Arp-Schnitger-Orgel Hamburg
Die Arp-Schnitger-Orgel in der St.-Jacobi-Kirche in Hamburg von 1693 ist ein zu Weltruhm gelangtes Denkmal norddeutsch-barocker Orgelbaukunst. Sie ist die letzte erhaltene, große Barockorgel in einer Hansestadt.
Werkaufbau
Die Orgel hat 60 Register, darunter 15 Zungenstimmen, mit insgesamt knapp 4.000 klingenden Pfeifen. Aus dem Vorgängerinstrument übernahm der Orgelbaumeister Arp Schnitger 14 Register, von denen das älteste aus dem Jahre 1512 stammt; die Zungen und die übrigen Pfeifen baute er selbst. Der Spieltisch verfügt über vier Manuale und ein Pedal. Die Werke haben die Bezeichnungen Hauptwerk, Oberwerk, Rückpositiv, Brustwerk und Pedalwerk.
Der Prospekt der Arp-Schnitger-Orgel von St. Jacobi prägte den Gattungsbegriff des Hamburger_Prospekts. Charakteristisch dafür ist der symmetrische Aufbau von Pedaltürmen und Ecktürmen, durchbrochen von Flachfeldern, um einen großen Mittelturm des Hauptwerks.
Insgesamt wurden an der Orgel zwischen ihrer Erbauung und der teilweisen Zerstörung im Zweiten Weltkrieg zahlreiche Restaurierungen vorgenommen, der eigentliche schnitgersche Bestand jedoch blieb von tiefgreifenden Eingriffen verschont.
Von den Weltkriegen zum Wiederaufbau
Der erste schwerwiegende Eingriff in die klangliche Substanz des Instruments erfolgte 1917, als die Prospektpfeifen an die Heeresverwaltung zur Metallsammlung im Ersten Weltkrieg abgegeben werden mussten. Hans Henny Jahnn entdeckte dann zusammen mit Gottlieb Harms nach dem Ersten Weltkrieg den Wert dieses Instruments und setzte sich für die Instandsetzung dieser, so wörtlich: ???völlig abgetakelten??? Orgel ein. Mit der Durchführung der Ugrino-Konzerte brachte er die benötigten finanziellen Mittel für dieses Vorhaben auf. Hierbei arbeitete er eng mit der Orgelbauwerkstatt Kemper (Lübeck) zusammen, im Zuge dessen die Orgel Ende der 1920er Jahre vor einer drohenden Pneumatisierung durch den seinerzeit amtierenden Organisten Carl Mehrckens und den Orgelsachverständigen Theodor Cortum bewahrt wurde.
Hans Henny Jahnn verkündete an dem Beispiel dieser Orgel auf einer Lübecker Tagung 1925 die Prinzipien seiner Ideen zur Reform des Orgelbaus, die später andere Mitglieder der Fachwelt ? einige meinen, dass dies aus einem Mißverständnis der Jahnnschen Ideen heraus geschah ? als Grundlage der sogenannten Orgelbewegung heranziehen sollten. Wesentlicher Bestandteil dessen war unter anderem eine Rückbesinnung auf die alten mechanischen Prinzipien des Orgelbaus sowie Klangideale des Barock.
Nach der Vernichtung der großen Schwesterinstrumente von St. Katharinen und dem Lübecker Dom durch alliierte Bombenangriffe lagerte man die Pfeifen, Windladen und Schnitzarbeiten 1943 in einen Bunker unter dem Kirchturm aus. Dadurch blieben 85 % des alten Pfeifenbestandes erhalten. Die Sicherung von Kulturgütern vor den Bombenangriffen war seinerzeit riskantes Unterfangen, da man vor den nationalsozialistischen Machthabern Gefahr lief, sich dem Vorwurf des Defaitismus auszusetzen. Das Orgelgehäuse sowie der Spieltisch verblieben in der Kirche und wurden ein Raub der Flammen.
Nach dem zweiten Weltkrieg wurde die Orgel zunächst provisorisch im unzerstört gebliebenen Südschiff der Kirche wieder aufgestellt. Nach der Fertigstellung der Instandsetzungsarbeiten des Hauptschiffs wurde sie in einem neuen Gehäuse mit neuem Spieltisch wiederaufgebaut und am 29. Januar 1961 eingeweiht.
