Armut
Armut bezeichnet den Mangel an Chancen, ein Leben zu führen, das gewissen Minimalstandards entspricht.
Die Maßstäbe und die Vorstellungen über die Ursachen von Armut sind örtlich und zeitlich sehr verschieden. Die WHO definiert Armut beispielsweise anhand des Verhältnisses des individuellen Einkommens zum Durchschnittseinkommen im Heimatland einer Person. Danach sei arm, wer monatlich weniger als die Hälfte des aus der Einkommensverteilung seines Landes berechneten Medians zur Verfügung hätte. Für die OECD Länder und die Europäische Union ist die Armutsschwelle in gleicher Weise definiert.
In Deutschland lag nach der abweichenden Definition der Europäischen_Union (60 % des mittleren Einkommens) die Armutsgrenze für einen Alleinstehenden im Jahr 2003 bei einem monatlichen Einkommen von 938 Euro.
Thomas von Aquin definierte im Mittelalter alle diejenigen als arm, die keine Rücklagen für Zeiten der Erwerbslosigkeit, für Arbeitsunfähigkeit, für Not- und Teuerungszeiten anlegen konnten, die also "von der Hand in den Mund lebten".
Daneben können auch andere Merkmale der Armut herangezogen werden, zum Beispiel, ob der Haushalt genügend Geld für Heizung, regelmäßige Mahlzeiten, ausreichende Kleidung und andere lebensnotwendige Dinge hat.
Im theoretischen Grundverständnis unterscheiden sich
* ökonomische Konzepte, die Armut als Mangelversorgung mit materiellen Gütern und Dienstleistungen verstehen
von
*soziokulturellen Konzepten, die auch nichtmaterielle Bedürfnisse thematisieren. So wird im Hinblick auf die ungleiche Verteilung von Bildungstiteln und Bildungskompetenzen inzwischen auch von absoluter und relativer Bildungsarmut gesprochen.
Arten von Armut
Man unterscheidet im Allgemeinen zwischen mehreren Kategorien, insbesondere
absolute, relative und transitorische Armut.
Absolute Armut
Um einen Überblick über die Probleme der Entwicklungsländer zu ermöglichen, hat der Präsident der Weltbank, Robert Strange McNamara, den Begriff der absoluten Armut eingeführt. Er definierte absolute Armut so:
:?Armut auf absolutem Niveau ist Leben am äußersten Rand der Existenz. Die absolut Armen sind Menschen, die unter schlimmen Entbehrungen und in einem Zustand von Verwahrlosung und Entwürdigung ums Überleben[http://www.taz.de/pt/2002/06/11/a0118.1/text definitionen: Was ist Hunger? (taz vom 11.6.2002, S. 3)] kämpfen, der unsere durch intellektuelle Phantasie und privilegierte Verhältnisse geprägte Vorstellungskraft übersteigt.?
Weltweit leiden fast 1 Milliarde Menschen (rund 850 Millionen) an Hunger bzw. Unterernährung, darunter 170 Millionen Kinder. Alle 5 Sekunden stirbt ein Kind unter fünf Jahren, insgesamt sterben täglich etwa 100.000, d. h. pro Jahr 30 Millionen Menschen an Unterernährung. Vgl.: [http://www.learn-line.nrw.de/angebote/agenda21/thema/hunger.htm Agenda 21 (Landesinstitut für Schule und Weiterbildung, Soest): Hunger, Unterernährung - Einführung/Überblick - Daten/Zahlen für 2004]
Auch in Wohlstandsgesellschaften existiert absolute Armut, etwa bei Drogenabhängigen oder Obdachlosen (77.000 Obdachlose allein in Nordrhein-Westfalen) oder bei Personen, die aus verschiedenen Gründen nicht in der Lage sind, soziale Sicherungssysteme (zum Beispiel Sozialhilfe) in Anspruch zu nehmen.
