Armonía Somers
Armonía Somers (Pseudonym von Armonía Liropeya Etchepare Locino) (7. Oktober 1914 in Pando, Uruguay; ? 1. März 1994 in Montevideo) war eine uruguayische Schriftstellerin.Leben
Vorbemerkung
Um die Lebensdaten der uruguayischen Autorin kursieren, nicht zuletzt wegen ihrer eigenen Verschleierungstaktik, diverse Gerüchte. So reichen die Angaben um ihr Geburtsdatum in den Literaturgeschichten und Lexika von 1914 bis 1930. Auch das selbstgewählte Pseudonym ?Armonía Somers? sollte dazu beitragen, ihre Identität als Verfasserin eines erotischen Romans (La mujer desnuda, 1950) vor der damals noch sehr puritanisch eingestellten Öffentlichkeit in Montevideo geheimzuhalten, für die das kleine Bändchen einen handfesten Skandal darstellte und die es daher einem männlichen Autor bzw. einer literarischen Avantgardegruppe zuschrieb. In Wirklichkeit führte Armonía Etchepare ein recht unscheinbares bürgerliches Dasein:
Biographie
Geboren in der uruguayischen Provinz als älteste Tochter eines anarchistischen Geschäftsmannes, Pedro Etchepare, und einer tief katholischen Mutter, María Judith Locino, wird sie als einziges Mädchen in die Privatschule eines spanischen Lehrers aufgenommen. 1927 schließt Armonía ihre Grundschulausbildung ab und beginnt an der Lehrerinnenbildungsanstalt in Montevideo zu studieren, damals eine der wenigen Möglichkeiten für Frauen, einen weiterführenden Bildungsgang zu absolvieren. 1933 erhält sie ihr Abschlussdiplom, mit dem ihre erste Karriere als Pädagogin und Erziehungswissenschaftlerin ihren Anfang nehmen sollte. Ein Jahr später nimmt sie ihre Unterrichtstätigkeit auf, die sie durch verschiedene Schulen aller sozialen Milieus führen wird. Nicht zuletzt aufgrund dieser Erfahrungen hat sich die Autorin in ihrer 'offiziellen' Identität später in ihren Fachpublikationen mit Problemen wie der Jugendkriminalität auseinandergesetzt. Denn neben dem enfant terrible Armonía Somers gibt es lange Zeit parallel die bürgerliche Existenz der Armonía Etchepare, die als anerkannte Lehrerin und Wissenschaftlerin wirkt. Im Veröffentlichungsjahr von La mujer desnuda, 1950, wird sie als Delegierte der Biblioteca y Museo Pedagógico del Uruguay zum Interamerikanischen Seminar über Grundschulerziehung zur Organisation der Amerikanischen Staaten OAS und der UNESCO entsandt, einige Jahre darauf zur stellvertretenden Direktorin des Museums ernannt.
Erst 1971, im Alter von 57 Jahren, lässt sie sich in den Ruhestand versetzen und widmet sich von da an nur noch ihrer schriftstellerischen Tätigkeit. Ob die langen Pausen, die bis dahin immer wieder zwischen den Veröffentlichungen ihrer literarischen Werke verstreichen, auf diese Doppelbelastung oder andere, emotionale Faktoren zurückzuführen sind, weiß man bis heute nicht. Nach ihrem stürmischen Debüt hatte Somers bald für den nächsten Skandal gesorgt, mit der ebenfalls Anstoß erregenden Titelgeschichte ihres Erzählbandes El derrumbamiento (1953; Der Zusammenbruch), in der sie symbolisch die alte Ordnung von Bigotterie, Puritanismus und Rassismus zusammenbrechen lässt. Als sie das Manuskript in die Druckerei trägt, lernt sie dort deren Direktor, Rodolfo Henestrosa kennen, den sie zwei Jahre später heiraten soll. Trotz der allgemeinen Empörung, die die Geschichte einer Marienstatue hervorruft, die von einem schwarzen Kleinkriminellen aus ihrer erstarrten Jungfernschaft erlöst wird, erhält der Band noch im selben Jahr einen wichtigen Literaturpreis. Die meisten Kritiker finden aber zur damaligen Zeit, in der die Strömung eines engagierten sozialen Realismus die Szene beherrscht, keinen Zugang zu dieser hermetischen, ins Phantastische tendierenden Literatur und kehren allerhand vermeintliche formale Schwachstellen hervor (die sich heute vielleicht als Symptome einer nicht-hierarchisierenden, frei schwebenden weiblichen_Schreibweise lesen lassen würden).