Dieser Wiederaufbau fand aber unter der Anwendung von Vorstellungen statt, die von der schnitgerschen Konzeption erheblich abwichen und damit der alten Klangsubstanz nicht in dem damals möglichen und vielleicht wünschenswerten Maße Rechnung trugen. Dazu gehörte beispielsweise, dass ? zunächst gegen das Votum des Orgelbauers Kemper ? der Kirchenvorstand entschied, die von Schnitger als kurze Oktaven konzipierten tiefsten Oktaven der Manuale um die ?fehlenden Töne? zu ergänzen. Dazu mussten die Windladen erweitert und die Pfeifen in ihrer Anordnung auf den Windladen verändert werden. Dies brachte die gesamte Windversorgung durcheinander, sodaß sich ein Folgefehler an den nächsten reihte: Pfeifenkerne mussten aufgetrennt, Aufschnitte verkürzt und die Kernspalten verändert werden. Zudem ging man damals von der unzutreffenden Annahme aus, dass der hohe Winddruck der Orgel vor dem Krieg nicht auf die schnitgersche Konzeption zurückging. Als Folge davon setzte man den Winddruck deutlich herab, sodass die Pfeifen zum Teil nicht mehr ansprachen. Als weitere Folge davon wurden einige Diskantpfeifen einen halben bis ganzen Ton höher auf die Windladen gesetzt und die Pfeifen teilweise erheblich verkürzt. Dieser Umstand wurde durch Zufall entdeckt, als auf den Pfeifen ausgeriebene, originale Tonbezeichnungen wieder sichtbar gemacht werden konnten.
Alsbald wurden die Schwächen immer spürbarer, sodass man 1986 an Jürgen Ahrend den Auftrag vergab, die Orgel mit Ausnahme einiger späterer Veränderungen durch Johann Jakob Lehnert wieder in den Zustand von 1693 zu versetzen. Ahrend hatte sich zuvor schon mit anerkannten Restaurierungen anderer Orgeln von Huß und Arp Schnitger einen internationales Renomée erworben.
Zunächst wurde jede historische Pfeife vom Groninger Orgelexperten Cor Edskes nach etwa 30 Merkmalen beschrieben, um die Restaurierung auf möglichst sichere Grundlagen zu stellen. Das Ergebnis war eine Datensammlung von mehr als 60.000 Einzeldaten.
Der Spieltisch wurde nach einem originalen Vorbild Schnitgers, welches heute in der St.-Annen-Kirche in Lübeck ausgestellt ist, rekonstruiert. Dabei war von besonderer Bedeutung, dass man kurz zuvor auf dem Dachboden über der Kirche die originalen schnitgerschen Registerschilder wiedergefunden hatte, die allerdings ohne Substanzverlust nicht restauriert und daher lediglich als Kopien Aufnahme in die Restaurierung finden konnten.
Die großen, bleiernen Zungenbecher der Posaune 32' konnten konstruktionsbedingt ihr eigenes Gewicht nicht tragen und waren im Laufe der Zeit zusammengesunken. Sie wurden vorsichtig wieder gerichtet mit stützenden Kupfermanschetten versehen. Die Prospektpfeifen, darunter der Prinzipal 32', wurden neu gegossen und dem schnitgerschen Orgiginal entsprechend mit aufgeworfenen Rundlabien versehen. Dazu musste Jürgen Ahrend eigens die Decke seiner Werkstatt öffnen. Es stellte sich zunächst das Problem, dass die Legierung des Metalls der Prospektpfeifen unbekannt war. Dabei kam den Restauratoren der Zufall zur Hilfe: Auf einer alten Innenpfeife entdeckten sie einen Flicken, von dem man annahm, dass er ein Abfallprodukt der alten Prospektpfeifen sein könnte, was normalerweise beim Stimmen solch großer Pfeifen ohne weiteres entsteht. Dieser wurde analysiert und ergab eine Legierung aus fast reinem Zinn, die beim Neuguß der Prospektpfeifen verwendet wurde.
Des Weiteren waren nach dem Zweiten Weltkrieg die Stöcke der originalen Windladen aufgetrennt und in veränderter Anordnung wiederaufgebaut worden, ein Umstand, der von den Restauratoren in mühevoller Kleinarbeit unter größtmöglicher Wahrung der historischen Substanz rückgängig gemacht wurde. Anhand der Abmessungen der Windladen und der Mensuren der Pfeifen konnte auch der originale Winddruck rekonstruiert werden. Die Pfeifen wurden bei der Restaurierung 1990 - 1993 wieder angelängt und auf die originalen Positionen gebracht.
Schließlich wurde das Schnitzwerk restauriert, Fehlendes ergänzt und mit Blattgold neu vergoldet, darunter auch die Schleierbretter, die Engelsfiguren auf dem Rückpositiv, die Davidsstatue und die Engelsputten am Hauptwerk.
Die Gesamtkosten betrugen fünf Millionen Deutsche Mark. Anhand der organologischen Befunde und der handwerlichen Erfahrung des Restaurators geht man heute im Allgemeinen davon aus, dass der heutige Klang weitestgehend, soweit man über die Orgel eben selbst den Klang bestimmen kann und soweit dieses Ziel denn erreichbar ist, dem der Zeit Schnitgers entspricht.