Absolute und Relative Armut
Der absolute Armutsbegriff definiert einen Einkommensmangel unterhalb einer festgelegten Existenzgrenze. Ein Beispiel ist das Konzept der Weltbank, welche Armut als Einkommen unterhalb eines Dollars am Tag definiert. Dagegen steht das Konzept der ?relativen Armut?. Hier ist die Bezugsgrenze beispielsweise die Hälfte des Durchschnittseinkommens in Deutschland. So definieren meist Wohlstandsgesellschaften also vom Umfeld her. (Relative Armut kann als Unterversorgung mit materiellen und immateriellen Ressourcen von Menschen bestimmter sozialer Schichten im Verhältnis zum Wohlstand der jeweiligen Gesellschaft bezeichnet werden).
Die sozio-kulturelle Verarmung, der Mangel an Teilhabe an der Gesellschaft durch finanziellen Mangel, sehen Soziologen teilweise als noch gravierendere gesellschaftliche Herausforderung.
Transitorische und strukturelle Armut
Armut kann zeitweise, oder dauerhaft vorhanden sein. Transitorische (vorübergehende) Armut gleicht sich für den Betroffenen im Verlauf der Zeit wieder aus. Dies ist der Fall, wenn zu bestimmten Zeiten die Grundbedürfnisse befriedigt werden können, aber zu anderen Zeiten nicht. Dies kann durch zyklische Schwankungen, wie Zeiten kurz vor der Ernte, oder auch azyklisch, zum Beispiel durch Katastrophen, auftreten.
Dem entgegen steht der Begriff der strukturellen Armut. Die liegt vor, wenn eine Person einer gesellschaftlichen Randgruppe angehört, deren Mitglieder alle unter die Armutsgrenze fallen, ohne große Chancen, in ihrem Leben aus dieser Randgruppe auszubrechen. Ein Beispiel ist die Bevölkerung von Elendsvierteln. In Verbindung damit wird oft von einem Teufelskreis der Armut oder Armutskreislauf gesprochen: die Nachkommen der in struktureller Armut lebenden Menschen werden ebenfalls ihr Leben lang arm sein (zum Beispiel mangelnde sexuelle Aufklärung, die zu frühen Schwangerschaften führt und eine Ausbildung unmöglich macht, aber auch beispielsweise Diskriminierung wegen der Wohnsituation etc.).
Bekämpfte und verdeckte Armut
Manchmal werden auch die Bezieherinnen und Bezieher einer Grundsicherungsleistung (Sozialhilfe, Arbeitslosengeld II, Sozialgeld, Bedarfsorientierte Grundsicherung im Alter und bei Erwerbsunfähigkeit) als arm bezeichnet. Zu dieser so genannten ?bekämpften Armut? kommt noch die ?verdeckte Armut? von Personen, die einen Anspruch auf eine Grundsicherungsleistung hätten, diesen aber nicht geltend machen (siehe auch Dunkelziffer der Armut).
Freiwillig gewählte Armut
Ordensleute der römisch-katholischen_Kirche legen in der Regel ein Armutsgelübde ab. Das verpflichtet sie, auf persönliche Einkünfte und ein eigenes Vermögen zu verzichten. Dieses Gelübde stellt einen der drei evangelischen_Räte dar.
Armutsgrenzen
Die absolute Armutsgrenze ist bestimmt als Einkommens- oder Ausgabenniveau, unter dem sich die Menschen eine erforderliche Ernährung und lebenswichtige Bedarfsartikel des täglichen Lebens nicht mehr leisten können. Die Weltbank sieht Menschen, die weniger als 1 PPP-US-Dollar pro Tag verdienen, als arm an. [http://web.worldbank.org/WBSITE/EXTERNAL/DATASTATISTICS/0,,contentMDK:20399244~menuPK:1504474~pagePK:64133150~piPK:64133175~theSitePK:239419,00.html The World Bank Group: Quick Reference Tables]
Relative Armutsgrenzen beziehen sich auf verschiedene statistische Maßzahlen für eine Gesellschaft (zum Beispiel Durchschnitt oder Median des Einkommens).
Eine in Politik und Öffentlichkeit benutzte Angabe der relativen Armutsgrenze ist dabei 50 % oder 60 % des Durchschnittseinkommens. So wird seit 2001 in den Mitgliedsländern der EU derjenige als arm bezeichnet, der weniger als 60 % des Medians hat. Von Kritikern dieser Festlegung der relativen Armut wird argumentiert, dass sie wenig über den tatsächlichen Lebensstandard der Menschen aussage. Vielmehr ergäben sich Widersprüche bei Anwendung dieser Maßzahl. Wer jetzt weniger als 50 % vom Durchschnittseinkommen zu Verfügung habe, würde auch dann, wenn sich alle Einkommen verzehnfachten, weniger als 50 % vom Durchschnitt haben. Er bliebe also weiterhin relativ arm. Kritisiert wird, dass relative Armutsgrenzen die Armutsproblematik mit der Verteilungsproblematik vermischten.