Die sechziger Jahre werden für Armonía Somers ein Jahrzehnt des Reisens in offiziellen Missionen (Frankreich, England, Deutschland, Spanien). 1965, im Erscheinungsjahr ihres zweiten Romans De miedo en miedo (Von Angst zu Angst), bezieht Somers ein Ferienhaus am Strand in der Nähe von Montevideo, das später legendäre 'Somersville'; die übrige Zeit verbringt sie, eingegraben wie ein Höhlenbär, in der ebenfalls mythenumwobenen Wohnung im 16. Stock eines Hochhauses in Montevideo. Aus dieser freiwilligen Einsiedelei kommt sie nur wenige Male anlässlich öffentlicher Auftritte hervor. 1969 veröffentlicht sie einen weiteren Kurzroman, Un retrato para Dickens (Ein Bildnis für Dickens), für den sie den Literaturpreis Premio Intendencia Municipal de Montevideo erhält. Doch Ende des Jahres erkrankt sie an einem rätselhaften lebensgefährlichen Leiden, dem Chylothorax, einer Ansammlung von Lymphflüssigkeit im Brustraum; die langsam Genesende ist körperlich und seelisch erschöpft und kann zunächst ihr literarisches Schaffen nicht wieder aufnehmen, bis sie diese traumatische Erfahrung in ihrem Monumentalroman Sólo los elefantes encuentran mandrágora (1986; Nur Elefanten finden Alraun) verarbeitet.
In den siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts beginnt die internationale Rezeption des Werkes von Armonía Somers, das nun häufig in eine Linie mit Werken des Comte de Lautréamont gestellt wird, der ja ebenfalls in Uruguay gelebt hat. Übersetzungen ins Englische, Französische und Deutsche erfolgen, und 1978 gibt sie einen Erzählband unter dem Titel Muerte por alacrán (Tod durch Skorpion) heraus, in dem sie einige früher erschienene Kurzgeschichten mit neuen kombiniert; über diese Sammlung äußern sich nun auch die etablierten Literaturkritiker in begeisterten Tönen. 1982 macht ihr ihr Ehemann Rodolfo Henestrosa kurz bevor er stirbt ein 'Abschiedsgeschenk' in Form eines kleinen Büchleins, Tríptico Darwiniano (Darwinscher Triptychon), von dem er zu Weihnachten 300 Exemplare drucken lässt; zwei Tage vor seinem Tod kann er es ihr noch überreichen. Ein berührendes Zusammentreffen mit einem jungen Mann, der auf einem Friedhof seine Mutter beweint, löst 1984 die Niederschrift von Viaje al corazón del día (Reise ins Herz des Tages) aus, einer historisch-romantischen Liebesgeschichte, die in der Zeit des preußisch-französischen_Krieges von 1870 spielt. 1986 wird ihr eine große Ehrung mit Vorträgen renommierter in- und ausländischer ForscherInnen in der Nationalbibliothek von Montevideo zuteil ? einer ihrer letzten Auftritte in der Öffentlichkeit. 1988 erscheint die von der Autorin selbst zusammengestellte Anthologie La rebelión de la flor (Aufstand der Blume); darin erzählt Somers auch einiges über die realen Hintergründe diverser Erzählungen. Im März 1994 stirbt sie, fast achtzigjährig, in Montevideo. Nun tatsächlich posthumes Vermächtnis wird das kleine Bändchen El Hacedor de girasoles (Schöpfer der Sonnenblumen), eine Hommage an Jorge Luis Borges, Hieronymus Bosch, Virginia Woolf und Vincent Van Gogh.
Werk
Die makabre Atmosphäre ihrer von Gewalt und Erotik geprägten Texte sowie deren fragmentarische Struktur und hochgradige Intertextualität machen Somers' Werk zu einer schwierigen Lektüre, die sich in keine der gängigen Strömungen einordnen lässt; folglich wird sie auch häufig als ?Steppenwolf? der uruguayischen Literatur bezeichnet. Ihre Schreibweise ist subversiv, innovativ, enthält aber zugleich auch archetypisch-allegorische Elemente wie Anspielungen auf die Bibel und traumhafte Elemente.
Romane
* La mujer desnuda. Montevideo 1950
* De miedo en miedo. Montevideo 1965
* Un retrato para Dickens. Montevideo 1969
* Sólo los elefantes encuentran mandrágora. Buenos Aires 1986
Erzählungen; Novellen und Kurzgeschichten
* El derrumbamiento. Montevideo 1953
* La calle del viento Norte y otros cuentos. Montevideo 1963
* Todos los cuentos, 1953-1967. Montevideo 1967 (2 Bde.)
* Muerte por alacrán. Buenos Aires 1978
* Tríptico darwiniano. Montevideo 1982
* Viaje al corazón del día. Montevideo 1986
* La rebelión de la flor. Montevideo 1988
* El hacedor de girasoles. Montevideo 1994.