Abstriche vom ?historischen Klang? wird man sicherlich insoweit machen müssen, als zu der Zeit Schnitgers die Kirche mit wesentlich mehr Holzbauten ausgestattet war, was den heute vereinzelt als zu hart empfundenen Klang der Orgel ganz anders aufnehmen konnte. Auch wird die Verlegung neuer Fußbodenplatten seinen Beitrag dazu geleistet haben, dass die Akustik der Kirche heute eine ganz andere ist als seinerzeit. Am schwersten wiegt wohl der Einbau einer Trennverglasung in die Arkaden zum Seitenschiff hin, der (insbesondere den tiefen Tönen) ihren Resonanzraum nimmt.
Technisch gesehen hat man wohl ? genauso wie die Frauenkirche in Dresden unbestreitbar eine neue Kirche ist ? unbestreitbar eine neue Orgel mit schnitgerschem Pfeifenbestand vor sich. Die Konzeption der historisch getreuen Restaurierung rechtfertigt dies mit dem alten Pfeifenbestand, der nach dieser Ansicht nicht anders hätte gewürdigt werden können.
Der Umstand, dass der Klang der Orgel vor ihrer Restaurierung mit dem Klang nach der Restaurierung denkbar wenig gemein hatte, hatte nach dem Abschluss der Restaurierung neben viel Anerkennung auch heftige Debatten ausgelöst: Nach der Auffassung einiger Kritiker ist die Intonation zu hart und grell; mit der Rückführung auf den Stand von 1693 sei ein zu harter Schnitt vollzogen worden, der der immerhin 300-jährigen, durchaus komplexen baugeschichtlichen Entwicklung der Orgel nicht gerecht geworden sei. Beispielsweise hätte der Spieltisch auch nach der Restaurierung durch Geycke konzipiert werden können, was nach allgemeinen Maßstäben durchaus als historisch gegolten hätte.
Das hierbei wohl umstrittenste Thema war die Wahl der Temperierung (des Stimmsystems) der Orgel, welche hier modifiziert mitteltönig gestaltet wurde. Während der Orgelbauer die Rückführung auf reine Mitteltönigkeit vertrat, was bedeutet hätte, dass ein guter Teil der Orgelliteratur vor Johann-Sebastian Bach bereits undarstellbar gewesen wäre, vertrat der amtierende Organist die gleichsam unter historischen Gesichtspunkten vertretbare Auswahl einer wohltemperierten historischen Stimmung, etwa nach Alkmaar oder Werckmeister III.
Die hier vorliegende Lösung ist ein ? nach zähen und überaus kontrovers geführten Debatten gefundener ? Kompromiss und ? wohl bewusst ? nicht historisch. Wenn der Befund zutreffend ist, dass Schnitger die Orgel rein mitteltönig gestimmt geliefert hatte, was seinerseits nicht ohne Widerspruch geblieben ist, so hätte er eine Stimmung gewählt, die der damals bereits veröffentlichten Literatur eines Bruhns oder Buxtehude nicht gerecht werden konnte. Zudem stellen andere ungleichschwebende Temperierungen durchaus die Reize fast reiner Terzen bzw. Quinten dar, ohne aber wiederum die Härten der Ausgleichsintervalle (bsw. der Wolfsquinte) zu hart ausfallen zu lassen. Derzeit behilft man sich zur Vermeidung von Härten mit der Transposition, d.h. der Darstellung von Orgelliteratur in anderen als den originalen Tonarten. Die (durchaus reversible) Entscheidung der Wahl der Temperierung könnte jedoch unter Umständen in näherer Zukunft wieder zur Disposition stehen, was wiederum deutlich macht, wie vertretbar hier auch andere Lösungen gewesen wären.
Insgesamt wurde die Leistung Ahrends international als besonders herausragend bezeichnet. Mag die Dauerhaftigkeit der getroffenen Maßnahmen erst in 15 bis 20 Jahren vollends zutreffend beurteilt werden können, die herausragende Leistung und der handwerkliche Umgang Ahrends mit dem gefährdeten historischen Material zu dessen Rettung ist auch von seinen Kritikern anerkannt und gewürdigt worden.
Disposition
Nach der Restaurierung 1993:* Koppeln: Brustpositiv / Werck, Oberpositiv / Werck
Literatur
*Karl-Heinz Göttert, Eckhard Isenberg: Orgelführer Deutschland. Bärenreiter, Kassel 2001, ISBN 3-7618-1347-3
*Heimo Reinitzer (Hg.), Die Arp Schnitger-Orgel der Hauptkirche St. Jacobi in Hamburg, Christians Verlag

