Asymmetrische Kriegsführung
Asymmetrische Kriegsführung bezeichnet militärische Auseinandersetzungen unter Parteien, die waffentechnisch unterschiedlich stark sind.Begriffsgeschichte
Die Bezeichnung ?asymmetrische Kriegsführung? kam auf, als nach dem Ende des Kalten_Krieges klassische "symmetrische" Kriege zwischen Staaten in wesentlich geringerem Umfang die Bedrohungsszenarien vieler Länder bestimmten als der moderne Terrorismus. Auch die organisierte Gewaltanwendung des modernen Terrorismus wurde mit der Bildung des Begriffes ?asymmetrische Kriegsführung? nun als Krieg erfasst, obwohl sie sich vom klassischen Waffengang der vergangenen Jahrhunderte stark unterscheidet. Besonders die hegemoniale Position der USA als einzig verbliebener Supermacht wird als ?asymmetrisch aus Stärke? verstanden, während der Terrorismus aus Schwäche zu unorthodoxen Kampfmethoden greife. In diesem Sinn erscheint der Terrorismus als Fortentwicklung der Partisanenkriegführung , mit dem sich seit ihren Anfängen in der spanischen Guerilla gegen die napoleonische Besatzung diejenigen zur Wehr setzen, die in einer offenen Schlacht unterlegen wären.
Asymmetrische Kriege
Beispiele für asymmetrische Kriegsführung sind der Afghanistan-Krieg (2001/2002), der Irak-Krieg der USA, die Kriege Russlands in Tschetschenien oder der Krieg im Libanon 2006.
Charakteristisch für die Kriegführung war der im Frontbereich der angreifenden Armee -im Irak der amerikanischen Truppen, in Gaza und im Südlibanon der israelischen Armee- entstehende Nahkampf. Bei unübersichtlichen örtlichen Verhältnissen im Strassen- und Häusergewirr, in bergigem Gelände mit engen und gewundenen Strassen verloren die angreifenden gepanzerten und schnellen Truppen ihre operativen Vorteile: Beweglichkeit und Reichweite. Dagegen wurden die leichten Waffen der an Feuerkraft unterlegenen Verteidiger aufgewertet. Ein Gefecht verbundener Truppen war nicht möglich, der operative Zusammenhang ging verloren, in Einzelkämpfen nahmen die Verluste der Angreifer zu. An Stelle schneller Siege trat ein Kleinkrieg gegen die Besatzungsmacht, die nicht in der Lage war, das besetzte Gebiet trotz militärischer und materieller Überlegenheit unter Kontrolle zu halten.
Terrorismus und Asymmetrische Kriegsführung
Während das Vorgehen von Partisanenverbänden in erster Linie darauf abzielt, den militärisch überlegenen Gegner mit der Strategie der "Nadelstiche" kontinuierlich zu schwächen, zu provozieren oder zu demoralisieren, aber auf die Unterstützung der Bevölkerung eines Territoriums angewiesen ist, ist der offensive Terrorismus ?entterritorialisiert?. Terroristen ist es anders als Partisanen- bzw. Guerillaeinheiten möglich, unabhängig zu operieren und Anschläge in anderen Ländern zu verüben.
Humanität und Strategie der asymmetrischen Kriegführung
Der bewaffnete Widerstand z.B. in Spanien gegen Napoleon im 19. Jahrhundert oder im 2. Weltkrieg gegen Hitler (Résistance) wählte eine asymmetrische Kriegsführung ohne wesentliche ethische Zweifel über ihre Berechtigung. Anders als bei den üblichen Kämpfen außerhalb eng besiedelter Bevölkerungsgebiete sind asymmetrische Kriege aber sehr häufig mit hohen Opferzahlen unter einer eigentlich nicht direkt am Kampf beteiligten Zivilbevölkerung verbunden. Diese bietet zwar bei vorhandener Sympathie des Anliegens gegenüber asymmetrisch Kriegführenden und eigener Leidensfähigkeit eine ausgezeichnete Versteckmöglichkeit für die waffentechnisch schwächere Kriegspartei, bei denen auch technisch immer ausgeklügeltere Systeme moderner hochtechnisierter Armeen zwar kurzfristig erfolgversprechend sind, aber in ihrer Wirkung rasch abstumpfen (vgl. ständige blutige Zwischenfälle in Afghanistan und Irak).
