Anna von Sachsen
Anna von Sachsen (23. Dezember 1544 in Dresden, ? 18. Dezember 1577 ebenda) war die Tochter des Kurfürsten Moritz_von_Sachsen.Kindheit
Anna wurde am 23. Dezember 1544 zwischen 8 und 9 Uhr morgens als erstes Kind des Kurfürsten Moritz von Sachsen (1521-1553) und seiner Frau Agnes von Hessen (1527-1555) geboren. Sie wuchs als Einzelkind auf, das besonders mütterlicherseits geliebt und verwöhnt wurde. Am 11. Juli 1553 starb ihr Vater und sein jüngerer Bruder, August (1526-1586) übernahm den kurfürstlichen Titel. Annas Mutter heiratete zwei Jahre später erneut. Ihr zweiter Gatte war Herzog_Johann_Friedrich_der_Mittlere_von_Sachsen. Anna lebte von nun an mit zwei Geschwistern ihrer Mutter in Weimar. Normalerweise blieben die Kinder bei ihren Verwandten väterlicherseits. Am 4. November 1555, ein halbes Jahr nach der Hochzeit starb ihre Mutter.
Die 11-jährige Vollwaise lebte nun bei ihren nächsten Verwandten am Dresdener Hof, wo sie sich bei ihrem Onkel August und dessen Gattin, Anna von Dänemark, unglücklich und allein fühlte.
Anna hatte ein längliches Gesicht, spitzes Kinn und krauses Haar. Ihre Schulter war deformiert, sie hinkte. Ihre Charakterzüge wurden mit stolz, trotzig und stur beschrieben. Sie galt als intelligent und leidenschaftlich.
Sie war in ihrer Zeit die reichste fürstliche Erbin in Deutschland. 1556 warb Erik, der Sohn des Schwedischen Königs Gustav Wasa um ihre Hand. Zwei Jahre später warb Wilhelm_von_Oranien um sie. Da sein Vater, Wilhelm_III._von_Nassau-Dillenburg, der 1559 gestorben war, ihm nur einen großen Schuldenberg hinterlassen hatte, war er besonders an einer guten finanziellen Transaktion interessiert. Er wird in der Literatur als ehrgeizig, cholerisch, prunksüchtig und opportunistisch beschrieben. Annas Großvater mütterlicherseits, Philipp_der_Großmütige_von_Hessen, hatte Einwände gegen die geplante Verbindung. Erstens sei Wilhelm von Oranien nur ein Graf und Anna als Kurfürstentochter hätte einen hochrangigeren Gatten verdient, und zweitens sei dieser zu stark verschuldet, als dass er seine zukünftige Braut im Falle seines Todes entsprechend versorgen könne. Durch Philipps ablehnende Haltung verzögerte sich Wilhelms Werbung um ein volles Jahr.
Ehe mit Wilhelm I. von Oranien-Nassau
Am 2. Juni 1561 wurde trotz des Einwandes des Großvaters in Torgau der Ehevertrag geschlossen. Annas Mitgift sollte die hohe Summe von 100.000 Talern betragen. Die Eheschließung fand am 24. August 1561 in Leipzig statt. Am 1. September 1561 trat Wilhelm von Oranien dann mit seiner jungen Gattin die Reise in die Niederlande an, das seit seinem 12. Lebensjahr sein Zuhause war.
Bereits im Jahre 1562 hatten sich die ersten Zwistigkeiten zwischen ihr und ihrem Gatten eingestellt. Die Ehegatten versuchten die bereits entstandenen Gerüchte über ihre unglückliche Ehe als böswillige Verleumdungen hinzustellen, obwohl Anna von ihrem Onkel August zu dieser Zeit schon erste mahnende Briefe erhielt, in denen er seiner Nichte befahl, sich ihrem Gatten gegenüber wohlgefälliger zu benehmen.
Am 31. Oktober 1562 brachte Anna ihr erstes Kind, ein Mädchen, auf die Welt, das jedoch nur wenige Tage am Leben blieb. Ein Jahr später gebar sie am 5. November 1563 ihre Tochter Anna. Am 8. Dezember 1564 folgte ihr Sohn Moritz, der bereits im März 1566 verstarb.
Seit 1565 war es an allen Höfen Deutschlands und in den Niederlanden bekannt, dass es mit Annas und Wilhelms Ehe nicht zum Besten stand. Ihrem Onkel August gegenüber, der sie wie üblich brieflich ermahnte, versuchte Anna sich durch ihr Schreiben vom 9. Februar 1565 zu rechtfertigen, indem sie besonders ihren Schwager Ludwig (1538-1574) als Verursacher ihrer Streitigkeiten mit ihrem Mann anklagte. Seit 1566 beklagte sich schließlich ihr Gatte über das ?zänkische? Wesen seiner Frau bei ihrem sächsischen Onkel August und ihrem hessischen Onkel Wilhelm.
