Atommacht
Als Atommacht bezeichnet man einen Staat, der über Kernwaffen verfügt und zusätzlich die geeigneten Trägersysteme besitzt, um die Kernwaffen militärisch einsetzen zu können. Als Atommächte gelten die USA, Russland, Großbritannien, Frankreich und die Volksrepublik China, ferner Indien, Pakistan, Israel und Nordkorea.
Dabei unterscheidet man bei den Atommächten die so genannte Erstschlagfähigkeit und die Zweitschlagfähigkeit. Erstere ist gegeben, wenn der betreffende Staat die Fähigkeit besitzt, mit einem ersten Angriff die Nuklearwaffen eines Gegners komplett zu zerstören oder zumindest sein Waffenarsenal so weit zu reduzieren, dass die Schäden des Gegenangriffs aus politischer und militärischer Sicht akzeptabel erscheinen. Als Zweitschlagfähigkeit bezeichnet man die Fähigkeit eines Staates, auch nach einem nuklearen Angriff auf das eigene Territorium nuklear zurückschlagen zu können. Nötig sind Trägersysteme, die einen nuklearen Angriff überstehen. Möglich wird dies durch unterirdische Bunkeranlagen oder U-Boot-gestützte Kernwaffen, die eine genügende Überlebensfähigkeit besitzen und Frühwarnsysteme, die Angriffe frühzeitig erkennen.
Offizielle Atommächte
Diese Atommächte sind im Atomwaffensperrvertrag als Staaten genannt, die über Kernwaffen verfügen. Die Daten beziehen sich auf die Erstzündung. Die Zahl unter ?Sprengköpfe? beziffert die Zahl von allen Sprengköpfen insgesamt, die Zahl in Klammern dahinter die Anzahl der sich in Einsatzbereitschaft befindlichen.
Die folgenden Staaten haben ehemals Kernwaffen besessen oder an entsprechenden Programmen gearbeitet.
* Ägypten begann ein Kernwaffenprojekt im Jahr 1954, maß dem Programm allerdings keine allzugroßen Bedeutung zu. 1961 wurde in Kairo der Insha-Reaktor mit Unterstützung der Sowjetunion gebaut. Nach der Niederlage gegen Israel 1967 gab Ägypten das Projekt auf und unterzeichnete den Atomwaffensperrvertrag.[http://www.fas.org/nuke/guide/egypt/nuke/index.html] Der Insha-Reaktor ist immer noch in Betrieb, das Land plant aber die Konstruktion weiterer Kraftwerke. Außerdem hält es Ausschau nach Möglichkeiten zur eigenen Urananreicherung.
* Algerien: 1991 erlangten die Vereinigten Staaten Kenntnisse über die geheime Konstruktion eines Kernreaktors in Algerien. Die Washington Post beschuldigte das Land, mit Hilfe der chinesischen Regierung Kernwaffen entwickeln zu wollen. Die algerische Regierung bestätigte einen Reaktor zu bauen, stritt aber militärische Zwecke oder Geheimhaltung ab. Unter internationalem Druck stellte Algerien den Reaktor unter Kontrolle der IAEO und unterzeichnete im Januar 1995 den Atomwaffensperrvertrag. Die Transparenz des Kernenergieprogramms beschränkt sich allerdings auf die minimalen Vorgaben des Vertrags, weshalb Algerien weiterhin kritisch beobachtet wird.[http://www.thebulletin.org/article.php?art_ofn=mj01albright]
* Argentinien richtete 1950 die nationale Atombehörde Comisión Nacional de Energía Atómica ein, um die Kernenergie für friedliche Zwecke zu nutzen. Allerdings nahm das Land 1978 unter der Militärregierung ein Kernwaffenprogramm auf. Das Projekt wurde nach der Demokratisierung im Jahr 1983 aufgegeben [http://www.fas.org/nuke/guide/argentina/nuke/index.html]. Jedoch enthalten einige inoffizielle Berichte sowie US-Geheimdienstdossiers Informationen darüber, dass Argentinien noch während der 1980er Jahre ein Programm zur militärischen Nutzung der Kernenergie unterhielt, das den Bau eines Nuklear-U-Boots vorsah. Grund dafür waren Rivalitäten mit dem Nachbarland Brasilien, das seinerseits ebenfalls ein Nuklearwaffenprogramm unterhielt [http://www.armscontrol.org/act/2005_10/Oct-Brazil.asp#BrazilHistory],[http://www.fas.org/nuke/guide/brazil/nuke/index.html]. Das Programm wurde um 1980 abgebrochen. Anfang der 1990er Jahre richteten Argentinien und Brasilien eine bilaterale Behörde ein, die mit Hilfe von gegenseitigen Kontrollen sicherstellen soll, dass beide Staaten jede Form von Nukleartechnologie ausschließlich zur Energiegewinnung einsetzen. Am 10. Februar 1995 trat Argentinien dem Atomwaffensperrvertrag bei.
