Judentum in China
von KaifengZeichnung von Jean Domenge, 1722]]
Dem Judentum gehörten in China selten mehr als einige tausend Personen an, die damit gegenüber der hanchinesischen Bevölkerungsmehrheit von mehr als einer Milliarde zahlenmäßig kaum ins Gewicht fiel. Aufgrund unterschiedlicher historischer Wurzeln, ethnischer Durchmischung mit den Han-Chinesen sowie teilweise sehr ausgeprägter assimilatorischer_Tendenzen bilden die chinesischen Juden (????? Zhongguo Youtairen) auch eine wenig homogene Gruppe. Heute werden sie weder von der Volksrepublik China noch von der Republik China offiziell als ?Nationalität? anerkannt.
Geschichte
Kaifeng
Wahrscheinlich kamen die ersten Juden im 8.-9. Jahrhundert als Händler auf der Seidenstraße nach China. Einen Beleg hierfür bildet etwa ein in der Karawanenstadt Dunhuang gefundenes Papier mit einem Selicha-Gebet. Dauerhafte jüdische Siedlungen sind erstmals für das frühe 12. Jahrhundert in der Stadt Kaifeng belegt, wo 1136 auch die erste Synagoge errichtet wurde. Weitere größere Siedlungen gab es in Yangzhou, Ningbo und Ningxia.
Ursprünglich trugen die Juden Chinas semitische Gesichtszüge und legten großen Wert auf die Bewahrung ihrer kulturellen Identität. Gleichwohl lebten sie häufig in Polygamie und nahmen sich zu einer jüdischen Hauptfrau eine oder mehrere chinesische Frauen oder Konkubinen, was im Laufe der Jahrhunderte verstärkt zu ethnischer Durchmischung mit der Urbevölkerung führte. Auch kam es zunehmend zu einer kulturellen Assimilation der Kaifenger Juden an ihre chinesische Umwelt. Seit der Ming-Dynastie trat an die Stelle der Bindung an die jüdische Gemeinde auch zunehmend, nach chinesischem Vorbild, die Bindung an die eigene ?Hausstandsfamilie?, wodurch die Homogenität der chinesischen Judenheit noch weiter geschwächt wurde. Als 1605 die jüdische Gemeinde von Kaifeng vom Jesuitenmissionar Matteo Ricci ?wiederentdeckt? wurde, konnte man die Kaifenger Juden von den Chinesen physiognomisch kaum mehr unterscheiden. Die mehrfach durch Brände und Überschwemmungen zerstörte Kaifenger Synagoge war bis 1851 in Betrieb, der letzte amtierende Rabbiner starb aber bereits 1810. Ihre höchste Mitgliederzahl erreichte die Kaifenger Gemeinde Mitte des 19. Jahrhunderts mit ca. 2.000 Personen.
(1792-1864)
Zeitgenössische Daguerrotypie]]
?Bagdad-Juden?
Eine Neubelebung erfuhr das Judentum in China nach dem 1._Opiumkrieg. Nachdem die Briten im Vertrag von Nanking 1842 die Öffnung chinesischer Häfen für den Überseehandel erzwungen hatten, kamen mit den ausländischen Kaufleuten u.a. auch sephardische Juden irakischer Herkunft, die sich insbesondere in Shanghai ansiedelten. Einige Familien wie die Sassoons, die Hardoons und die Kadoories erwarben mit Opiumhandel sowie später Immobilienspekulation, Bank-, Transport- und Baugeschäften bald legendären Reichtum, trugen mit ihren Aktivitäten aber auch zum Wachstum und zur Entwicklung der vormaligen Provinzstadt Shanghai zu einem der führenden Finanzzentren des Fernen Ostens bei.