Nach dem Tod ihres Sohnes Moritz im Jahre 1566 stellten sich bei Anna schwere Depressionen und zum erstenmal Selbstmordgedanken ein. Außerdem begann sie, ihren Kummer mit übermäßigem Alkoholkonsum ertränken zu wollen.
1567 musste Wilhelm auf Grund der Glaubenstreitigkeiten mit dem Spanischen Haus Habsburg die Niederlande verlassen und ging mit seiner Gattin nach Dillenburg, dem Stammsitz in Deutschland. Am 14. November 1567 brachte sie dort einen Sohn auf die Welt, der wieder nach ihrem Vater Moritz genannt wurde. Während der Tauffeier, die vom 11.-19. Januar 1568 währte, traf die Nachricht ein, dass die Güter Wilhelm von Oraniens in Burgund am 20. Dezember 1567 beschlagnahmt worden wären und dass er auch seine niederländischen Besitzungen verlieren würde.
Als sich Wilhelm am 15. August 1568 wieder nach Brabant begab, um seinen Krieg gegen die Spanier fortzusetzen, beschloss sie am 20. Oktober 1568, obwohl sie erneut schwanger geworden war, Dillenburg mit ihrem Hofgesinde (vermutlich aus 43 Personen bestehend) zu verlassen, um den Antipathien ihrer Schwiegermutter zu entfliehen und sich in Köln ein neues Zuhause zu schaffen. Ihre beiden Kinder, Anna und Moritz, waren von ihrer Schwiegermutter wegen Seuchengefahr nach Braunfels gebracht worden, so dass sie ohne diese abziehen musste. Um ihre Tochter und ihren Sohn endlich wieder bei sich zu haben, musste sie im nächsten Jahr noch einen heftigen Kampf mit Wilhelms Mutter ausfechten.
Am 4. März 1569 traf sich Anna mit ihrem Gatten in Mannheim. Wilhelms Feldzug gegen Alba war gescheitert. Ferner hatte ihn der spanische König Philipp_II. für geächtet erklären lassen. Damit war er vogelfrei. In dieser Situation zog er es vor, Deutschland und die Niederlande zu verlassen und den Hugenotten in Frankreich bei ihren Glaubenskämpfen zu helfen. Anna folgerte, da ihr Mann nicht mehr in der Lage war, für sie zu sorgen, dass der Fall des Wittums eingetreten sei. Sie erwog zwei Möglichkeiten, entweder gelang ihr, den Herzog von Alba zu überreden, ihr ihre beschlagnahmten Güter wieder zurückzuerstatten, oder die Brüder Wilhelms räumten ihr die Zahlung des im Ehevertrag festgelegten jährlichen Leibgedinges von 12.000 Gulden bzw. die Einräumung von Dietz oder Hadamar ein.
Dieser Angelegenheit widmete sie sich besonders, nachdem sie die Geburt ihrer Tochter Emilia am 10. April 1569 überstanden hatte. Zur Durchsetzung ihrer Forderungen wandte sie sich gegen Ende des Jahres 1569 an den erfolgreichen Advokaten Jan Rubens, den Vater von Peter Paul Rubens, der wegen seines calvinistischen Glaubens mit seiner Frau, Maria Pypelinx, und seinen vier Kindern Antwerpen im Jahre 1568 verlassen und ebenfalls in Köln Zuflucht gefunden hatte. Dieser erhob im Januar 1570 beim königlichen Fiskel zu Brüssel Klage wegen Annas in den Niederlanden eingezogenen Güter.
Die Affäre
Annas Wunsch, ihren Gatten wiederzusehen und mit ihm über die wichtigsten Angelegenheiten zu sprechen, erfüllte sich erst ein Jahr später. Am 23. Mai 1570 kam es zu einem eintägigen Treffen in Butzbach. Im Juni 1570 sahen sich Anna und Wilhelm noch einmal für einige Wochen in Siegen, wo sie sich nach dem Treffen mit ihrem Gatten in Butzbach mit ihren drei Kindern schließlich niedergelassen hatte. In den Weihnachtstagen vom 24.-26. Dezember 1570 besuchte Wilhelm seine Familie dort erneut. Es muss eine harmonische Zeit gewesen sein, denn er konnte Anna überreden, ihn im Januar 1571 in Dillenburg zu besuchen, wo sie sich schließlich sogar bereit fand, auf ihr Wittum zu verzichten. Nach Siegen zurückgekehrt, bemerkte Anna, dass sie wieder schwanger geworden war. Der Entschluss, seine Frau zu verlassen muss für Wilhelm zu diesem Zeitpunkt bereits festgestanden haben; es wurde der Vorwurf des Ehebruchs formuliert.
