Apostelkonzil
Das Apostelkonzil (auch Apostelkonvent genannt) in Jerusalem war eine Zusammenkunft der Apostel der Jerusalemer Urgemeinde mit Paulus von Tarsus und seinen Begleitern. Dort wurde um das Jahr 48 die für das Urchristentum zentrale Entscheidung über die Heidenmission getroffen. Es wurde verbindlich anerkannt, dass die Taufe zur Aufnahme in die Heilsgemeinschaft genügt und Heiden sich nicht erst beschneiden lassen müssen, um Christen werden zu können.Die Texte des Neuen_Testaments stellen das Ergebnis jedoch verschieden dar: Nach Paulus wurde nichtjüdischen Christen die Einhaltung der jüdischen Tora ganz erlassen, nach Lukas wurde ihnen weiterhin die Einhaltung einiger Ritualgesetze empfohlen. Darum gab es auch danach Konflikte.
Quellen
Berichte über das Konzil finden sich zum einen im , entstanden um 90.
Paulus verteidigt sich in seinem Brief gegen Unterstellungen durch seine theologischen Gegner. Im Zusammenhang der Darstellung seiner Besuche in Jerusalem kommt er dabei auf den Apostelkonvent zu sprechen und legt Wert auf die Feststellung, dass er von den Leitern der Urgemeinde in Jerusalem einvernehmlich Zustimmung zu seiner Position der heidenchristlichen Freiheit vom jüdischen Gesetz erhalten hat.
In der Apostelgeschichte wird in erbaulicher Weise der Weg des christlichen Glaubens von den Anfängen in Jerusalem bis zur Ankunft in Rom, dem Zentrum der damaligen Welt, beschrieben. Auch hier werden die Besuche des Paulus in Jerusalem erwähnt. Im Zusammenhang mit dem dritten Jerusalembesuch wird dabei eine Zusammenkunft mehrerer Christen dargestellt, bei der es um die Frage der Einhaltung jüdischer Vorschriften durch Heidenchristen ging.
Datierung
Paulus weist darauf hin, dass er nach 14 Jahren (tatsächlich: 13, da das Anfangsjahr mitgezählt wurde) Jerusalem zum zweiten Mal in seiner Zeit als bekehrter Christ besucht habe (). Bei einer vermutlichen Ansetzung seiner Bekehrung vor Damaskus auf die frühen 30er Jahre fällt der Apostelkonvent also in die Mitte der 40er Jahre. Zu ähnlichen Ergebnissen gelangt man, wenn man sich die Angaben der Apostelgeschichte anschaut: Laut ging dem Konzil der Tod des Barnabas sollen sie noch vor dem Tod des Agrippa nach Jerusalem überbracht haben (). Dieser Besuch wird dann mit der von Paulus beschriebenen Reise zum Konzil gleichgesetzt. Andere Exegeten setzen den Konvent erst in die frühen 50er Jahre an, weil Paulus in Jerusalem eine Position vertreten habe, die er nur im Verlauf seiner Griechenland-Mission erarbeitet haben könne. Diese Exegeten lehnen die Apostelgeschichte als historische Quelle vollständig ab.
Einzelne Exegeten (siehe Literatur) führen die Unstimmigkeiten zwischen beiden Texten auf zwei verschiedene Treffen zurück: Der Galaterbrief könnte ein früheres, Apg 15 ein weiteres Zusammentreffen des Paulus mit den Vertretern der Urgemeinde darstellen. Damit ließe sich auch der in beschriebene erneute Konflikt nach dem (nun ?ersten?) Treffen mit den Ereignissen, die als Auslöser des (nun ?zweiten?) Konzils darstellt, gleichsetzen. Diese These vermag jedoch nicht zu erklären, weshalb Lukas die von Paulus als einschneidend beschriebene Entscheidung für die Heidenmission, Paulus den Kompromiss verschwiegen haben sollte.
Der Neutestamentler Urchristentum in Jerusalem bestand nach von Anfang an aus Gesetz, die bald zu Konflikten führten.
Vorher gab es schon Konflikte um die Witwenversorgung der Hellenisten, die mit der Wahl von sieben Diakonen gelöst wurden. Doch wegen seiner Tempelkritik wurde ihr mutmaßlicher Anführer Stephanus von den sadduzäischen Tempelpriestern angeklagt und gesteinigt. Danach wurden seine Anhänger verfolgt und flohen aus Jerusalem. An ihrer Verfolgung war nach auch der Pharisäer Paulus von Tarsus beteiligt.