* Australien versuchte nach dem Zweiten_Weltkrieg nukleare Waffen in Zusammenarbeit mit dem Vereinigten_Königreich zu entwickeln. Das Land stellte Uran sowie Testgelände in der australischen Wüste für Raketen- und Kernwaffentests zur Verfügung. Die australische Regierung war darüberhinaus am Blue Streak-Raketenprogramm beteiligt. 1955 wurde mit einem britischen Unternehmen ein Vertrag über den Bau des Hi-Flux_Australian_Reactor (HIFAR) abgeschlossen. Dies wurde als erster Schritt angesehen, größere Reaktoren zu errichten, die ausreichende Mengen an waffenfähigem Plutonium produzieren könnten. In den 1960ern gab Australien allerdings seine nuklearen Ambitionen auf und unterzeichnete 1970 den Atomwaffensperrvertrag. 1973 wurde der Vertrag ratifiziert.[http://www.greenleft.org.au/back/2001/441/441p28.htm]
* Brasilien unterzeichnete 1968 den Vertrag von Tlatelolco, der den Staaten Lateinamerikas und der Karibik den Erwerb und Besitz von Nuklearwaffen verbietet. Dennoch begann das Militärregime 1978 ein geheimes Kernwaffenprojekt unter dem Decknamen ?Solimões?. Als das Land 1985 zur Demokratie zurückkehrte, beendete die gewählte Regierung sämtliche Programme zur militärischen Nutzung der Kernenergie [http://www.armscontrol.org/act/2005_10/Oct-Brazil.asp#BrazilHistory]. Die offizielle Abkehr von Bestrebungen dieser Art erfolgte am 13. Juli 1998, als Präsident Fernando Henrique Cardoso sowohl den Atomwaffensperrvertrag als auch den Kernwaffenteststopp-Vertrag unterzeichnete und ratifizierte. Er leugnete, dass das Land nukleare Waffen entwickelt habe [http://www.fas.org/nuke/guide/brazil/nuke/index.html].* Deutschland: Franz Josef Strauß plante nach 1955 als Bundesminister_für_Atomfragen Deutschland im Rahmen des Atoms-for-Peace-Programms den technologischen Anschluss an diese Technik und Zugang zu den notwendigen Materialien zu beschaffen. Ein Kernwaffenprogramm wurde aber nie gestartet. Dementsprechend besitzt Deutschland nach wie vor keine Kernwaffen. Es werden allerdings zahlreiche Kernwaffen der USA auf deutschem Boden gelagert. Wie andere NATO-Staaten verfügt auch Deutschland über Flugzeuge, die mit Kernwaffen bestückt werden können. (Siehe auch nukleare Teilhabe). Der frühere Bundesverteidigungsminister Rupert Scholz hat im Januar 2006 gefordert, dass Deutschland im Notfall auch mit eigenen Kernwaffen reagieren können sollte. Außerdem hat es während des Dritten_Reiches ein Atomprogramm gegeben, das aber offiziell 1942 beendet wurde. Jedoch hat dieses Programm letztendlich zum Manhattan-Projekt der USA beigetragen, da die Furcht vor einem nuklear bewaffneten Deutschland in den USA zu groß war.[http://www.tagesschau.de/aktuell/meldungen/0,1185,OID5177320_REF2_NAV_BAB,00.html]
* Irak: Das irakische Kernwaffenprogramm begann angeblich bereits Ende der 60er_Jahre, ohne dass es den irakischen Wissenschaftlern je gelang, eine funktionsfähige Bombe herzustellen. Das Programm erlitt Rückschläge durch die Zerstörung des mit französischer Hilfe gebauten Reaktors Osirak durch Israel im Jahr 1981 sowie durch das Technologie-Embargo während und nach des Iran-Irak-Krieges 1980 bis 1988, an das sich auch Russland und China hielten. Im zweiten_Golfkrieg ?Desert Storm? 1991 wurde der Großteil der Anlagen zerstört. Nach dem Einmarsch_der_USA_in_den_Irak 2003 wurden keine Beweise für eine Wiederaufnahme des Kernwaffenprogramms und für die Existenz von atomaren Massenvernichtungswaffen gefunden.