1901/02 baute die Familie Sassoon die Ohel-Lea-Synagoge in Hongkong. 1909 erweiterten sie die Kadoories um einen angeschlossenen jüdischen Club. Im selben Jahr wurden in Schanghai zwei weitere bedeutende jüdische Gotteshäuser errichtet, nämlich die Shearith-Israel- und die Beth-El-Synagoge. 1920 kamen die Ohel-Rachel- und die Beit-Aharon-Synagoge dazu. Anders als ihre Glaubensbrüder in Kaifeng assimilierten sich die in Shanghai ansässigen sog. ?Bagdad-Juden? nicht an die chinesische Kultur, sondern schotteten sich gegen die Urbevölkerung ab und pflegten ein Elitendenken. Zionistische Tendenzen gewannen in der mit etwa 1.000 Mitgliedern relativ kleinen Shanghaier Gemeinde wohl nicht zuletzt wegen ihres Reichtums und gesellschaftlichen Einflusses kaum an Boden.
Eindrucksvoll beschrieben hat diese Epoche Egon Erwin Kisch in seiner Reportage Kapitalistische Romanze von den Bagdad-Juden in der Sammlung China geheim! von 1932.
Russische Gemeinde
Anfang des 20. Jahrhunderts wanderten zusätzlich aschkenasische Juden aus Russland nach China ein. Teilweise waren sie vor der Oktoberrevolution geflohen, teilweise hatten sie ihr Land aber auch aus wirtschaftlicher Not verlassen. Bis 1940 war diese Gruppe auf etwa 8.000 Personen angewachsen. Nachdem die als Ohel Mosche bekannte russische Gemeinde zunächst Gastrecht in der Shearith-Israel-Synagoge genossen hatte, baute sie 1941 in der französischen_Konzession ein eigenes Gotteshaus, in deren Umfeld sich bald reges russisch-jüdisches Kulturleben entwickelte; u.a. wurde auch eine zionistisch ausgerichtete Wochenzeitung mit dem Titel Nascha Shisn (???? ????? - ?Unser Leben?) herausgegeben. Ähnlich wie die ?Bagdader? beschränkten auch die russischen Juden ihren Kontakt zur chinesischen Bevölkerung auf das Notwendige. Auch wurden sie bis zum Angriff Japans auf Pearl Harbour von den Wechselfällen der chinesischen Zeitgeschichte nur mäßig berührt.
Holocaust-Flüchtlinge
Eine vierte jüdische Zuwanderungswelle nach China erfolgte nach der Reichspogromnacht auch genannt Reichskristallnacht von 1938, als zahlreiche europäische Juden aus dem nationalsozialistischen Machtbereich flohen. Anders als ihre in früheren Zeiten gekommenen Glaubensbrüder hatten sie meist von vornherein nicht die Absicht, sich in China dauerhaft niederzulassen. Sie betrachteten das Land vielmehr als Durchgangsstation auf der Reise in die USA oder nach Palästina. Unterstützt wurden sie u.a. von der von Wien aus operierenden holländischen Organisation Gildemeester.
Während eine Minderheit der Flüchtlinge sich in Shanghai als Kleinhändler, Café-Betreiber, Lehrer oder Journalisten verdingen konnte, blieb den meisten eine ökonomische Integration verwehrt. Sie waren daher auf die Unterstützungsleistungen ihrer Glaubensbrüder aus der Bagdader bzw. der russischen Gemeinde sowie von Hilfsorganisationen wie etwa dem Joint Distribution Committee angewiesen. Trotz der Bemühungen lebten sie meist in überfüllten Asylen mit unzureichender Kost und unter erbärmlichen hygienischen Bedingungen. Im Jahre 1941 schätzte man die Gesamtzahl der jüdischen Flüchtlinge auf ca 5.000. Nach Ausbruch des Pazifik-Kriegs und die Besetzung Shanghais durch die Japaner verschlechterte sich auch die ohnehin schon desolate wirtschaftliche Situation der Flüchtlinge. Zudem war die geplante Weiterreise in andere Aufnahmeländer nunmehr fast unmöglich und sollte sich bis zum Kriegsende 1945 verzögern.
Bevölkerung
In der ersten Hälfte des 20. Jhs. existierten größere und kleinere jüdische Gemeinden in Hailar und Manjur (Autonomes Gebiet Innere Mongolei), in Harbin (Provinz Heilongjiang), in Dalian und Shenyang (Provinz Liaoning), in Beijing, Tianjin und in Qingdao (Provinz Shandong).