Eine Folge ihrer Vertreibung war die Heidenmission in umliegenden Gebieten, wo nun auch Nichtjuden zum Glauben an Jesus Christus gewonnen wurden. So entstanden christliche Gemeinden in Samaria, Syrien, Zypern und Kleinasien. Eine weitere Konsequenz war die räumliche Trennung der ?Judaisten" von den ?Hellenisten" innerhalb der Jerusalemer Urgemeinde. Aus dem Miteinander wurde ein Nebeneinander, verbunden mit verschiedenen theologischen Positionen besonders zum jüdischen Ritualgesetz.
Die Gemeinde in Jerusalem verstand Christsein als Zugehörigkeit zum ?wahren? bzw. ?erneuerten? Gottesvolk der Endzeit, abgebildet durch die Zwölfzahl der Apostel. Insofern wollte sie ein Teil des Judentums bleiben und achtete dessen Reinheitsgebote und Gebräuche einschließlich Beschneidung, Speisegeboten und Opfern im Jerusalemer Tempel, dem Versammlungsort der ersten Christen. Für das palästinische Urchristentum war Jesus keineswegs gekommen, um die Tora aufzuheben, sondern zu erfüllen und so für seine Nachfolger erfüllbar zu machen ().
Daraus folgerten einige Judenchristen, dass ein Christ, der an Jesus als den Messias Israels glaubt, sich beschneiden lassen müsse, um an der Erwählung des Gottesvolks und seinen Verheißungen Anteil zu erhalten. Damit war traditionell die Verpflichtung zum Einhalten aller Toragebote verbunden. Diese Auffassung vertraten wohl vor allem Christen aus der näheren Umgebung Jesu, die den Pharisäern nahestanden.
Neben dieser Gruppe, die Paulus wie sich selbst vor seiner Bekehrung als ?Eiferer für das Gesetz? sah, gab es vermittelnde Positionen, die von Petrus und vor allem von Jesu ältestem Bruder Jakobus_dem_Gerechten vertreten wurden. Dieser wurde nach Jesu Tod Apostel und gewann danach wohl bald eine Führungsrolle in der Urgemeinde. Er genoss hohes Ansehen wegen seiner Toratreue und galt als unbestrittene moralische Autorität, wie der ihm zugeschriebene Jakobusbrief zeigt.
Auf der anderen Seite scheinen die hellenistischen Gemeinden das jüdische Gesetz nur noch als moralischen Maßstab anerkannt zu haben und befolgten offenbar weder Beschneidung noch Tempelkult oder Speisegesetze. Das war wohl der Anlass für weitere Christenverfolgungen durch Herodes Agrippa, der sich damit beim sadduzäisch dominierten Sanhedrin beliebt machen wollte (). Das brachte die judenchristliche Gemeinde in Jerusalem in ein Dilemma. Denn wenn sie zu ihren christlichen Brüdern stehen würden, setzten sie sich ebenfalls der Verfolgung aus und galten als Verräter des Judentums, das sie liebten und als ihre Heimat ansahen.
Die Reisen der verschiedenen Apostel zu den neuen Gemeinden brachten dort immer wieder Konflikte um die Torabefolgung auf die Tagesordnung. Der Kristallisationspunkt, mit dem die christliche Gemeinschaft mit den griechischen Christen stand oder fiel, war das gemeinsame Essen. Hier waren speziell die Speisegebote eine große Hürde.
Paulus spitzte den Konflikt zusätzlich zu: Denn seit seiner Bekehrung (um Antiochia die Beschneidung verlangten mit der Begründung:
:Wenn ihr euch nicht beschneiden lasst nach der Weise des Mose, dann könnt ihr nicht selig werden.
Man nimmt an, das sie mit denen ?aus den Juden? identisch waren, die schon Simon Petrus wegen seiner ersten Taufen und Tischgemeinschaft mit Heiden zur Rede gestellt hatten (), und offenbar die Position des Jakobus vertraten (). Daraufhin habe die Gemeinde Paulus und Barnabas nach Jerusalem gesandt, um den Rat und die Entscheidung der Jerusalemer Apostel einzuholen ().
Verlauf und Entscheidung
Darstellung im Galaterbrief
Paulus verstand das Treffen nicht nur als Lösung eines praktischen Problems, die Wiederherstellung von Mahlgemeinschaft zwischen Juden- und Heidenchristen, sondern als Entscheidung über die Wahrheit seines Evangeliums, also seines Glaubens und seines Verkündigungsauftrags. Denn obwohl er den Auftrag zur Heidenmission direkt auf seine individuelle Erfahrung Jesu Christi zurückführte und nach eigenem Bekunden schon lange unabhängig von den übrigen Aposteln gewirkt hatte, ging es nun für ihn darum, dafür ihre Bestätigung zu erhalten: damit ich nicht etwa vergeblich liefe oder gelaufen wäre ().