* Jugoslawien: In der Föderativen_Volksrepublik_Jugoslawien (1945?1963) begannen die Bestrebungen zur Entwicklung von Kernwaffen bereits in den 1950ern mit Forschungen zur Urananreicherung. 1956 wurde die Vin?a-Anlage zur Anreicherung von Kernbrennstoffen errichtet; 1958 und 1959 folgte der Bau von Forschungsreaktoren. Für letztere stellte die Sowjetunion schweres Wasser sowie angereichertes Uran zur Verfügung. Bereits 1966 begann in der Vin?a-Anlage auch die Produktion von Plutonium, die einige Gramm waffenfähiges Plutonium hervorbrachte. Während der 1950er und 60er Jahre bestand im Bereich der Plutoniumanreicherung auch eine Zusammenarbeit mit Norwegen. 1960 setzte Tito das Programm aus unbekannten Gründen aus, nahm es dann aber 1974 wieder auf, nachdem Indien die ersten Atomtests durchführte. Auch nach Titos Tod wurde das Programm fortgeführt, nun allerdings in zwei Sparten aufgeteilt: eine für militärische Nutzung und eine für zivile Kernenergie. Letztere brachte 1983 das Kernkraftwerk Kr?ko hervor, das heute von Slowenien und Kroatien gemeinschaftlich zur Elektrizitätserzeugung betrieben wird. Im Jahr 1987 wurde dann die Entscheidung getroffen, sämtliche militärischen Atomprojekte einzustellen. Nach dem Zerfall der Sozialistischen Föderativen Republik Jugoslawien 1992 gingen die Vin?a-Laboratorien zusammen mit 50 kg hochangereichertem Uran in den Besitz der Bundesrepublik Jugoslawien (2003?2006 Serbien und Montenegro) über. Während der Operation der NATO in Jugoslawien 1999 wurde die Vin?a-Anlage nie getroffen; das Bündnis war sich der Existenz und der Gefahr des angereicherten Urans bewusst. Die Freisetzung des Elements hätte die Kontamination weiter Flächen zur Folge gehabt. Nach dem Ende des NATO-Einsatzes beschlagnahmten die USA und die Nuclear Threat Initiative das Uran und transportierten es nach Russland.
* Libyen unterzeichnete den Atomwaffensperrvertrag 1969. Muammar al-Gaddafi allerdings erklärte, Kernwaffen entwickeln zu wollen, da auch Israel Kernwaffen habe. Libyen erhielt 1979 einen sowjetischen Reaktor und tauschte außerdem Kenntnisse und Material mit Pakistan aus. 1984 kaufte das Land einen weiteren Reaktor von der Sowjetunion.[http://www.fas.org/nuke/guide/libya/index.html] Im Dezember 2003 hat es angekündigt, alle Programme für Massenvernichtungswaffen aufzugeben und internationale Inspektionen zuzulassen; 2004 folgte der Beitritt zum Kernwaffenteststopp-Vertrag. Daraufhin wurden bestehende Handelsembargos gegen Libyen aufgehoben.
* Polen begann ein Nuklearprogramm in den 1960ern. Die erste kontrollierte Kernspaltung erfolgte gegen Ende des Jahrzehnts. Während der 70er Jahre wurde das Projekt fortgeführt, den Forschern gelang die Erzeugung von Fusionsneutronen mittels konvergenter Schockwellen. In den Folgejahren richteten sich die Anstrengungen auf mikro-nukleare Reaktionen. Heute betreibt Polen den MARIA-Reaktor in ?wierk nahe Warschau unter Aufsicht des Atomenergieinstituts. Das Land trat dem Atomwaffensperrvertrag bei und besitzt offiziell keine Kernwaffen.
