Baarle
Baarle ist ein Ort an der Grenze zwischen den Niederlanden und Belgien mit knapp 10.000 Einwohnern. Er besteht aus Baarle-Nassau, einer Gemeinde in den Niederlanden und Baarle-Hertog, das zu Belgien gehört. Der Grenzverlauf ist in diesem Gebiet sehr kompliziert.Fährt man aus dem belgischen Turnhout in Richtung Norden, gelangt man nach wenigen Kilometern an die niederländische Grenze. Diese sieht aus wie jede andere europäische Grenze auch, ist also im Wesentlichen nur noch durch das Grenzschild erkennbar.
Kurz hinter der Grenze jedoch gibt es Seltsamkeiten zu beobachten: Einmal stehen nur an einer Straßenseite Häuser, angekündigt von einem belgischen Straßenschild. Dann folgt ein belgisches Grenzschild zusammen mit zwei Ortsschildern: Ein blaues niederländisches und ein weißes belgisches. Das ist der Ort Baarle, geprägt von einer recht merkwürdigen geographischen Kuriosität. In Europa gibt es zwar viele Beispiele, bei denen Grenzen quer oder längs zur Straße mitten durch bewohntes Gebiet gehen, und es gibt auch einige Enklaven. Aber Baarle treibt es auf die Spitze: Ein Großteil der Gemeinde Baarle-Hertog ist eine belgische Enklave innerhalb der Niederlande, und in dieser wiederum gibt es diverse niederländische Enklaven, also Exklaven von Baarle-Nassau.
Geschichte
Der Ursprung dieser seltsamen Verhältnisse ist in der Geschichte der Gemeinde begründet. Das Verwirrspiel beginnt im 12. Jahrhundert, als zwischen Herzog Heinrich_I._von_Brabant und Graf Dietrich_VII._von_Holland ein Streit um das Land um Baarle entbrennt. Godfrid van Schloten, der Herr von Breda, hatte die Ländereien von seinem Vater geerbt und bislang als Allodium (= lehnsfreies Eigentum) angesehen, der Herzog von Brabant jedoch besteht darauf, dass es immer seiner Souveränität unterlegen habe, und wünscht, die Besitzverhältnisse in einer schriftlichen Übereinkunft schwarz auf weiß zu verewigen, um Dietrich VII. von Holland schwächen zu können.
So wird 1198 in einer Übereinkunft festgestellt, dass der Herzog von Brabant das Land von Breda in seinem Eigentum hält, Godfrid von Schloten das Lehen zurückzugeben und an Dietrich VII. zu übergeben habe. Zusätzlich erhält Dietrich VII. ? der natürlich lieber Eigentümer anstatt Lehnsnehmer geworden wäre ? zur Besänftigung unbesiedelte und unerschlossene Gebiete um das Land von Breda herum, woraufhin er von weiteren Ansprüchen absieht. Godfried van Schoten wiederum erhält andere Ländereien als Lehen, wozu auch Teile des heutigen Baarle-Nassau gehören. Die Gebiete, die Godfried van Schoten vorher selbst als Lehnsherr seinen Vasallen überlassen hatte, werden von dieser Übereinkunft aber nicht erfasst. Hier liegt dann auch die Grundlage der späteren Aufteilung des Gebietes in Baarle-Hertog und Baarle-Nassau.Später nämlich verliert der Herzog trotz der schönen Urkunde seine Rechte an Teilen des Gebietes wieder und muss sie an den Graf von Nassau abgeben. Seit 1403 waren die Grafen von Nassau gleichzeitig auch die Herren von Breda. Deshalb heißen die Besitztümer des Herzogs künftig Baarle-Hertog (Hertog = "Herzog") und jene der Herren von Breda Baarle-Nassau.
Anlässlich des Friedens_von_Münster 1649 erhält schließlich der spanische König als Rechtsnachfolger der Herzöge von Brabant Baarle-Hertog, während Baarle-Nassau der Republik der Sieben Vereinigten Niederlande zufällt, da der Prinz von Oranien zum Rechtsnachfolgender der Grafen von Nassau wurde. Seither ist die Eigentumssituation der Gebiete weitgehend unverändert geblieben.
Obwohl im Laufe der Jahrhunderte immer wieder Diskussionen über die Situation der Enklaven aufflammen, kann weder die Besetzung durch Frankreich 1810 noch die Gründung des Königreichs der Niederlande 1815 noch die Unabhängigkeit Belgiens 1830 an den Verhältnissen etwas ändern. Die beinahe grundstücksweise Aufteilung der Stadt überlebt die Geschichte und führt dazu, dass die Häuser in Baarle in völlig willkürlicher Weise einmal zu den Niederlanden und einmal zu Belgien gehören. Selbst der Vertrag von Maastricht 1991 hat nicht etwa eine Grenzbereinigung zur Folge, sondern führt dazu, dass die nationale Zugehörigkeit von 5.732 Grundstücken einzeln festgelegt wird.