Mitte der 80er Jahre des 20. Jhs. wurden 638 (2000: 750) Nachfahren der Juden von Kaifeng gezählt. Hinzu kommen 1.200 bis 1.300 Juden anderer Herkunft. Von den 638 Juden der 80er Jahre lebten 348 in Kaifeng (Provinz Henan); die restlichen 290 Personen verteilten sich über 50 Städte und Kreise ganz Chinas. Einzelne jüdische Bürger Chinas anderer Herkunft leben in Shanghai, Beijing, möglicherweise auch noch in Harbin und im Uigurischen Autonomen Gebiet Xinjiang. In Hongkong leben etwa 1.000 Juden, die meisten als permanent residents. Sie kommen aus über 20 Ländern. Wie viele davon nach 1997 die chinesische Staatsbürgerschaft erworben haben, ist nicht bekannt. Wie die kleine jüdische Gemeinde Taipeh, die aus 40-50 Familien besteht, gehört sie zur Asia-Pacific Jewish Association (Sitz in Australien). Auch in Taipeh handelt es sich vorwiegend um staatenlose und eingebürgerte Juden aus den USA, aus Israel und Europa.
Sprache
Die Nachfahren der Juden von Kaifeng sprechen Chinesisch. Auch unter den jüdischen Bürgern Chinas anderer Herkunft dürfte Chinesisch die Hauptverkehrssprache sein; daneben sprechen sie die Sprachen ihrer Herkunftsländer.
Religion
Bei einer Befragung von 64 Nachfahren der Kaifeng-Juden zu Beginn der Republikzeit (1912) gaben sechs Personen als Religion das Judentum an, 32 waren Muslime, 15 protestantische, zwei katholische Christen und acht Buddhisten geworden (einer ohne Angabe). Die sechs Personen, die sich zum Judentum bekannten, lebten alle in Shanghai und hatten sich den damals dort großen Gemeinden der sephardischen (seit 1845) und russischen (seit 1887) Juden angeschlossen. Offenbar gibt es unter den Nachfahren der Kaifeng-Juden Bestrebungen einer religiösen ?Wiedergeburt?. Stockwell (siehe Literaturverzeichnis) berichtet z.B. von einer Nachfahrin der Kaifeng-Juden, die während eines Studienaufenthaltes in den USA zum jüdischen Glauben zurückgefunden hat. Als Gotteshäuser geöffnete Synagogen gibt es z.Zt. nur in Shanghai (mit einem amerikanischen Rabbi), in Hongkong und in Taipei.
Berühmte Persönlichkeiten
• Blum] (=Zhu Bailan; * 27. November 1904 in Czernowitz; ? 4. Mai 1971 in Guangzhou);
• Epstein] (* 20. April 1915 in Warschau; ? 26. Mai 2005 in Peking);
*Dr.Richard Frey (* 11. Februar 1920 in Wien; ? 16. November 2004 in Beijing);
• Shapiro] (* 23. Dezember 1915 in Brooklyn, New York - );
• Siao] (* 8. November 1911 in Breslau als Eva Sandberg; ? 29. November 2001 in Beijing);
• Weiss (China)/'>Ruth Weiss] (* 11. Dezember 1908 in Shapiro|Shapiro, Sidney]: Jews in old China. Studies by Chinese scholars, New York, Hippocrene 1984, ISBN 0882549960; Übersetzung ins Hebräische von Ya'akov Sharet: ????????? ???? ?????? : ????? ?????? ??????, Tel Aviv, Sifre Shihor 1987.
• Guang], Die Juden in China. China Intercontinental Press, Beijing 2003.
*Stockwell, Foster: Religion in China Today, Beijing 1993, pp. 235-242.
*Zhang, Sui ??: ??????????? Youtai jiao yu Zhongguo Kaifeng Youtai ren (Das Judentum und die chinesischen Juden von Kaifeng), Shanghai 1990.
*Zhidong Yang: Klara Blum - Zhu Bailan, Lebensgeschichte einer Jüdin und Chinesin; in Jakob Hessing (Hg.), Jüdischer Almanach des Leo-Baeck-Instituts 1997, S. 57ff.