* Die Republik China unterhielt von 1964 bis 1988 ein Nuklearwaffenprogramm, als es auf Druck der USA eingestellt wurde.[http://www.fas.org/nuke/guide/taiwan/nuke/index.html] 1968 unterzeichnete das Land den Atomwaffensperrvertrag. Laut einem Memorandum des US-Verteidigungsministeriums von 1974 erklärte der damalige US-Verteidigungsminister James Schlesinger bei einem Gespräch mit Botschafter Leonard Unger, dass die Vereinigten Staaten ihre in Taiwan stationierten Kernwaffen abziehen müssten.[http://www.gwu.edu/~nsarchiv/news/19991020/01-01.htm] Die Republik China gibt an, momentan an der Tien Chi zu arbeiten, einer Kurzstreckenrakete, die die Küste der VR China erreichen könnte.[http://www.nti.org/e_research/e1_taiwan_1.html]
* Rumänien unterzeichnete 1970 den Atomwaffensperrvertrag. Dennoch unterhielt das Land unter Nicolae Ceau?escu in den 1980ern ein geheimes Kernwaffenprogramm. Mit dem Sturz Ceau?escus endete auch das Projekt. Rumänien besitzt heute ein Kernkraftwerk mit zwei Reaktoren (und drei weiteren im Bau), das mit kanadischer Hilfe errichtet wurde. Außerdem wird im Land Uran sowohl abgebaut als auch für die Benutzung im Kraftwerk angereichert. Ein ziviles Forschungsprogramm besteht ebenfalls.[http://www.fas.org/nuke/guide/romania/index.html]
* Schweden forschte während der 1950er und 1960er Jahre an Kernwaffen, um sich gegen eine eventuelle Invasion der Sowjetunion verteidigen zu können. Eine Forschungseinrichtung sollte in Studsvik errichtet werden. Das Unternehmen Saab legte Pläne für einen nuklearen Überschallbomber vor, der A36. Das schwedische Programm sammelte genügend Informationen, die zum Bau einer nuklearen Bombe notwendig gewesen wären. Nachdem es aber alle wichtigen Kenntnisse erlangt hatte, entschloss sich das Land, keine Kernwaffen zu konstruieren und unterzeichnete den Atomwaffensperrvertrag.
* Schweiz: 1945 wurde die geheime Studienkommission für Atomenergie (SKA) unter Vorsitz des Physikers Paul Scherrer gebildet mit dem Ziel einer Schweizer Atombombe. Diese Bestrebungen wurden erst in den 1970ern durch die Ratifizierung des Atomwaffensperrvertrages durch die Schweiz endgültig beendet.
* Südafrika entwickelte unter der Apartheid-Regierung eine Kernwaffe, vermutlich mit der Kooperation Israels. Es wird spekuliert, dass es sich beim Vela-Zwischenfall im September 1979 um einen Atomtest Südafrikas handelte, der möglicherweise ebenfalls mit israelischer Beteiligung ausgeführt wurde. Kurz vor dem Ende der Apartheid zerstörte Südafrika 1991 seine sechs Kernwaffen, um dem Atomwaffensperrvertrag beizutreten und sich damit wieder in die internationale Gesellschaft eingliedern zu können. Bis 1994 wurden alle südafrikanischen Kernwaffenanlagen komplett abgebaut.
* Kasachstan und Weißrussland haben nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion Kernwaffen besessen, diese aber an Russland abgetreten. Die Ukraine hat ihre Kernwaffen selbst abgerüstet, besitzt jedoch noch immer die Trägerraketen.
Siehe auch
Atomstreitkraft
Nuklearstrategie
Atomwaffenfreie Zone
Verzicht auf den Ersteinsatz
Liste der Streitkräfte der Welt
Weblinks
• Bulletin of the Atomic Scientists
• The Third Temple's Holy Of Holies: Israel's Nuclear Weapons
• Federation of American Scientists, Nuclear Forces Guide
* Larry M. Wortzel: [http://www.strategicstudiesinstitute.army.mil/pubs/display.cfm?pubID=776 China's Nuclear Forces: Operations, Training, Doctrine, Command, Control and Campaign Planning] (PDF, 286KB), Strategic Studies institute, U.S. Army War Collegeta:??? ???? ?????????? ???????