Gelegentlich wird auch krisitiert, dass der Wegzug oder Vermögensverlust eines Reichen den Durchschnitt senken und daher die relative Armut in einem Land verringern würde, und es umgekehrt zu einer Erhöhung der relativen Armut komme, wenn ohne Veränderungen bei anderen Einkommensbeziehern ein Nicht-Armer sein Einkommen steigern kann. Dieser Kritikpunkt trifft aber hauptsächlich bei der Berechnung der Armutsgrenze mittels des arithmetischen Mittels (Durchschnitt im engeren Sinne) zu, und deutlich weniger, wenn, wie bei der Methode der EU, der Median verwendet wird, da der Median auf extreme Ausreißer nicht so sensibel reagiert wie das arithmetische_Mittel.
Da eine scharfe Trennung zwischen arm und reich praktisch nicht vorkommt, ist für die relative Armutsgrenze auch der Begriff der Armutsrisikogrenze gebräuchlich.
Sowohl absolute wie auch relative Armutsgrenzen sind nicht ohne normative Vorgaben umzusetzen. Weder die Wahl eines bestimmten Prozentsatzes vom Durchschnittseinkommen zur Bestimmung relativer Armut noch die Bestimmung eines Warenkorbes sind wertfrei begründbar. Darum wird über sie in politischen Prozessen entschieden.
Ursachen
Als Hauptursachen von Armut werden genannt:
Kriege und Bürgerkriege,
* politische Strukturen (zum Beispiel Diktatur, ungerechte internationale Handelsregeln),
* ökonomische Strukturen (ungleiche Einkommensverteilung, Korruption, Überschuldung, Ineffizienz, Mangel an bezahlbarer Energie),
Staatsversagen,
* technologische Rückständigkeit,
* Bildungsrückstand,
* Kinder [http://www.dgb.de/presse/pressemeldungen/pmdb/pressemeldung_single?pmid=2547 DGB: Armutsbericht ist Aufforderung zum Handeln, PM vom 02. Mai 2005 zum 2. Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung][http://www.lehrer-online.de/dyn/18.htm Lehrer-online: Armut in Deutschland, Basistexte und ein beispielhaftes Schulprojekt aus Bremen, 29. November 2006][http://zeus.zeit.de/text/2007/01/Argument Marie-Luise Hauch-Fleck: Rechnen, bis es passt / Die Bundesregierung manipuliert das Existenzminimum ? zum Schaden aller Steuerzahler, DIE ZEIT (Nr. 01/2007), 28.Dezember 2006],
Naturkatastrophen,
Epidemien und
* zu starkes Bevölkerungswachstum.
Hier fehlt eine Quelle die beweist, dass in den USA Armut als "gottgewollt" betrachtet wird.
Hauptrisikofaktoren von relativer Armut sind Arbeitslosigkeit und Unterbeschäftigung, auch als Folge fehlender Betreuungsmöglichkeiten für Kleinkinder. Alleinerziehende hatten in Deutschland im Jahr 2003 mit 35,4% das zweithöchste Armutsrisiko. Als Risikofaktoren gelten weiterhin stark ungleiche Einkommensverteilung, Bildungsmangel und chronische Erkrankungen. Bis ins 19. Jahrhundert hinein (in den USA auch heute noch) wurde bzw. wird Armut überwiegend nicht als gesellschaftlich verursacht, sondern als individuell verschuldet oder »gottgewollt« betrachtet.
In Europa setzte sich im Zuge der Industrialisierung und der Auseinandersetzung um die Soziale Frage die Auffassung durch, dass Armut durch staatliche Maßnahmen verringert werden kann. Armutsbekämpfung stand etwa im Vereinigten Königreich am Ausgangspunkt der modernen Sozialpolitik. Inzwischen wird die Wirksamkeit sozialpolitischer Armutsbekämpfung aber in vielen Industrieländern durch neue Erscheinungsformen von Armut in Frage gestellt. Insbesondere hat sich gezeigt, dass auch eine zu hohe Staatsquote zu hoher Arbeitslosigkeit führen kann (insbesondere in Westeuropa).
