Aus dem Leben eines Fauns
"Aus dem Leben eines Fauns" ist eine frühe Erzählung von Arno Schmidt, deren Thema abermals Nazi-Zeit und Weltkrieg sind.Erzähltechnik
Verglichen mit Schmidts Prosastück zum dramatischen Kriegsende "Leviathan" oder seinen Vertriebenengeschichten ("Die Umsiedler", "Brand's Haide") ist der zeitliche Bogen sehr viel weiter gespannt: Februar 1939 bis Spätsommer 1944. Dargeboten wird allerdings keine kontinuierliche Chronologie, sondern eine Erzähltechnik, die Schmidt selbst in seinen "Berechnungen" als "Fotoalbum" charakterisiert. Einzelne erzählte Szenen werden zu einem Album kompiliert, das tagebuchartige Beschreibungen von Zugfahrten, Bürovormittagen oder häuslichen Sonntagen genauso wie seitenlange Zitate aus Werken Swifts und Wielands versammelt.
Handlung
Leben in innerer Emigration
Zu Beginn der Erzählung wird Herrmann Dürings frustriertes Dasein in kleinbürgerlicher Enge beschrieben: mit Haus und Garten, pensionsberechtigter Stellung im Landratsamt Fallingbostel und einer ihm schon lange entfremdeten Familie. Die Frau ist ganz Hausfrau und Mutter, schon lange schlafen die Eheleute getrennt. Auch Dürings Verhältnis zu seinem Sohn ist distanziert. Den HJ-begeisterten Jungen betrachtet er kühl, resigniert, scheinbar teilnahmslos. Düring befindet sich in einem Zustand innerer Emigration, ohne sich gegen die Nazis-Herrscher aufzulehnen. Er tut weiter seinen Dienst, als ob nichts wäre, und flüchtet sich in Traumwelten aus alten Büchern. Lediglich zu einem jüngeren Beamten aus seiner Abteilung findet er gelegentlich und sparsam gleichgesinnten Kontakt. Das Unheil des Krieges mit seinen Unbillen sieht der "weise Düring" zuverlässig und schicksalsergeben voraus.
Ausbruch aus der Enge des Landratsamtes
In der von oben ergangenen Anweisung an das Landratsamt, ein Kreisarchiv einzurichten, die vom Landrat an den vermeintlich harmlosen Düring delegiert wird, erfährt Düring eine partielle Fluchtmöglichkeit aus seiner traurigen Existenz. Die Hälfte seiner Arbeitszeit für diese Aufgabe freigestellt, fährt er mit Bus, Fahrrad und Zug kreuz und quer durch den Landkreis, und sammelt mit sichtlichem Behagen Urkunden. Beispielhaft werden seine Besuche bei einem alten Bauern und in einem Pfarrhaus geschildert. Düring vergräbt sich mit Begeisterung in die Historie seines Landkreises, und es kommt zu den ersten Akten schüchterner Auflehnung: die interessantesten Stücke stiehlt er für sich privat, er erschwindelt sich in halbem Einvernehmen mit seinem Vorgesetzten eine Dienstreise nach Hamburg. Auch körperlich lebt er wieder auf, und es kommt sogar zu einer - faunischen- Beziehung zur minderjährigen Nachbarstochter. Die Anbahnung der Affäre wird nicht geschildert, sie erscheint zunächst als sexuelle Begegnung ohne tiefere emotionale Bindung. Allein dieser Umstand ist für Adenauer-Deutschland ein Skandal. Doch die bei Schmidt geschilderte krude Sexualität ist weniger Selbstzweck als ein Aufbegehren von Lebenslust und Überlebensgier angesichts des drohenden Untergangs. Angesichts des apokalyptischen Endes wird sich aber spontan zwischen beiden eine geradezu ekstatische Emotionalität und rührende Fürsorge füreinander entwickeln.
Doppelleben als Faun und apokalyptisches Ende
Düring interessiert sich besonders für die Geschichte zweier Deserteure der französischen Armee, die zu Napoleons Zeiten die Gegend besetzt hielt. Er durchstreift auf der Rückreise von Hamburg eine Moorlandschaft und eher zufällig entdeckt er die Hütte, die sich jener Deserteuer gebaut hatte. Sie wird sogleich zu seinem Refugium, in das er sich heimlich schleicht - mal mit, mal ohne seine halbwüchsige Geliebte.
Doch gegen Kriegsende - Dürings Sohn ist längst gefallen - kommt seine heimliche Hütte in Gefahr. Die nervöser werdenden Behörden vermuten einen Deserteur, der sich in jenem Moor herumtreibt. Düring beschließt, die Hütte nach einem letzten Stelldichein mit seiner Geliebten zu verbrennen.
Doch zuvor noch erleben die beiden einen apokalyptischen Bombenangriff auf eine nahegelegene Munitionsfabrik, die in grellsten expressionistischen Farben gemalt wird: Symbol der Katastrophen des Dritten Reiches. Im Bombenhagel überlässt Düring ohne einen Gedanken darüber zu verlieren seine Frau sich selbst, um sich und seine Geliebte durch massenhaftes grausamstes Sterben hindurch in die geheime Hütte zu retten.
Weitere inhaltliche Aspekte
Diese Geschichte enthält erstaunliche Kontrapunkte in den Tagträumen Dürings. So stellt er sich einmal vor, wie er einen Brief an den seinerzeit gar nicht mehr existenten Völkerbund schreibt, in dem er die "Die Gelehrtenrepublik" seines späteren gleichnamigen Romans entwirft. Am drastischsten ist seine Schilderung, wie er sich selbst als "berühmter Toter" ausmalt: seine Witwe wird von einem SPIEGEL-Reporter interviewt - 1944 kann man sich das schwerlich vorstellen, und man denkt zunächst an einen handwerklichen Fehler Schmidts. Doch dieser Bruch in der Erzählung ist beabsichtigt. Er verdeutlicht ihren fiktiven Charakter und schlägt eine Brücke zur Gegenwart, die das Gelesene in neuem Licht erscheinen lässt: Die Perspektive des "weisen Düring" wird letztlich als die desjenigen entlarvt, der nachher immer schlauer ist, was den mitunter geradezu arroganten Erzählton relativiert. Das "Immer-schon-gewusst-haben" wird damit ebenso wie das Faunrefugium und die im gesellschaftsfreien Raum rein sexuell ausgelebte Liebe zum Wunschtraum.

