Anneliese Löffler
Anneliese Löffler, geb. Große (* um 1928), war eine deutsche Germanistin und eine der einflussreichsten Literaturwissenschaftlerinnen der ehemaligen DDR.Leben
Ihre Karriere begann Löffler 1946 bei der FDJ-Kreisleitung Großenhain. Ab 1953 war sie auf der SED-Landesparteischule, danach im Zentralvorstand der Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft in Berlin. Nach Abschluss ihres Studiums der Germanistik- und des Marxismus-Leninismus arbeitete sie im Amt für Literatur und war anschließend Oberreferentin und Sektorenleiterin in der Hauptverwaltung Verlage und Buchhandel. Als Aspirantin besuchte sie die Pädagogische Hochschule Potsdam und das Institut für Gesellschaftswissenschaften des ZK der SED in Berlin. Dort promovierte sie 1967 zum Thema ?Zur Struktur des Menschenbildes in der westdeutschen epischen Literatur der Gegenwart 1963-1965?. Danach wurde sie als Chefredakteurin der Literaturzeitschrift Weimarer Beiträge eingesetzt. Auf Veranlassung der ZK-Abteilung Wissenschaft erhielt sie 1972 eine Professur für DDR-Literatur an der Humboldt-Universität in Berlin, da ?nur sie in der Lage sei, ideologisch in diesem Bereich der Humboldt-Universität Ordnung zu schaffen?zit. n. Walther: Sicherungsbereich, S. 697. 1979 wurde sie dort Stellvertreterin des Direktors für Forschung. Ab 1980 war sie nur noch als Honorarprofessorin tätig und arbeitete daneben als freischaffende Rezensentin.
Von Löffler erschienen überwiegend Werkstattberichte und Interviews mit DDR-Autoren, die sie in Literaturzeitschriften wie Neue Deutsche Literatur und Weimarer Beiträge sowie in Buchform veröffentlichte (Auskünfte. Werkstattgespräche mit DDR-Autoren. 1974). Durch ihre zahlreichen Rezensionen, die unter anderem im Neuen_Deutschland (ND) erschienen, gewann sie maßgebenden Einfluss auf die öffentliche Aufnahme und Verbreitung der zeitgenössischen DDR-Literatur. So verriss sie 1985 den ?Hinze-Kunze-Roman? von Volker Braun, der Diderots ?Jacques, der Fatalist? in die damalige DDR verlegt hatte, als ?absurd? und ?anarchistisch?.Neues Deutschland v. 9.10.1985 Löffler betrieb damit auch Selbstverteidigung, taucht sie doch als Frau Professor Messerle selbst in dem Roman auf.
Erst nach Öffnung der Stasi-Archive wurden lange in der DDR-Literaturszene kursierenden Gerüchte bestätigt: Löffler war von 1971 an als IMS Dölbl jahrelang eine der ?Spitzenquellen? des MfS. In dieser Zeit lieferte sie Berichte zu Schriftstellern wie Volker Braun, Adolf Endler, Elke Erb, Franz Fühmann, Stephan Hermlin, Bernd Jentzsch, Heinz Kahlau, Hermann Kant, Rainer Kirsch, Karl Mickel, Ulrich Plenzdorf, Helmut Sakowski, Klaus Schlesinger, Rolf Schneider, Helga Schubert, Gisela Steineckert und zu Wissenschafts-, Verlags- und Redaktionskollegen. Daneben denunzierte sie auch ihre eigenen Studenten. Bei diesen Tätigkeiten beschränkte sie sich nicht darauf, Stasi-Aufträge auszuführen, sondern entwickelte eigene Einsatzkonzeptionen. So bot sie beispielsweise an, den Schriftsteller Martin Stade zum Aushorchen zu sich nach Hause einzuladen. Ihr Führungsoffizier notierte: ?Der IM wird ihn im Verlauf des Gesprächs gut bewirten und nicht mit Alkohol sparen.?zit. n. Walther: Sicherungsbereich, S. 698
Wiederholt war sie auch für die HA XX/7 und die MfS-Untersuchungsabteilung HA IX als ?Gutachterin? tätig, wobei sie in umfangreichen Analysen staatsfeindlichen Tendenzen in Büchern von Hans Joachim Schädlich, Friedrich Dieckmann, Jürgen Fuchs, Christian Kunert, Gerulf Pannach u.a. nachspürte. Im August 1978 empfahl sie, Klaus Poches Roman ?Atemnot? die Druckgenehmigung zu verweigern: ?Eine Veröffentlichung kann nichts nützen, nur schaden. Das Buch ist durch und durch gegen die Realität des Sozialismus, gegen die Machtausübung in unserem Staat gerichtet?. Auch Günter Grass Roman ?Der Butt? wurde durch sie negativ begutachtet. Dagegen lobte sie Harry Thürks Kolportageroman ?Der Gaukler?, in dem in literarischer Verhüllung der sowjetische Dissident Alexander Solshenizyn verleumdet wurde.Zitat ebd., S. 382; zu Grass s. Rolf Köpcke: Die Verarbeitung der Wiedervereinigung Deutschlands im Wende- und Berlin-Roman ?Ein weites Feld? (1995) von Günter Grass ? Die Versuche der Einflussnahme des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) auf ihn. Berlin: Phil. Diss. Freie Universität 2002, S. 148 u.ö.; zu Thürk/Solshenizyn s. Walenski, S. 231-236
Der ostdeutsche Schriftsteller und Literaturwissenschaftler Joachim Walther urteilt in seiner grundlegenden Untersuchung über Schriftsteller und Staatssicherheit scharf über Löffler: Sie habe MfS und Partei primär dazu benutzt, ihre eigene Karriere auf Kosten Anderer voranzutreiben. ?Während ihre personenbezogenen Informationen eindeutig denunziatorischen Charakters sind, geben ihre sachbezogenen Berichte einen Einblick in die Unkultur der Intrige unter Genossen.?zit. n. Walther: Sicherungsbereich, S. 696
Anmerkungen
Literatur
* Joachim Walther: Sicherungsbereich Literatur. Schriftsteller und Staatssicherheit in der Deutschen Demokratischen Republik. Berlin: Ullstein 1999 ISBN 3-548-26553-7
* Petra Boden / Dorothea Böck (Hrsg.): Modernisierung ohne Moderne. Das Zentralinstitut für Literaturgeschichte an der Akademie der Wissenschaften der DDR (1969-1991). Heidelberg: Universitätsverlag Winter 2004
* Tanja Walenski: Gegendiskurse vom Großen Bruder. Die Beziehungen des ?Literatursystems DDR? zur Sowjetunion 1961-1989. Gießen: Phil. Diss. Justus-Liebig-Universität 2006
Weblinks
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• Joachim Walther: Im stinkenden Untergrund. In: SchulSPIEGEL v. 23.09.1996