Er stellt sich selbst als Wortführer der Verhandlung dar, ohne einen Auftrag als Abgesandter heidenchristlicher Gemeinden und seinen Begleiter Barnabas zu erwähnen. So sei es seinen ?falschen Brüdern?, die sich ?hineingedrängt? und ?eingeschlichen? hätten, um seine christliche Freiheit ?auszuspionieren?, nicht gelungen, ihn auch nur eine Stunde lang in die Defensive zu drängen (). Vielmehr hätten ihm alle, die zwar nicht vor Gott, aber innerhalb der Urgemeinde das ?Ansehen? und Sagen hatten ? Paulus nennt nur die drei ?Säulen? Jakobus, Petrus (Kephas) und Titus, ein gebürtiger Grieche, sei zur Beschneidung gezwungen worden (). Sie hätten vielmehr erkannt, dass seine Missionserfolge denen des Petrus ebenbürtig seien und ihm daraufhin per Handschlag versichert, dass er und Barnabas das Recht hätten, das Evangelium unter den Heiden zu verkünden ? offenbar ganz so, wie er es verstand (). Nur der ?Armen? sollten sie gedenken ().
Damit ist jene auch von Lukas () erwähnte Samarien vorbehaltlosen Zuspruch erhalten (). Deshalb seien sie bei ihrer Ankunft von sämtlichen Mitgliedern, Aposteln und Pharisäer aufgetreten, die Christen geworden waren, und hätten die Position der Gegner des Paulus in Antiochia bekräftigt ():
:Man muss sie beschneiden und ihnen gebieten, zu halten das Gesetz des Glauben. Das Einhalten der Tora sei ein Joch, das weder unsre Väter noch wir haben tragen können ().
Im gleichen Sinne soll dann auch Jakobus sein Tanach vor, die Septuaginta, die die galiläischen Anhänger Jesu kaum gekannt haben dürften. Die Rede des Jakobus zitiert daraus und ist rhetorisch und literarisch in hellenistischem Stil gestaltet. Dennoch können diese Reden sehr wohl die damals vertretenen Positionen zutreffend wiedergeben.
Die beiden Versionen spiegeln die verschiedene Deutung des gefundenen Kompromisses (ob auf Papier oder per Handschlag) durch die Beteiligten: Für Paulus war die grundsätzliche Anerkennung der Heidenchristen durch die Jerusalemer zentral, die Einschränkungen fasste er nur als ?Rücksicht auf die Schwachen im Glauben? ohne wesentliche theologische Bedeutung auf. Lukas dagegen hob den Kompromiss hervor, dass die Minimalgebote für die Heiden aufrechterhalten wurden, um mit der Fortgeltung der Ritualgesetze für die Christen die Kontinuität zum Judentum zu bewahren. Damit war zwar vordergründig die Tischgemeinschaft wiederhergestellt, das grundsätzliche theologische Problem aber nicht wirklich behoben, und weitere Konflikte waren vorprogrammiert.
Die Theorie, es habe zwei Treffen gegeben, und die Widersprüche zwischen Paulus und Lukas erklärten sich dadurch, dass sie von unterschiedlichen Zusammenkünften berichteten, konnten sich in der wissenschaftlichen Forschung nicht durchsetzen, es gibt mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede, und die Erklärungen, warum Lukas oder Paulus dann das andere Treffen nicht berichten, sind schwer nachvollziehbar. Die Theorie wird aber nach wie vor von einigen favorisiert, vor allem, wenn die hundertprozentige historische Zuverlässigkeit der biblischen Berichte eine Glaubensüberzeugung darstellt.
Folgen
Dies zeigt Paulus bereits unmittelbar im Anschluss an seine Darstellung des Konzils (): Nach dem Eintreffen der Delegation der Urgemeinde in Antiochia ? die von Jakobus ? habe Petrus, der zuvor die Tischgemeinschaft mit Heiden pflegte, aus Angst vor seinen strengen Brüdern von dieser Abstand genommen. Auch die anderen Judenchristen, sogar Barnabas, hätten sich davon anstecken lassen und ?geheuchelt?. Hier führte der Kompromiss, der doch gerade die Gemeinschaft zwischen Juden und Heiden innerhalb christlicher Gemeinden ermöglichen sollte, offenbar zur Distanz zwischen beiden Gruppen.