Jan Rubens, mit dem Anna häufig zusammen war, da er ihr Ratgeber, Vermögensberater und Anwalt war, wurde des Ehebruches mit Anna verdächtigt und, als er sich im März 1571 wegen einer geschäftlichen Angelegenheit auf dem Weg zu ihr befand, vermutlich zwischen dem 7.-10. März vor den Toren Siegens verhaftet und anschließend gefoltert, mit dem Ergebnis eines erpressten Geständnisses. Als man ihr kurze Zeit später zu verstehen gab, dass nur sie Rubens' bevorstehendes Todesurteil verhindern, ja, sogar seine Freilassung bewirken könne, wenn sie bereit wäre, zu gestehen, erklärte Anna sich am 26. März 1571 für schuldig.
Am 22. August 1571 brachte Anna ihr letztes Kind, ein Mädchen, das sie Christine nannte, auf die Welt. Auf Grund des Vorwurfs erkannte Wilhelm von Oranien diese Tochter nicht als sein Kind an. Christine, genannt von Diez, wurde im Collegium virginum nobilium des ehemaligen Prämonstratenserklosters Stift Keppel bei Hilchenbach-Allenbach erzogen, das nach der Reformation ein "Stift für adlinge Jungfrauen" geworden war und unter dem Patronat des Nassau-Siegener_Herrscherhauses stand. Am 10. Dezember 1597 heiratete Christine Johann Wilhelm von Welschenengst-Bernkott.
Am 14. Dezember 1571 musste Anna ihre Einwilligung zur endgültigen Trennung von ihrem Gatten unterzeichnen. Außerdem war Wilhelm von Oranien nicht bereit, Unterhalt für sie zu zahlen.
Inhaftierung und Tod
Im September 1572 beschloss Anna, in Speyer oder einer anderen Reichsstadt um ihr Recht und die Wahrheit zu kämpfen. Zu diesem Zeitpunkt hatten ihre hessischen und sächsischen Verwandten mit den Nassauern bereits geplant, sie im Beilsteiner Schloss, das vergitterte Fenster und vermauerte Ausgänge besaß, als Ehebrecherin gefangenzusetzen. Am 1. Oktober 1572 wurde sie mit ihrer jüngsten Tochter Christine an ihren neuen Bestimmungsort gebracht. Drei Jahre später nahm man ihr ihre Tochter weg.
Im März dieses Jahres - die Ehe war noch nicht geschieden - tauchten ersten Nachrichten auf, die von einer bevorstehenden erneuten Heirat Wilhelm von Oraniens berichteten. Seine Auserwählte war die ehemalige Äbtissin von Jouarre, Charlotte von Bourbon (1546/47-1582), einer Tochter Ludwigs II. von Bourbon (? 1582), Herzog von Montpensier, und seiner ersten Gattin, Jacqueline de Longwy (? 1561). Empört forderten Annas sächsischen und hessischen Verwandte daraufhin die sofortige Rückgabe des ehemaligen Heiratsgutes ihrer Nichte. Ihr sächsischer Onkel August forderte von Wilhelm von Oranien, den er nun "Haupt aller Schelme und Aufrührer" nannte, das gesamte Heiratsgut seiner Nichte zurück sowie eine der nassauischen Grafschaften, Hadamar oder Dietz. Außerdem verkündete er, dass die Ehe des Prinzen rechtlich noch nicht geschieden sei. Anna hätte ihren Ehebruch nicht vor Gericht eingestanden, und wenn sie es täte, dann würde sie in der Lage sein, nachzuweisen, dass der Prinz seinerseits die Ehe gebrochen hätte. Zudem befahl er die sofortige Überführung seiner Nichte aus Nassau nach Sachsen.
Als Anna im Dezember 1575 von ihrer bevorstehenden Übersiedlung nach Sachsen erfuhr, versuchte sie einen Selbstmord. Am 19. Dezember 1575 steckte man sie schließlich mit Gewalt in ihren Reisewagen. Nach einem längeren Aufenthalt in Zeitz wurde sie im Dezember 1576 nach Dresden überführt. Dort vermauerte man die Fenster in ihrem Gemach und versah diese noch mit zusätzlichen Eisengittern. An der Tür hatte man aus dem oberen Feld ein viereckiges Loch herausgeschnitten und mit einem engen Gitter aus starkem Eisenblech versehen, das außen verschließbar war. Durch dieses Loch reichte man ihr die Speisen und Getränke. Vor der Tür gab es außerdem noch ein weiteres Eisengitter.
Seit Mai 1577 litt Anna unter Dauerblutungen. Anna starb am 18. Dezember 1577 kurz vor ihrem 33. Geburtstag. Namenlos wurde sie im Dom zu Meißen an der Seite ihrer Vorfahren, deren Gräber mit kostbaren Epitaphien geschmückt worden waren, bestattet.
Literatur
* Maike Vogt-Lüerssen: Anna von Sachsen: Gattin von Wilhelm von Oranien. BOD, Norderstedt 2003. ISBN 3-8330-0322-7
Weblinks
• Anna von Sachsen (1544-1577): Wer wird mir endlich Gerechtigkeit widerfahren lassen?

