Asker (Soldat)
Der Asker (türkisches Lehnwort aus dem Arabischen = ?Soldat?, vgl. auch Askari) oder Mehmetçik (türk. Diminutiv zu Mehmet bzw. Mehmed = ?Mehmetlein?) gilt im Deutschen als kleinasiatische Entsprechung zum britischen Tommy (?Tommy Atkins?).Palmer, Alan (1994): Verfall und Untergang des Osmanischen Reiches. Heyne, München 1994 (engl. Original: London 1992), S.328.Pomiankowski, Joseph (1928): Der Zusammenbruch des Ottomanischen Reiches - Erinnerungen an die Türkei aus der Zeit des Welkrieges, Amalthea, Wien 1928, S.434. Er steht als Sinnbild für den vorwiegend türkisch- und kurdischsprachigen Soldaten aus Anatolien und - seltener - aus Thrakien. Im deutschen Sprachgebrauch finden Asker und Mehmetçik häufig in Bezug auf den Ersten_Weltkrieg Anwendung. Im Gegensatz zur deutschen Verwendung trägt der Begriff Asker im Türkischen die allgemeine Bedeutung ?Soldat? ohne eindeutigen Bezug zu seiner Herkunft und zu seinem Rang, während der Ausdruck Mehmetçik - wie im Deutschen - auf den einfachen türkischen Soldaten begrenzt ist und eine achtende Wertung transportiert.
Vorgeschichte - das Bild der Osmanen in Europa vor dem Ersten Weltkrieg
Das Ansehen des geschwächten Osmanischen_Reiches, seines Sultans und seines Militärs war im 19. und angehenden 20. Jahrhundert nach den verheerenden militärischen Niederlagen gegen die europäischen Großmächte und Balkanvölker auf einem Tiefpunkt angelangt. In moralischer Hinsicht prägte besonders das massive Vorgehen der kurdischen Hamidiye-Regimenter gegen den von Exil-Armeniern initiierten Aufstand christlicher Armenier von 1894 (über 10.000 getötete Armenier) das Bild der Osmanen vor allem in der englischen, aber auch in der französischen und russischen Öffentlichkeit.Palmer, Alan (1994), S.258f. Daneben findet sich in der populärwissenschaftlichen und wissenschaftlichen Literatur des Westens schon vor dem ersten Weltkrieg das Bild des ?Türken? (oder der Turkstämme allgemein) als ?geborene[r] Krieger?Langkabel, Bernhard (1892): Der Mensch und seine Rassen. Dietz, Stuttgart 1892, S. 438. und insbesondere das des ländlichen, anatolischen ?Türken? als ?beste[r] Soldat der Welt?Vámbéry, Hermann (1885): Das Türkenvolk - in seinen ethnologischen und ethnographischen Beziehungen. Reprint, Biblio, Osnabrück 1970, (Original: 1885), ISBN 3-7648-0642-7, pp. I-XII + 1-638, S. 613f..
Der Mehmetçik im Ersten Weltkrieg
Im Ersten Weltkrieg gelang es den türkischen Soldaten unter deutscher Leitung in der ihnen von der Entente ?aufgezwungenen?Palmer, Alan (1994), S.329. Schlacht_um_die_Dardanellen den Sieg zu erringen, trotz der überwältigenden materiellen und technischen Überlegenheit des Gegners. Pomiankowski, Joseph (1928), S.145f. In dieser Schlacht und im weiteren Verlauf des Krieges entstand ein bei Türken, Verbündeten und Gegnern trotz unterschiedlicher Ausgangslage in weiten Teilen übereinstimmendes Urteil über den Mehmetçik:
* Die Briten, deren kriegsgefangene Offiziere und Mannschaften im Ersten Weltkrieg von den Osmanen mit besonderer Rücksicht behandelt wurden, Pomiankowski, Joseph (1928), S.246. waren von dem zähen Widerstand der türkischen Verteidiger in Gallipoli völlig überrascht worden Palmer, Alan (1994), S.327f. und schätzten ihre Qualität nunmehr hoch ein. Liman von Sanders, Otto (1920): Fünf Jahre Türkei. Scherl, Berlin 1920, S.124.
