Aufstand der Vendée
thumb|190px|right|Symbol_des_Widerstands:_Das_Vendée und benachbarter Départements gegen die republikanischen Revolutionstruppen in den Jahren 1793 bis 1796.Ausgehend von dem südlich der Loire gelegenen Gebiet zwischen Angers und Nantes, wo die Erhebung mit Übergriffen auf republikanische Truppen Anfang März 1793 ihren Anfang nahm, wuchs der zunächst von Nichtadligen wie dem Jagdhüter Stofflet und dem Fuhrmann Cathelineau, später von nicht emigrierten Adligen wie Charette, d'Elbée und La_Rochejaquelin angeführte Widerstand bald zu einer Massenbewegung heran. Nach ersten Erfolgen der königstreuen Truppen ordnete der Konvent im Herbst 1793 die Zerstörung der Vendée an, woraufhin der Aufstand bis Ende des Jahres blutig niedergeschlagen wurde. In der ersten Hälfte des Jahres 1794 folgte die Verwüstung der Vendée durch die sogenannten ?höllischen Kolonnen? (frz. colonnes infernales) der Republik. Der durch Charette und Stofflet weitergeführte Guerillakampf endete erst mit deren Gefangennahme und Hinrichtung im Jahr 1796 und einer Politik der Entspannung durch General Hoche.
Die Bilanz des rund dreijährigen Aufstandes war für die betroffenen Départements verheerend. Einige Gemeinden verloren zwischen 25 und 35 % ihrer Bevölkerung. Trotz eines relativ raschen Wiederaufbaus waren die Schäden so gravierend, dass Napoleon_Bonaparte noch im Jahr 1808 Entschädigungen für die Départements Vendée, Loire-Atlantique und Deux-Sèvres erließ.
Geschichte
Voraussetzungen
Den Nährboden für die Erhebung bildete die religiöse, soziale und wirtschaftliche Unzufriedenheit der im Nordwesten Frankreichs beheimateten Bauern. Der stark ländlich geprägte Küstenstrich der Vendée umfasste den größeren Teil des alten Poitou und einen Teil von Anjou und der Bretagne und gehörte zu denjenigen Regionen Frankreichs, in denen der katholische Glaube besonders tief verwurzelt war. Die Verfolgungen der eidverweigernden Priester, also all jener Kleriker, die den von der Nationalversammlung geforderten Eid auf die Verfassung und damit auf die Zivilverfassung des Klerus verweigerten, hatte in der Region besonders große Empörung hervorgerufen. Hinzu kam, dass der Ende 1789 von der Nationalversammlung beschlossene Verkauf der als ?Nationalgüter? bezeichneten Grundstücke des enteigneten Klerus als Garantie für das Assignaten-Papiergeld vor allem den wohlhabenden Einwohnern der Kleinstädte der Vendée genützt hatte. Die Bauern als Pächter des Ackerlandes waren aus Kapitalmangel zumeist leer ausgegangen und entwickelten einen starken Hass auf das Bürgertum der Städte, das die ehemaligen Kirchengüter erworben hatte.
So hatte es schon vor dem Ausbruch der Erhebung Aufstandspläne gegeben, diese waren aber nie umgesetzt worden. Im Verlauf des Jahres 1793 begann sich die Lage weiter zu verschärfen. Der Kurs der Assignaten war durch immer neue Emissionen auf ein Viertel des Nennwertes gesunken. Darüberhinaus hatte die Verschlechterung der militärischen Lage Frankreichs den Konvent zur Zwangsmobilisierung von 300.000 Rekruten gezwungen, nachdem sich als Reaktion auf die Hinrichtung Ludwigs_XVI. die erste Koalition zum Kampf gegen das revolutionäre Frankreich gebildet hatte. Gegen diese Maßnahme der ?Levée en masse? protestierten die Bauern am 2. März 1793 ? einem Markttag ? in Cholet, als es zu ersten Übergriffen gegen republikanische Truppen kam.
Der ?Vendéekrieg?
thumb|right|140px|Porträt_thumb|right|140px|Porträt_Pierre Narcisse Guérin, 1815
Als am 10. März 1793 die große Rekrutenaushebung stattfinden sollte, erhob sich an verschiedenen Orten der Vendée der Widerstand. In St.-Florent wählten die Aufständischen einen Fuhrmann, Cathelineau, in Niederpoitou (Marais) den vormaligen Marineoffizier Charette zu ihrem Führer.
Bald waren in allen Gegenden royalistisch-katholische Gruppen vereinigt, die die vereinzelten republikanischen Korps glücklich bekämpften. Die mangelnde Kriegsübung ersetzten die Führer der Revolte durch ihre genaue Kenntnis des Landes. Als der Adel sich dem Aufstand anschloss, erlangten die Bauern in ihm, besonders in Männern wie Henri_de_la_Rochejaquelin, tüchtige Führer.
La Rochejaquelin erfocht am 25. Mai 1793 einen glänzenden Sieg bei Fontenay le Comte und eroberte am 10. Juni Saumur. Indessen blieb die versprochene Unterstützung von seiten Englands aus, und um sich mehr Hilfsquellen zu eröffnen, unternahm die Armee der Vendéer, zu deren Befehlshaber Cathelineau erwählt wurde, am 29. Juni 1793 einen Angriff auf Nantes, der aber unglücklich ausfiel und fast die Auflösung des Insurgentenheers zur Folge hatte; nach Cathelineaus Tod (11. Juli) trat der Baron d'Elbée an dessen Spitze. Unterdessen beschloss der Konvent, zwei große Armeen bei La Rochelle unter Rossignol und bei Brest unter Canclaux zusammenzuziehen und so die Küste zu umschlingen.
