Francesco Arcangeli (Winckelmann-Mörder)
Francesco Arcangeli (* um 1730 im toskanischen Dorf Campiglio di Cireglio bei Pistoia; ? 1768 in Triest) war der Mörder von Johann Joachim Winckelmann.Der Koch Francesco Arcangeli wäre wohl auch als Mörder heute völlig unbekannt, wenn das Opfer seiner Tat vom 8. Juni 1768 in Triest nicht der bekannte Archäologe und Kunstschriftsteller Johann Joachim Winckelmann gewesen wäre. Zur Tatzeit war Arcangeli etwa 38 Jahre alt.
Tathergang
Schon vor dem Mord an Winckelmann war Arcangeli straffällig geworden u.a. wegen Diebstahls an seinem Dienstherrn in Wien. Er durfte sich danach nicht in österreichischen Territorien aufhalten, wozu Triest allerdings damals gehörte. Winckelmann saß gewissermaßen in Triest fest, weil er kein Schiff für die Überfahrt nach Venedig bekam. Bei der Suche war ihm Arcangeli behilflich.
Arcangelis war Winckelmanns Zimmernachbar im Hotel Osteria Grande in Triest. Winckelmann freundete sich mit ihm an und zeigte ihm Gold- und Silbermünzen, die er von Kaiserin Maria Theresia geschenkt bekommen hatte. Durch den Anblick der Münzen motiviert, versuchte Arcangeli zunächst, sein Opfer mit einem Seilstück zu erwürgen. Als das nicht gelang, weil Winkelmann doch relativ kräftig war, stach er ihn mit sieben Messerstichen nieder.
Winckelmann starb etwa sechs Stunden nach dem Anschlag und konnte so den Behörden noch entsprechende Angaben zu dem Geschehenen machen.
Arcangeli versuchte sich einer Verhaftung durch Flucht zu entziehen, wurde jedoch ergriffen. Nicht nur auf Winckelmanns Aussagen, die trotz seiner lebensgefährlichen Verletzungen eine erstaunliche Klarheit aufweisen, und auf Indizien wie blutige Schnur und Messer, sondern auch auf zahlreiche Zeugenaussagen konnten die Behörden bei der Aufklärung zugreifen. Dabei kam es zu Wiederholungsbefragungen sowohl des Angeklagten als auch der Zeugen. Arcangeli selbst, der mehrfach auszusagen hatte, sagte ? wenigstens den Akten zufolge ? mehrmals die Unwahrheit, da er auf eine Strafmilderung hoffte. Er versuchte sogar, die Schuld auf Winckelmann selbst abzuwälzen, weil der ihm durch das Zeigen der Münzen erst den Gedanken der Tat eingegeben habe. Die Behörden versäumten auch nicht, die Todesursache durch gerichtsmedizinische Gutachten von mehreren Sachverständigen einzuholen. Fünf der sieben Messerstiche auf dem Körper Winckelmanns waren den Gutachten der Sachverständigen zufolge als lebensgefährlich eingestuft und als ursächlich für seinen Tod angesehen worden.
Winckelmann wehrte sich so heftig, dass zudem auch seine beide Hände verletzt wurden, weil er ? den Gutachten zufolge ? wiederholt in das Messer griff, um es von seinem Körper abzuweisen.
Nachdem die Behörden nach einer für damalige Verhältnisse äußerst akribischen Untersuchung Arcancelis Schuld zweifelsfrei erwiesen hatten, wurde er zum Tode verurteilt und noch im selben Jahr in Triest öffentlich durch Rädern hingerichtet.
Überlieferung
Die Mordakte zu Winckelmann, durch die wir detailliert über diesen Hergang unterrichtet sind, wurde erst 1963 durch Cesare Pagnini wiederentdeckt. Neben dieser Mordakte gibt es ein Testament Winckelmanns, das er aber verletzungsbedingt nicht durch eigene Hand niedergeschrieben hatte.