* Bei den Verbündeten, insbesondere im Deutschen_Reich, wurde ein oft romantisch verklärtes Bild einer deutsch-türkischen ?Waffenbrüderschaft? gezeichnet, nach welchem deutsche Waffen- und Feldherrnkunst und türkische Tapferkeit die euphorische Siegeszuversicht begründen sollten. Brauns, Nikolaus (1996/1997): Die deutsch-türkischen Beziehungen vor dem Ersten Weltkrieg 1914. Magisterarbeit am Institut für Neuere Geschichte der Universität München, Wintersemester 1996/1997, unpaginierte Fassung. Kapitel 5-1.
* Für die Türken bedeutete der - auf den Schultern des Mehmetçik ausgetragene - erste Sieg gegen die Entente nach der Militärreform unter Liman_von_Sanders den Ausweg aus der langen Depression des Militärs Pomiankowski, Joseph (1928), S.154 und 244. und schuf ein neues Selbstverständnis der Türken in ihrer gleichberechtigten Rolle gegenüber den europäischen Mächten, Spuler, Bertold (1976): Auszug aus der Geschichte. 28. Aufl. Ploetz, Würzburg 1976, S.1171. wie es später in der Politik unter Mustafa_Kemal zum Ausdruck kam.
Als kennzeichnende Merkmale werden dem Mehmetçik des Ersten Weltkrieges zugeschrieben:
* Tapferkeit, Ausdauer, Opfermut und religiöser Fatalismus, Bedürfnislosigkeit in Bekleidung und Verpflegung, Duldsamkeit gegenüber widrigen Witterungseinflüssen (Hitze, Kälte, Nässe, Schneestürme), unbedingter Gehorsam gegenüber den Vorgesetzten (Desertionen waren vor dem Ersten Weltkrieg praktisch unbekannt), aber auch geringe Bildung und hohes Bedürfnis nach moralischem Zuspruch. Pomiankowski, Joseph (1928), S.18ff., 145f und 241. Kannengiesser, Hans (1928): The campaign in Gallipoli. Hutchinson, London 1928, S.146. Sekundär-Citation aus: Australian Government - Commonwealth Department of Veterans' Affairs: [http://www.anzacsite.gov.au/2visiting/walk_11turkish.html Visiting Gallipoli today - The Anzac Walk] (englisch), Mai 2006. Liman von Sanders, Otto (1920), S.48, 134f, 166, 225 und 242f.
Wirkung und Bewertung
Historisch ist die Kenntnis um die Eigenart des anatolischen Soldaten für das Verständnis des Kriegsverlaufes wichtig: Die Tätigkeit der Deutschen in der Reform_des_Osmanischen_Heeres war weitgehend beschränkt auf Neustrukturierung, Offiziersausbildung, Operationsleitung und Truppenführung. Pomiankowski, Joseph (1928), S.241. Auf die Verfügung der vom Deutschen Reich bereitgestellten Anleihen und Güter hatten die Deutschen nur bedingt Einfluss. Pomiankowski, Joseph (1928), S.245 Die türkische Verwaltung hingegen war nach wie vor ineffizient, die wirtschaftliche Leistungskraft und Infrastruktur völlig ungenügend. Den Unteroffizieren und Offizieren, insbesondere auch der jungtürkischen Militärführung fehlte weitgehend die militärische Bildung, verlustreiche und ergebnislose Militäroperationen waren oft die Folge und reduzierten rasch unnötig die verfügbaren Truppenstärken. Pomiankowski, Joseph (1928), S.242. In dieser Lage rettete vor allem der anatolische Mehmetçik in vielfach wenig aussichtsreicher Situation durch seine Anspruchslosigkeit und Folgsamkeit das Osmanische Reich vor der Handlungsunfähigkeit, während sich die arabischen, Liman von Sanders, Otto (1920), S.48, 60, 123, 142 und 242f. persischen, Liman von Sanders, Otto (1920), S.170-172 und 206. christlichen und sonstigen osmanischen Truppen in Motivation und Eignung als ungleich unzuverlässiger erwiesen. Auch die deutschen Kontingente, obwohl hervorragend ausgebildet und ausgestattet, entsprachen nicht immer den örtlichen Verhältnissen. So erforderten sie pro Mann etwa eine dreifach höhere Etappenleistung und ein Vielfaches an Transportraum der überlasteten Eisenbahn im Vergleich zu den genügsamen anatolischen Truppen. Liman von Sanders, Otto (1920), S.225.
Quellen
Category:Türkische Geschichte