Ausmaß
Armut weltweit
in Jakarta]]
Nach Angaben der Weltbank hatten im Jahr 2001 weltweit ca. 1,1 Mrd. Menschen (entspricht 21% der Weltbevölkerung) weniger als 1 US-Dollar in lokaler_Kaufkraft pro Tag zur Verfügung und galten damit als extrem arm. (Zum Vergleich: 1981 waren es noch 1,5 Mrd. Menschen, damals 40 % der Weltbevölkerung; 1987 1,227 Mrd. Menschen entsprechend 30 %; 1993 1,314 Mrd. Menschen entsprechend 29 %).
Die größte Zahl dieser Menschen lebt in Asien; in Afrika ist allerdings der Anteil der Armen an der Bevölkerung noch höher. Die Mitglieder der UN haben sich beim Millenniumsgipfel im Jahr 2000 auf das Ziel geeinigt, bis zum Jahr 2015 die Zahl derer, die weniger als 1 US-Dollar am Tag haben, zu halbieren (Punkt 1 der Millenniums-Entwicklungsziele). Nach Angaben der Weltbank vom April 2004 kann dies gelingen, allerdings nicht in allen Ländern. Während durch einen wirtschaftlichen Aufschwung in Teilen Asiens der Anteil der Armen deutlich zurück ging (in Ostasien von 58 auf 16 Prozent), hat sich in Afrika die Zahl der Ärmsten erhöht (in Afrika südlich der Sahara von 1981 bis 2001 fast verdoppelt). In Osteuropa und Zentralasien wurde eine Zunahme der extremen Armut auf 6 Prozent der Bevölkerung errechnet. Zieht man die Armutsgrenze bei zwei US-Dollar pro Tag, gelten insgesamt 2,7 Milliarden Menschen und damit fast die Hälfte der Weltbevölkerung als arm. Die folgende Tabelle gibt eine Rangfolge der 32 ärmsten Länder der Welt, gemessen am Anteil der Bevölkerung mit weniger als 1 US-Dollar pro Tag:
Literatur
* Bundesministerium für Arbeit und Soziales: Lebenslagen in Deutschland - Der 2. Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung. 2005. [http://www.bmas.bund.de/BMAS/Redaktion/Pdf/Lebenslagen-in-Deutschland-De-821,property=pdf,bereich=bmas,sprache=de,rwb=true.pdf Download ohne Zahlen-Anhang / Pdf-Datei 1,8 MB]. - [http://www.bmas.bund.de/BMAS/Navigation/Soziale-Sicherung/berichte,did=89972.html Pressetext dazu, kurz.]
*Edelstein, Wolfgang, "Bildung und Armut: Der Beitrag des Bildungssystems zur Vererbung und zur Bekämpfung von Armut" in: Zeitschrift für Soziologie der Erziehung, Jhrg. 26, (2006), Nr. 2. , S. 120-134
Loccumer Initiative kritischer Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler (Hrsg.): Armut als Bedrohung. Der soziale Zusammenhalt zerbricht. Ein Memorandum. Mit einer Einführung von Oskar Negt Hannover 2002 ISBN 3-930345-35-8
* Mardorf, Silke (2006): Konzepte und Methoden von Sozialberichterstattung. Eine empirische Analyse kommunaler Armuts- und Sozialberichte. Wiesbaden: Verlag für Sozialwissenschaften
* Rügemer, Werner: Arm und reich. 2. Auflage, Transcript Verlag, Bielefeld 2003, ISBN 3-933127-92-0.
Sachs,_Jeffrey: Das Ende der Armut, Siedler Verlag 2005, ISBN 3886808300.
* Wißmann, Hans und Diethelm Michel unter anderem: Armut''. In: TRE 4 (1979), 69-121 (historische, religionsgeschichtliche und theologische Aspekte)
Weblinks
• Link der Armutsbetroffenen in Basel mit Texten über Armut
Fußnote
pdc:Aarmut