Dieses Verstecken und unerwartete Zuschlagen von asymmetrisch Kriegführenden (Nadelstiche) führt aber bei konsequenter Durchführung innerhalb moderner Armeen rasch zu Frustrationen auf unterer Kommandoebene mit der Gefahr einer Eskalation, die sich dann in plötzlichen Massakern an der Zivilbevölkerung (wie My Lai im Vietnamkrieg) oder zur Nichteinhaltung eines Mindestmaßes an Humanität äußern kann, da der Freischärler ja jederzeit in ihr untertauchen kann und sie gerne als Schutzschild missbraucht. Diese Generäle oder ihre zivilen Vorgesetzten setzen sich bei lange nicht einstellenden Durchbrüchen in ihrer eigenen Bevölkerung harter Kritik aus, die ihre fachliche Reputation beeinträchtigen kann. Aus humanitärer Sicht ist damit auch bei kriegführenden Demokratien rasch eine Minderbewertung des menschlichen Lebens zu erwarten, so wie es von der Gegenseite ohnehin regelmäßig praktiziert wird. Auch demokratische Staaten laufen dann Gefahr ihre eigen moralischen Ideale zu verraten, indem sie sich der gleichen Verbrechen schuldig machen, wie ihr Guerilla-Gegner (foltern und sinnlos töten). Historisches Beispiel ist der Kampf der französische Armee im Algerischen_Unabhängigkeitskrieg, bei dem es zu etlichen Repressalien gegenüber der FLN (Front de Libération Nationale) kam.
Auch verschärfte internationale Regelungen zur Schonung menschlichen Lebens in asymmetrischen Konflikten sind dann kaum noch in der Praxis durchsetzbar und humanitäre Appelle bleiben ohne nennenswerte Wirkung. Der Befehlshaber einer hochtechnisierten Armee sieht dann in jeder Einschränkung der Kriegführung durch humanitäre Regelungen (weil schwer umsetzbar gegen einen Feind, der gänzlich ohne Regeln kämpft) eine Entwertung seiner qualitativen und quantitativen Überlegenheit und lehnt solche Regelungen ab, da sie ihn in seinem taktischen Einsatzspektrum benachteiligen und einschränken (berechenbar machen). Asymmetrische Kämpfer fühlen sich ohnehin an solche humanitären Regelwerke nicht gebunden, es sei denn, sie können sie gegen den Besatzer propagandistisch nutzen, denn sie sind nicht Vertragspartei in solchen internationalen Regelwerken. Provozierte Gewaltexzesse der konventionellen Armee sind sogar ein ideologisch verwendetes Kampfmittel und daher gar nicht völlig unerwünscht. Hauptleidtragende Gruppe in solchen Konflikten ist aber nicht etwa die Guerilla, sondern regelmäßig die Zivilbevölkerung
Diese Einstellungen beider asymmetrischen Kriegsparteien sind eine ernsthafte Herausforderung an die Weiterentwicklung und Bewahrung des aktuellen humanitären Völkerrechts auch während eines Krieges (anders als beispielsweise noch 1907 anlässlich der Haager Landkriegsordnung, die von gleichrangigen Kombattanten ausging).
Definition des Begriffs Asymmetrische Konflikte
Im Pentagon werden Asymmetrische Konflikte rein militärisch als "asymmetric warfare" definiert. Dies ist eine in der Bundeswehr nicht gebräuchliche Verengung der Sicht auf die Entstehung und Lösungsmöglichkeiten asymmetrischer Konflikte. Zu den heftigsten Kritikern dieser ausschließlich militärischen Betrachtungsweise asymmetrischer Konflikte gehört der US-Oberstleutnant John A. Nagl, der 2004 auch in Falluja kämpfte. Seine Studie "Counterinsurgency Lessons from Malaya and Vietnam: Learning to Eat Soup with a Knife" aus dem Jahr 2002 fordert das Pentagon auf, die Anti-Terror-Strategie im Zeitalter asymmetrischer Konflikte zu modernisieren, die, so Nagl, vom Vietnam-Krieg, über Afghanistan bis zum Irak-Krieg allein aus "Firepower" besteht. Er fordert die Besinnung auf die britischen Erfahrungen in Malaysia, wo General Gerald Templer das Konzept "Winning Hearts and Minds" entwickelte und damit mit der Kombination von wirtschaftlichen, sozialen, politischen und militärischen Maßnahmen siegte.
Die Grunderkenntnis Templers war: 1. die Guerilla ist militärisch nicht zu zerschlagen, 2. die Guerilla muss vom Volk getrennt werden, 3. die Entscheidung im asymmetrischen Konflikt erfolgt auf wirtschaftlichem, sozialem und politischem Gebiet.
Ein weiterer Präzedenzfall für die erfolgreiche Lösung eines asymmetrischen Konflikts mit dem Konzept "Hearts and Minds" ist der Dhofar-Krieg im Sultanat Oman 1965-1975.
In der Provinz Dhofar hatte sich eine etwa 2.000 Mann starke kommunistische Guerillagruppe festgesetzt, die im Kalten Krieg von der Sowjetunion und China unterstützt wurde, ihre Basen in der benachbarten Volksdemokratischen Republik Jemen (VDRJ) hatte und in der Monsunzeit in dem dicht bewaldeten und mit Nebel überzogenem Küstengebirge fast ungehindert operieren konnte. Militärisch war die Guerilla durch die omanischen Streitkräfte nicht zu zerschlagen.