Auch schickte er die berühmte Garnison von Mainz unter tüchtigen Führern, wie Kléber und Marceau, in die Vendée. Gleichzeitig dekretierte er, dass die Wälder und Weiler der Vendée durch Feuer zerstört, die Mobilien, das Vieh, die Weiber und Kinder ergriffen und ins Innere von Frankreich abgeführt, die Güter der Insurgenten konfisziert und in den benachbarten Provinzen die Landmilizen aufgeboten werden sollten. Gleichwohl behaupteten die Insurgenten, zum Teil infolge des Zwiespalts und der Unfähigkeit der republikanischen Führer und Volksrepräsentanten, das Übergewicht und siegten bei Chantonay und Torfou (5. und 19. Sept.), unterlagen aber bei Cholet (17. Oktober), wo d'Elbee fiel. Um dem durch die Maßregeln des Konvents bewirkten Mangel an Lebensmitteln abzuhelfen, in der Bretagne den Aufstand zu entzünden und dem erwarteten britischen Hilfskorps entgegenzukommen, setzte das Hauptheer der Vendéer, 30.000 Mann stark, auf das nördliche Ufer der Loire über und verband sich mit den Chouans (s. d.), sah sich aber in seinen Erwartungen völlig getäuscht, da weder die Engländer erschienen, noch die Bevölkerung sich ihm in größerer Zahl anschloss.
thumb|right|260px|Schuldschein_als_Ausgleich_für_die_Lieferung_von_Versorgungsgütern_an_die_Royalisten_(hier_mit_der_Unterschrift_von_Nantes]]
Die Uneinigkeit der Insurgentenführer, der Untergang der Emigrantenexpedition auf Quiberon und die Maßregeln Hoches ließen jedoch die Schilderhebung nicht aufkommen. Charette und Stofflet wurden im Frühjahr 1796 gefangengenommen und erschossen. Eine völlige Unterwerfung der Vendée kam aber erst im Januar und Februar 1800 zustande, nachdem mehr als 150.000 Menschen umgekommen waren. Während der Hundert Tage 1815 griffen die Vendéer abermals zu den Waffen, wurden aber vom General Lamarque unter Sapinaud und Suzannet geschlagen. Nach der Julirevolution erhob sich ein Teil des Adels der Vendée zugunsten der alten Dynastie, und im April 1832 begab sich die Herzogin von Berry in das Land, um der beabsichtigten Insurrektion Nachdruck zu geben. In der Tat brach an verschiedenen Punkten der Aufruhr aus, die Wachsamkeit der Regierung und die Gefangennahme der Herzogin dämpften ihn jedoch bald.
Literatur
Literarische Verarbeitungen
Victor Hugo: Das_Jahr_1793, aus dem Französischen übertragen von Alfred Wolfenstein, überarbeitet und ergänzt von Alberte Schöne und Mireille Vildebrand, mit einem Nachwort von Eberhard Wesemann, Leipzig [u.a.] 1989, ISBN 3-378-00295-6 (frz. Originaltitel: Quatre-vingt-treize)
Michel Ragon: Die roten Tücher von Cholet, München 1989
Moderne Darstellungen
* Reynald Secher: Le génocide franco-français: la Vendée-Vengé, 4. korrigierte Auflage, Paris 1992 ISBN 2-13-045260-4 ? auch in englischer Übersetzung verfügbar unter dem Titel A French genocide: the Vendée, Notre Dame 2003, ISBN 0-268-02865-6
* Marie Breguet: L'avant-guerre de Vendée: les questions religieuses à l'Assemblée Législative (octobre 1791 ? septembre 1792), Paris 2004, ISBN 2-7403-1091-9
* Guy-Marie Lenne: Les réfugiés des guerres de Vendée: 1793?1796, La Crèche 2003, ISBN 2-8456-1100-5
Ältere Darstellungen
* Émile Gabory: La Révolution et la Vendée d'après des documents inédits, 3 Bde., Paris 1925?1928
* Eugène Bonnemère: Les guerres de la Vendée, Paris 1884
* Jacques Augustin Marie Crétineau-Joly: Histoire de la Vendée militaire, 4 Bde., 5. Aufl., Paris 1865
* Saint-Albin Berville / Jean François Barrière (Hrsg.): Collection des Mémoires relatifs à la Révolution française, darin: Jean-Julien-Michel Savary: Guerre des Vendéens et des Chouans contre la République française, ou Annales des départemens de l'Ouest pendant ces guerres..., 6 Bde., Paris 1824-1827
* Alphonse de Beauchamp: Histoire de la guerre de la Vendée et des Chouans, 4 Bde., Paris 1807
Weblinks
* P. Philippeaux: [http://www.ub.uni-bielefeld.de/cgi-bin/neubutton.cgi?pfad=/diglib/aufkl/minerva/138941&seite=00000208.TIF Der Krieg in der Vendée], in: Minerva 1 (1794), S. 193?242 ? Digitalisierung der Universitätsbibliothek Bielefeld
Gilles Marchal: [http://www.gmarchal.net/HTML%20PAGE%20DE%20GILLES/Vendeewiki.htm Douze colonnes à la une] (französisch)
• www.genocide-vendéen.com ? Website der Association de la Mémoire vendéenne, die für eine Anerkennung als Genozid kämpft (französisch)