Deutsche Übersetzungen
* Die Beerdigung, übers. v. José A. Friedl Zapata, in: Uruguay in Erzählungen der besten zeitgenössischen Autoren. Stuttgart: Horst Erdmann Verlag, 1971.
* Warten auf Polidoro, übers. v. René Strien, in: Strausfeld, Michi (Hg.), Der rote Mond. Phantastische Erzählungen vom Río de la Plata. Frankfurt a.M.: Suhrkamp, 1989, S. 251-256 (= Phantastische Bibliothek, 213).
Sekundärliteratur
Bücher
* Cosse, Rómulo. (Hg.): Armonía Somers, papeles críticos. Montevideo: Librería Linardi y Risso, 1990
* Pfeiffer, Erna: Territorium Frau: Körpererfahrung als Erkenntnisprozess in Texten zeitgenössischer lateinamerikanischer Autorinnen. Frankfurt a.M.: Vervuert, 1998. ISBN 3-89354-098-9
* Rodríguez-Villamil, Ana María: Elementos fantásticos en la narrativa de Armonía Somers, Montevideo:Ediciones de la Banda Oriental 1990 (=Ediciones de la Banda Oriental, 142).
Artikel (chronologisch)
* Rama, Ángel: La insólita literatura de Somers: La fascinación del horror. In: Marcha 1118 (1963)
* Fressia, A./García Rey, José Manuel: Maldición y Exorcismo. Veintiuna preguntas a Armonía Somers. In: Sintaxis 2 (1976), S. 21-28
* Picon Garfield, Evelyn: ?Yo soplo desde el páramo?. La muerte en los cuentos de Armonía Somers. In: Texto Crítico 3, 6 (1977), S. 113-125
* García Rey, José Manuel: Armonía Somers: sondeo intuitivo y visceral del mundo. In: Cuadernos Hispanoamericanos 415 (1985), S. 101-104
* Picón Garfield, Evelyn: Armonía Somers. In: dies.: Women?s Voices from Latin America. Interviews with Six Contemporary Authors. Detroit 1985, S. 29-51
* Campodónico, Miguel Ángel: Homenaje a Armonía Somers. In: Revista de la Biblioteca Nacional (Montevideo) 24 (1986), S. 45-61
* Araújo, Helena (1989), Armonía Somers. El derrumbamiento. In: dies., La Scherezada Criolla. Ensayos sobre Escritura Femenina Latinoamericana. Bogotá: Universidad Nacional de Colombia, S. 75-81
* Varderi, Alejandro (1991), Armonía Somers: De la mujer y del amor, lo grotesco. In: Monographic Review/Revista Monografica (Odessa, TX), No. 7, S. 227-35
* Agosín, Marjorie (1992), La mujer desnuda o el viaje decapitado: Un texto de Armonía Somers. In: Revista Interamericana de Bibliografía (Washington), V. 42, No. 4, S. 585-589
* Biron, R.E.: Armonia Somers 'El despojo': Masculine Subjectivity and Fantasies of Domination. In: Latin American Literary Review 21,42 (1993), S. 7-20
* Zanetti, Susana: La dorada garra de la lectura en 'Sólo los elefantes encuentran mandrágora' de Armonía Somers. In: Lateinamerika-Studien: Culturas del Río de la Plata (1973-1995). Frankfurt am Main, 1995, Bd. 36, S. 453-464. Pérez de Medina, Elena: Sobre Armonía Somers. In: Noé Jitrik (Hg.): Atípicos en la literatura latinoamericana Buenos Aires, Oficina de Publicaciones, Ciclo Básico Común, 1997, S. 27-35
* Zanetti, Susana: Literatura y enfermedad en 'Sólo los elefantes encuentran mandrágora' de Armonía Somers. In: Noé Jitrik (Hg.): Atípicos en la literatura latinoamericana. Buenos Aires, Oficina de Publicaciones, Ciclo Básico Común, 1997 S. 47-56
* Olivera-Williams, María Rosa: Entre el y ella : J. C. Onetti y Armonía Somers desde sus cuentos. In: Revista de crítica literaria latinoamericana. Lima 1997, Año 23, Nr. 46, S. 211-224
* Alejandra M. Mailhe: El cuerpo como espacio de subversión fantástica en 'Solo los elefantes encuentran mandrágora' de Armonía Somers. In: Mora: revista del Instituto Interdisciplinario de Estudios de Género. Buenos Aires, 2000, Nr. 6, S. 120-126
* Montoro Martínez, Noelia: La mujer desnuda: metamorfosis por decapitación'. In: Anales de Literatura Hispanoamericana'' 34 (2005), S. 217-234.
Weblinks
• Artikel von Montoro Martínez (Spanisch)
• Einige Texte von Armonía Somers (Spanisch)
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