Ein kleiner Stadtrundgang
Die staatliche Zugehörigkeit innerhalb der Gemeinde ist an der Hausnummer erkennbar: Die Hausnummern auf belgischem Gebiet tragen links oben eine kleine belgische Fahne, die niederländischen Hausnummern tragen an der linken und rechten Seite rote und blaue Streifen, die die Nationalfarben symbolisieren.
Der Kirchplatz gehört zu Baarle-Hertog, die Häuserfront an dessen nördlichem Rand jedoch bildet die Grenze zu den Niederlanden. Dort, wo die Grenze die Häuserfront verlässt, ist sie mit einem Metallstreifen markiert, auf der anderen Straßenseite sind zusätzlich die Wappen der Regionen aufgetragen. Westlich vom Kirchplatz verläuft die Grenze auf der Straßenmitte. Die rechte Straßenseite gehört zu Belgien, die linke zu den Niederlanden. Erkennbar ist dies an den jeweiligen Nationalflaggen. Geht man jedoch durch eine kleine Gasse, die rechts vom Kirchplatz wegführt, befindet man sich wieder ... in den Niederlanden.
Teilweise verläuft die Grenze auch mitten durch Häuser. Da in solchen Fällen die Lage der Haustür die Nationalität bestimmt hat, ist der Bewohner manches Hauses vielleicht Niederländer ? auch wenn nur sein Treppenhaus zu seinem Heimatland gehört und sein Wohnzimmer und sein Bett in Belgien stehen...
Noch kurioser ist ein Beispiel aus dem Süden von Baarle. Die südlichste niederländische Unterenklave innerhalb der belgischen Enklave besteht nur aus einigen wenigen Häusern ? deren südliche Grenze geht aber mitten durch einen Getränkeladen, der konsequenterweise eine niederländische und eine belgische Telefonnummer sowie zwei unterschiedliche Anschriften hat.
1997 gab es beim neuen Vermessen der Grenze noch einmal Probleme. So sollte gegen den Willen eines Hauseigentümers das Haus auf einmal eine neue Staatszugehörigkeit erhalten. Ein Haus, das auf der Grenze steht, erhält immer die Staatszugehörigkeit des Landes, auf dessen Gebiet sich die Eingangstür befindet. Der Hausherr wusste Rat: Er versetzte seine Eingangstür ? und behielt seine Staatsangehörigkeit.
Baarle heute
Baarle-Hertog ist die kleinste selbständige Gemeinde der belgischen Provinz Antwerpen und besteht aus 22 belgischen Enklaven, umringt von der Niederländischen Gemeinde Baarle-Nassau mit dem Dorf Zondereigen, das wiederum über der offiziellen Grenze im belgischen Mutterland gelegen ist. Das Zentrum von Baarle-Hertog liegt ca. 6 km nördlich der offiziellen Grenze zwischen Belgien und den Niederlanden.
Baarle-Nassau gehört zur niederländischen Provinz Nordbrabant und besteht aus 7 niederländischen Unterenklaven in den belgischen Enklaven sowie einer niederländischen Enklave in Belgien.
Baarle hat alles doppelt: Zwei Nationalitäten, zwei Gemeindehäuser, zwei Bürgermeister, zwei Gemeinderäte, zwei Kirchen, zwei Postämter, zwei Polizeiwachen, zwei Feuerwehren, zwei Elektrizitätsnetze, zwei Telefonnetze, zwei Fußballclubs, zwei Tennisclubs, und so weiter und so fort. Dennoch haben sich seine Bewohner stets prächtig verstanden und bilden eine verschworene Gemeinschaft.
Die Einwohner von Baarle verstanden es stets, aus dieser politischen Sonderstellung und dem speziellen Ambiente ihres Ortes Profit zu schlagen. Baarle wurde insbesondere durch Touristen und Tagesausflügler zu einer blühenden Gemeinde, die von den kulturellen Besonderheiten beider Länder lebt.
So wird traditionell auf belgischem Gebiet gegessen, das sich ? nicht ganz zu Unrecht ? für eine vorzügliche Küche und die besten Pommes Frites der Welt rühmt, während die Niederländer mehr für eine lieblose und spartanisch-einfache Küche bekannt sind.
Lange Zeit wurde auf belgischem Gebiet auch bevorzugt abends und an den Wochenenden eingekauft, als niederländische Geschäfte längst geschlossen hatten. Hier haben die Niederlande aber nachgezogen und die Öffnungszeiten inzwischen landesweit deutlich erweitert. Seither ist im niederländischen Teil von Baarle jede Woche koopzondag (verkaufsoffener Sonntag), was insbesondere in die Möbelläden ganze Heerscharen Kaufwilliger lockt. Kosmetika, Parfums und andere Drogerieartikel hingegen kauft man besser auf belgischem Gebiet, wo diese Produkte aufgrund der landesspezifischen Steuergesetze deutlich günstiger sind. Wer Diesel tankt, tut dies in den Niederlanden (wo Diesel steuerbegünstigt ist), während man Benzin in Belgien günstiger erhält.
Weblinks
• Militärkarte von 1962, die die Grenzverläufe detailliert zeigt
• Webseite der Gemeinde
• Baarle Digitaal mit Allgemeinen und Historischen Informationen
• Informationen über die Gemeinde in englischer Sprache
• Karte

