht selten in Ausbeutung und/oder Prostitution endete. Bereits einige Jahre später erweiterte die Bahnhofsmission das Angebot um allgemeine Hilfen für Reisende. In dieser Zeit betrieben die Evangelische Kirche und die Katholische Kirche strikt getrennte Bahnhofsmissionen, warben jedoch bereits mit gemeinsamen Plakaten für ihre Arbeit.
1910 wurde schließlich die Konferenz für kirchliche Bahnhofsmission in Deutschland (KKBM) gegründet, die die Zusammenarbeit zwischen evangelischer und katholischer Bahnhofsmission verstärkte.
Nach dem Ersten und Zweiten Weltkrieg betreuten die Bahnhofsmissionen Flüchtlinge, Vertriebene und zurückkehrende Soldaten. Auf Grund der Gleichschaltung der Hilfsorganisationen und der Verdrängung der Arbeit konfessioneller Einrichtungen während des Dritten_Reichs wurde die Arbeit der Bahnhofsmissionen massiv behindert. Ab 1939 waren Bahnhofsmissionen im Dritten Reich verboten.
Bereits kurz nach dem Zweiten_Weltkrieg nahmen einige Bahnhofsmissionen ihre Arbeit wieder auf, vielfach in provisorischen Unterkünften, beispielsweise in ausgedienten Eisenbahnwaggons auf den Bahnhofsgeländen.
Das zweite Verbot der Bahnhofsmissionen fand in den 50er_Jahren des 20. Jahrhunderts statt. Es betraf die Einrichtungen in der DDR unter dem Vorwurf der Spionage für den Westen.
Ab den 60er_Jahren erweitern die Bahnhofsmissionen ihr Hilfsangebot verstärkt um Reisehilfen für ältere Menschen, denen es oftmals schwer fällt, allein zwischen zwei Zügen umzusteigen und gleichzeitig ihr Gepäck zu transportieren. Während der 70er_Jahre gehören immer öfter Arbeitslose zum Klientel der Bahnhofsmissionen; sie vermitteln keine Arbeitsplätze, bieten aber Hilfe bei den unterschiedlichsten Folgeerscheinungen der Arbeitslosigkeit (z.B. Alkoholkrankheit, Überschuldung).
Ab den 80er_Jahren kommen Aussiedler und Asylbewerber zum Klientel hinzu.
Während der 90er_Jahre werden die Bahnhöfe in Deutschland verstärkt mit Automaten ausgestattet, was viele Reisende vor Probleme stellt, da sie die Geräte nicht bedienen können. Der mit der Automatisierung einher gehende Personalabbau verstärkt die Probleme. Die Bahnhofsmissionen erweitern ihr Hilfsangebot erneut und tragen dazu bei, Menschlichkeit am Bahnhof zu erhalten.
Geschichte der Bahnhofsozialdienste in Österreich
Der Bahnhofsozialdienst wurde als älteste Institution der Tiroler Caritas Anfang des 20. Jahrhunderts als Bahnhofsmission gegründet. Sie musste allerdings im 1._Weltkrieg.
Nach dem Krieg nahmen die Bahnhofsmissionen die Arbeit wieder auf. Wie in Deutschland war der Schwerpunkt der Arbeit damals der Schutz und die Betreuung von jungen Frauen, die vom Land auf der Suche nach Arbeit in die Stadt kamen und Unterkunft und Unterstützung brauchten.
Die Bahnhofsmissionen als katholische Einrichtung ereilte nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten mit der Schließung das gleiche Schicksal wie die Bahnhofsmissionen im Deutschen Reich.
1946 bauten die Caritas-Socialis-Schwestern die Bahnhofsmission wieder auf. Die Folgen des Krieges bestimmten das Arbeitsbild (Übernachtungen, Essensausgabe, Hilfe für Frauen am Bahnhof, usw.).
In den 50er Jahren verlor die Mädchenarbeit immer mehr an Bedeutung. Dagegen trat die Arbeit mit Obdachlosen, Arbeitssuchenden und Reisenden in den Vordergrund.
In den 70er Jahren wurde die Bahnhofsmission in den Bahnhofsozialdienst (BSD) umbenannt.
Infolge von Einsparungen musste der Bahnhofsozialdienst seine Erreichbarkeit von einer Öffnung rund um die Uhr immer weiter einschränken. Inzwischen sind die verbliebenen Stationen Wien Südbahnhof, Innsbruck und Salzburg nur noch zu normalen Geschäftszeiten zu erreichen.
Organisation in Deutschland
Die Bahnhofsmission wird gemeinsam von der evangelischen und katholischen_Kirche mit ihren Organisationen Diakonie, Caritas und IN_VIA sowie deren regionalen und lokalen Unterorganisationen betrieben.
Die Bahnhofsmissionen in Deutschland sind in folgenden Verbänden organisiert:
*Konferenz für Kirchliche Bahnhofsmission in Deutschland (bundesweit, ökumenisch)
*Bundesarbeitsgemeinschaft der Katholischen Bahnhofsmissionen in Deutschland (bundesweit, katholisch)
*Verband der Deutschen Evangelischen Bahnhofsmission e.V. (bundesweit, evangelisch)
*Diözesan-/Landesverbände IN VIA Katholische Mädchensozialarbeit e.V. oder Diözesan-Caritasverbände (regional, katholisch)
*Landesgruppen der Evangelischen Bahnhofsmission (regional, evangelisch)
Finanzierung
Die Arbeit der Bahnhofsmission wird zum Großteil aus Kirchensteuereinnahmen über die regionalen und lokalen Trägerorganisationen und aus direkten Spendenmitteln finanziert.
Die Bahnhofsmission verfügt als einzige Institution über das Recht, ohne größeren Verwaltungsaufwand an Bahnhöfen in Deutschland zu sammeln.
Das breite Spektrum der Arbeit der Bahnhofsmissionen und die teilweise ausgedehnten Öffnungszeiten der Einrichtungen ermöglicht aber vorrangig der Einsatz der ehrenamtlichen_Mitarbeitenden, die etwa 90 Prozent der bundesweit über 2.000 Mitarbeitenden der Bahnhofsmission stellen.
Weblinks
[http://www.bahnhofsmission.de Offizielle Seite der Konferenz für Kirchliche Bahnhofsmission Deutschland]