Bereits Domenico Rossetti hatte etwa 40 Jahre nach dem Mord um Akteneinsicht gebeten, um eine detailgetreue Schilderung dieses Vorfalles geben zu können, und diese auch erhalten. Seine Schilderungen von Winckelmanns letzter Lebenswoche anhand der Triester Gerichtsakten liegen gedruckt vor. In Rossettis Schilderung gewinnt der Tod Winckelmanns selbst im Spiegel der Faktenlage der Gerichtsakten geradezu Züge eines tragischen Heldenepos. Rossetti ist es auch im hohem Maße mit zu verdanken, dass Winckelmann nicht der Vergessenheit anheimgefallen ist. Schnell nach der Tat war Winckelmann in Triest vergessen, so daß nicht mehr bekannt war, wo sein Grab stand. Johann Gottfried Seume kam 1802 auf seinem "Spaziergang nach Syrakus" hier an und übernachtete zufällig in dem Hotel, wo Winckelmann ermordet wurde. Auf Winckelmann ging er mit keinem Wort ein.
In der umfangreichen Winckelmann-Literatur sind im Laufe der bald 250 Jahre zahlreiche verschiedene Erklärungen zu den Motiven des Mordes erörtert worden. Die Spekulationen über die Hintergründe des Mordes sind seither nie verstummt, obwohl die äußeren Fakten bekannt sind. Immer wieder wurde darüber spekuliert, ob es sich um Raubmord, eine Auseinandersetzung unter Homosexuellen, einen Mord in diplomatischen Angelegenheiten, einen Auftragsmord der Jesuiten oder gar von konkurrierenden Archäologen gehandelt habe. Bei den letzteren denkbaren Möglichkeiten wäre er also als deren Handlanger tätig geworden. Es bestritt Hein van Dolen, Mord in Triest. Der Tod von Johann Joachim Winckelmann (1717-1768) aus einer neuen Sicht. (= Akzidenzen; Band 10; Winckelmann-Gesellschaft; Stendal; 1998)
gar, daß es Winckelmann gewesen sei, der in Triest umgebracht wurde. Wer war der Ermordete denn dann? Dazu gibt Dolen selbst keine plausibel erscheinende Antwort. Dolen äußert (S. 46 f.) gar die Vermutung, dass Winckelmann dem Kaiser und der Kaiserin zum Zeitpunkt unmittelbar nach seiner Ermordung nicht mehr bekannt war. Das klingt indes nicht sehr glaubhaft. Als wahrscheinlich darf allerdings wohl weiterhin die Standardinterpretation als Raubmord gelten.
Literatur
*Domenico de Rossetti: Johann Winckelmann's letzte Lebenswoche. Ein Beitrag zu dessen Biographie. Aus den gerichtlichen Originalacten des Kriminalprozesses seines Mörders Arcangeli. Hrsg. von Dom. v. Rossetti. Mit einer Vorrede von Böttiger und einem facsimile Winckelmann's. Dresden 1818
*Domenico de Rossetti: Il sepolcro di Winckelmann in Trieste. Venedig 1823
*Cesare Pagnini (Hrsg.): Mordakte Winckelmann: die Originalakten des Kriminalprozesses gegen den Mörder Johann Joachim Winckelmanns (Triest 1768), aufgefunden und im Wortlaut des Originals in Triest 1964. Übersetzt und kommentiert von Heinrich Alexander Stoll. Akademie-Verlag Berlin 1965 (Italienische Ausgabe: Gli atti originali del processo criminale per l'uccisione di Giovanni Winckelmann 1768. 1964)
*Franco Farina: Endpunkt Triest. Leiden und Tod von Johann Joachim Winckelmann. (= Akzidenzen; Band 5). Winckelmann-Gesellschaft, Stendal 1992 (belletristische Bearbeitung des Themas)
*Hein van Dolen: Mord in Triest. Der Tod von Johann Joachim Winckelmann (1717-1768) aus einer neuen Sicht. (= Akzidenzen; Band 10). Winckelmann-Gesellschaft, Stendal 1998
* Mathias Schmoeckel: Fiat Iustitia! Thema und Variationen über einen Mord in Triest'', Stendal 2005; Akzidenzen 15, Flugblätter der Winckelmann-Gesellschaft, Herausgegeben von Max Kunze, ISBN: 3-910060-71-4
Weblinks
• Sehr gute Quellenbelege!