1970 stürzte Sultan_Qaboos seinen Vater und wendete dann das britische Konzept "Winning Hearts and Minds", das er an der Militärakademie_Sandhurst kennengelernt hatte, konsequent an. Es wurde eine Amnestie erlassen. Jeder Kämpfer, der überlief, wurde nicht bestraft. Er wurde sofort in eine neu gegründete Miliz des Sultans übernommen, durfte seine Waffen behalten und erhielt einen Sold ausgezahlt. Alle Gebirgsdörfer erhielten eine Anbindung an das Straßennetz und jede Hütte wurde an das Energienetz angeschlossen. In jedem Dorf wurden ein Laden mit westlichen Waren, eine Schule und eine Krankenstation eröffnet.
Dann schenkte die Regierung den Dorfbewohnern Kühlschränke und Farbfernsehgeräte. Damit erweckte sie den Wunsch in den Dorfbewohnern, Geld zu verdienen, um sich die neuen verlockenden Waren auch kaufen zu können. Die Kühlschränke sollten mit westlichen Waren gefüllt werden. Dies war nur möglich, wenn die Dorfbewohner nicht mehr für die Guerilla kämpften, sondern in den Dienst des Sultans traten.
Bis 1975 liefen mehr als 90 Prozent der Guerilla-Kämpfer zum Sultan über. Der Rest wurde in asymmetrischen Aktionen der omanischen Streitkräfte und des britischen SAS zerschlagen, weil Guerilla und Volk nun getrennt waren.
Siehe auch
• Krieg]
• intensity conflict]
• Jacques Baud ; Christine Lorin de Grandmaison : La guerre asymétrique ou la défaite du vainqueur, Éditions du rocher, 2003, ISBN 2268044998
Mary Kaldor: New and Old Wars. Organized Violence in a Global Era, Stanford, 1999.
* Bernhard Rinke / Wichard Woyke (Hrsg.): Frieden und Sicherheit im 21. Jahrhundert. Eine Einführung. Opladen: Leske & Budrich, 2004.
Herfried Münkler: Die neuen Kriege, Rowohlt 2004, ISBN 3-499-61653-X
* Schröfl / Pankratz: Asymmetrische Kriegführung, Nomos 2004, ISBN 3-832-9043-60
* Stephan Maninger:Wer wagt, gewinnt ? Kritische Anmerkungen zum Einsatz westlicher Militärspezialkräfte im Zeichen multipler Konfliktszenarien, Österreichische Militärzeitschrift, Nr. 3, Wien, 2006
Hans Krech: Der Untergang der DDR als Katalysator für das globale Ende des Kalten Krieges - eine Vorlesung im Generalstabslehrgang 2004 an der Führungsakademie der Bundeswehr, Berlin: Verlag Dr. Köster, 2005. (Beiträge zur Friedensforschung und Sicherheitspolitik, Bd. 19).
* John A. Nagl: Counterinsurgency Lessons from Malaya and Vietnam: Learning to Eat Soup with a Knife, Westport, Connecticut/London: Praeger, 2002.
Hans Krech: Bewaffnete Konflikte im Süden der Arabischen Halbinsel. Der Dhofarkrieg 1965-75 im Sultanat Oman und der Bürgerkrieg im Jemen 1994, Berlin: Verlag Dr. Köster, 1996.
Hans Krech: Der Afghanistan-Konflikt (2002-2004).Fallstudie eines asymmetrischen Konflikts. Ein Handbuch, Berlin: Verlag Dr. Köster, 2004. (Bewaffnete Konflikte nach dem Ende des Ost-West-Konfliktes, Bd. 15).
* Ismail Küpeli (Hrsg): Europas "Neue Kriege" - Legitimierung von Staat und Krieg, Moers, 2007, ISBN 978-3-9810846-4-1
* Herfried Münkler: Der Wandel des Krieges. Von der Symmetrie zur Asymmetrie Weilerswist 2006, ISBN 978-3938808092
Weblinks
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* Richard Norton-Taylor [http://www.guardian.co.uk/waronterror/story/0,1361,562298,00.html Asymmetric Warfare: Military Planners Are Only Beginning to Grasp the Implications of September 11 for Future Deterrence Strategy] (englisch)
* Jonathan B. Tucker [http://forum.ra.utk.edu/1999summer/asymmetric.htm Allgemein über Asymmetrische Kriegsführung bei forum.ra.utk.edu] (englisch)
* Buchprojekt der Außen- und Sicherheitspolitischen Studienkreise e.V. [http://www.buchprojekt.sicherheitspolitik.org] (deutsch)

