Autorenfilm
Der Begriff Autorenfilm bezeichnet in der Regel Filme, in denen Autor (Drehbuchautor) und Regisseur identisch sind und das Drehbuch möglichst keine Adaption, sondern die originäre Schöpfung des Autors darstellt. Diese Definition ist allerdings, wie auch der Begriff selbst, unter Filmforschern umstritten. So ist es eine verbreitete Meinung, dass ein Film als Gesamtkunstwerk auch ohne die Drehbuch-Autorenschaft des Regisseurs realisierbar ist, denn nicht wenige Filmemacher des Autorenkinos betrachten ihre Filme als Kunstwerke mit literarischem Ausdruck. Viele Filmexperten sehen als das wichtigste Element des Autorenfilms eher die persönliche Handschrift eines Filmemachers, die vor allem durch eine ähnliche Grundtendenz (?Werkzusammenhang?) mehrerer seiner Filme erkannt werden kann, meist verbunden mit audiovisuellen Ausdrucksformen, die ihm als typisch zugeordnet werden (Personalstil).Mediengeschichtlich betrachtet wendet sich der Begriff Autorenfilm gegen die Vorstellung, dass Film als modernes Medium anonymer sei als traditionelle Darstellungsformen wie Literatur und Theater und fordert die Nennung des Regisseurs als Autor seiner Filme ein. Folgerichtig sind Autorenfilme selten Auftragsprojekte großer Filmstudios ? mit Ausnahme des Falls, dass das Studio dem Beauftragten größtenteils freie Hand gewährt. Ein Autorenfilmer wird von Teilen der Filmwissenschaft auch mit dem französischen Wort auteur bezeichnet, das mit der Auteur-Theorie und der Nouvelle Vague aufkam. Vorbilder der Nouvelle Vague der 50er Jahre waren der Film Noir, Filme von Alfred Hitchcock und der italienische Neorealismus.
Historischer Kontext
Die Anfänge
Die ersten Filme, die jemals gedreht wurden, waren im Grunde Autorenfilme, da sie nichts als den Willen ihres Urhebers repräsentierten. Die Brüder Skladanowsky drehten ? wenn auch ohne erkennbare Dramaturgie eines Drehbuchs ? kleine Szenen von turnenden Menschen, die sie am 1. November 1895 im Berliner Varieté ?Wintergarten? vor 1500 Zuschauern präsentierten. Fast zwei Monate später, am 28. Dezember 1895, führten die Gebrüder Lumière ihren ersten Film im Pariser Grand Café auf.
In dieser Pionierzeit des Kinos ging es den Filmemachern vordergründig um den kuriosen Schaueffekt der bewegten Bilder. In der Folgezeit entstanden viele kleine Einakter, die alltägliche Szenen und kleine humoristische Farcen zum Inhalt hatten.
Als einen der ersten Regisseure mit Tendenz zum Autorenfilmer kann man Georges Méliès ? den Urvater des fantastischen Films ? ansehen. Er betrieb in Paris ein Zaubertheater, besuchte die erste Kinovorführung der Gebrüder Lumière im Pariser Grand Café und erkannte die Möglichkeiten des neuen Mediums (s. Publikationsform). Sogleich begann er, neben seiner Bühnenarbeit mit trickreichen Filmen zu experimentieren, die sich schon bald regen Publikumsinteresses erfreuten. Diese ersten fantastischen Filme von Méliès waren kurze, karikaturistisch übersteigerte Farcen, die sich selbst nicht ernst nahmen, aber umso mehr Faszination und Begeisterung für zukünftige Technologien zeigten. In dem Kurzfilm ?Les Rayons Roentgen? (Die Röntgenstrahlen, Frankreich 1897, 1 min) wird ein Patient vom Arzt geröntgt, worauf sein Skelett sich vom Körper löst und zu Boden fällt. Der erboste Patient beginnt mit dem Arzt zu streiten, bis dieser schließlich explodiert.
Solche Schaueffekte haben zwar mit den heute gängigen Definitionen des Begriffs ?Autorenfilm? kaum etwas gemein, sie sind aber in erster Linie von der Intention der Einzelpersonen geleitet. Dies liegt hier jedoch in der Natur der Sache: Eine produktionsteilige Arbeitsweise existierte damals noch nicht. Allzu aufwändige persönliche Botschaften einer später als ?auteur? agierenden Person waren nicht zu finden.
Deutschland vor dem Ersten Weltkrieg
In den umfangreichen filmtheoretischen Debatten in Deutschland vor 1914 wurde der Begriff in einem anderen als dem heutigen Sinne gebraucht: Autorenfilme nannte man jene Filme, die einen Bezug zu einem möglichst renommierten literarischen Autor hatten ? entweder als Originaldrehbuch eines Schriftstellers (z. B. ?Der Student von Prag? von Hanns Heinz Ewers) oder als Adaption eines literarischen bzw. dramatischen Werkes (z. B. ?Atlantis? nach Gerhart Hauptmann).
Die Filmindustrie
Im Zuge der Verbesserungen der Filmtechnik (Edison) und des Aufkommens einer regelrechten Filmindustrie (Nickelodeons, Filmpaläste, Ateliers) waren sehr bald lange Spielfilme möglich (60 bis 90 min), die nun nicht mehr von Einzelpersonen bestritten werden konnten. Auch wurden Filme zunehmend als Politikum eingesetzt, beispielsweise in der Sowjetunion als Agitationspropaganda (Panzerkreuzer Potemkin, UdSSR 1925, von Sergej Eisenstein) oder als Kriegspropaganda. Die letzten bedeutenden Stummfilme mit Autorencharakter waren Fritz Langs Metropolis (1926) und Friedrich Wilhelm Murnaus Nosferatu (1922), ebenso die Filme Charlie Chaplins und Buster Keatons.