Paulus betont, dass er dies nicht hingenommen, sondern Petrus öffentlich zur Rede gestellt habe ():
:Wenn Du als Jude heidnisch lebst und nicht jüdisch [bezogen auf die vorherige Tischgemeinschaft mit Heiden], was zwingst Du dann die Heiden, jüdisch zu leben? (bezogen auf die Auflage der Speisegesetze).
Entweder gab es also diese Auflage aus seiner Sicht gar nicht, oder aber er lehnte sie ab, sobald er die spaltende Wirkung vor Augen hatte.
Im 1. Korintherbrief ( und ) widerspricht Paulus ausdrücklich den Speisevorschriften des Konzils. Im späteren Römerbrief () aber empfiehlt er den Heidenchristen ? hier den ?Starken? im Glauben, die die Untauglichkeit der religiösen Vorschriften für das Heil kennen ?, dennoch um der ekklesiologisch: Die Gemeinden des Urchristentums verstanden sich spätestens von diesem Zeitpunkt an als eine ?herausgerufene? Gemeinschaft (ecclesia) aus Juden und Heiden. Das Verbindende war nicht mehr die Zugehörigkeit zum jüdischen Volk oder das Befolgen der jüdischen Ritualgesetze (die damals die Funktion von identity markers hatten), sondern der Glaube an Jesus Christus, die Taufe und die Teilhabe am Heiligen_Geist. Das Christentum war nun faktisch eine eigene Religion neben dem Judentum, auch wenn der Trennungsprozess zwischen beiden nicht auf diesen einen Punkt reduziert werden kann.
kirchengeschichtlich: Auch wenn die heutige Exegese eher von einem Konvent spricht, kann man diesen als erste Erprobung des Prinzip eines ?Konzils" sehen: Eine für alle bedeutsame innerkirchliche Streitfrage wurde von den Gemeinden im Dialog geklärt und nicht von einer Zentralinstanz entschieden. Dieses Konzilsprinzip blieb auch nach Ausbildung von Zentralinstanzen wie dem Papsttum in allen christlichen Kirchen gültig und findet bis in die Moderne Anwendung.
hermeneutisch: Mit dem Apostelkonzil findet eine Relativierung der Heiligen_Schrift des Judentums, die auch die Schrift Jesu und der Urgemeinde war, statt. Das Neue Testament entstand ja erst viel später, und deshalb war die Torah die einzige Bibel, auf die man sich zu apostolischer Zeit berufen konnte. Obwohl man an ihr festhielt, wurde dem Wirken des Heiligen Geistes eine kritische Funktion zuerkannt. Was Gott (durch seinen Heiligen Geist) für rein erklärt, das soll die Gemeinde (auch nicht unter Berufung auf die Heilige Schrift) nicht für unrein erklären (Apg 10). Dieser Streit um das sogenannte Schriftprinzip beschäftigt die Kirche bis heute - und markiert einen entscheidenden Unterschied zu den anderen Buchreligionen Islam und Judentum, in denen die Schrift selber heilig ist und nicht Mittel zum (heiligenden) Glauben.
dogmatisch: Nicht zuletzt war der Kirche mit dem gefundenen Kompromiss die Aufgabe gestellt, nun genau zu klären, was nun eigentlich den Menschen gerecht, heilig und rein macht. Das Verhältnis von Glauben und Werken, das den Streit in der Reformationszeit prägte, war hier schon als Problemstellung (wenn auch unter ganz anderem Vorzeichen) erkennbar.
Siehe auch
• Urgemeinde]
• Heidenchristen
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Literatur
Hans Conzelmann: Geschichte des Urchristentums, Grundrisse zum Neuen Testament 5, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 61989, ISBN 3-525-51354-2
* Jürgen Wehnert: Die Reinheit des "christlichen Gottesvolkes" aus Juden und Heiden. Studien zum historischen und theologischen Hintergrund des sogenannten Aposteldekrets. Forschungen zur Religion und Literatur des Alten und Neuen Testaments 173. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1997, ISBN 3-525-53856-1
* Holger Zeigan: Aposteltreffen in Jerusalem. Eine forschungsgeschichtliche Studie zu Galater 2,1-10 und den möglichen lukanischen Parallelen''. Arbeiten zur Bibel und ihrer Geschichte 18. Leipzig 2005, ISBN 3-374-02315-0
Weblinks
• Aktuelle Literatur zu Urchristentum und zum Apostelkonzil