Während der kurzen Zeit des ?New Deal? (1929-1941) ? der amerikanischen Wirtschaftsdepression ? entstand in den USA ein neues Kino, das sich sozialkritischen und gesellschaftlichen Themen widmete und sehr stark vom französischen kritischen Realismus beeinflusst war (Marcel Carné, Jean Renoir, Julien Duvivier); zum Beispiel John Fords Früchte des Zorns (The Grapes of Wrath) (1940), nach einem Roman von John Steinbeck.
Nach zwei Weltkriegen versank die europäische Filmindustrie in der Bedeutungslosigkeit, während in den USA sehr produktive und auch aggressive Oligopole (Trusts) entstanden, die mittels Studio-, Starsystem, Verleihmonopolen und Lizenzen einen Weltmarkt eroberten. Die neuen Produktionsweisen bedeuteten vorübergehend das Aus für den Autorenfilm in seiner ursprünglichen Form, und erst Einflüsse aus dem wiedererstarkten Europa ? vor allem den französischen Film (Film noir) und italienischen Film (Neorealismus) betreffend ? riefen in den USA kurzfristig einen kleinen Boom des Autorenkinos hervor, an dem in erster Linie immigrierte Filmemacher beteiligt waren (Ernst Lubitsch, Billy Wilder, Otto Preminger) und der frühe Alfred Hitchcock.
Die Übermacht der US-amerikanischen Filmindustrie (Hollywood) mit ihren Majors und dem eingeführten Prinzip des Casting-Systems führte zur Entwicklung einer stereotypen Filmsprache, in der sich der Filmautor nicht mehr als primär unabhängiger Künstler sah. Er war nur mehr zum Drehbuchlieferanten eines Filmprojektes abgesunken und musste den Erfordernissen und Gesetzmäßigkeiten einer filmindustriellen Produktion nachkommen.
Nouvelle Vague
Erst in der nächsten großen Epoche des Autorenfilms, der Nouvelle Vague (?Neue Welle?) aus Frankreich, die wiederum sehr stark vom Film noir und den Filmen Alfred Hitchcocks beeinflusst war, gewann der Autorenfilmer seinen künstlerischen Stellenwert wieder zurück. Alfred Hitchcock wurde hier vor allem von François Truffaut und Claude Chabrol als Vorbild betrachtet, obwohl viele seiner Drehbücher Adaptionen literarischer Vorlagen waren. Doch er entwickelte eine eigene Filmsprache, über die er persönliche Anliegen formulierte, und trat als Starregisseur in den Vordergrund. Truffaut tat in der Folge viel für die Anerkennung des ?auteurs? als Künstler, der seine persönliche Intention in die Filme einschreibt (siehe unten: ?Die Auteur-Theorie?). Ebenso dürfte auch in der frühen Phase des amerikanischen Kinos der Autorenfilmer Orson Welles als singuläre Erscheinung gesehen werden. Zum ersten Mal wurden beim Film Citizen Kane (1941) alle wesentlichen Produktionsschritte dem Autor überlassen: Drehbuch, Regie, Kamera, Schnitt (Final_Cut) und sogar die Hauptrolle. Auch der Einfluss des japanischen Autorenfilmers Akira Kurosawa mit seinen zwei Filmen Die sieben Samurai (1954) und Rashomon (1952) auf das amerikanische Hauptgenre Western soll hier nicht unerwähnt bleiben, sowie die des italienischen Neorealismus. Der französische Filmemacher Jacques Tati, der lang vor der Novelle Vague alle Eigenschaften eines Autorenfilmers hatte, fand jedoch kaum Beachtung bei den jungen Filmkritikern und späteren Autorenfilmern. Die Nouvelle Vague des französischen Films der 50er und 60er Jahre glänzte mit bedeutenden Filmemachern wie eben François Truffaut, Jean-Luc Godard, Claude Chabrol, Jacques Rivette, Eric Rohmer und dem Spanier Luis Buñuel, der wie Louis Malle aber nicht direkt zur Nouvelle Vague zu zählen war.
Vorbild der Nouvelle Vague war neben Alfred Hitchcock und anderen Regisseuren auch der billig und schnell gedrehte Film noir (B-Film). Der Begriff "Film Noir" wurde von den jungen Filmkritern der Zeitschrift Cahiers du cinéma, die später die Nouvelle Vague begründeten, geprägt. Anfangs verfolgte die Nouvelle Vague auch das Ziel, eine neue Filmsprache, unter anderem in Fortentwicklung der Hitchcock'schen Filmsprache, zu finden. Der Film sollte "im Kopf" des Zuschauers entstehen. Jeder Zuschauer sollte also seinen eigenen Film sehen können.
Die Gruppe Rive Gauche um Marguerite Duras und Alain Resnais (Hiroshima mon amour) setzte aber wesentlich konsequenter auf neue, auf eigener Theorie beruhende filmsprachliche Mittel. Als Auftakt der Nouvelle Vague gilt der Film "Fahrstuhl zum Schaffot" von Louis Malle, ein klassischer Film Noir.
Jean-Luc Godards Erstlings-Erfolg Außer_Atem_("À_bout_de_souffle"), nach einer Geschichte von Truffaut, war eine mit vielen persönlichen Details angereicherte Persiflage des Film Noir. Da der Film in der ersten Fassung zu lang war, (er)fand Godard den Jump Cut als neues filmisches Mittel. Während Godards Filme immer persönlicher und fragmentarischer wurden, kehrten Chabrol und Truffaut bald zur klassischen Erzählweise zurück, worüber die Gruppe zerbrach. 1968 kamen sie noch einmal zusammen, um das Filmfestival_von_Cannes zu sprengen, da Henri Langlois, der Leiter der
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